Festival del film Locarno 2015

 

                    

Tag 1: Meryl Streep und das Berset-Ranking

     
Locarno, das ist für mich mehr als ein Filmfestival, es ist der Ort, der für mich als Kind die grosse Welt bedeutete. Bis ich 14 Jahre alt war, gingen wir mit der Familie im Sommer immer drei Wochen auf den Campo Felice in Tenero zelten. Wenn wir einen Ausflug nach Locarno machten, sah ich jeweils auf der Piazza die Grossleinwand (damals wurde die Piazza tagsüber noch als Parkplatz genutzt), einen Film habe ich als Kind aber nie gesehen am Festival, nur auf dem Campingplatz, wo "Dick und Doof"-Filme projiziert wurden. Zum ersten Mal besucht habe ich das Festival – als Filmkritiker von Radio Eulach – 1995. Ich wohnte damals mit Freunden vom Gymi in Auressio im Onsernone-Tal. Ein Abend war für uns alle prägend. Wir fuhren mit dem 2CV nach Locarno und sahen auf der Piazza Grande eine restaurierte Kopie von Luchino Viscontis "Senso". Zurück in Auressio diskutierten wir bis zum Morgengrauen über den Film – und gründeten mit einer beträchtlichen Menge Grappa intus den Filmclub CinéClub. Unser erster Monatszyklus war Visconti gewidmet. Immer dienstags schauten wir in der Kanti im Lee in Winterthur einen Film und diskutierten hernach darüber, sogar ein Ciné-Journal haben wir zu Beginn erstellt. Über Filme reden und schreiben ist für mich ein Hobby geworden, das ich zum Beruf machen konnte. Den Cinéclub gab es rund 15 Jahre, dank ihm habe ich – begleitend zum Studium der Filmwissenschaft – das Autorenkino kennengelernt. Oft liessen wir uns von der Retrospektive in Locarno zu Zyklen inspirieren, einige Regisseure, die heuer in Locarno laufen – zum Beispiel der Holländer Alex van Warnerdam – habe ich im Cinéclub kennengelernt.

   
Seit 1995 bin ich auch immer ans Festival gefahren und habe nie einen Tag verpasst, ausser einem: Letztes Jahr musste ich für das Interview mit Ascot-Elite-Chef Ralph Dietrich, der nicht mehr nach Locarno fahren will, weil sich Carlo Chatrian zu wenig für seine Filme wie "Northmen" interessierte, nach Zürich zurück fahren. Mit der Piazza Grande verbinde ich unzählige Erinnerungen, zum Beispiel an THE FULL MONTY (1997), als das Publikum am Schluss stand und klatschte oder an den 224 Minuten kurzen indischen Film LAGAAN (2001), der alle begeisterte. Heute liebe ich die Piazza mehr denn je, denn in letzter Zeit habe ich wegen den zahlreichen Sitzungen im Büro viele Filme nicht mehr im Kino sehen können und musste sie auf dem iPad per Stream nachvisionieren. Umso mehr geniesse ich das Eintauchen in die grösste Leinwand Europas. Ich geniesse auch die halbe Stunde bevor der Film anfängt, wenn die Kamera Zuschauer einfängt, die so glücklich wie verlegen winken, wenn sie sich auf der Leinwand sehen. Gestern unterhielt ich mich zuerst mit Luciano Barisone, dem Direktor des Festivals Visions du Réel von Nyon. Er war nicht so glücklich darüber, dass Nyon-Präsident Claude Ruey auf Facebook geschrieben hat, Carlo Chatrian sei der "fils spirituel" von Barisone, weil das herablassend für den Locarno-Direktor sei. Stimmt. Und dann sass ich neben unserem FRAME-Kolumnisten This Brunner, dem besten Gesprächspartner, den man sich für Kino wünschen kann. Er hat mich ermutigt, noch den Dokfilm AMY über Amy Winehouse nachzuholen, This war blown away und glaubt, dass er den Oscar gewinnen werde. Und beide waren wir uns einig, dass L'HOMME QU'ON AIMAIT TROP (7/10) von André Téchiné, der zurzeit in den Kinos läuft, wunderbar elegant inszeniert ist und dass Adèle Haenel eine Wucht von einer Schauspielerin ist. Auseinander gehen unsere Meinungen zur Deneuve, die im Film Haenels Mutter spielt. This findet sie einmal mehr hinreissend, ich finde sie hier zwar gut, aber sonst hat die Grande Dame des französischen Kinos für mich je länger je mehr etwas Wachsfigurenhaftes, auf jeden Fall sind ihr Schönheitsoperationen nicht gut bekommen.

Gar nicht Wachsfigurenhaft ist hingegen Meryl Streep, die im gestrigen Eröffnungsfilm RICKI AND THE FLASH (6/10) von Jonathan Demme (THE SILENCE OF THE LAMBS) eine alternde Rockgöre verkörpert, die im San Fernando Valley in halbleeren Bars auftritt. Sie wird dann von ihrem Ex-Mann (Kevin Kline) zur Hilfe gerufen, nachdem ihre Tochter – gespielt von Streeps eigener Tochter Mamie Gummer - nach einer gescheiterten Ehe einen Suizidversuch unternommen hat. Da treffen in Indiannapolis zwei Welten aufeinander: hier der bourgeoise Geschäftsmann, dort die mittellose Rockmusikern, mit einem Sternenbanner-Tattoo am Rücken. Das kommt nicht gut, aber die Familie erhält eine zweite Chance, als die zweite Tochter heiratet. Die Tragikomödie ist ziemlich langsam, wirkt wie einer dieser Streifen aus den neunziger Jahren, bei denen Ueli Steiger eine Zeit lang die Kamera machte, ehe er die grossen Kisten für Roland Emmerich fotografierte. Man schaut das nicht ungern, vor allem weil Streep und ihre Tochter mit Verve spielen und freche Sprüche zum Besten geben, die ihnen die begnadete Drehbuchautorin Diablo Cody (JUNO, YOUNG ADULT) in den Mund legt. Aber es fehlt dem Film doch so etwas wie ein Spannungsbogen, er hängt in der Mitte durch. Allerdings gibt es dann dieses in jeder Hinsicht versöhnliche Finale, in dem Meryl Streep an der Hochzeitsfeier zur Gitarre greift und den Bruce-Springsteen-Klassiker "My Love Will Not Let You Down" singt. Das hat mich sogleich an das beste Rockkonzert erinnert, das ich je erlebte: Springsteen 2009 im Stade de Suisse in Bern. Dort sagte The Boss beim magischen Sonnenuntergang diesen Satz: "Rock 'n' Roll is about sexual healing". Was das heisst, zeigte RICKI AND THE FLASH: Die Musik lockt die frigide Verwandtschaft der Sängerin endlich aus ihrer Erstarrung.

Schwach war aber, dass kein einziges Talent den Weg nach Locarno fand, umso mehr, da der Film hier als Weltpremiere lief, aber zwei Tage vor dem Kinostart in den USA wollte die Crew wohl dort die Werbetrommel rühren. Ein A-Festival (Solari: "Eines der besten der Welt") sollte eigentlich zumindest bei der Eröffnung Cast and Crew dabei haben. Ebenfalls eher schwach war der Auftritt von Edward Norton, der einen Ehrenleoparden von einer Champagner-Marke bekam und sich beim Sponsor dafür bedankte, dass er seiner Familie so schöne Ferien am See beschert (Norton logiert im Castello del Sole in Ascona). Immerhin erinnerte er an die grosse Tradition des Festivals, als er sagte, dass hier 1946 einer seiner Lieblingsfilme, ROMA, CITTÀ APERTA, nach dem Zweiten Weltkrieg Premiere feierte. Carlo Chatrian stellte Norton keine einzige Frage. Eine verpasste Chance.

