Filmfest München 2015

 

     
"The best movies of the summer" - mit diesem Slogan wirbt das Filmfest München im Anfangstrailer, der vor jeder Vorführung über die Leinwand flimmert. Kino statt kühles Blondes lautet die Devise, auch wenn der Verzicht auf den Biergartenbesuch im Englischen Garten bei allerherrlichstem Juniwetter zugegebenermassen schwer fällt. Drei Tage werde ich in der Isarstadt verbringen, 13 Filme stehen auf meiner Must-See-Liste. Viel zu wenige, wie ich finde. Am Ende schaffe ich tatsächlich nur neun. Und einen Besuch einer "Filmmakers Live"-Veranstaltung. 


Anders Thomas Jensen, mein Lieblings-Däne nach Jaime Lannister aka Nikolaj Koster-Waldau, spricht über seinen neusten Clou MEN AND CHICKEN. «Der sieht ja ganz normal aus, ja fast langweilig», bemerkt ein Zuschauer hinter mir erstaunt, als Jensen auf dem Podest in der «Black Box» im Gasteig Platz nimmt. Grauer Pullover, dunkle Jeans. Das muss dänisches Understatement sein. Der Zuschauer hatte wohl etwas mehr Glamour erwartet. Schliesslich sitzt hier kein Geringerer als der Drehbuchautor von Kassenschlagern wie DÄNISCHE DELIKATESSEN und ADAMS ÄPFEL. Ärgerlich allerdings, dass sich das halbstündige Gespräch dann tatsächlich doch nur um MEN AND CHICKEN dreht, den kaum einer im Raum bisher gesehen hat, mich eingeschlossen. Was aber noch viel schlimmer ist: die Moderation. Bereits der gefühlt zehnminütige Monolog der Moderatorin zu Beginn des Gesprächs lässt Ungutes erahnen; was folgt, sind triviale Fragen, untermalt vom Gekicher der Moderatorin, das bei einer Veranstaltung wie dieser wirklich fehl am Platze ist. Schade um den spannenden Gast.

Trotz des enttäuschenden Talks wollte ich mir Andersens skurrile Mensch-Tier-Komödie am kommenden Tag nicht entgehen lassen. MEN AND CHICKEN ist schliesslich einer der meist gehypten Filme des diesjährigen Filmfests. Wer mitreden will, muss ihn gesehen haben. Bis auf den letzten Platz ist das Kino City 2 ausverkauft. Ich entdecke das eine oder andere bekannte Gesicht neben erwartungsvollen Jensen-Junkies und neugierigen Münchnern. Keiner will es verpassen, wenn sich das Who is Who des dänischen Films zusammenrottet, um sich gegenseitig mit ausgestopften Hühnern zu verkloppen. Und genau hier liegt das Problem. Ausser Gekloppe passiert nicht viel. Hasenscharten-Epidemie und verstaubter Opa schön und gut; Starbesetzung und Skurrilität alleine vermögen nicht über die dünne und irgendwie auch eintönige Story hinwegzutäuschen, ganz zu schweigen davon, dass die eigentlich so brillanten Darsteller meist ziemlich albern wirken und mit ihrer Performance weit übers Ziel hinausschiessen. Neben dem Filmmakers-Gespräch vom Vortag war MEN AND CHICKEN meine zweite Festivalenttäuschung.

Dem Gelächter im Kinosaal nach zu urteilen, dürften so einige Zuschauer anderer Meinung gewesen sein. Wer sich selbst ein Bild vom Film machen möchte, hat ab kommendem Donnerstag die Möglichkeit dazu. Dann läuft MEN AND CHICKEN auch in den Schweizer Kinos an.

