100 Prozent cinephil

 


«100 Prozent cinephil» ist die Kolumne von This Brunner
 (*1945). Er leitete 1973–2008 die Zürcher Arthouse-Kinos, war 22 Jahre Filmkurator für Art Basel / Miami Beach und macht Filminstallationen. Vom Kanton Zürich erhält er 2016 die Goldene Ehrenmedaille für sein Lebenswerk.

Filmer sind die besseren Kritiker

        
Zu oft nörgeln Filmjournalisten lustlos an den Werken herum. Dabei geht es auch mit Leidenschaft: nämlich wenn Regisseure ihre Kollegen bewerten.

Um es vorwegzunehmen: Es gibt sie zum Glück noch, die löblichen Ausnahmen unter den Schweizer Filmkritikerinnen und -kritikern, die Filmbesprechungen mit einer leichtfüssigen und doch messerscharfen Eleganz schreiben und Lust aufs Kino machen. Aber sie werden seltener oder müssen unfairerweise für kleinere Zeitungen und Fachzeitschriften schreiben. 

Zu oft schleicht sich bei mir beim Lesen von Filmkritiken das On-connaît-la-chanson-Syndrom ein. Schon die Titel verleiden mir das Weiterlesen, und es stellen sich alle Härchen hoch. Ach nein, nicht schon wieder diese pitoyable Selbstprofilierung, dieses zynische Sichherablassen, jetzt auch noch diesen Film besprechen zu müssen. Es wird trotzig auf die Pauke gehauen und notfalls mit erprobter «Züri brännt»-Nostalgie gepunktet. Das kommt immer gut an und positioniert einen auch bei den Genossen nicht schlecht. Und wenn «Züri brännt» die Reputation nicht retten kann, dann vielleicht die Zuflucht bei Ingmar Bergman und der Liebe zur skandinavischen Filmkultur. Schwedische Filmtitel natürlich in originaler Version. Versteht ja jeder. «För att inte tala om alla dessa kvinnor» oder «Jungfrukällan». Hallo! Nein, das heisst eben nicht Jungfrauenqualen!

Und damit es nicht allzu pastoral tönt und man zeigen kann, dass man auch über ein feines Gehörorgan verfügt, meckert man am besten bei jedem zweiten Dokumentarfilm noch über die grässliche Filmmusik. Weshalb dann nicht gleich den Beruf wechseln und Filmkomponist, Oberlehrer oder Pfarrer werden? Ich habe mit 20 Jahren – bevor «Belle de jour» herauskam und ich auf Luis Buñuels Film kaum warten konnte – einmal geträumt, ich wäre auf dem Set als Messer der Farbtemperatur angestellt. Wäre auch ein netter Beruf gewesen.

Zum Glück erinnere ich mich aber an bessere Tage. In meiner Jugend habe ich Filmkritiken verschlungen. Auf meiner Top-Xmas-Geschenkeliste waren Abos für Filmzeitschriften wie «Positif», «Cahiers du cinéma», «Filmkritik», «Sight & Sound», «Film Culture». Die Filmseiten von Martin Schlappner und Martin Schaub waren mir heilig, selbst wenn es auch bei ihnen vorkam, dass ein Film Pier Paolo Pasolini anstelle von Luchino Visconti zugeordnet wurde. Irren ist menschlich, und man darf im Kino auch einmal ein Nickerchen machen – das hat nichts mit fehlender Liebe zum Film zu tun. Mit diesen Kritikern war eine Auseinandersetzung mit Film auch immer eine Freude. Sie waren so interessiert an meinem Entdeckungshunger wie ich an ihrer immensen Erfahrung. Man tauschte sich regelmässig aus, schätzte sich und wurde Freunde.