Ebenfalls zum ersten Festivaltag gehört die Eröffnungszeremonie in der Magistrale. Normalerweise ist das für Journalisten eher lästige Pflicht, diesmal freute ich mich, denn: Ich bin fast ein wenig ein Fan von unserem Kulturminister Alain Berset geworden. Er hält immer wieder kluge Reden, die er mit cinéphilen Anspielungen würzt. Man merkt, da liest nicht einer vom Blatt, was ihm ein Beamter vorschrieb, sondern da reflektiert einer über seine Passion, die auch unsere ist: die siebte Kunst! Berset mausert sich immer mehr zum Jack Lang der Schweiz. Zur Eröffnung des Filmfestivals Neuchâtel etwa erklärte er in Anspielung auf die Stephen-King-Verfilmung MISERY (1990), dass auch im Kanton Freiburg eine unheimliche Kathy Bates die Runde mache. Diesmal enttäuschte der Kulturminister jedoch, erschöpfte sich in Allgemeinplätzen wie: Festivals seien da, um das Kino zu promoten oder das Wort cultura (das er erst im zweiten Anlauf richtig aussprach) töne auf Italienisch mit gerolltem r einfach besser als auf Französisch.

Hier also meine Jahrescharts für die Berset-Reden:

  • Schweizer Filmpreis: 5,25
  • Eröffnung Visions du Réel Nyon: 5,5
  • Eröffnung Neuchâtel Fantastic Film Festival: 6
  • Eröffnung Filmfestival Locarno: 3,5

Das nächste Mal spricht Alain Berset zur Eröffnung des Filmfestivals Fantoche in Baden, dort muss er sich wieder steigern.

Tag 2: Warum wird in Locarno ein Leopard verliehen?

     
Eine Frage, die mich jedes Jahr wieder aufs Neue beschäftigt, ist diese: Warum werden am Filmfestival eigentlich Leoparden verliehen, wo doch der Löwe das Wappentier der Stadt ist und es bestimmt nie Leoparden im Tessin gab? Ich habe es schon x-mal abgeklärt, vergesse es aber immer wieder. Darum hier fürs Archiv: Der Leopard wurde als Preis erst 1970 eingeführt, nachdem es nach 1968 in der sehr politischen Ära unter den Direktoren Freddy Buache und Sandro Bianconi gar keine Preise mehr gab. Bis 1968 wurde ein Goldenes Segel verliehen, wobei der Preis einfach Grand Prix hiess. Um einen Neuanfang zu markieren, führte das Festival dann den vom lokalen Künstler Remo Rossi entworfenen Leoparden ein. Über die Gründe kann nur spekuliert werden, wahrscheinlich war es so: Der Löwe im Wappen der Stadt ist so dünn, dass die Bevölkerung sich über ihn lustig machte und spöttelnd meinte, das sei ja eher ein Leopard. Das Tier mit seinem auffälligen schwarzgelben Fell leistet dem Festival gute Dienste, ist es doch in der ganzen Welt bekannt.

Unter Direktorin Irene Bignardi hatte ich einmal im Pressebüro des Festivals gearbeitet und die Katalogtexte vom Italienischen ins Deutsche übersetzt. Zum Dank bekam ich unter anderem mehrere Ausgaben Festivalgeschichte, deren zwei Bände in gelbschwarzen Schuber stecken. Als ich zu Forschungszwecken in Los Angeles war, brachte ich meinen Gesprächspartnern jeweils einen solchen Schuber mit. Die meisten reagierten wie Kenneth Turan, Filmkritiker der Los Angeles Times, der sofort ausrief: "Ah, Locarno!" Obwohl Turan noch nie in Locarno war (Bignardi wollte ihn mehrfach einladen, er durfte aber von der Zeitung aus keinen bezahlten Aufenthalt annehmen), erkannte er das Design. Viele Festivalhipster behalten ja auch den gelbschwarzen Bändel der Akkreditierung. Sie tragen ihn dann an der Croisette auch mit der Akkreditierung von Cannes. Das ist eine Art Code für Gleichgesinnte: Auch ich stehe auf anspruchsvolles Kino. Was mich in Locarno Jahr für Jahr beeindruckt, ist wie die Geschäfte um die Piazza Grande ihre Schaufenster kreativ in den Festivalfarben schmücken. Dies ist sicherlich ein Beweis, dass das Festival trotz den wieder aufflammenden Polemiken von katholischer Seite (letztes Jahr zum Beispiel gegen Polanski) einen grossen Rückhalt unter der Bevölkerung geniesst.

In Locarno dreht sich aber nicht nur alles um Leoparden, sondern auch um den Drachen. "Bridging the Dragon" heisst eine Initiative, an der das Festival beteiligt ist. Sie will eine Brücke schlagen zwischen Filmemachern in Europa und in China. Das Reich der Mitte ist der grösste Wachstumsmarkt der Branche, täglich eröffnen 15 neue Kinos, 2018 wird China die USA als umsatzstärkstes Filmland abgelöst haben. Im Rahmen des "Drachen"-Programms entwickeln je zehn Vertreter beider Länder im gemeinsamen Austausch Drehbücher: Die Europäer schreiben an chinesischen Geschichten und die Chinesen an europäischen. Den Auftakt machte ein Treffen im Juni in Schanghai, verfeinert werden die Stoffe zurzeit auf dem Monte Verità.

Dort traf ich auf Shu Huan, einen der erfolgreichsten Drehbuchautoren Chinas. Er hat das Szenarium zu LOST IN THAILAND (2012) verfasst, der in China mit einem Einspielergebnis von über 180 Millionen Dollar zum erfolgreichsten Film aller Zeiten avancierte. Das komödiantische Roadmovie dreht sich um einen Wissenschafter, der in einer Krise steckt, weil er seine Familie vernachlässigt hat und sich mit zwei Kollegen Richtung Thailand aufmacht, um einen Tempel zu besuchen. "Chinesen lieben es, im Kino exotische Schauplätze zu sehen", erzählte Shu Huan, "wir haben schon viele Filme in Japan und Thailand gedreht, jetzt reizt es uns, auch in Europa Filme zu realisieren." Der Kontinent sei wegen seines Glamours sehr beliebt bei den Chinesen, ein Kollege von ihm drehe gerade auf Sizilien. Vor allem verbinden Chinesen mit Europa die Hoffnung auf ein amouröses Abenteuer. Er selber sei mit europäischen Filmen von Jacques Tati und mit solchen mit Alain Delon aufgewachsen, er habe aber auch ein Faible für das rumänische Kino. Shu Huan sprach auf Chinesisch und liess seine Aussagen von einer Dolmetscherin ins Englische übersetzen. Die übersetzte Version war dann aber jeweils nur ein Drittel so lange wie die Chinesische. Die Sprache bleibt eine Barriere. Wir haben uns jedoch gut verstanden und Shu Huan versprach, mir eine DVD von "Lost in Thailand" zu schicken. Ob ich sie wirklich bekomme? Die dänische Produzentin Rikke Ennis von TrustNordik dämpfte meine Vorfreude etwas. Sie meinte, nebst der Sprache sei die unterschiedliche Kultur eine weitere Barriere, die es zu überwinden gelte. Chinesen würden in Meetings häufig viel versprechen, um höflich zu erscheinen, liessen dem dann aber keine Taten folgen. Man müsse erst Schritt für Schritt ein Vertrauensverhältnis aufbauen, ehe man mit ihnen geschäften könne.

