Festival de Cannes 2015

 

      

Tag 1: Das Klassensystem von Cannes

         
Wer glaubt, mit der französischen Revolution sei in Frankreich das Klassensystem gebodigt worden und es gelte für alle Bürger der Grundsatz «égalité, liberté, fraternité», war wohl noch nie am Festival von Cannes.

Hier an der Croisette teilen die Gastgeber die Gemeinde der Cinéphilen knallhart in Klassen ein, wobei ihre Hierarchiegläubigkeit an jene der Katholischen Kirche erinnert. Jeder Journalist, der es schafft, sich zu akkreditieren, erhält eine Karte mit einer bestimmten Farbe: Weiss, das sind die Kritikerpäpste von Le Monde, New York Times oder der französischen Filmzeitschrift Positif. Sie stolzieren ohne Schlange stehen zu müssen in alle Vorstellungen hinein – auch in die Gala-Screenings. Gefolgt werden sie von den Medienvertretern mit der Karte «Rose pastille», gewissermassen die Kardinäle. Nach ihnen kommen die Bischöfe mit der rosa Karte. Sie müssen für einen Wettbewerbsfilm mindestens eine halbe Stunde vorher in der Schlange stehen, sonst besteht die Gefahr, keinen Platz mehr zu bekommen. Nach Rosa kommt Blau, dann Gelb, Grün, Grau und schliesslich Orange. Letztere drei dürfen sich erst gegen Ende des Festivals Hoffnungen machen, auch mal in die Salle Debussy zu kommen. Oder sie müssen sich mit Mitternachtsvorstellungen begnügen, während die anderen am Feiern sind.

Dieses System sorgt immer wieder für böses Blut: Warum hat der Kollege von der kleinen welschen Tageszeitung eine Pastille und die Vertreter grosser Deutschschweizer Blätter «bloss» eine rosa Karte? In 15 Jahren habe ich das System nie ganz durchschaut, nur so viel: Lateiner werden gegenüber Alemannen – wie übrigens auch in der Filmauswahl – bevorteilt, Vertreter elektronischer Medien haben im Poker um den Anerkennungsgrad generell die besseren Karten. Und: Man sollte im ersten Jahr nicht zu wenig schreiben, sonst wird man später herabgestuft. Das ist vor etwa zehn Jahren einem Kollegen passiert, der einfach mal vorbeikommen wollte und mit «Rosa» einstieg. Weil er im folgenden Jahr nur wenige Belegsartikel vorzuweisen hatte, schmorte er danach drei Jahre im blauen Purgatorium.

     
Als ich letztes Jahr in Paris den langjährigen künstlerischen Direktor und Präsidenten des Festivals, Gilles Jacob, für «Frame» interviewte, erklärte er, die Einteilung sei nötig, um einen reibungslosen Ablauf des Festivals garantieren zu können. Mittlerweile sind weit über 4000 Journalisten aus aller Welt in Cannes akkreditiert, im grössten Kino, der Salle Lumière, gibt es aber nur für 2400 Platz. Es muss also selektioniert werden. Ich hatte nun mehr als zehn Jahre lang eine rosa Karte, jedes Jahr hoffte ich insgeheim auf ein Upgrade – vergeblich. Doch heute morgen die freudige Überraschung: Nachdem mir der Verantwortliche am Akkreditierungsschalter erst aus Versehen einen Badge für den Marché du Film ausdruckte, kam im zweiten Anlauf eine rosa Karte mit gelbem Punkt heraus. Ein Dank für das Cannes-Special im «Frame» vom Mai 2014? Ein kleines Goodie für einen treuen Festivalier, der auch nicht mehr 20 ist? Oder eine Aufwertung, weil ich letztes Jahr im Radiostudio war, um über Olivier Assayas SILS MARIA zu diskutieren und deswegen den Gewinner-Film verpasste, den ich mit einer Pastille noch hätte sehen können? So genau weiss ich es nicht. Aber ich bin den Franzosen für diese kleine Sonne auf dem Pass dankbar. Sie wird mir mehrere Stunden Schlangestehen ersparen und es ermöglichen, mindestens fünf Filme mehr zu sehen als letztes Jahr.

Ein erstes Mal habe ich bereits von der neuen Karte profitiert: Kurz vor 13 Uhr bin ich als einer der letzten in die Vorstellung von UMIMACHI DIARY (7/10) reingekommen. Der Japaner Hirokazu Koreeda verwebt darin die zentralen Themen seines Oeuvres – Tod, Trauer, Familie, Suche nach dem Glück – zu einem von sanften Klavierläufen begleiteten Familiendrama. Seine Botschaft: Egal, wer uns geboren hat, wenn wir am Meer zusammen kommen, sind wir alle gleich.

Tag 2: Starlets, Huren und die Rumänen

        
Das Festival von Cannes ist für viele Besucher eine Art Ritual: Man kommt zu spät an, holt die Akkreditierung ab, geht mit Freunden in der Stammbeiz essen und stösst auf ein gutes Festival an.

Seit einigen Jahren gehört bei mir in den ersten Festival-Tagen ein Whiskey auf der Terrasse des Hotels Carlton an der Croisette dazu. Der kostet zwar fast 40 Euro, dafür atmet man dort einen Hauch Filmgeschichte. Das Carlton war traditionell das Hotel der Hollywoodstars. Hier stieg Hitchcock immer ab, Cary Grant war hier und natürlich Jack Valenti, der legendäre Boss der Lobbyorganisation Motion Picture Association of America (MPAA). Und die Cannon-Produzenten Menahem Golan und Yoram Globus besiegelten hier Deals mit Polanski und Godard auf einer Serviette. Die Franzosen wiederum logieren traditionellerweise im Martinez, das ganz am Ende der Croisette liegt. Heute sind die A-List-Stars zwar längst im Eden Roc am Cap d'Antibes, wo eine Suite rund 17 000 Euro pro Nacht kostet, doch viele Branchentiere wie Harvey Weinstein oder Jeffrey Katzenberg schauen abends im Carlton vorbei. Gestern sah ich dort aber nur Wannabes: Fettleibige Produzenten mit Zigarre, die sich mit blutjungen Mädchen auf dem Schoss schmücken. Bei den Damen handelt sich entweder um Starlets von der Strasse, die wie einst Brigitte Bardot an der Croisette für den Film entdeckt werden wollen oder aber um «Professionelle». Wo das Geld ist, ist eben auch die Prostitution nicht weit.

Allerdings findet im Carlton auch noch eine andere Art von Prostitution statt: Im Nobelhotel treffen nämlich sogenannte Junket Whores die Stars zum Interview. Bei den Junket Whores handelt es sich um meist freischaffende Journalisten mit blauer oder gelber Akkreditierung, die ihre horrenden Cannes-Spesen mit Starinterviews refinanzieren. Hollywoodstudios wie Disney oder Warner Bros. mieten im Carlton Suiten und geben den Journalisten an sogenannten Press Junkets Gelegenheit, die Stars und den Regisseur von INSIDE OUT oder MAD MAX zu treffen. Was später von manchen Boulevardmedien als Exklusivinterview angepriesen wird, ist in Wahrheit ein oft frisiertes Transkript eines Gruppeninterviews. Ich will diese Interviews gar nicht schlechtreden, oft erfährt man dabei spannende Hintergründe und kriegt einen Eindruck von den Stars. Das Problem ist nur, dass die Gespräche immer kürzer und die Gruppen immer kunterbunter werden. Bekam man vor zehn Jahren in Cannes noch 40 Minuten zu zweit mit Dennis Hopper oder Uma Thurman, sind es heute 20 Minuten zu zwölft, wobei der Norweger dann fragt «Have you ever been to Norway» und der Israeli «What do you think of Netanjahu».

Gegen Ende des Festivals, wenn viele Journalisten müde sind und keine Lust auf weitere Interviews haben, wird es für die Attaché de presse immer schwieriger, die Slots loszuwerden. Unvergessen bleibt ein Lunch mit drei Berufskollegen vor einigen Jahren am Strand. Da rief mich ein Welscher Attaché de Presse an und sagte: «Ich habe da ein Interview mit einem französischen Regisseur, alle wollen es, aber ich biete es jetzt dir an.» Kaum hatte ich ihn abgewimmelt, klingelte das Handy des Kollegen von «20 Minuten», der dasselbe Sprüchlein zu hören bekam, dann jenes vom Kollegen von der «Berner Zeitung» und schliesslich jenes vom Kritiker von «Tele». Wir haben uns einen Schranz gelacht.