Überzeugt haben mich hingegen WHILE WE'RE YOUNG von Noah Baumbach, LA RESISTANCE DE L'AIR von Fred Grivois sowie LOIN DES HOMMES von David Oelhoffen. Hatte ich bei MEN AND CHICKEN allen Lachern zum Trotz bisweilen mit schweren Augenlidern zu kämpfen, konnte ich den Blick in Oelhoffens Adaption von Camus' Novelle "L'hôte" keine Sekunde von der Leinwand abwenden. Nicht ganz unschuldig daran ist neben der eindrücklich in Szene gesetzten Einöde des algerischen Atlasgebirges das Protagonisten-Duo: Während Viggo Mortensen vor allem mit seinem nahezu perfekten Französisch und einigen Brocken Arabisch beeindruckt, ist es bei Reda Kateb das schwermütige und zugleich spitzbübische Charisma, mit welchem er die Zuschauer in seinen Bann zu ziehen weiss.

Am vergangenen Zurich Film Festival war er mir bereits in QUI VIVE aufgefallen; in München beweist er abermals, dass er nicht nur zur Französischen Top League gehört, sondern auch wandelbar ist wie kaum ein zweiter. Gleich drei Filme mit Kateb in der Hauptrolle sind in München zu sehen. Neben LA RESISTANCE DE L'AIR und LOIN DES HOMMES spielt der Franzose auch in Brigitte Sys L'ASTRAGALE, der leider erst am Dienstag das erste Mal gezeigt wird.

Was Kateb den Franzosen, ist Adam Driver den Amerikanern.

Scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht, ist Driver seit seiner Auftritte in Lena Dunhams GIRLS in zahlreichen Kinofilmen zu sehen. Während er in WHILE WE'RE YOUNG in seine Paraderolle des kreativen New Yorker Hipsters schlüpft, zeigt er in Saverio Costanzos HUNGRY HEARTS seine ernsthaftere Seite und brilliert neben der hervorragenden Alba Rohrwacher als verzweifelter Vater, dessen Baby aufgrund der übertriebenen Vorsicht der Mutter der Hungertod droht. 

Einerseits beeindruckt, aber dennoch nicht gänzlich überzeugt hat mich das argentinische Sozialdrama LA PATOTA von Santiago Mitre. Der Film, der an der Semaine de la Critique in Cannes Premiere gefeiert hat, trumpft mit einer originellen Story und der brillanten Dolores Fonzi in der Hauptrolle auf. Fonzi mimt Paulina, eine selbstbewusste und attraktive Mittdreissigerin, die ihre sichere Arbeitsstelle als Juristin in der Stadt aufgibt, um in einer ländlichen Region an der brasilianisch-paraguayischen Grenze als Lehrerin zu arbeiten. Es fällt ihr schwerer als gedacht, sich in ihrer Schulklasse Respekt zu verschaffen. Die ohnehin schwierige Eingewöhnungsphase gipfelt in der Katastrophe, als Paulina auf dem Nachhauseweg von einer Horde Jugendlicher überfallen und vergewaltigt wird – unter ihnen ihre eigenen Schüler. So rund die Geschichte beim Durchlesen der Synopsis klingen mag, sie scheint nicht ganz zu Ende gedacht. Nach einem starken Beginn flacht die Story zunehmend ab. Ungereimtheiten tun sich auf, wobei es dank des soliden Spiels der Darsteller gelingt, die Lücken in der Erzählung weitestgehend zu kaschieren.

Am Sonntag, meinem letzten Festivaltag, habe ich mir drei Filme angesehen, die unterschiedlicher nicht sein können: Da wäre zunächst Andy Warhols komisch-bizarres SAN DIEGO SURF, das neben anderen Warhol-Klassikern wie SLEEP und BLOW JOB in der Sektion «Hommage» zu sehen ist und erstmalig über deutsche Kinoleinwände läuft. Tatsächlich könnte man den Film selbst auch als Hommage bezeichnen – eine an das verklärte Bild der braungebrannten, gestählten Surferboys der 1960er Jahre. SAN DIEGO SURF ist ein schriller Film mit weitgehend improvisierten Dialogen, in denen es mal offen, mal unterschwellig um die schönste Nebensache der Welt geht. Als Taylor Mead einen blonden Surfer-Jüngling  um eine «Golden Shower» bittet, wird es meiner betagten Sitznachbarin offenbar zu viel. Wenige Minuten bevor der Film zu Ende ist ergreift sie schnaubend die Flucht.