Bei den Filmen habe ich gestern über mich selber gestaunt. Hätte mich jemand gefragt, was mir wohl besser gefalle, ein lesbisches Melodram oder ein Boxerfilm hätte ich als "Rocky"-Fan natürlich auf letzteren gesetzt. Doch LA BELLE SAISON (8/10) von Catherine Corsini hat mich wirklich gerührt. Die Regisseurin erzählt von der jungen Bäuerin Delphine (Izïa Higelin), die auf Frauen steht, dies aber ihren konservativen Eltern nicht zu sagen getraut. Als sie nach Paris geht, um etwas Geld zu verdienen, verliebt sie sich in die ältere feministische Aktivistin Carole (Cécile de France), die mit einem Mann zusammen lebt, aber diesen für Delphine verlässt. Als Carole ihr in die Provinz folgt, kommt alles anders, als es die Frauen und der Zuschauer erwarten. Wie so viele französische Filme ist auch dieses Melodram nah am Leben, schlägt mit glaubwürdigen, fein gezeichneten Figuren in den Bann. Beim Interview im Hotel Belvedere erzählte mir Cécile de France, die sich im Miniröcklein auf dem Sofa räkelte, dass die Geschichte im Wesentlichen auf den Erfahrungen von Regisseurin Corsini beruhe. Ich fragte dann, ob ich auch noch Corsini interviewen könne, was nach einem kurzen SMS-Wechsel zwischen dem PR-Verantwortlichen vom Verleiher Cineworx und der Regisseurin, die gerade am Pool lag, klappte. Das Gespräch mit ihr war sehr aufschlussreich. Sie erzählte, dass sie diesen Liebesfilm habe machen müssen, auch als Reaktion auf die Massendemonstrationen in Frankreich gegen die Homo-Ehe. Frankreich sei zurzeit politisch regressiv und das führe dazu, dass sie mehr und mehr zur Feministin werde, obwohl sie einst mit der Bewegung wenig zu tun hatte. Die Interviews bestätigten mir, was ich schon lange denke: Schauspieler mögen medial attraktiv sein, aber Regisseure sind immer die spannenderen Interviewpartner, weil sie einen Film einfach viel stärker zu reflektieren wissen.


Am Abend sah ich dann noch SOUTHPAW (7/10) von Antoine Fuqua (TRAINING DAY), der heute auf der Piazza in seconda serata aufgeführt wird. Fuqua richtet ab der ersten Einstellung mit einem prätentiösen "Buah, ist das krass"-Gestus an, zeigt in Nahaufnahmen das blutende Gesicht eines erfolgreichen Boxers mit dem bedeutungsschwangeren Namen Hope (Jake Gyllenhaal), der einst aus der Gosse kam und Weltmeister wurde. Nachdem bei einem Handgemenge mit einem hispanischen Herausforderer seine Frau erschossen wurde, dreht er durch und verliert alles: Ansehen, Geld, das Haus, das Sorgerecht für die Tochter. Für sie, so die simple Moral, kämpft er sich zurück. Das Ganze ist durchaus spannend, erscheint aber auch wie ein einziges Plagiat: Da gibt es keine einzige originelle Szene, alles scheint man schon einmal gesehen zu haben. Doch im Finale, wenn Hope den Kampf seines Lebens kämpft, bin ich dem Film dann doch erlegen. So brutal Boxen ist, so hat der Sport doch eine unglaubliche Ästhetik und mit den hin und her fliegenden Fäusten eine urfilmische Dynamik. Doch den Oscar wird Gyllenhaal trotz dem gegenwärtigen Hype mit diesem aufgeblasenen Film nicht gewinnen, dafür hat seine Figur zu wenig Tiefe.

Tag 3: Amy Schumer – Und wie das neue Filmbulletin gefällt

     
Gestern Freitag war ich im Kino Kursaal und wunderte mich über die lange Schlange, bis zur Strasse standen die Leute an. Kein Wunder, werden erfahrene Festivaliers sagen, so ist das halt bei der Semaine de la Critique. Die Leute standen aber nicht für die Semaine an, sondern für die Pressevorstellung der Hollywoodkomödie TRAINWRECK von Judd Apatow. Da musste ich wieder einmal an das denken, was Wolfram Knorr in seinem 2000 erschienen Buch "Movies, Monsters, Macht und Massen" im Zusammenhang mit Cannes schrieb, nämlich, dass die Kritiker zwar gerne über die Traumfabrik schnödeten, aber dann doch jedes Mal in corpore zur Stelle seien, wenn ein Mainstreamfilm gezeigt werde. Bei einem afghanischen Sozialdrama, in dem zwei Witwen nach dem Krieg zum Brunnen gehen, hat es nämlich nicht einmal einen Drittel so viele Leute. Es waren also alle da, um Amy Schumer zu sehen, auch jene Kritiker des geistigen Jahrgangs 1968, die doch so gerne über Hollywood lästern.


Der Film? TRAINWRECK (6/10) ist mehr Amy-Schumer-Show denn ein neuer Judd-Apatow-Film. Die Komödiennudel, die in den USA mit ihrer TV-Serie INSIDE AMY SCHUMER zum Star avancierte, hat das Drehbuch selber geschrieben und darin, wie sie selber sagt, eigene Erfahrungen aus ihrem Liebesleben – etwa die Schwierigkeit, mit bloss einem Mann zusammen zu sein – einfliessen lassen. Schumer spielt Amy, eine Journalistin, die desillusioniert ist, ständig kifft, trinkt und wahllos Männer abschleppt, wobei ihre Regel lautet, nie über Nacht zu bleiben. Sie erhält nun von ihrer Chefredaktorin, welche Tilda Swinton hinreissend als Kratzbürste spielt, den Auftrag, einen bissigen Artikel über einen erfolgreichen Sportmediziner (Bill Hader) zu schreiben, der auch schon Roger Federer behandelt hat. Amy besucht ihn – und verliebt sich. Der Film beginnt als derbe Komödie, in der Amy von einem Muskelprotz verlangt, dass er beim Sex schmutzige Sachen sagt. Sie selber sondert fleissig Obszönitäten ab. Geradezu lächerlich ist aber, dass sie beim Akt trotzdem die Kleider anbehält. So trägt Schumer eben doch jener Prüderie Rechnung, die sie mit ihren politisch unkorrekten, neofeministischen Tabu-Bruch-Sprüchen eigentlich pulverisieren will. Der Film lässt einen runden Spannungsbogen vermissen, wie man ihn in Apatows früheren Filmen wie KNOCKED UP schätze. Er ist letztlich eine Nummernrevue mit Amy Schumer, die mit frecher Klappe für viele Lacher sorgt. Verfolgte man diesen Piazza-Film bloss akustisch, man würde eher auf eine Sitcom als einen Spielfilm tippen. TRAINWRECK lebt stark vom Drehbuch, was ihm fehlt, ist eine cineastische Dimension, prägnante Bilder etwa – einzige Ausnahme: die Aufnahmen von Frauenschuhen und heruntergelassenen Slips, während zwei Freundinnen auf dem WC hinter verschlossenen Türen miteinander quatschen. Ästhetisch wirkt der Film wie eine beliebige TV-Produktion. Zum Schluss hin wird aus dem Befindlichkeitsporträt einer urbanen Frau dann doch ein moralisches Sittendrama, das mit wahrer Liebe abgerundet sein will. Unterhaltsam, schnell vergessen.