    
Zu meinem persönlichen Cannes-Ritual gehört auch, dass ich für die Filme der Rumänen ganz früh anstehe. Das rumänische Autorenkino mit seinem hyperrealistischen Alltagsgeschichten ist so stark, dass ich es von einem guten Platz in der Mitte des Saales bewundern möchte. Heute war am Eingang zur Salle Debussy, wo Radu Munteans Drama ONE FLOOR BELOW lief, auch Bea Cuttat vom unabhängigen Verleiher LookNow! unter den ersten Wartenden. Unsere berufliche Beziehung war zuletzt nicht immer die allereinfachste, aber bei den Rumänen sind wir uns einig. Cuttat müsste man einmal eine Ehrenmedaille dafür verleihen, dass sie Meisterwerke wie POLICE, ADJECTIVE (2009) von Corneliu Porumboiu oder TUESDAY AFTER CHRISTMAS (2010) von Muntean ins Kino brachte. Sie habe damit zwar viel Geld verloren, meinte sie, trotzdem wolle sie den neuen Film wieder sehen. Wir trafen uns vor vier Jahren schon im Debussy bei TUESDAY AFTER CHRISTMAS. Wir waren beide vom Film begeistert, doch Bea zögerte, ob sie die Lizenz für den Verleih in der Schweiz kaufen solle. Ich versprach ihr, einen grossen Artikel zu schreiben, wenn sie ihn herausbringe. Schliesslich erwarb sie die Auswertungsrechte und stellte den Kontakt zu Porumboiu und Muntean her, die ich für eine Reportage über das rumänische Kinowunder in Bukarest treffen konnte.

Das neue Sozialdrama von Muntean ist auch wieder einnehmend: Behutsam erzählt der Regisseur vom Leben des Autokontrolleurs Patrascu, der einen Streit in der Nachbarschaft mitbekommt, welcher tödlich endet. Der Polizei gibt er an, nichts gehört zu haben, doch als der Mörder seine Dienste in Anspruch nimmt, wird das schlechte Gewissen von Patrascu unerträglich und er rastet aus. ONE FLOOR BELOW (8/10) ist ein starkes Kino der Digression, in dem sich die spannendsten Dinge im Hor-Champ, also ausserhalb der Bildeinstellung, ereignen - der bisher beste Film, den ich in Cannes gesehen habe. Würde ihn Bea ins Kino bringen, könnte ich mir dazu im «Frame» einen Hintergrund-Artikel zum rumänischen Kino in der Rubrik «Neue Welt Sicht» vorstellen.

Szene aus ONE FLOOR BELOW

Tag 3: Film, Fussball und die Frauen von Woody Allen

     
Es gibt zwei Nebensächlichkeiten im Leben, über die könnte ich endlos diskutieren: Film und Fussball. In Cannes ist beides möglich, weil jeweils die Champions-League-Endspiele zur gleichen Zeit wie das Festival stattfinden.

Als ich am Mittwochabend mit Stefanie Rusterholz und Georg Bütler vom ZFF am Crustacé und Coquillage-Verzehren im Restaurant Brun war, kam Luciano Barisone, Festivaldirektor von Visions du Réel in Nyon, auf uns zu und erzählte mit glänzenden Augen, dass Juve trotz Unentschieden gegen Real Madrid in den Final eingezogen sei. Auch deshalb liebe ich Cannes: Man ist als Film- und Fussballfan unter Seinesgleichen und kann ungeniert über alles reden, was in gemischter Gesellschaft penetrant wirken würde. Ich habe meinen Beruf auch deshalb gerne, weil es beim Film so viele spannende Leute gibt. Die letzten zehn Jahre ging ich in Cannes jeweils einmal mit Marcel Hoehn essen, meist in der «Mère Besson». Leider ist Marcel dieses Jahr nicht mehr hier, weil er seinen Verleih Columbus verkauft hat und auch als Produzent etwas kürzer tritt. Ich vermisse den Austausch mit ihm. Auch mit Peter und Johanna Sterk von der Sterk Kinogruppe in Baden gehe ich seit Jahren essen, ihre Berichte schärfen mein Verständnis für die Anliegen der Kinobetreiber.

Es gibt an der Croisette aber auch unangenehme Begegnungen. Wenn man einem Produzenten oder Regisseur über den Weg läuft, dessen letzten Film man verrissen hat. Oft hört man dann den Vorwurf: «Deine Kritik war nicht objektiv». Mit negativem Feedback kann ich leben, da muss man einfach durch, aber ich kann diesen Vorwurf nicht nachvollziehen: Natürlich sind Kritiken subjektiv, ich kann ja nur davon schreiben, wie es mir in einem Film ergangen ist, warum ich ihn mag oder eben nicht. Filme beurteilen ist keine Naturwissenschaft. Es hat mit Präferenzen zu tun. Und da sind wir Kritiker teilweise schamlos parteiisch. Und etwas nationalistisch. Ich sehe zum Beispiel lieber französisches Kino als deutsches. Selbst bei den Kritikern bin ich parteiisch. Wenn ich am Donnerstag im Büro jeweils die Filmkritiken in den deutschen Feuilletons lese, komme ich bei kaum einem Text bis zum Ende: Oft sind sie mir zu schwerfällig, zu viel Inhalt, zu wenig Analyse. Natürlich gibt es grossartige Ausnahmen, etwa Katja Nicodemus von der Zeit oder Cristina Nord von der taz, aber tendenziell mag ich deutsche Filmkritik nicht so (vor allem wenn sie ideologisch motiviert über Clint Eastwood herfällt). Da habe ich es lieber deskriptiv-präzise und griffig, wie das Todd McCarthy, der Chefkritiker des Hollywood Reporters macht. Die Daily-Ausgabe des Hollywood Reporters lese ich jeden morgen um 8 Uhr beim Warten in der Salle Lumière auf den Wettbewerbsfilm. Ich lese auch immer Libération – «Libé, demandez Libé» schreit der Verkäufer jeweils vor dem Palais des Festivals, und ich kaufe immer eine Ausgabe des kriselnden Blattes, das mir zwar politisch viel zu links ist; aber ich mag es, dass es täglich bis zu 12 Seiten über Cannes bringt. Und die Filmkritiken sind so wunderbar luftig, da schwärmt ein Kritiker dann von der «beauté de la mise-en-scène» oder von der «structure de la poésie narratif». Keine Ahnung, was das bedeutet, aber es tönt spannend.

Auch bei den Festivaldirektoren bin ich parteiisch. Dieter Kosslick von der Berlinale ist ein aufgekratzter Typ, aber wenn ich ihm zuhöre, denke ich immer: Er ist eigentlich eher ein Kultur-Manager als ein Cinéphiler. Ganz anders ist das bei den Franzosen. Nach einem Mittagessen mit Olivier Père bin ich jeweils ein schönes Stück gebildeter und auch Edouard Waintrop, den Leiter der Quinzaine, bewundere ich, weil er selbst beim Smalltalk auf der Strasse mit klugen Analysen zur Stelle ist. Man merkt bei den beiden einfach, dass sie viel über Filme nachdenken und reden. Waintrop habe ich 2009 am Filmfestival Fribourg (FIFF) kennengelernt. Er war damals der künstlerische Leiter und präsentierte modernes urbanes indisches Kino jenseits von Bollywood. Er hat mir damit die Türe zum Subkontinent geöffnet, meine Frau und ich gingen danach sogar nach Indien in die Ferien (ich bereise generell am liebsten Länder mit grosser Filmkultur) und haben eine grosse DVD-Sammlung mit indischen Filmen angehäuft. Gestern traf ich Edouard auf der Croisette und er schenkte mir eine Expresskarte, so dass ich zur Eröffnung der Quinzaine nicht anstehen musste.

     
Bevor die Sektion mit Philippe Garrels ironischen Beziehungsfilm L'OMBRE DES FEMMES eröffnet wurde, verlangten die Organisatoren die Freilassung des ukrainischen Cineasten Oleg Senzow, der am 10. Mai 2014 von Russland verhaftet wurde, weil er sich in der proeuropäischen Bewegung engagiert. Seither wartet er auf den Prozess, ihm drohen 20 Jahre Haft. «Wer einen Filmschaffenden verhaftet, richtet sich gegen uns alle», erklärte Céline Sciamma BANDE DE FILLES), die Vorsitzende des französischen Filmemacherverbandes und forderte von Putin die Freilassung von Senzow. Applaus. Danach ehrten die Franzosen den chinesischen Regisseur Jia Zhangke, dessen letzter Film A TOUCH OF SIN im Reich der Mitte der Zensur zum Opfer fiel. Sie würdigten ihn als Meister, der die politischen Umbrüche in seiner Heimat reflektierte. Die Laudatio fiel zwar wegen der Übersetzung ins Englische etwas länglich aus, aber was da gesagt wurde, zeugte von analytischem Scharfsinn, wie man ihn an der Berlinale, wo der Direktor lieber den Clown macht, wenn er Cineasten auf der Bühne hat, kaum je hören würde. Im Publikum sass übrigens auch die ganze Nomenklatura des Schweizer Films: BAK-Chefin Isabelle Chassot, Ivo Kummer, Chef der Sektion Film, Sven Wälti von der SRG, Catherine Ann Berger und Selina Willemse von Swiss Films sowie die Berner Kinobetreiberin Beki Probst.