Die besten Filmkritiker entdeckte ich jedoch schnell unter den Filmemachern selbst. Niemand hat so brennende Pamphlete für damals noch unentdeckte oder geschmähte Regisseure (Sam Fuller, Douglas Sirk, Vincente Minnelli) geschrieben wie praktisch alle Regisseure der Nouvelle Vague. Jacques Rivette, Eric Rohmer, Jean-Luc Godard, François Truffaut, Alain Resnais, Claude Chabrol, Jean Eustache. Es war eine ungeschriebene Regel, dass bei den «Cahiers» immer derjenige schreiben durfte, der den besten Zugang zum entsprechenden Regisseur hatte, was von einer respektvollen Grundhaltung zeugt. Dass sich die Kritiker der «Cahiers» wie auch von «Positif» mit aufgeteilten Vorlieben für ihre Cineasten bis auf den heutigen Tag bekriegen, steht auf einem anderen Blatt. Sie haben wenigstens eine klare Haltung und schreiben nicht je nach Absturz der Vornacht.

Interessant ist, dass in den 1960er und 1970er Jahren, als die Filmkritik in Frankreich ihren Höhepunkt erreichte, dasselbe in Deutschland mit feurigen Artikeln von Wim Wenders und Rainer Werner Fassbinder passierte. «Ich habe sechs Filme von Douglas Sirk gesehen. Es waren die schönsten der Welt!», sagte Fassbinder. In Italien waren die kämpferischen Artikel von Pier Paolo Pasolini ein fester Bestandteil der Presse. Alberto Moravia schrieb nicht nur seine später verfilmten Romane («La noia», «Le mépris»), sondern auch Filmkritiken. Sein Kollege und späterer Regisseur Adriano Aprà gründete die einflussreiche Zeitschrift «Filmcritica», die dafür sorgte, dass neue Talente in Italien mit dem notwendigen Initialschub lanciert wurden. Selbst in Amerika – allerdings mit grosser Verzögerung – schrieben Peter Bogdanovich und Martin Scorsese über das europäische und das amerikanische Kino, und von John Waters gibt es tierisch gute Essays über Russ Meyer, Marguerite Duras, William Castle und Robert Bresson. Filmemacher sind einfach die besseren Kritiker, aber über jede Ausnahme freue ich mich.

Forever Godard!

   
Er war unsere Sucht und unser Lehrer: Wie der grosse Regisseur in mir die Liebe zum Kino weckte. Und ebenso das Interesse für Literatur, Malerei, Musik und Politik.

Jean-Luc Godard und Anna Karina (um 1960)

Der Filmemacher Daniel Schmid überraschte mich vor über 20 Jahren mit einem Prachtsband, den das Museum of Modern Art in New York aus Anlass von Jean-Luc Godards Retrospektive publizierte. Aber was steht ausgerechnet in dieser prestigereichen Publikation über den jungen Godard, der von seinem bürgerlichen Elternhaus in Genf nach Rio flüchtete? «The South American journey came to an end when Godard’s father once again refused to support his son any longer. A few nights on the beach at Copacabana and a pathetic failure to raise money as a homosexual prostitute were the prelude to a return to Switzerland and Paris, where Godard contributed to the first issues of Cahiers du Cinéma.» Da kann man zum phantastischen career move vom hustler zum bedeutendsten Filmregisseur und Filmpoeten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nur gratulieren!

Vor allem dank Godard fand ich die Liebe zum Kino. Mit ihm teilte ich die Präferenz für die Altmeister des klassischen Hollywoodkinos wie Welles, Sirk, Hitchcock, Huston, Fuller, Cukor, Nicholas Ray, Hawks und die Regie-Ikonen der übrigen Welt. Von Ozu, Satyajit Ray bis zu Renoir und Antonioni. Aber es ist Godards Gesamtwerk, das es mir angetan hat. Zum Glück drehte er am Anfang seiner Karriere Filme am laufenden Band. Manchmal sogar auf zwei, drei Sets gleichzeitig, so war man nie zu lange auf cold turkey.