Vor dem Film war ich im bis auf den letzten Platz gefüllten Teatro Paravento, wo Jean-Pierre Hoby und Tereza Fischer das neue Filmbulletin vorstellten – und Gott sei Dank Fächer verteilten, mit denen man sich etwas frische Luft verschaffen konnte. Die Zeitschrift aus Winterthur gibt es seit 57 Jahren, lange wurde sie von Walt R. Vian geleitet, der ein kauziger Cinéphiler ist, der sich um jedes Rauchverbot foutiert – fast so, als wäre er eine Figur aus einem Nouvelle-Vague-Film der sechziger Jahre. Ich lese das Filmbulletin seit mindestens 23 Jahren, habe auch schon mal einen Essay über den Neorealismus als Reaktion auf den Faschismus darin veröffentlichen dürfen. In der "NZZ am Sonntag" habe ich das Filmbulletin als "das Cahiers du Cinéma für den deutschsprachigen Raum" als Weihnachtsgeschenk empfohlen. Und als ein Beamter in der Sektion Film des Bundesamtes für Kultur vor ein paar Jahren meinte, der Zeitschrift die Zuschüsse streichen zu müssen, sind wir vom Schweizerischen Verband der Filmjournalisten in Bern bei Filmchef Ivo Kummer vorstellig geworden, um das zu verhindern – mit Erfolg. Es wäre wirklich peinlich gewesen, wenn ausgerechnet Ivo, der als Direktor der Solothurner Filmtage immer froh war um die Artikel im Filmbulletin, als erste Amtshandlung dem international angesehenen Heft den Todesstoss verpasst hätte. Allerdings ist mir das Filmbulletin zuletzt etwas abhandengekommen. Ich finde die Themenwahl oft zu akademisch und zuweilen werden Filme besprochen, die bei Erscheinen des Heftes schon fast durch sind im Kino. Deshalb habe ich mich gefreut, als mir Tereza bei einem Lunch vor ein paar Monaten erzählte, dass sie nun an einem Re-Launch arbeite und das Heft verjüngen wolle. Optisch ist das Heft jetzt aber eher wieder etwas älter geworden, erinnern doch Layout und Schriftzug an Zeitschriften aus den sechziger Jahren, der Blütezeit der Filmpublizistik. Das Cover zieren zwei Bilder, eines zur Retrospektive über Sam Peckinpah, das andere zum Cutter Walter Murch, der in Locarno den Vision Award erhält. Diese cinéphile Gewichtung gefällt mir, weil das Heft so unverwechselbar und einzigartig bleibt. Bei den Texten würde ich mir als Leser wünschen, dass man mir wenigstens den Aufhänger – im Jargon der FRAME-Redaktion: den justifier – für die Beiträge verrät (möglichst im Lead), zum Beispiel: dass Murch in Locarno geehrt wird, sonst hängen die Artikel ohne erkennbaren Mehrwert im luftleeren Raum. Im Übrigen ist das Layout jetzt wie alle neuen Layouts: luftiger, mit viel Weissraum und verspielten Titeln und Leads. Das erschwert auf Anhieb das Navigieren: Wo steht der Autor des Textes? Was ist Titel, was Lead? Aber daran gewöhnt man sich wohl rasch, das Heft kommt ja achtmal pro Jahr raus. Kein Fan bin ich von Briefmarkenseiten wie der Seite 11, die nicht weniger als 10 Filmstills enthält. Die erste Nummer enthält einen hervorragenden Beitrag von Johannes Binotto zu Peckinpah, den er als "fall out man" zwischen altem, klassischem Hollywood und New Hollywood charakterisiert und gegen den Vorwurf des Gewaltverherrlichens verteidigt. Was mir an Binottos Text gefällt, gilt für das ganze Heft: Die Autoren tragen immer auch technischen Aspekten wie der Montage Rechnung. Damit heben sie sich ab von der Tageskritik in den Zeitungen, die eigentlich fast nur noch von der Regie spricht und die Leistung der Schauspieler bewertet. Ein weiteres Highlight der neuen Ausgabe ist die Kolumne "Spoiler" von Simon Spiegel, der darin das Phänomen der Spoilerhysterie analysiert, die jedem Filmkritiker, der ein My vom Inhalt nach dem Cliffhanger preisgibt, gesellschaftliche Ächtung einträgt. In dem Gefäss will Spiegel fortan den Aufbau von Filmen analysieren (diesmal von Christopher Nolans INTERSTELLAR), um aufzuzeigen, wie sie unsere Rezeption lenken. Und ganz toll finde ich auch, dass die Zeitschrift weiterhin kompetent Filmbücher rezensiert. Chefredaktorin Tereza Fischer sagte bei der Präsentation, sie wolle mit dem Heft "cineastischen Slowfood" jenseits der Aktualität bieten. Wenn ich mich erfrechen darf, als Abonnent einen Wunsch zu äussern, dann den: Bitte bringt etwas mehr Kritiken von jungen Filmkritikern. Es gibt in der Schweiz viele junge Autoren, die sich zurzeit im Internet austoben, aber auch mal etwas fürs Filmbulletin machen könnten. Ich wünsche dem Team mit dem Re-Launch des Heftes viel Erfolg und freue mich bereits auf die nächste Ausgabe!

Heute Samstag war ich noch an der Vergabe des achten Doc Alliance Awards im Hotel Belvedere. Doc Alliance ist ein Zusammenschluss von sieben europäischen Dokfilmfestivals, u. a. Visions du Réel Nyon, Dok Leipzig und Doc Lisboa, die über den Verbund gemeinsam jungen Dokfilmregisseuren zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen wollen (hier mehr Informationen). Zu diesem Zweck wählt jedes Festival aus seiner letzten Ausgabe einen Erstlings- oder Zweitlingsfilm aus und eine Jury aus sieben Filmkritikern entscheidet dann, welches der beste Film ist. Ich war heuer zum zweiten Mal als Vertreter von Nyon in der Jury. Die Arbeit ist ziemlich stressig, weil man die Dokumentarfilme just vor oder während Cannes visionieren muss. Sie ist aber sehr befriedigend, weil die Auswahl hochkarätig ist. Früher ging die Preisverleihung jeweils in Cannes über die Bühne, wo ich wegen wichtigen Screenings gar nicht teilnehmen konnte. Nun also fand sie zum ersten Mal in Locarno statt. Gewonnen hat HOMELAND (IRAQI YEAR ZERO) von Abbas Fahdel, der dieses Jahr in Nyon den Goldenen Sesterz erhielt.

Fahdel ist 2003 von Paris in seine Heimat, den Irak, zurückgekehrt, um seine Familie in der Zeit vor den amerikanischen Bombardements zu filmen. 2004, nach dem Krieg, hat er sie erneut mit der Kamera begleitet. Er lässt uns in den Alltag seiner Verwandten eintauchen, zeigt Kinder, die bloss spielen wollen und er zeigt auch, wie allmählich der Schrecken über die Menschen hereinbrechen. Obwohl der Film 334 Minuten dauert, habe ich kein einziges Mal auf die Uhr geschaut. Er hat mich gepackt, berührt und zum Nachdenken angeregt. Deshalb habe ich ihm meine Stimme gegeben. Bei der Preisverleihung sagte Nyon-Direktor Luciano Barrisone etwas sehr Kluges: Der Film beantworte zwei Fragen: Was macht eine Familie vor dem Krieg? – Leben. Was macht eine Familie nach dem Krieg? – Überleben. Sichtlich gerührt über den Preis erzählte Fahdel, dass seine Verwandten zunächst dagegen waren, dass er sie porträtiere, als der Film dann aber von vielen Menschen gesehen wurde, habe ihnen die Solidarität der Zuschauer Trost gespendet. Fahdel sagte auch, dass er seit dem Erfolg in Nyon täglich Anfragen von weiteren Festivals bekomme, die sein Werk ebenfalls zeigen wollten. Wer HOMELAND (IRAQI YEAR ZERO) in einem Programm entdeckt: Hingehen, für diesen Film lege ich meine Hand ins Feuer.

Tag 4: Warum die Oscar-Academy in Locarno ist

   
Eine schöne Tradition in Locarno ist das Dinner in der Casorella, dem ehemaligen Schloss hinter der Piazza Grande, welches das Festival allabendlich zu Ehren des Piazzafilms und seiner Crew ausrichtet. Ich werde meist einmal pro Ausgabe zu einem solchen eingeladen. Gestern sass ich am Tisch mit dem holländischen Regisseur Alex van Warmerdam, seinem Bruder und Produzenten Marc, Senta Berger und ihrem Ehemann Michael Verhoeven sowie zwei Amerikanern, die Bücher über Sam Peckinpah geschrieben haben. Van Warmerdam hatte gerade im Fevi seinen Wettbewerbsbeitrag SCHNEIDER VS. BAX (9/10) vorgestellt. Ich war bestens für eine Konversation vorbereitet. Aus Versehen hatte ich die schwarze Komödie nämlich zweimal gesehen. Morgens um 9 Uhr in der Pressevorstellung und um 16.30 im Fevi. Ich dachte eigentlich, ich sitze in der Premiere des Films KEEPER von Guillaume Senez, in dem der junge Lausanner Kacey Mottet Klein, der mir einst in HOME von Ursula Meier aufgefallen ist, einen verliebten jungen Mann spielt, dessen Freundin schwanger wird. Meine Kollegin Flavia Giorgetta hat im aktuellen «Frame» ein schönes Porträt über ihn verfasst. Aber eben, es war dann das falsche Kino und so blieb ich halt nochmals sitzen.