Szene aus IRRATIONAL MAN

So, und nun noch in aller Parteilichkeit etwas zu IRRATIONAL MAN (8/10), dem neuen Film von Woody Allen. Nach dem Absturz mit seinem letzten Werk MAGIC IN THE MOONLIGHT hat er hier zur alten Leichtigkeit zurückgefunden. Er begibt sich aufs Philip-Roth-Territorium und fabuliert von dem nicht mehr ganz jungen Philosophieprofessor Abe (Joaquin Phoenix), mit dem nicht nur eine Kollegin, sondern auch eine junge Studentin (Emma Stone) schlafen will. Es geht um die Schwierigkeit als Intellektueller glücklich zu sein, um die Sehnsucht nach Europa und die Faszination für das perfekte Verbrechen, wobei Allen der Story ein bitterböses Ende verpasst. Dafür gab es in der Pressevorstellung spontanen Applaus. Während dem Studium habe ich die Allen-Filme jeweils im Zürcher Kino Frosch gesehen, in den letzten Jahren meistens in Cannes. Schön, denn ohne die Komödien des Stadtneurotikers würde dem Festival etwas fehlen.

Tag 4: Timeout mit Sylvester Stallone

    
Uff, war das ein intensiver und erlebnisreicher Tag! Zuerst habe ich Nanni Morettis heiter-melancholische Tragikomödie MIA MADRE (7/10) gesehen. Darin erzählt der Italiener von der Schwierigkeit des Filmemachens in Zeiten persönlicher Krisen. Dann eilte ich von der Salle Lumière rüber in die Salle Debussy für den Film NAHID (8/10) von Ida Panahandeh. Indische Filme möchte ich nie verpassen. Es stellte sich dann aber heraus, dass dies ein iranischer Erstlingsfilm einer jungen Regisseurin ist, die mein Wissen über dieses wunderbare Filmland erweiterte. Ich dachte nämlich, in Iran könne man kaum soziale Brennthemen verhandeln, weil eine drakonische Zensur dies verhindere. Doch Panahandeh erzählt in grau-tristen Bildern von einer jungen Mutter, die getrennt vom Vater ihres Sohnes lebt, weil dieser heroinabhängig war und den Dealern immer noch Geld schuldet. Die Frau heiratet wieder, handelt sich damit aber den Zorn ihres Bruders ein. Heroinsucht, Kriminalität, Scheidung, Verlachen der Religiösen – alles kommt in diesem starken Drama vor. Hoffentlich bringt es ein Schweizer Verleiher – ich habe im Screening Andreas Furler von Trigon Films gesehen – heraus. Nach dem Film hetzte ich ins Studio von Radio France, um mit meinem Kollegen Marco Zucchi von RSI im Idiom Dantes über den mitreissenden Kunst-Blockbuster MAD MAX: FURY ROAD (9/10) und den neuen Film IRRATIONAL MAN (8/10) von Woody Allen zu parlieren. Beim Verlassen des Palais schaffte ich es kaum noch, die Croisette zu überqueren. Am Wochenende verdreifacht sich nämlich die Bevölkerung des ehemaligen Fischerdorfes, weil viele Autogrammjäger und Schaulustige nach Cannes kommen, um die Stars auf dem roten Teppich zu sehen.

    
Dieser Fantourismus ist im ureigentlichen Sinn des Festivals. Wie alle alteingesessenen Filmfestspiele - Venedig, Locarno, Karlovy Vary - finden auch jene von Cannes in einem Badeort statt. Die Festivals wurden in den 1930ern und 1940ern ins Leben gerufen, um in der Nebensaison die Betten der Grand Hotels zu füllen. Das Meer lockt den Festivalier auch heute noch, vor allem wenn es strahlend schön und 28 Grad warm ist, wie das heute an der Côte d’Azur der Fall war. Früher ging ich jeweils einen Nachmittag auf die Îles de Lérins. Doch in den letzten Jahren klinkte ich mich nicht mehr aus. Der Grund: Ich werde nervös, wenn ich einen Wettbewerbsfilm verpasse. Schon dreimal ist es mir – meist wegen Interviewterminen, die sich mit Screenings überschneiden - passiert, dass ich den Gewinnerfilm nicht gesehen hatte: 2002 Polanskisi THE PIANIST, 2007 4 MONATE, DREI WOCHEN, ZWEI TAGE von Cristian Mungiu und letztes Jahr WINTER SLEEP von Nuri Bilge Ceylan. Deshalb entscheide ich mich zwischen einem Film und dem Strand für den Film. Es gibt nichts Ärgerlicheres, als wenn man nach 12 Tagen Mitfiebern und Disputieren beim Palmarès nicht mitreden kann.

Heute machte ich aber eine Ausnahme. Ich rief sozusagen die Force-Majeure-Klausel an. Denn Sylvester Stallone eröffnete in der Galerie contemporaine des Kunstmuseums in Nizza eine Ausstellung seiner Gemälde. Ja, der Mann hat schon über 200 Bilder gemalt. Stallone ist nicht irgendwer, sondern einer der zwei Helden meiner Jugend (der andere ist Tom Cruise). Seine ROCKY-Filme inspirierten mich dazu, frühmorgens joggen zu gehen, einmal trank ich rohe Eier, wie das Stallone in ROCKY (1976) tut, einem völlig unterschätzten Scharnier-Film zwischen dem rebellischen New Hollywood und dem Blockbusterkino der achtziger Jahre. Stallone hat nicht nur die Hauptrolle gespielt, sondern auch das Drehbuch selber geschrieben, der Film gewann drei Oscars. Also brauste ich im TGV nach Nizza. Im Museum erwartete mich eine Szenerie, die der folie cannoise in nichts nachstand: Ein Pulk von 100 Fotografen und Kameraleuten erwartete den Star, als dieser zu seinen Bildern schritt, um sie dem eitlen Bürgermeister der Stadt zu zeigen. An der Pressekonferenz stellte ich gleich die erste Frage: Wie Stallone zur Malerei gekommen sei? «Ich hatte eine schwierige Jugend», antwortete der 68-Jährige, «ich stand meinen Eltern nicht nahe, war oft allein zu Hause. Da fing ich an zu malen; erst nur Figuren, mit der Zeit auch abstrakte und experimentelle Bilder. Ich bin schon seit 50 Jahren Maler.» Tatsächlich wechselte er erst zum Film, als er Geld verdienen musste.

    
Als ich 2008 die filmwissenschaftliche Konferenz der Society of Cinema and Media Studies in Philadelphia besuchte, wo Stallone herkommt, bin ich dort von Little Italy mit Converse-Turnschuhen zum Museum of Art gerannt. Dort bin ich mit dem Song „Eye of the Tiger“ im Ohr die Treppe zum Eingang hoch gespurtet, wo Rocky die rechte Hand zur Siegerpose hob. Ein Filmposter mit dieser ikonischen Pose habe ich sogar im Büro an der Falkenstrasse 11 hängen. Ziemlich schockiert war ich dann aber, als ich in Philly erfuhr, dass die Museumsleitung sich weigerte, eine Statue Rockys oben auf der Treppe aufzustellen. Ein Affront des Establishments gegen den Underdog! «Mir hat das nichts ausgemacht», sagte mir Stallone heute in Nizza, „«ich war auch dagegen, die Statue dort oben aufzustellen. Das hätte die alte Architektur des Museums gestört. Nun steht sie halt am Fuss der Treppe, nebenan - das passt auch besser zu Rocky. Er ist ein Aussenseiter.» Super Antwort! Und wie ist Stallones Malerei? Er hat coole Covers des «Life»-Magazins gemalt, im Stil der Pop Art und ein krasses Bild vom blutüberströmten Rocky. Diese Werke gefallen mir, mit seinen experimentellen Arbeiten kann ich allerdings wenig anfangen. Ich bin glücklich, die Ausstellung gesehen zu haben. Sie bestätigte mir einmal mehr, was ich schon seit Jahren denke: Stallone ist viel mehr als die Dumpfbacke aus den RAMBO-Filmen, er ist ein grandioser Actionstar und Charakterdarsteller, ein Autorenfilmer und Künstler zugleich.

Tag 5: Jungfräulich in der Salle Lumière

    
Zuerst ein kleiner Nachtrag zu gestern. Da lagen am Abend Freud und Leid plötzlich nahe beieinander. Kaum war ich zurück in Cannes, sah ich ein E-Mail von der PR-Frau von Sylvester Stallones Galerie: Es gebe noch einen Dinner im kleinen Kreis, zu dem ich eingeladen sei. Sie habe mich an der Vernissage nicht gesehen und da sie keine Handynummer von mir habe… Mann, ein Nachtessen mit Stallone, das wäre fantastisch gewesen!