Damals liefen seine Filme in verschiedenen Zürcher Kinos. Im Nord-Süd, City, Alba, Studio 4, Etoile. Es war vor der schönen Zeit, als Regisseure ihre «eigenen» Spielstellen bekamen (was ja jetzt leider durch die Multiplex-«Kultur» nicht mehr der Fall ist!). Da es noch kein Internet gab, klapperten wir mit den Fahrrädern die Säle ab, um möglichst früh herauszufinden, in welchem Kino Godards nächstes Werk zu sehen sein würde. Das war unsere Sucht! Und nach seinen Filmen konnte man schnell süchtig werden. Man sah sie sich immer wieder an, weil sie so dicht, komplex und «schön wie ein Bild von Velasquez» waren (so Louis Aragon in seinem berühmten Artikel über «Pierrot le fou»). 

Szene aus PIERRE LE FOU (1965)

Godard war der erste Filmautor, der vor allem in seiner mittleren Epoche um «Le mépris» (1963) und «Pierrot le fou» (1965) meisterhaft eine rührende Geschichte erzählen konnte und diese Geschichte mit Einschiebseln und Exkursen in die Politik, Musik, Malerei, Literatur und Filmgeschichte simultan demontierte und bereicherte. Dank seinen Filmen habe ich viel mehr gelernt als in der ganzen Schulzeit. Durch Godards liebevolles Porträt einer Nutte in «Vivre sa vie» wurde ich neugierig auf Rimbauds «Je est un autre», und dank den schwarz-weissen Zwischentiteln im Film erschien mir das Stummfilmkino nicht als Pflichtarbeit, sondern als stimulierende Avantgarde. Durch «La chinoise» wurde ich als Jugendlicher mit bürgerlichem Background perfekt auf die politischen Unruhen der 68er vorbereitet, und «Pierrot le fou» entflammte meine Liebe zur Provence und zur Malerei von Renoir, Picasso bis zur Pop-Art. («Ce qui n’aime pas la Provence ne peut pas aimer l’art!», André Maurois.)

Szene aus LA CHINOISE (1967)

Dank Anna Karinas Handtäschchen in Form eines Dackels in «Le petit soldat», das Godard von Shirley MacLaines Rolle eines Flittchens in Minnellis Meisterwerk «Some Came Running» zärtlich-rührend kopiert hat, wurde mein Blick auf Minnelli geschärft. So wenig braucht es manchmal. Ein Täschchen in Form eines Dackels, für das Mike Kelley gemordet hätte, und man ist schon zwischen einem Hollywood-Hochglanz-Melo der fünfziger Jahre mit grossem Staraufgebot und einem Low-Budget-Nouvelle-Vague-Film der sechziger Jahre hin- und hergerissen.

Es ist diese künstlerische und politische Dialektik, die das damalige Kino so spannend und einmalig machte. Deshalb: Forever Godard! Analog zu seinem Filmtitel: «For Ever Mozart»!

Chaos auf Italienisch

 
Kürzlich habe ich als Juror an einem Festival in unserem südlichen Nachbarland Unglaubliches erlebt, nachdem ein Hund seinen Schwanz eingeklemmt hatte.

Jedes Filmfestival ist immer auch ein wenig wie Roulette. Nicht alles ist voraussehbar, weder das Programm noch die Organisation noch die Stimmung. 2015 war das Filmfestival in Palermo mein absolutes Highlight. Dieses Jahr fand der Tiefpunkt ausgerechnet in Norditalien statt, mit einem Festival, das so grotesk organisiert war, als wäre Jerry Lewis dafür verantwortlich.

Da das Programm einer äusserst wichtigen Sache gewidmet ist, die ich seit Jahren auch privat unterstütze, und weil gute Freunde involviert sind, möchte ich nicht der Spielverderber sein und schütze Namen und Personen. Die Talks waren über alle Zweifel erhaben, die Filme von überdurchschnittlicher Qualität und die Gesichter aller Beteiligten ausnehmend fröhlich und liebenswürdig. Aber selbst ein kleines Festival braucht ein Minimum an Know-how – und das fehlte completamente!