In SCHNEIDER VS. BAX soll ein Auftragskiller just an seinem Geburtstag, als seine Frau für die ganze Familie kocht, einen Schriftsteller (van Warmerdam) umlegen. Dieser lebt in einem Haus in einer Sumpflandschaft und stellt gerade seine junge Geliebte vor die Tür, weil seine depressive Tochter zu Besuch kommt. Es gibt dann zahlreiche Verwechslungen und einen westernmässiges Finale mit einem Duell der Kontrahenten. Wie meist bei van Warmerdam spielt sich das groteske Geschehen rund um ein einzelnes Haus ab. Der Holländer brilliert mit kauzigen Figuren, absurder Situationskomik und einem mit desaturierten Farben stilisierten Universum mitten in der Natur. Sein letzter Film BORGMAN lief vor zwei Jahren im Wettbewerb von Cannes. Während dem Rindsfilet erzählte van Warmerdam, der auch schon mehrfach Stücke am Theaterspektakel in Zürich inszeniert hatte, dass die Franzosen ihn auch für diesen Film lange hingehalten haben; erst am Abend vor der Pressekonferenz habe er eine Absage erhalten. Van Warmerdam hat ein schwieriges Verhältnis mit der Grande Nation, weil die Franzosen seinen letzten Film nicht mochten, er erhielt schlechte Kritiken und war im Kino ein Flop. Das liegt meiner Meinung nach daran, dass er Genrekino macht, das ohne Sozialkritik auskommt.

Der Regisseur erzählte auch, dass ihn der ehemalige Cannes-Direktor Gilles Jacob nicht möge, was aber auf Gegenseitigkeit beruhe. Er hat ihn 2013 an einem Dîner in Cannes getroffen und fand ihn eingebildet – Jacob sei völlig auf sich selber fixiert. In Locarno weilt er zum ersten Mal. Zwar haben auch Venedig und San Sebastian um SCHNEIDER VS. BAX gebuhlt, doch Locarno-Direktor Carlo Chatrian habe ihm per E-Mail ein enthusiastisches Feedback gegeben, das sehr detailliert gewesen sei, fast wie eine Filmkritik. "If this guy is so excited, so let's go to Locarno then" habe er seinem Bruder und langjährigen Produzenten gesagt. Hier kam sein Film gut an, nicht nur im Fevi gab es viel Applaus, sogar nach der Pressevorstellung, was eher selten ist. Hoffentlich bringt uns ein Schweizer Verleiher diese schwarze Komödie ins Kino.

Das Dessert nahm ich dann in der Casorella am TRAINWRECK-Tisch ein, wo mich Nadia Dresti vom Industry Office Duncan Clark vorgestellt hat, dem Präsidenten von Universal Pictures International, der extra für das Screening aus London eingeflogen ist. Dresti und er haben früher bei Fox zusammengearbeitet und mögen sich offensichtlich, sie waren ziemlich flirty. Die Universal-Leute waren leicht nervös, weil es um 21 Uhr immer noch blitzte. Ständig ging jemand zum Fenster, um zu sehen, ob es noch regnete. Schliesslich rief Carlo Chatrian aber um 21.15 Uhr von der Piazza aus an und sagte, die Vorstellung finde im Freien statt. Es ging dann alles gut, es blieb trocken und 8500 Zuschauer lachten über TRAINWRECK. Clark, ein freundlicher, aber auch Autorität ausstrahlender Mann (es wär völlig klar, dass er der Chef ist am Tisch), schaute sich während des Desserts die beiden letzten Ausgaben von «Frame» an. Er war beeindruckt, dass ein Verlagshaus wie die NZZ in schwierigen Zeiten der Presse ein neues Printprodukt herausbringt, in Zusammenarbeit mit dem Zurich Film Festival. Bei der aktuellen Ausgabe zeigte er mit dem Finger auf den Kopf von Marc Forster auf dem Cover und fragte: "Who is that guy?" Clark versicherte, dass Universal viel an gehobenen Produktionen für ein anspruchsvolles Publikum liege und sein Studio diese neben Blockbuster wie JURASSIC WORLD und FIFTY SHADES OF GREY pflege. Und er entschuldigte sich, dass Universal oft so schwierig sei für die Presse, weil es meist immer erst kurz vor Filmstart Möglichkeiten für Interviews gebe – man arbeitete daran. Das Piazza-Screening hat ihn offenbar sehr beeindruckt. Ich bin dann aber den Thriller YEAR OF THE DRAGON (9/10) von Michael Cimino schauen gegangen.

Der Regisseur war sehr gerührt, dass so viele junge Leute gekommen waren – "bella gente", rief er ins Publikum. Er trug eine grosse Sonnenbrille und sah aus wie eine Frau. Es hiess ja vor ein paar Jahren, er habe eine Geschlechtsumwandlung gemacht und heisse nun Michaela. Dass dies passiert sei, sagte mir 2008 sogar Isabelle Huppert, als sie für die Premiere von HOME in Zürich war. Huppert ist mit Cimino befreundet, seit sie in HEAVEN'S GATE (1980) mitspielte. Aber offenbar hat Cimino die Umwandlung im letzten Moment abgebrochen. Wie auch immer, YEAR OF THE DRAGON ist ein Hammer-Film, Kino, wie ich es liebe – wegen solchen Filmen bin ich zum Cinéphilen geworden. Mickey Rourke verkörpert einen rassistischen Cop, der im New Yorker Chinatown aufräumen will, wo die Triadenbosse mit Rauschgift handeln und Italiener umbringen, die ihr Geschäft stören. Im ethischen Dickicht verliebt sich der verheiratete Cop in eine chinesisch stämmige Fernsehjournalistin. Der Thriller ist cool fotografiert, Cimino vermittelt immer einen Eindruck von Gewusel und Unübersichtlichkeit, wenn seine Kamera in die Chinatown eintaucht. Schade, gibt es heute nicht mehr so viele Cop-Thriller! Zum Glück war ich in den achtziger und frühen neunziger Jahren jung und durfte mit Filmen wie diesem, IN THE LINE OF FIRE, SEA OF LOVE, HEAT oder BASIC INSTINCT aufwachsen, die von grossen Regisseuren inszeniert wurden, mit Stars besetzt sind, die mit coolem Understatement spielen und einfach hundert Mal spannender sind als die ewiggleichen Superheldenfilme mit ihrem blutleeren Bombast.

Heute durfte ich im Swiss-Films-Zelt mit Carola Ash lunchen. Die Amerikanerin mit kubanischen Wurzeln ist die Frau, von der hier alle etwas wollen. Sie ist die Europachefin der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, welche die Oscars verleiht und schaut sich in Locarno nach Talenten um, die in dieser erlauchten Organisation Mitglied werden könnten. Ash geht es aber auch darum, den Europäern zu erklären, dass die Academy weit mehr als eine Organisation ist, welche die Oscars verleiht. Sie unterstützt zum Beispiel Filmfestivals, fördert filmwissenschaftliche Forschung und vergibt Stipendien für Filmschulen. Ich selber verdanke der Academy viel. Denn meine Dissertation, die unter dem Titel "Hollywood in Canne$: Die Geschichte einer Hassliebe" als Buch erschienen ist, habe ich zu grossen Teilen dank Dokumenten aus der Margaret Herrick Library der Academy in Los Angeles schreiben können, wo ich zwei Monate lang forschte. Dort bin ich in den Nachlässen von Hitchcock, George Stevens oder John Huston auf Korrespondenzen zwischen den Regisseuren, ihren Studios und dem Festival gestossen.