Szene aus CAROL

Immerhin wurde der Frust dann im Late-Night-Screening von Todd Haynes wunderschön fotografiertem und inszeniertem Melodram CAROL (8/10) abgefedert, in dem sich die divenhaft-laszive Cate Blanchett und die mädchenhafte Rooney Mara im stickigen Klima der McCarthy-Ära verlieben. Dass der Film gut ist, erfuhr ich schon beim Anstehen. CAROL sei wie BROKEBACK MOUNTAIN mit Frauen oder wie MAD WOMEN mit Cate Blanchett als Don Draper twitterten einige. Mit Verlaub, ich finde es etwas dümmlich, jeden Film mit Homosexuellen gleich mit  BROKEBACK MOUNTAIN zu vergleichen, wenn schon, dann hat Haynes Film mehr mit THELMA & LOUISE oder FAR FROM HEAVEN gemeinsam.

Obwohl am Wochenende die wilden Soirées cannoises gefeiert werden, habe ich nach dem Film bloss noch einen Talisker gekippt und bin ins Bett gegangen. Diese Partys in den Villen oberhalb von Cannes sind zwar faszinierend, aber ungesund: Man trinkt zu viel, wird halb wahnsinnig wegen den vielen schönen Frauen, die so nah und doch so fern sind und kämpft dann am nächsten Morgen im ersten Wettbewerbsfilm gegen den Schlaf. Am morgigen Montag gehe ich zwar an die Pixar-Party für INSIDE OUT, aber das muss für dieses Jahr genügen. Denn der 23. Mai 2003 war mir eine Lehre. Nach einer durchzechten Nacht schaute ich morgens um halb neun Clint Eastwoods Drama MYSTIC RIVER. «Schaute» ist allerdings übertrieben, ich schlief immer mal wieder ein. Und weil meine Sitznachbarn – Madeleine Hirsiger vom Schweizer Fernsehen und Andreas Maurer von der NZZ – vom Film mässig angetan waren, schloss ich mich ihnen an und behauptete in meinem Artikel für die Berner Zeitung, der Film sei «altbacken» und habe die Festivaliers nicht mit dem erschreckend schwachen Niveau des Wettbewerbs versöhnt. Diese Peinlichkeit quält mich noch heute. Als ich MYSTIC RIVER in Zürich nochmals sah, war der Fall klar: ein Meisterwerk der Marke Eastwood.


Überhaupt habe ich in Cannes mittlerweile den Morgen lieber als die Nacht. Ich geniesse es, von der Wohnung, die ich mit meinem langjährigen Cannes-Buddy Hans Jürg Zinsli von der Berner Zeitung teile, am Vieux Port vorbei ins Palais de Festival zu flanieren. Je näher man dem Festspielpalast kommt, desto mehr Akkreditierte strömen aus den Gassen. Und je näher die Filmhungrigen beim Tempel der siebten Kunst sind, desto schneller gehen sie, nicht wenige rennen dann am Schluss über den roten Teppich hoch ins Kino. Je näher man zum Palais kommt, desto mehr Hoffnungsvolle trifft man auch, die mit Schildern wie «Une invitation svp» oder «Ticket for Carol, please» nach Freikarten betteln. Am Abend stehen viele sogar im Smoking beziehungsweise der Abendrobe bereit, für den Fall, dass sie einen Glücklichen finden, der sie erlöst. Mir gefällt diese ganze Stimmung: Cannes ist der einzige Ort auf der Welt, wo Filme-Schauen eine existenzielle Angelegenheit ist, quasi eine Frage von Sein oder Nicht-Sein.

Ich geniesse den Morgen in Cannes auch deshalb, weil die erste Pressevorstellung in der Salle Lumière stattfindet. Das ist mit 2400 Plätzen das grösste Kino Frankreichs, der Saal wurde gerade für 28 Millionen Franken neu renoviert und strahlt mit dem schwarz-roten Design französische Eleganz aus. Die Projektionen sind immer gestochen scharf. Man kann sich darin am Morgen noch jungfräulich auf die Filme einlassen, weil man noch keine lästigen Telefonanrufe bekommen hat. Irgendwie dünkt mich, dass am morgen das Publikum generöser ist. Viele Filme haben im Lumière tosenden Applaus bekommen. Bei SHREK 2, dem ersten Animationsfilm überhaupt, der im Wettbewerb lief, gab es 2004 regelrechte Begeisterungsstürme, auch nach dem fast sechsstündigen Terroristendrama CARLOS von Olivier Assayas gab es stürmischen Applaus. Handkehrum sind jene Filme, die am kräftigsten ausgepfiffen wurden, oft in der Salle Debussy (1068 Plätze) nebenan gelaufen. Am schlimmsten war es bei Vincent Gallos egomanischem Selbstfindungsdrama THE BROWN BUNNY, in dem sich der Regisseur und Hauptdarsteller von Chloë Sevigny einen Blowjob geben liess. Ich sass damals gleich hinter Roger Ebert, der das so lächerlich fand, dass er mitten in der Vorstellung anfing zu singen «Raindrops keep falling on my head…» Als Gallo später zurückschoss, indem er sagte, ein Fettsack habe seinen Film in Verruf gebracht, konterte Ebert: «Es stimmt, dass ich dick bin, aber eines Tages werde ich dünn sein, Gallo aber wird immer der Regisseur von THE BROWN BUNNY bleiben.»

Szene aus THE SEA OF TREES

Auch Brillante Mendozas brutales Cop-Drama KINATAY wurde im Debussy ausgebuht und heuer Gus van Sants Suizid-Drama THE SEA OF TREES (5/10). Bei diesem Film habe ich schon in der Mitte geahnt, dass es Pfiffe geben würde. Denn van Sant setzt sich mit Menschen auseinander, die verzweifelt sind, sich das Leben nehmen wollen, aber in grösster Not wieder Lebenskraft schöpfen. Das gefällt einem gewissen Typ Filmkritiker, der ja auch jeden Hollywoodfilm peinlich findet, in dem am Ende eine Familie wieder zusammenkommt, gar nicht. Ich kann leider nicht viel zur Verteidigung von THE SEA OF TREES ins Feld führen, aber ich habe Mühe mit Filme-Auspfeiffen, vor allem, wenn sich Regisseure an schwierige Themen herangewagt haben. Ich pfeiffe im Fussballstadion, wenn GC gegen Basel abermals einen glasklaren Penalty nicht bekommt, aber einen Gus van Sant mag ich nicht auspfeiffen.

Dass es Filme zuweilen im Debussy schwerer haben, liegt auch an den Spielzeiten: Im Debussy bin ich jeden Tag um 11 Uhr für einen Film aus der Sektion «Un Certain Regard» und dann wieder um 19 Uhr für einen Wettbewerbsfilm. Abends sitzt man dann nicht mehr jungfräulich im Sessel: Manchmal studiere ich noch an einem Artikel rum oder mich plagt das schlechte Gewissen, weil ich es verpasst habe, jemanden zurückzurufen oder aber ich denke noch über Filme nach, die ich am Nachmittag gesehen habe.

Szene aus MON ROI

In der Salle Lumière war es heute morgen aber wieder sehr angenehm: Ich sah dort MON ROI (9/10) von Maïwenn. Emmanuelle Bercot (die Regisseurin des Eröffnungsfilms LA TÊTE HAUTE) und Vincent Cassel verkörpern ein Paar um die 40, das ein Kind und somit immer mehr Probleme bekommt. Maïwenn kostet Höhen und Tiefen ihrer On-and-Off-Beziehung aus und öfters habe ich mich als Zuschauer in den Figuren wiedererkannt, auch wenn ich mich nicht mit ihnen identifiziere. Natürlich ist das wieder so ein typisch französischer Film mit «Ben voilà, c'est la vie»-Moral, aber dafür habe ich ein Faible, sowieso wenn die weibliche Hauptrolle von einer so hinreissenden und expressiven Aktrice wie Emmanuelle Bercot gespielt wird. Ich verliess den Saal illuminiert.

Tag 6: Vom Holocaust zu den Party Girls

    
In Cannes fühle ich mich manchmal zurückversetzt in den Sommer 1993. Damals reiste ich mit einem Interrail-Ticket durch Europa. Ein paar Destinationen wie Paris und London waren gesetzt, doch oft entschieden meine Kollege und ich uns erst am Bahnhof, wohin die Reise als nächstes führen soll. So ist es auch in Cannes, man bereist im Kino verschiedene Länder. Gestern war ich im Film MON ROI (9/10) von Maïwenn zuerst bei den Bobos in Paris, danach tauchte ich in ZVIZDAN – SOLEIL DE PLOMB (7/10) ein in den beginnenden Bürgerkrieg im Kroatien von 1991 und schliesslich verschlug es mich im mosaikartigen Familiendrama LOUDER THAN BOMBS (5/10) in das New York von heute, wo ein Vater (Gabriel Byrne) und seine zwei Söhne um ihre Frau beziehungsweise Mutter (Isabelle Huppert) trauern, ohne dass man sich am Ende einen Reim auf den Grund ihrer Kommunikationsprobleme hätte machen können. Wie beim Interrailen muss man auch in Cannes immer wieder die Optionen des Fahrplans studieren. Sagt man zu einer Destination ja, sagt man zu drei anderen attraktiven nein. Beim Interrailen hörten wir oft auf Tipps anderer Rucksacktouristen.