Als Jurymitglied bekam ich dies deutlich zu spüren: Bereits Wochen vor dem Festival galt es in einsamer Heimarbeit insgesamt 23 Dokumentarfilme zu visionieren und hitparademässig zu bewerten. Das war etwas eher Ungewohntes, da die Juryarbeit normalerweise während des Festivals bewältigt wird. Aber haben Sie schon einmal von einem Festival gehört, an dem der Hauptpreis vergeben wurde, bevor die Jury sich traf? Als ob die Bewertung eine rein arithmetische Aufgabe wäre. Es sind vor allem die Diskussionen, die eine Jury auszeichnen. Aber die Jurybetreuung war hoffnungslos schlecht!

Eine erste Sitzung wurde in der Nacht davor per E-Mail abgesagt. Ein weibliches Mitglied – immerhin mit wichtiger Position beim «Corriere della Sera» – fand Ferien in den Staaten plötzlich più sexy als harte Juryarbeit. Dann verlegte die Präsidentin, eine aristokratische, charmante Frau, die zugleich auch die Frau des Generalsekretärs des Festivals ist (als wären wir in einer Bananenrepublik) die Sitzung auf den Vorabend der Schlussfeier, um so wenigstens noch über einen Zusatzpreis – eine menzione speciale – diskutieren zu können. Aber wer fehlte dann kurzfristig in dieser einzigen Sitzung? Die gentilissima Präsidentin herself!

Ihr Hund hatte den Schwanz in der Tür eingeklemmt. Besser der Hund als ihr Mann, versteht ja jeder! Nein wirklich, bin ja auch ein grosser Hundefan, aber wenn das meinem Biest passiert wäre, hätte ich auch ohne Präsidentenrolle jemanden gefunden, der den Gang zum Veterinär für mich übernommen hätte. Und so ging es endlos weiter, als ob Jerry Lewis jetzt auch noch von Roberto Benigni Besuch bekommen hätte. Schliesslich bemerkte einer der italienischen Jurykollegen, dass ein weiteres Mitglied – ebenfalls ein Journalist des «Corriere della Sera» – bei uns schon länger ausgeklinkt war. Delete-Taste gedrückt, ups und weg! Niemand wusste weshalb. Aktenzeichen XY, ungelöst!

Die Diskussion fand dann unter dreien sowie mit dem Direktor in einem riesigen Café eines Museums statt. Der Direktor sprang bei jedmöglicher Person, die das Lokal betrat, sogleich auf, als wäre es Gina Lollobrigida, begrüsste sie überschwänglich und vergass völlig seine Jurymitglieder, die sich im Lärm der grossen Halle zu verständigen versuchten. Italiener und Fremdsprachen ist ja sowieso ein heikles Thema.

Normalerweise finden Jury-Sitzungen hinter gepolsterten Wänden statt, top secret, cosa santa! Ein Freund von mir, Paul Schrader, der vor Jahren als Juror ans Filmfestival in Kairo eingeladen war, erlebte einmal ähnlich groteske Szenen. Er hat sie sich in einem Theaterstück, «The Cleopatra Club», das in einem einzigen Raum spielt, vom Leib geschrieben. Es wird heute noch aufgeführt. Weniger palavern, mehr kluge Filme ansehen, mehr lesen, und die Posse in Norditalien wäre vermeidbar gewesen.

Dass es auch anders ginge, habe ich kürzlich am Filmfestival in Rom erlebt. Dort wurde ich dank Bulgari mit meiner Film/Art-Installation «Magnificent Obsession» eingeladen. Die Überraschung war gross: Der komplizierte Aufbau des Werks wurde tadellos ausgeführt. Alles war perfekt vorbereitet, und ich konnte, da ich die meisten Filme vom Zurich Film Festival her schon kannte, die fünf Tage in der italienischen Hauptstadt in vollen Zügen geniessen. Der Höhepunkt: ein Mittagessen in einem Palazzo mitten in Rom mit Swimmingpool und einem Garten, der aussah wie aus De Sicas Drama «Il Giardino dei Finzi-Contini».