Die Academy betreibt ein hervorragend geführtes und zugängliches Archiv, an dem sich noch manche europäische Forschungsstelle ein Beispiel nehmen könnte. Deshalb verteidige ich die Academy immer, wenn wieder irgendein ahnungsloser alter Filmkritiker, der sowieso noch nie in L.A. war, über die Oscars spöttelt und meint, die Show drehe sich ja bloss um oberflächlichen Glamour. Man braucht ja nur mal zu schauen, welche Filme in den letzten Jahren in der Kategorie "best foreign language film" ausgezeichnet wurden (zum Beispiel LA GRANDE BELLEZZA), um zu merken, dass da kompetente Leute abstimmen. Ash erzählte mir, dass die Academy immer noch stark von alten, weiss, jüdischen Amerikanern geprägt werde und sich nun öffnen wolle. Deshalb ist es ihre Aufgabe, dem Führungsausschuss in L.A. neue Mitglieder aus europäischen Ländern vorzuschlagen und zwar nicht nur Regisseure, sondern auch Kameraleute, Casting-Direktoren oder Marketingprofis. Zurzeit stammen zehn Prozent aller Mitglieder aus Europa. Um sie besser miteinander zu vernetzen, hat Ash kürzlich in London ein Treffen für alle europäischen Mitglieder einberufen. Bald soll ein zweites folgen, vielleicht in Paris. Ash war beeindruckt, als ich ihr den Oscar-Special aus dem «Frame» vom Februar zeigte. Ich hoffe, sie kann uns dann im nächsten Jahr die eine oder andere Tür öffnen am Hof ihrer Organisation. Nach Locarno kam Ash übrigens nicht alleine. Sie war früher Associate Producer von Andy Garcia – beide haben kubanische Wurzeln – und hat den Star mit dem Festival in Kontakt gesetzt. Am Freitag wurde Garcia auf der Piazza Grande mit einem Leoparden geehrt. Da kommt mir der Satz in den Sinn, den mir Beki Probst 2001 nach einem Interview an der Berlinale auf den Weg gab. "Wüsster, the film business is a people's business". Es geht nichts über gute Kontakte.

Heute Nachmittag dann hat der Schweizerische Verband der Filmjournalisten in der Magnolia eine Podiumsdiskussion zum Thema "Wie viel Sponsoring vertragen Filmfestivals?" durchgeführt. Es diskutierten Marco Solari, Locarno-Präsident, Nadja Schildknecht, Co-Direktorin des Zurich Film Festival, Res Strehle, Chefredaktor des Tages-Anzeiger, Philippe Clivaz, Präsident der Conférence des festivals und Patrick Cotting, Sponsorexperte der Università della Svizzera italiana. Solari und Clivaz sehen überhaupt kein Problem darin, dass immer häufiger Trophäen nach Sponsoren benannt werden. Solari gelobte sogar, man werde gewisse Grenzen nicht überschreiten, lieber verliere er einen Sponsor, der eine Million gebe (was Locarno heute noch nicht hat), als dass er eine Einflussnahme eines Sponsors auf das Programm zulasse. Er bekam dann einige Kritik dafür zu hören, dass auf der Piazza die Präsenz der Sponsoren auf der Bühne und bei den guten Plätzen gewachsen sei, während die Cinéphilen immer mehr an den Rand gedrängt würden. Im Unterschied zu Locarno lässt Zürich keine Sponsoren auf die Bühne, wie Schildknecht sagte. Sie bemüht sich auch, dass Sponsoren nicht allzu stark im Kernbereich präsent seien, sondern eher im Umfeld, zum Beispiel mit einem nach ihnen benannten Festivaldrink. Sie suche mit den Partnern immer nach kreativen Lösungen, was auch meistens gelinge.

Nebst der souveränen Moderatorin Philippa de Roten von RTS animierte auch Res Strehle die Debatte, der mehrmals bei Schildknecht und Solari nachfragte, wo genau sie denn die Grenzen ziehen. Solari erklärte dann, das Festival verdanke sein Ansehen ganz entschieden einer Schweizer Bank (was ihm Pfiffe eintrug) und führte aus, dass man nur dank Sponsoren überhaupt Stars wie Edward Norton einladen könne. Am Anfang stünde aber immer zuerst der Wunsch des künstlerischen Direktors, einen Filmschaffenden auszuzeichnen, erst später suche man nach Mitteln, seine Präsenz zu finanzieren. Solari glaubt auch, dass die junge Generation heute viel toleranter gegenüber Werbung sei, weil sie dieser im Alltag ohnehin viel stärker ausgesetzt sei als das noch bei 68ern der Fall war.

Ich bleibe bei meiner Meinung: Es ist ein protokollarischer Fehler, wenn auf der Piazza zuerst ein trailerlanger Werbeclip gezeigt wird und dann der Star, dieses Jahr etwa Edward Norton, den Preis von einem Sponsor erhält. Ein Preis ist eine kanonische Anerkennung für künstlerische Leistung, deshalb sollte ihn der künstlerische Direktor verleihen. Nur er.

Tag 5: Schweizer Filme im Fevi

    
Normalerweise sehe ich in Locarno fast alle Filme im Teatro Kursaal, wo die Pressevorstellungen stattfinden. Dies liegt auch daran, dass ich über zehn Jahre lang im Hotel Pestalozzi untergebracht war, das gleich hinter dem Kursaal steht. Es ist das Hotel der Filmkritiker, die Kollegen Sennhauser (SRF 2 Kultur) und Lerf (Sonntags Zeitung) sowie die Tessiner waren auch dort und spätestens nach dem ersten Wochenende diskutierten wir beim Frühstück darüber, welcher Film wohl den Goldenen Leoparden gewinnen würde. Nun wird das Hotel umgebaut und weil ich das zu spät realisierte, bin ich in einer Pension bei der Rotonda gelandet. Nun treffe ich keine Kollegen mehr beim Frühstück (das zu pumpenden Bässen in einem Spielsalon serviert wird) und auch sonst gibt es nicht viel Erbauendes über diese stinkende Unterkunft zu sagen, nur so viel: Sie erinnert mich an die Drogenhöhlen, in denen in Werner Herzogs Film noir THE BAD LIEUTENANT: PORT OF CALL NEW ORLEANS der von Nicolas Cage gespielte Cop ermittelt. Einen Leguan habe ich hier zwar noch nicht gesehen, aber es ist hier so feucht-heiss, dass es wohl nur noch eine Frage der Zeit ist, bis die ersten Reptilien hier heimisch werden.

Weil ich jetzt also am anderen Ende der Stadt untergebracht bin, schaue ich mir fast alle Filme im nahe gelegenen Fevi an. Mit dieser Mehrzweckhalle verbindet mich eine Art Hassliebe. Sie ist wohl der hässlichste Ort an der mittlerweile an hässlichen Gebäuden nicht mehr armen Stadt. Aber sie ist auch der Ort, wo sich alljährlich das Wunder von Locarno wiederholt: Selbst bei schönstem Badewetter stehen Tausende von Filmfans in der brütenden Hitze Schlange, um auf einem unbequemen Plastikstuhl einen schwierigen Film aus einem kleinen Land zu sehen, der im regulären Kinoprogramm in der ganzen Schweiz weniger Eintritte machen würde als hier in einer Vorstellung. Im Fevi habe ich schon anstrengende Filme ausgesessen – am schlimmsten war ERHÖHTE WALDBRANDGEFAHR – und ich habe regelrechte cineastische Offenbarungen erlebt, etwa bei GERRY von Gus Van Sant und ONE HOUR PHOTO mit Robin Williams. Beide liefen im Gran-Riserva-Jahr 2002, als Irene Bignardi Direktorin war.