Szene aus SON OF SAUL

Auch in Cannes gebe ich etwas auf die Mundpropaganda von Kollegen. Die Pressevorstellung des ungarischen Films SON OF SAUL (7/10) hatte ich verpasst, viele Kollegen waren beeindruckt vom Erstlingswerk, erzählten von einem krassen Drama. Also entschied ich mich während dem Anstehen für einen Film der Semaine de la Critique um und eilte die Croisette hinunter, um noch ins Gala-Screening von SON OF SAUL zu gehen. Während das Publikum im Saal schon Platz genommen hatte, gaben Regisseur Laszlo Nemes und seine Schauspieler auf dem roten Teppich die Tanzbären in der Phalanx der Fotografen. Als die Männer im "Pinguin" in die Salle Lumière hineinkamen, empfing sie das festlich gekleidete Publikum mit grossem Applaus. Dann begann der Film. In gräulich-trostlosen Bildern erzählt Nemes von einem jüdischen Ungarn, der als Teil des Sonderkommandos für die Nazis seine Glaubensgenossen in die KZ-Öfen begleiten muss. Oft muss er – und damit auch wir Zuschauer – zusehen, wie die Nazis Juden erschiessen oder in eine Feuergrube stossen. Noch nie hat man den Holocaust im Kino in solch drastischen Bildern gesehen.

Nach dem Film ging ich benommen und in Gedanken versunken hinaus auf die Croisette und wurde beinahe von einer weissen Stretchlimousine überfahren, in der Girls in Hotpants und mit unnatürlichen Oberweiten für einen Wodka warben. Es ist ein typisches Cannes-Erlebnis. Das Festival ist ein Ort der Kontraste, in welchem der Glamour und der schrille Werbezirkus im Gegensatz zum Elend auf der Leinwand stehen. Soll man deswegen das Festival als heuchlerisch kritisieren? Ich finde nicht. «Le glamour renforce le cinéma d'auteur», erklärte der künstlerische Leiter Thierry Frémaux einmal. Was er damit meint: Dank der Treppe mit dem roten Teppich, welche die Cineasten hinauf führt in den Olymp der siebten Kunst, erhält auch ein Regienovize wie Nemes eine mediale Aufmerksamkeit (gerade im Fernsehen), die sein Film ins Gespräch bringt. Zudem habe ich noch nie einen Regisseur erlebt, der mehrere Jahre hart für einen Film gearbeitet hat, der sich nicht gefreut hätte, sein Werk in feierlichem Rahmen zu präsentieren.

Ich fand Kritik am Glamour, zum Beispiel in den Anfängen des Zurich Film Festival, immer schon etwas zwinglianisch provinziell. Glamour gehört nun mal auch zum Kino. Und im Unterschied zu gewissen highbrow-critics bin ich ja auch nicht nur ein Zuschauer, der nur eine Art von Kino mag. Manchmal habe ich Lust auf einen heissen Blockbuster wie MAD MAX: FURY ROAD (9/10) und dann wieder auf einen experimentellen Film von Godard, manchmal gehe ich zu McDonald’s und manchmal diniere ich lieber in einem exquisiten Restaurant. So ist das in meinem Leben, deshalb komme ich in Cannes auch voll auf meine Rechnung. Denn das Festival gibt im Sinne eines Foucaultschen Dispositivs ein Abbild der gesamten Filmwelt und ihrer Diskurse, vom Film als Kunst (darum der Wettstreit der Autoren im Wettbewerb), vom Film als Ware (darum der Marché du Film im Erdgeschoss des Palais) und vom Film als Jahrmarktattraktion (darum das Tohuwabohu am roten Teppich).

Szene aus LA LOI DU MARCHÉ

Heute erlebte ich auch im Kino starke Kontraste: Zuerst LA LOI DU MARCHÉ (7/10) von Stéphane Brizé, ein tristes Sozialdrama im Dardenne-Stil über einen Familienvater mit einem behinderten Sohn, der arbeitslos wird, sein geliebtes Wohnmobil verkaufen soll, schliesslich einen Kredit aufnimmt und später als Wächter in einem Supermarkt noch ärmere Teufel überführen muss, die Waren klauen. Gut gespielt, aber grau in grau und eindimensional. Ich verliess das Kino nicht in Festlaune. Dann musste ich mich entscheiden zwischen CEMETERY OF SPLENDOUR von Apichatpong Weerasethakul und dem neuen Pixar-Film INSIDE OUT. Der Thailänder ist mir vor fünf Jahren ans Herz gewachsen mit seinem enigmatischen Dschungeldrama UNCLE BOONMEE WHO RECALLS HIS PAST LIVES, in dem – unvergessen – plötzlich ein Waldmonster mit rot leuchtenden Augen auftauchte, worauf die Jury unter Tim Burton ihm die Palme d'Or zusprach. Peinlich: Als ich am Abend für eine Radiostation live von der Preisverleihung berichtete, konnte ich Weerasethakuls Name nicht aussprechen und sagte die ganze Zeit "der Thailänder". Hinterher fühlte ich mich als kolonialistischer Ignorant und sagte den Namen etwa 100 Mal hintereinander auf, bis er mir geschmeidig über die Lippen ging.

Und Pixar, das ist für mich wie Clint Eastwood, Ang Lee oder Richard Linklater. Einer meiner Lieblingsregisseure. Ich ziehe bewusst einen Vergleich zwischen dem Animationsstudio und den Autorenfilmern, weil Pixar eine unverwechselbare "corporate signature" hat. Es macht magische Filme, die mich zum Weinen und zum Lachen bringen, die durchwirkt sind mit cinéphilen Zitaten und die mir selbst dann gefallen, wenn Plastikspielzeuge die Helden sind. Ich entschied mich also für INSIDE OUT (11/10), denn ich hatte vor einem Monat bei einem Besuch in den Pixar-Studios bei Emeryville schon die ersten 50 Minuten des Films gesehen. Nun also der ganze Film: Ein Joy Ride von A bis Z, originell, farbenfroh und sehr lustig.

Pete Docter (UP) erzählt die Geschichte von einem 12-jährigen Mädchen, das mit seinen Eltern von Minnesota nach San Francisco zieht und in der Stadt zunächst nicht glücklich wird. Das ist die eine Ebene, die andere Ebene spielt in ihrem Kopf, wo die fünf Gefühle Freude, Trauer, Angst, Wut und Ekel ihr Verhalten steuern. Die Welten, die gezeigt werden, liessen mich genuin staunen, elegant changieren die Macher zwischen den Ebenen. Und was wirklich grossartig ist: Das ist zwar ein Kinderfilm, aber er zeichnet das Leben nicht einfach schönfärberisch, sondern verdeutlicht, dass zur Freude auch die Erfahrung des Leids gehört.

Szene aus INSIDE OUT

Am Schluss klatschte und stampfte das Publikum und ich liess mich zu einem lauten Bravo-Ruf hinreissen, so dass der alte Herr neben mir, der eingenickt war, wieder erwachte. Leute, ihr könnt euch freuen: Nach den eher mittelmässigen Filmen CARS 2 und BRAVE kehrt Pixar nun zum Niveau von RATATOUILLE und UP zurück.

Tag 7: Wo im Kino die besten Plätze sind

                    

It's the day after the night before: Die Pixar-Party gestern Nacht am Carlton Beach war fast so gut wie der Film INSIDE OUT: Opulente Buffets, Drinks ohne Ende und guter Sound. Am Ende des Holzstegs traf ich die deutschen Filmkritiker Daniel Kothenschulte (Frankfurter Rundschau), Hanns-Georg Rodek (Die Welt) und Dieter Osswald (freelance). Wir diskutierten über das bisherige Niveau des Wettbewerbs (4,75), darüber, ob Dieter Kosslick oder Moritz de Hadeln die bessere Berlinale machen (klarer Fall: de Hadeln), ob Todd Haynes Lesben-Melodram CAROL ein Meisterwerk ist (nicht ganz) und ob Paolo Sorrentino schon auf der Höhe von Fellini ist. Ich finde: absolut ja, doch Kothenschulte fiel fast ins Meer vor Entsetzen. Es wurde spät, so dass ich es nicht mehr an die Chopard-Party schaffte, wo Robbie Williams ein Konzert gab, obwohl ich extra einen dunklen Anzug trug, um dem Dressecode des Palme d'Or-Produzenten genüge zu tun.