Kein Geringerer als Style Guy und ehemaliges Factory-Mitglied Glenn O'Brien hat die Reihe kuratiert - und vor dem Screening noch ein, zwei Anekdoten zum Film erzählt. Nur zu gerne wäre ich im Anschluss noch zum Warhol-Panel in der Pinakothek der Moderne gegangen. Doch die nächste Kinokarte liegt schon bereit: DEM LEIBE DIESES TODES von Rudolf Domke, laut Katalogtext ein Film, der «Endzeitvision und genaue Alltagsbeobachtung zugleich» ist. Der Behauptung der «Alltagsbeobachtung» kann ich zustimmen. Wir sehen, wie die Mutter des Hauses Hefezöpfe formt, Männer einen Zaun flicken oder Jugendliche versuchen, ihren Fussball aus einem Fluss zu fischen. Was der Film jedoch mit dem Begriff "Endzeitvision" zu tun hat, bleibt mir ein Rätsel. Domkes Doku über russland-deutsche Auswanderer in Paraguay ist vor allem eines: unglaublich unspektakulär und banal. Und dadurch leider auch ziemlich langweilig. Daran vermögen auch die zweifelsohne beeindruckenden Landschaftsausnahmen nichts zu ändern. Die 124 Minuten Dauer machen es nicht besser - im Gegenteil. Offenbar bin ich nicht die einzige, die Mühe hat, den Wettbewerbsbeitrag aus der Sektion Neues Deutsches Kino bis zum Ende anzuschauen: einige Zuschauer verlassen den Kinosaal bereits frühzeitig. So auch ich - und stosse auf dem Weg nach draussen ausgerechnet mit dem Regisseur zusammen, der rechtzeitig zum Q&A zurück im Saal sein möchte. Nun ja, er wird sich bestimmt nicht an mich erinnern – zumal ich dank meiner Erkennungsmarke in Mintgrün und Rosa schliesslich auch als wichtige Vertreterin der Filmbranche ausgewiesen bin, die von Screening zu Screening hetzen muss. Da kann es schon mal vorkommen, dass man noch während des Films das Weite sucht. Muss ja keiner wissen, dass es ich in erster Linie vorhabe, vor dem nächsten Film noch schnell ein Eis in meiner Lieblingseisdiele zu verdrücken. Wir haben schliesslich Juni und draussen ist Sommer. Nach nicht mal zehn Minuten ist Schluss mit Sonne und Kalorien tanken.

BABAI steht auf dem Programm, eine mazedonisch-kosovarisch-deutsche Koproduktion, die auf eher düstere Bilder setzt und ebenso wie DEM LEIBE DIESES TODES Weltpremiere in der Isarstadt feiert. In seinem Debütfilm gelingt es Visar Morina innerhalb des Gerüsts einer eher atypischen Flüchtlingsgeschichte die Hassliebe und das ungleiche Abhängigkeitsverhältnis zwischen einem Vater und seinem zehnjährigen Sohn einzufangen. Ein gelungener Abschluss für ein viel zu kurzes, aber intensives Festivalerlebnis.


Ob das jetzt wirklich die besten Filme des Sommers waren? Einige gute Filme waren auf jeden Fall dabei. Ich hätte grosse Lust, bis zum Wochenende noch mehr kleine und grosse Filmperlen zu entdecken - obwohl ich, zurück in Zürich, auch ganz froh bin, nicht nur in das kühle Dunkel des Kinosaals, sondern in einen tatsächlichen See abtauchen zu können. All denjenigen, denen kein Gewässer vor der Haustür vergönnt ist, kann ich das Filmfest-Programm nur wärmstens an Herz legen. Die Schlangen an den Münchner Kinokassen sind ausserdem weitaus kürzer als die vor der Eisdiele hinter dem Hauptgebäude der Universität.

Von Sandra Smolcic