Gestern habe ich gleich drei Filme hintereinander im Fevi gesehen, zuerst die poetische comédie humaine CHANT D'HIVER (5/10) des georgischen Altmeisters Otar Iosseliani. Er selber kam nicht zur Vorstellung, welche die schlechtestbesuchte in living memory war. Immerhin, die hartgesottenen Cinéphilen waren da: Freddy Buache, der jetzt an einem Stock geht, sass wie immer in der ersten Reihe und David Streiff am Ende des ersten Drittels. Der Film beginnt mit einer Enthauptung während der Französischen Revolution und spielt dann im Paris von heute, wo ein im Luxus schwelgender Polizeipräfekt Zeltstätten von Obdachlosen räumen lässt, wobei seine Handlanger einen schweren Stand haben gegen die zusammen haltenden Clochards. CHANT D'HIVER feiert die Solidarität der einfachen Leute. Er verweigert sich einer traditionellen Erzählung, er besteht vielmehr aus komischen, lose verbundenen Vignetten – in der lustigsten wird ein Clochard von einer Dampfwalze platt gefahren. Er habe zeigen wollen, dass nicht erst die islamischen Gotteskrieger Leute enthaupteten, sondern dass die Franzosen zur Zeit Dantons selber 100 000 Bürger köpften, erklärte Iosseliani am Nachmittag beim Interview auf der Terrasse seines Hotelzimmers am Lago Maggiore. Der 81-jährige Iosseliani, den das Stadtkino Basel im Oktober mit einer grossen Retrospektive ehrt, erinnerte mich mit seinem Film, aber auch als Person an den Alain Tanner der letzten Filme: Er ist einer der letzten Vertreter des Autorenkinos der 68er, der völlig out of synch mit der modernen Welt ist. Jedenfalls sagte er, dass er selber nicht mehr ins Kino gehe, weil dort ohnehin nur noch Bullshit laufe.

Vom zweiten Film im Fevi war ich etwas enttäuscht: WILD WOMEN: GENTLE BEASTS (4/10) von Anka Schmid. Der Film hat ein tolles Plakat, auf dem eine blonde Dompteuse mit einem bengalischen Tiger schmust. Die Schweizer Regisseurin porträtiert dann mehrere, meist junge Frauen aus verschiedenen Ländern (Ägypten, Ukraine, Frankreich, Deutschland), die mit Tigern, Löwen oder Bären in der Manege auftreten. Sie zeigt sie bei ihrer Arbeit, wobei Schmid oft durch Gitter gefilmt hat. Ihr Dokumentarfilm hat das gleiche Problem wie der FC Zürich: Man ist sich als Zuschauer heute dank Profifussball im Fernsehen an ein solch hohes Niveau gewöhnt, dass die Spiele im heimischen Stadion oft etwas lahm wirken. Und man ist sich als Zuschauer vom Fernsehen her auch an so tolle Zirkusbilder gewöhnt, dass jene aus Schmids Film etwas unspektakulär wirken. Ich hätte mir mehr Nahaufnahmen von jenem magischen Moment gewünscht, wo Dompteuse und Raubkatze intim werden. Spannend zu sehen ist jedoch, in welch unglamourösen Ambiente die Frauen leben. Schliesslich streift Schmid lediglich ein Thema, das doch eigentlich hoch interessant ist, nämlich die Frage nach der sexuellen Konnotation der Show. Warum treten die Dompteusen in aufreizender Kleidung auf (Netzstrümpfe, Stiefel) und schminken sich, als wollten sie einen Kerl verführen?

Der zweite Schweizer Film, HEIMATLAND (7/10), war dann ein regelrechtes Ereignis. Fast bis auf den letzten Platz war das Fevi gefüllt, ich sass in der sechst hintersten Reihe. Der Film ist eine Kollektivarbeit dieser zehn jungen Regisseure: Lisa Blatter, Gregor Frei, Benny Jaberg, Carmen Jaquier, Jonas Meier, Tobias Nölle, Lionel Rupp, Mike Scheiwiller, Jan Gassmann und Michael Krummenacher. Allein die starke Präsenz dieser optimistischen Crew (wann sah man so viele lachende junge Leute auf der Bühne?) war ein starkes Statement: Wir sind die Zukunft des Schweizer Films! In ihrem Film vermischen sie das Genrekino des Katastrophenfilms mit dem sozialkritischen Autorenfilm. Über der Schweiz macht sich – ausgehend von der konservativen Innerschweiz – eine Wolke breit. Meteorologen sagen einen orkanartigen Sturm voraus. Während Jean Ziegler am Fernsehen von einer Strafe für egoistische Politik spricht, ergreifen viele Eidgenossen die Flucht. In der genialen Schlussszene, die wie eine Umkehr aus DAS BOOT IST VOLL  wirkt, schliesst die EU die Grenzen, nur noch eine aus dem Balkan stammende Familie darf nach Deutschland ausreisen, ein mit Bargeld wedelnder Schweizer wird abgewiesen. Dafür gab es in der Publikumsvorstellung Applaus aus offener Szene. Es lässt sich wirklich viel Gutes sagen, über diesen mehrheitlich in nächtlich flirrenden Bildern gedrehten Ensemblefilm. Aber leider auch dies: Es ist in seiner politischen Eindeutigkeit auch ein film facile, der kaum Figuren hat, mit denen man emotional mitfieberte. Die Kritik wird jetzt wieder delirieren, hoffentlich ereilt diesen starken Film nicht das gleiche Schicksal wie CHRIEG, der trotz Kritikerhype keine 8000 Zuschauer im Kino erreichte. HEIMATLAND erhielt gestern im Fevi kurzen kräftigen Applaus.

Ebenfalls beim Fevi fand die Master Class mit Michael Cimino statt – das Ereignis im Programm, auf das ich mich am meisten gefreut habe. Bei vielen Cinéphilen ist es jetzt in geworden, Cimino zu dissen. Pierre Rissient findet den Ehrenleoparden an ihn überrissen, beim Dinner am Samstag in der Casorella sass ich neben einem wichtigtuerischen Filmwissenschaftler aus Amerika, der spöttisch meinte, Cimino habe ja bloss einen guten Film gemacht, THE DEER HUNTER, der aber kein Meisterwerk sei. Für mich gehört Cimino zu den ganz Grossen. Er hat zwar nur sieben Spielfilme realisiert, die aber alle sehenswert sind. Mir gefällt er, weil er zu diesen New Yorker Berserkern gehört, die – wie auch Scorsese oder Oliver Stone (mit dem er das Drehbuch zu THE YEAR OF THE DRAGON geschrieben hat) – mit dem Opus-Magnum-Anspruch ans Werk gehen. Natürlich ist HEAVEN'S GATE ein misslungener Film, weil er überhaupt keine Erzählökonomie hat. Aber er ist mit seinen epischen Ballszenen (Cimino wollte wohl IL GATTOPARDO seines Vorbildes Visconti toppen) und den Landschaftstableaux aus Wyoming so grandios aus dem Ruder gelaufen, dass ich ihn als Meisterwerk des Scheitern sehe. Zudem gefällt mir Cimino, weil er uramerikanische Themen behandelt, die meist um die Herkunft der Figuren kreisen.