Heute morgen kam ich dann fast nicht aus dem Bett und war erst um 8.15 Uhr in der Salle Lumière. Deshalb musste ich den hochspannenden Drogenkriegs-Thriller SICARIO (8/10) von Denis Villeneuve mit Emily Blunt, Josh Brolin und Benicio del Toro, die Jagd auf den Boss eines mexikanischen Drogenkartells machen, aus der dritten Reihe schauen.

Benicio del Toro in SICARIO

So weit vorne sitzen fast nur Franzosen und Italiener. Das ist eine alte 68er-Tradition aus der Cinémathèque française, wo die Die-Hard-Cinéphilen die Werke aus der ersten Reihe schauten, um möglichst tief in die Filmkunst eintauchen zu können. Bis vor zwei Jahren sass zum Beispiel immer Freddy Buache, Gründer der Cinémathèque suisse, zuvorderst (und schrie jeweils «c'est nulle», wenn ihm ein Film nicht gefiel). Doch leider geht es Buache gesundheitlich nicht mehr so gut, er kommt nicht mehr nach Cannes. Jetzt hat Frédéric Maire, der aktuelle Direktor der Cinémathèque, seinen Platz eingenommen. Auch Tom Luddy aus San Francisco und die ehemaligen Forumsleiter der Berlinale, Ulrich und Erika Gregor, sind meist zuvorderst. Handkehrum sitzen die Amerikaner meist im hinteren Teil des Saals. Kenneth Turan von der Los Angeles Times zum Beispiel immer in der hintersten Reihe des Debussy, auch Roger Ebert sass mit seiner Frau Chaz meist im hinteren Teil.

Bei den Schweizern gibt es ähnliche Unterschiede: Die Welschen und Tessiner sitzen immer vorne, viele Deutschschweizer hinten oder sogar auf dem Balkon (was auch mit der schlechteren Akkreditierung zu tun haben könnte). Ich finde, diese Sitztradition entspricht letztlich der Art und Weise, wie die Leute auch schreiben. Die Amerikaner pflegen eine distanzierte Filmkritik, sie beschreiben einen Film und versuchen das big picture wiederzugeben. Die Franzosen hingegen tauchen viel tiefer in die Materie ein und geben teilweise sehr eigensinnige Ansichten wieder. Ich bin irgendwo zwischendrin, allerdings näher bei den Franzosen als bei den Amerikanern. Ich sitze am liebsten am Ende des ersten Drittels, weil man von dort die ideale Sicht hat; die Leinwand passt dann genau ins Gesichtsfeld. Zudem wird man nicht so abgelenkt von anderen Zuschauern, wie wenn man hinten sitzt. In der Salle Lumière ist die neunte meine Lieblingsreihe, im Debussy die sechste.

Grundsätzlich bin ich ja ein ungeduldiger Mensch, der nicht gerne wartet. In Cannes macht mir das Warten im Kino auf den Film aber nichts aus. Ich geniesse es, am morgen die Trades zu lesen und am Nachmittag mit Sitznachbarn zu diskutieren. Der schönste Moment ist immer, wenn zur feierlichen Melodie von «Karneval der Tiere» von Camille Saint-Saëns das Festivalsignet über die Grossleinwand flimmert: Es zeigt eine rote Treppe, die vom Wasser aufsteigend zum Himmel führt, wobei am Ende die Goldene Palme vor den Sternen glänzt. Das Publikum applaudiert jedes Mal, was beweist, wie gerne die Leute Cannes haben. Ich kenne kein anderes Festival auf der Welt, wo Filmkritiker dem Logo des Veranstalters Applaus spenden. Am Abend um 19 Uhr dann ruft immer ein älterer Kritiker vor Beginn des Wettbewerbsfilms «Raouuuul!» Ich dachte lange, das sei eine Referenz an den kürzlich verstorbenen Portugiesen Raoul Ruiz. Aber ein italienischer Filmkritiker erzählte mir, der Hintergrund dieses Rituals sei ein anderer: Ein Kritiker sei vor Jahren leicht zu spät in die Salle Debussy gekommen, als gerade das Licht ausging. Er habe dann verzweifelt den Namen seines Kollegen gerufen, der ihm einen Platz reservierte. Wie auch immer, das Ritual ist heilig. Kürzlich meinte eine Frau, sie müsse das auch mal machen und rief in der Salle Lumière «Raoul». Das trug ihr lauten Protest von anderen Kritikern ein, die ihr in wenig schmeichelhaften Worten klarmachten, dass dieser Ruf nur im Debussy erschallen dürfe.

Man ist in Cannes wirklich Teil einer verschworenen Gemeinschaft, in der sich alles nur um Film dreht. Da ich fast nur Hollywood Reporter, Variety, Film français sowie die Filmseiten in Le Monde, Nice Matin und Libération lese, weiss ich gar nicht, was in der Welt ausserhalb Cannes alles passiert. Gestern traf ich vor dem Interview mit Todd Haynes den Kollegen Matthias Lerf von der Sonntagszeitung. Er sagte mir nicht nur, dass er die aktuelle Ausgabe von Frame die bisher beste findet, sondern auch, dass der FC Basel Schweizer Fussballmeister geworden sei. Erstere Meldung fand ich deutlich positiver. Das war für mich früher übrigens der einzige Hacken an Cannes: Ich besuchte jeweils fast alle Heimspiele des GC, doch dann fielen in der Meisterschaft die Würfel immer dann, wenn ich an der Croisette weilte.

Vor zwei Jahren gab es dann aber eine magische Koinzidenz: Während der Vorstellung von LA GRANDE BELLEZZA von Paolo Sorrentino fand der Cupfinal zwischen GC und dem FC Basel statt. Ich kam völlig euphorisiert von dem wahrlich berauschenden Meisterwerk aus dem Kino, da erreichte mich eine SMS von Kritikerkollegin Irene Genhart aus Zürich, die mir mitteilte, dass GC den Cupfinal im Penaltyschiessen gewonnen hatte. Etwas betrüblich war dann aber, dass niemand Lust hatte, mit mir zu feiern. Also ging ich alleine an die Plage Royale und bestellte Champagner. Ich mag zwar Schaumwein gar nicht so besonders, aber die Grandiosität der Ereignisse verlangte nach Dom Perignon.

Szene aus ALIAS MARIA

Ein Meistwerk à la LA GRANDE BELLEZZA habe ich dieses Jahr bisher noch nicht gesehen. Aber die ersten drei Filme des heutigen Tages waren alle stark und aufwühlend: Nach SICARIO sah ich ALIAS MARIA (9/10) von José Luis Rugeles. Der Kolumbianer schildert den blutigen Bürgerkrieg in seiner Heimat aus der Sicht einer jungen, schwangeren Soldatin, die gezwungen wird, mit dem Baby des Commandante durch den Regenwald zu ziehen, wobei sie selber immer wieder von ihrem Truppenführer vergewaltigt wird. Ähnlich wie in APOCALYPSE NOW von Coppola taucht man als Zuschauer immer tiefer in das Herz der Finsternis ein.

Nach diesem Film gleich noch ein Schocker: Brillante Mendoza schildert in TAKLUB (8/10) in hyperrealistischen Bildern, wie der Taifun Hayan die philippinische Stadt Tacloban verwüstet und wie eine Familie, die um Angehörige trauert, versucht, sich ein neues Leben aufzubauen. Das Drama zeigt, wie die Menschen im Glauben halt finden. Es endet mit dokumentarischen Bildern und einem Bibelzitat aus dem Buch Salomo, das besagt, es gebe eine Zeit des Trauerns und Loslassens, aber auch eine Zeit des Aufbauens. Ich war nach dem Film ganz gefühlsduselig und begegnete auf der Strasse Ivo Kummer, Filmchef beim Bund, der gerade auf dem Weg zur AMNESIA-Premiere war. Ihm gegenüber hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich in meiner Solothurn-Polemik im Januar behauptet hatte, er habe die Solothurner Filmtage aus dem Festivaltopf genommen und ihnen einen Sonderstatuts verliehen, was nicht stimmt. Es war sein Vorgänger Nicolas Bideau. Da mir nach dem Mendoza-Film der Sinn gerade nach etwas Konstruktivem stand, entschuldigte ich mich bei ihm. Er nahm die Entschuldigung an und lachte. Wir sind wieder on speaking terms.

Tag 8: Roger Ebert tanzte auf der Dachterrasse

      
Nun läuft das Festival schon eine Woche und man kommt beim Smalltalk an der Gretchenfrage nicht mehr vorbei: Wer ist der Favorit auf die Goldene Palme? Vor Beginn der Filmfestspiele dachte ich, dass Paolo Sorrentino oder Jia Zhangke die grössten Chancen haben. Sie sind im richtigen Alter und haben an der Croisette schon einmal einen wichtigen Preis gewonnen, aber noch nicht die Palme. Cannes prämiert häufig Meister zwischen 40 und 60, die schon einen Namen haben, so wie zuletzt Nuri Bilge Ceylan (WINTER SLEEP), Abdellatif Kechiche (LA VIE D'ADÈLE) oder Apichatpong Weerasethakul (UNCLE BOONMEE). Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher bei den Favoriten. Denn heute habe ich YOUTH (7/10) von Sorrentino gesehen. 

Szene aus YOUTH

Das von der Schweizer Firma C-Films koproduzierte Befindlichkeitsdrama spielt in einem Wellness-Hotel in den Schweizer Bergen (gedreht wurde in der Therme Flims und auf der Schatzalp in Davos). Michael Caine verkörpert einen alten Komponisten, der für die britische Königin ein Konzert dirigieren soll und Harvey Keitel einen Filmregisseur, dem eine alternde Hollywooddiva (umwerfend: Jane Fonda) einen Korb gibt, weil sie in Mexiko eine Fernsehserie drehen will: "Television is the future", sagt sie dem verdutzten Regisseur. Obwohl der Film die Jugend im Titel hat, dreht er sich ums Alter und wie man dieses in Würde meistert. Sicher nicht so wie Diego Armando Maradona, der ebenfalls im Hotel weilt und einen immensen Bierbauch hat. Der Film ist gespickt mit kuriosen Einfällen, Sorrentino weiss Bilder von klassischer Architektur und Popmusik zu verbinden wie kein zweiter: Und doch habe ich etwas mehr erwartet. Im Vergleich zu LA GRANDE BELLEZZA ist das ein kleinerer und vor allem thematisch weniger fokussierter Film.

Sehr gut gefallen hat mir dafür MOUNTAINS MAY DEPART (8/10) des Chinesen Jia Zhangke. Er spielt erst einmal laut den Popsong mit dem wegweisenden Titel "Go West" der Pet Shop Boys ein, um seine Geschichte im Jahr 1999 zu verankern. Zhangke, der in seinen Filmen stets die sozialen und wirtschaftlichen Umbrüche in seiner Heimat spiegelt, erzählt, wie ein einfaches Mädchen einen reichen Unternehmer heiratet, der ihren gemeinsamen Sohn unbedingt Dollar nennen will. Nach der Scheidung zieht der Geschäftsmann mit dem siebenjährigen Filius nach Australien, wo Dollar sich im Jahr 2025 in eine ältere Frau verliebt, die für ihn eine Art Mutter-Ersatz ist. Der Film besticht durch wohlkomponierte Bilder, in denen die kräftig schillernde Farbe Rot (wie schon in A TOUCH OF SIN) ein visuelles Leitmotiv ist, das die drei Zeitebenen 1999, 2014 und 2025 verbindet. Ein vielschichtiger und politischer Film, der zwischen den Zeilen Kritik an Chinas Wachstumspolitik übt und auf die Kehrseite der Globalisierung verweist. Es würde mich wundern, wenn dieser Film nicht im Palmarès auftauchte.

Szene aus MOUNTAINS MAY DEPART

Meine Favoriten auf die Palme bleiben CAROL von Todd Haynes und MON ROI von Maïwenn. Nach der Vorstellung erwarteten im Foyer zahlreiche chinesische Fernsehteams die Kritiker und verlangten ein Instant-Statement zum Film. Früher habe ich manchmal meine Meinung gesagt, auch ein wenig aus Eitelkeit (ist doch schön, Spezialist zu sein). Heute verzichte ich darauf. Ich könnte zwar nach einem mitreissenden Film wie INSIDE OUT Begeisterung artikulieren, aber einen Film wie MOUNTAINS MAY DEPART kann man nicht analysieren, während der Abspann noch läuft. Das ist ein Film, der sich erstmal setzen muss, Reflexion verdient.

Splendid Hotel Cannes

Im Anschluss an den Film ging ich mit den Kollegen Hans Jürg Zinsli (Berner Zeitung) und Marco Zucchi (RSI) essen. Während wir einen zarten Lammrücken genossen, kamen die DCM-Boys Marc Schmidheiny, Dario Suter und Christoph Daniel vorbei. Die in Berlin lebenden Schweizer sind in letzter Minute mit dem von ihnen koproduzierten Flüchtlingsdrama MEDITERRANEA von Jonas Carpignano in die Semaine de la Critique eingeladen worden. Obwohl niemand von uns den Film gesehen hat, luden sie zu uns zur Party auf dem Dach des Hotel Radisson am Vieux Port ein. Wir gingen auf einen Whiskey vorbei und machten eine merkwürdige Entdeckung: Auf der Terrasse tanzte ein korpulenter älterer Herr, der mich an jemanden erinnerte. Gerade als mir einfiel an wen, sagte Zinsli: "Schau mal, dort ist Roger Ebert". Tatsächlich glich der Fremde dem Kritikerpapst aus Chicago, der vor zwei Jahren an Krebs gestorben war. Hier in Cannes denke ich täglich an ihn, wenn ich am Hotel Splendid vorbeigehe, wo Ebert immer wohnte. Ich war ein Fan seiner Filmkritiken, die er für die Chicago Sun Times schrieb (eine grauenhaftes Revolverblatt übrigens), weil er in einfachen Worten kluge Sachen sagen konnte.

Ebert war einer jener Filmkritiker, die in der Mainstreampresse das Autorenkino pushten. Legendär war auch seine Fernsehshow "Siskel & Ebert" auf ABC, wo die beiden Kritikerhengste aus Chicago disputierten und die Filme mit Daumen hoch oder runter bewerteten. Als ich für Recherchen zu meiner Diss einen Forschungsaufenthalt in Los Angeles machte, ging ich an zwei Tagen hintereinander ins Museum of Television and Radio und schaute sämtliche "Siskel & Ebert"-Episoden, die dort im Archiv zu finden waren. Dass ich in Cannes immer mal wieder an Ebert denke, hängt auch damit zusammen, dass er mit "Two Weeks in the Midday Sun" ein wunderbares Tagebuch über das Festival veröffentlicht hat, das er mit eigenen Zeichnungen illustrierte. Ebert, ein bodenständiger, katholisch erzogener Junge aus dem Mittleren Westen war unendlich fasziniert von der Frenchness sowie von den grossen Tieren aus der Filmindustrie wie zum Beispiel den einstigen Go-Go-Boys Menahem Golan und Yoram Globus von Cannon Films. Mir geht es gleich. Ich finde zwar auch die Regisseure am spannendsten, weil sie am meisten zu sagen haben über die Filme, die sie über Monate oder Jahre prägen (während ein Schauspieler vielleicht 12 Drehtage hat und zum nächsten Projekt wechselt). Aber ich habe auch ein Faible für legendäre Studiobosse und Produzenten wie Harvey Weinstein, Jeffrey Katzenberg oder Jim Gianopulos, die Cannes als Bühne für grosse Auftritte nutzen.

Pixar

Eine mythische Figur ist auch John Lasseter, der Boss von Pixar und den Disney Animation Studios. Der Kalifornier, der in seinen Hawaii-Hemden aussieht, als käme er direkt von einem Grillfest, lud heute ins bis auf den letzten Platz besetzte Kino Olympia ein, um während zwei Stunden die neuen Projekte seiner Animationsstudios vorzustellen. Warum mich der Typ beeindruckt? Erst einmal hat er mit RATATOUILLE, WALL-E und UP eine beispiellose Serie von Meisterwerken geschaffen, die sich eben nicht an eine bestimmte Zielgruppe wie Kinder oder Erwachsene richten, sondern an alle: "Jeder, der atmet gehört zu unserem Publikum", sagte Lasseter.

Zudem hat er vor knapp zehn Jahren auch die kriselnde Animationsfilm-Abteilung von Disney übernommen und auf Pixar getrimmt. "Ich habe aus einem von Managern geführten Studio ein von Filmemachern geführtes gemacht", erklärte er. Der Erfolg bei Kritikern und Publikum mit Filmen wie FROZEN und WRECK-IT RALPH gibt ihm Recht. Was mich heute morgen aber etwas irritierte: Die neuen Pixar-Projekte sind Sequels. Lasseter wird bei TOY STORY 4 selber wieder einmal Regie führen, zudem produziert Pixar mit FINDING DORA ein Spinoff von FINDING NEMO, bei dem der blaue Fisch Dora (Stimme: Ellen DeGeneres) im Zentrum steht. Die neuen Disney-Animationsfilme hingegen erzählen originelle Geschichten: ZOOTOPIA spielt in einer Metropole, die von Tieren bewohnt wird und dreht sich um eine junge Häsin, die sich als Polizistin behaupten will; MOANA wird ein klassisches Disney-Musical über eine polynesische Prinzessin. Die Ausschnitte lassen auf spektakuläre und charmante Abenteuer hoffen. Ich bin mir sicher, dass mindestens einer der beiden Filme seine Premiere 2016 in Cannes haben wird.

Tag 9: Wenn die Kritiker im Global Village die Messer wetzen

       
«Jetzt bin ich langsam müde». Diesen Satz hörte ich heute, am achten Tag des Festivals, gleich mehrmals. Viele Filmfreaks sind allmählich übersättigt, was wenig erstaunt, wenn man täglich vier Filme schaut, Meetings und Interviews hat und wenig schläft. Viele Festivaliers bekommen jeweils nach sechs, sieben Tagen den Festivalblues, sie würden am liebsten nach Hause fahren, weil sie genug haben vom Anstehen, vom Buhlen um einen Platz im Restaurant oder dem Betteln um die Rechnung. Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr, als dass ein französischer Kellner die Rechnung auf Anhieb bringt.

Szene aus DHEEPAN

Ich blieb dieses Jahr vom Festivalkoller verschont, was wohl zwei Gründe hat. Erstens wohne ich dank dem Appartement, das mein Buddy Hans Jürg Zinsli von der «Berner Zeitung» über Airbnb fand, so schön und so nah am Palais des Festivals wie noch nie. In nur fünf Minuten Spaziergang bin ich im Tempel der siebten Kunst. Letztes Jahr waren es 20 Minuten beziehungsweise 10 Minuten mit dem Velo. Und zweitens muss ich dank der Pastille auf der rosa Akkreditierungskarte viel weniger anstehen.

Doch heute morgen entging mir zum ersten Mal ein Film, der 25. hier, obwohl ich im Kino sass und auf die Leinwand schaute: das Martial-Arts-Epos THE ASSASSIN des Taiwanesen Hou Hsiao-Hsien. Ich war in Gedanken noch bei Jacques Audiards wuchtigem Drama DHEPAAN (7/10).

Der Franzose erzählt von einem Mann, der zusammen mit einer fremden Frau und einem Mädchen dem Bürgerkrieg in Sri Lanka entflieht. Die drei erhalten Pässe von gefallenen Landsleuten und geben sich in Frankreich als Familie aus. Sie werden in einer Banlieue einquartiert, in dem ein blutrünstiger Bandenkrieg tobt, in den der Titelheld hineingezogen wird. Das ist spannend erzählt und hervorragend gespielt, aber ich fragte mich zu Beginn von THE ASSASSIN noch, ob es solche bewaffneten Konflikte in Frankreich wirklich gibt, ohne dass die Polizei auftauchte. Irgendwie verpasste ich dadurch den Einstieg ins Japan des 9. Jahrhunderts und kam in diesem epischen Drama nicht mehr hinterher, wer warum gegen wen kämpft.

Szene aus THE ASSASSIN

Das liegt auch daran, dass ich bei asiatischen Filmen auf die Untertitel angewiesen bin. Da ich Filme, die Englisch, Französisch oder Italienisch gesprochen sind, auch ohne Untertitel verstehe, bin ich den ständigen Blickwechsel von oben nach unten nicht gewöhnt. Hinzu kommt, dass ich mich dann in Cannes zuerst einmal zehn Minuten lang nicht entscheiden kann, ob ich nun die französischen Untertitel oder die englischen (welche gleichzeitig unter dem Bild eingeblendet werden) lesen soll. Der Romanist in mir sagt: die französischen! Doch meist gehe ich dann doch zu den englischen, weil sie kürzer sind. Dass Untertitel am Bildfuss stehen, halte ich übrigens für ein grosses Missverständnis. Der Mensch schaut in der Regel von oben nach unten, es wäre viel natürlicher, wenn die Titel am oberen Bildrand kämen, auch wenn sie dann mal über ein Gesicht laufen.

Nach dem Screening traf ich die DCM-Boys Christoph Daniel und Marc Schmidheiny wieder (sie sind dieses Jahr wirklich überall). Sie reisten heute ab. Die Industry-Folks, also Produzenten und Verleiher, brechen ihre Zelte bereits ab. Wie mir der in Los Angeles lebende Schweizer Produzent Benito Mueller erklärte, beginnen die Geschäfte am Marché du Film, dem grössten Filmmarkt der Welt, immer früher. Viele Händler reisten bereits am Montag an (also zwei Tage vor Festivalbeginn) und tätigten erste Käufe noch im Hotel oder an Ständen, die noch im Aufbau begriffen waren. Am letzten Samstag seien dann die wichtigsten Deals bereits abgeschlossen gewesen.

Dass am Marché die Luft draussen ist, zeigte sich auch am Magazin-Ständer, wo ich jeweils die Trade Papers hole: Hollywood Reporter, Screen und Variety haben ihre Daily-Ausgaben bereits eingestellt, obwohl das Festival erst am Sonntag mit der Verleihung der Goldenen Palme zu Ende geht. Nun sind also die Kritiker am Festival wieder weitgehend unter sich.

Was mich ärgert: Viele stürmen jeweils noch vor Filmende aus dem Kino, weil sie sich einen Platz an der Pressekonferenz oder im Pressezentrum sichern wollen. Ich finde das so doof, wie Matchbesucher, die vor dem Abpfiff das Fussballstadion verlassen. Das Pressezentrum ist einer meiner Lieblingsorte im Palais, nicht nur weil dort adrette Französinnen gratis Kaffee und Mineralwasser verteilen, sondern weil man ein Gefühl für die internationale Ausstrahlung des Anlasses bekommt. Am morgen beugen sich vor allem Asiaten und Inder über ihre Laptops, am Nachmittag kommen die Europäer und spät nachts sind Amerikaner und Südamerikaner am Werk. Cannes is a truly global village. Hier entscheiden 4500 Journalisten innert Stunden über das Schicksal eines Films. «They can make it or break it», erklärte der legendäre MPAA-Boss Jack Valenti einmal. Was er damit meinte: Positive Kritiken können einem Film (gerade in Frankreich, dem Mutterland der Cinéphilie) zu einem guten Startwochenende verhelfen, Filme wie Gus van Sants THE SEE OF TREES hingegen, der hier furchtbar verrissen wurde, sind jetzt kommerziell gesehen klinisch tot. Oft bringen die Verleiher Filme wie Atom Egoyans Thriller THE CAPTIVE, der hier letztes Jahr von der Kritik regelecht abgeschlachtet wurde, gar nicht mehr ins Kino. Im Fall von Egoyans Film, der auf meinem imdb.com-Konto mit 6 von 10 Sternen figuriert, zu unrecht. Der Film ist besser als sein Ruf.

Gestern Abend war ich mit dem Badener Kino-Unternehmer Peter Sterk essen. Eigentlich hätte seine Frau Hannah auch dabei sein sollen. Aber sie ist nach dem Film MIA MADRE von Nanni Moretti beim Verlassen des Palais gestürzt und musste ihre Wunde nähen lassen. Ich wünsche ihr hiermit von Herzen gute Besserung! Sterks, die immer in Cannes ihren Hochzeitstag feiern, lernte ich vor zehn Jahren kennen, als ich Filmkritiker bei der «Aargauer Zeitung» wurde. Sie sind – zusammen mit den Epelbaums aus Biel – eine der letzten Kinobetreiber-Dynastien in der Schweiz. Ihre Kinder führen nun die Kinos in Baden in vierter Generation. Obwohl ihnen Konkurrenz durch die Grosskette Pathé droht, die in Spreitenbach ein Multiplex bauen will, jammerte Sterk nicht. Seine Familie hat in Baden eine treue Stammkundschaft. Das liegt daran, dass die Sterks ihre Kinos immer rechtzeitig umbauten oder mit neuer Technik versahen. Während es in Zürich erst ein Kino (das Houdini) mit dem neuen Ton-System Dolby Atmos gibt, haben sie dieses längst installiert. Zudem bieten sie alle Filme in Originalsprache mit Untertiteln an. 67 Prozent aller Besucher schauen bei ihnen Filme in Originalsprache, was viel ist, weil ja die frequenzstarken Kinderfilme auf Deutsch laufen.

Zudem machen die Sterks auch viel für den Schweizer Film, demnächst präsentieren sie die Premiere von Stefan Jägers neuem Drama HORIZON BEAUTIFUL. Umso unverständlicher ist es, dass sie nicht einmal mehr zur Eröffnung der Solothurner Filmtage eingeladen wurden, die sie 48 Jahre ohne Unterbruch besucht hatten. Ich mag die Sterks, weil man im Gespräch mit ihnen merkt, dass sie das Kino lieben. Peter meinte zwar, dass könnte nach 45 Jahren nun ihr letztes Festival von Cannes gewesen sein. Ich hoffe aber, dass ich nächstes Jahr noch einmal mit beiden hier essen kann, es wäre dann das zehnte Mal. Und dann will ich endlich auch mal die Rechnung bezahlen!