In HEAVEN'S GATE geht es darum, dass die osteuropäischen Einwanderer im Amerika der Gründerzeit Bürger zweiter Klasse waren und in THE DEER HUNTER sind die eingebürgerten Russen die grössten Patrioten, die trotz allem in Vietnam erlittenen Leid noch "God bless America" anstimmen – eine Szene, die so ambivalent ist wie das Finale von AMERICAN SNIPER. In THE YEAR OF THE DRAGON tobt ein Krieg zwischen Chinesen und Italienern, mittendrinn der polnischstämmige Cop, der sich in eine Chinesin verliebt. Cimino erklärte gestern, dass er immer von den Figuren ausgehe und eigentlich nie von einem Thema. "Die besten Filme werden von der Realität inspiriert". So habe er in seiner Jugend zahlreiche New Yorker Mafiosi und Auftragskiller gekannt. "Das waren lustige Leute, man hätte nie vermutet, dass sie in einem blutigen Geschäft tätig sind." Diese Leute aus der Unterwelt haben ihn zu THE YEAR OF THE DRAGON inspiriert. Cimino, der stehend Anekdoten zum Besten gab, hat seinen letzten Film, THE SUNCHASER, vor 20 Jahren gedreht – in Arizona. Obwohl John Ford sein grosses Vorbild ist, drehte er nicht im Monument Valley, wo Ford THE SEARCHERS realisierte. "Das ist ein spiritueller Ort, an dem der Geist von John Ford noch immer präsent ist. Jeder Film, der nach THE SEARCHERS dort gedreht wurde, stellte sich als Flop heraus." Cimino schreibt unterdessen Romane – mit Bleistift auf Papier, was für ihn einfacher sei, als am Computer zu arbeiten, erzählte der 76-Jährige. Obwohl er auf Englisch schreibt, veröffentlicht er seine Bücher in Frankreich, Italien und Deutschland, weil er der amerikanischen Kritik (die seinen HEAVEN'S GATE zerstörte) kein kompetentes Urteil zutraut. Cimino erzählte zwei Stunden lang. Diese Master Class war für mich ein Höhepunkt des Festivals. Am Abend dann war ich nach sechs Tagen Nonstop-Filmeschauen so saturiert, dass ich auf eine Detox-Joggingrunde entlang des Maggiadeltas ging, wo auch die Natur grosses Kino bietet.

 

Tag 6: Die 10 besten Schweizer Filmplakate

   
In Locarno sehe ich nicht nur neue Filme, ich werde mir auch bewusst, welche Schweizer Filme im Herbst in die Kinos kommen. Denn die Spielstätten wie das Fevi, das Ex-Rex oder das Kino Rialto sind vollgepflastert mit Plakaten für kommende Filme. Insofern unterscheidet sich Locarno nur wenig von Cannes, wo man an der Croisette jeweils an den Hotelfassaden die Sujets der Sommerblockbuster entdeckt. In Locarno werden die Plakate jedoch wild geklebt und in diesem Jahr an manchen Orten wie der Rotonda oder den Betonmauern an der Strasse zum Fevi auch rasch wieder entfernt. Oft ist das kein ästhetischer Verlust.


Seit Jahren wundere ich mich über die Tristesse und Unprägnanz von Postern zu Schweizer Filmen. Bei französischen und amerikanischen Postern erschliesst sich dem Passanten ohne Vorkenntnisse jeweils sofort, ob ein Film ein Thriller oder eine Komödie ist, auch das Thema wird meist auf den Punkt gebracht und man weiss, ab wann ein Film im Kino läuft. Schweizer Plakate sind oft unentschieden, zweigeteilt, darauf angelegt, auch noch die Nebendarsteller vorkommen zu lassen – so, als wären sie das Resultat einer basisdemokratischen Abstimmung innerhalb der Crew. Und vor allem verwenden sie oft unscharfe Bilder. Ich frage mich dann, ob die Produktion nie einen Set Fotograf bei den Dreharbeiten dabei hatte und am Ende einfach aus dem Filmmaterial einen Screenshot verwendete. Ein gutes Plakat muss meiner Meinung nach nicht möglichst alle Themen eines Filmes widerspiegeln, sondern vor allem Lust machen, einen Titel im Kino zu sehen. Das beste Schweizer Filmplakat aller Zeiten ist für mich jenes von SENNENTUNTSCHI mit dem Scherenschnitt, der die Titelheldin und klein weitere Figuren zeigte. Es hängt bei mir im Büro, gleich neben dem ROCKY-Plakat. Michael Steiner hat es gegen den Willen des Verleihers Disney durchgeboxt, der ein kommerzielleres Sujet vorgeschlagen hatte.

Gestern habe ich beim Anstehen für THUNDERBOLT AND LIGHTFOOT (7/10) im Ex-Rex und für ENTERTAINMENT (5/10) im Fevi die Plakate für kommende Schweizer Filme studiert. Hier ist meine persönliche Top 10:

  1. WILD WOMEN: GENTLE BEASTS von Anka Schmid
  2. YOUTH von Paolo Sorrentino
  3. HEIMATLAND von zehn jungen Regisseuren
  4. AMNESIA von Barbet Schroeder
  5. ANDERMATT GLOBAL VILLAGE von Leonidas Bieri
  6. LA VANITÉ von Lionel Baier
  7. SCHELLENURSLI  von Xavier Koller
  8. VECCHI PAZZI  von Sabine Boss
  9. KEEPER von Guillaume Senez
  10. YES NO MAYBE von Kaspar Kasics


Der Gewinner ist WILD WOMEN: GENTLE BEASTS weil dieses eine, wunderschöne Bild, das Thema "Dompteuse und Raubkatze" auf den Punkt bringt. Das Bild strahlt Poesie und Erotik aus und man möchte doch gleich wissen, was Mensch und Tier hier für eine Beziehung haben. Beim zweitplatzierten Sorrentino-Film gefällt mir, dass er den Humor und die ästhetische Fotografie des Meisterregisseurs zum Ausdruck bringt, ebenso das Thema Altsein in Zeiten des Jugendwahns. Zudem erkenne ich auf den ersten Blick, dass die Stars Harvey Keitel und Michael Caine die Hauptfiguren sind. Das ist ein ebenso starkes Argument für den Film wie das Sujet des Festivals von Cannes, wo YOUTH im Wettbewerb lief. Für mich aber das wichtigste Argument, das den Erwerb einer Kinokarte zum Imperativ macht: Das ist der neue Film vom Regisseur, der LA GRANDE BELLEZZA schuf! Da weiss ich als Filmliebhaber: diesen Film muss ich sehen. Cool auch das Plakat zu HEIMATLAND, weil es das Thema Kritik an der Schweiz mit dem sinkenden Kreuzbalken grafisch prägnant einfängt und mit den Wolken und den aufgeschreckten Vögeln signalisiert, dass es ein Katastrophenfilm ist. Auch toll ist der provokative Claim "La suisse n'existe pas". Als Verleiher hätte ich aber noch einen farblich auffälligen Aufkleber mit dem Startdatum draufgemacht.

Der Gewinner ist WILD WOMEN: GENTLE BEASTS weil dieses eine, wunderschöne Bild, das Thema "Dompteuse und Raubkatze" auf den Punkt bringt. Das Bild strahlt Poesie und Erotik aus und man möchte doch gleich wissen, was Mensch und Tier hier für eine Beziehung haben. Beim zweitplatzierten Sorrentino-Film gefällt mir, dass er den Humor und die ästhetische Fotografie des Meisterregisseurs zum Ausdruck bringt, ebenso das Thema Altsein in Zeiten des Jugendwahns. Zudem erkenne ich auf den ersten Blick, dass die Stars Harvey Keitel und Michael Caine die Hauptfiguren sind. Das ist ein ebenso starkes Argument für den Film wie das Sujet des Festivals von Cannes, wo YOUTH im Wettbewerb lief. Für mich aber das wichtigste Argument, das den Erwerb einer Kinokarte zum Imperativ macht: Das ist der neue Film vom Regisseur, der LA GRANDE BELLEZZA schuf! Da weiss ich als Filmliebhaber: diesen Film muss ich sehen. Cool auch das Plakat zu HEIMATLAND, weil es das Thema Kritik an der Schweiz mit dem sinkenden Kreuzbalken grafisch prägnant einfängt und mit den Wolken und den aufgeschreckten Vögeln signalisiert, dass es ein Katastrophenfilm ist. Auch toll ist der provokative Claim "La suisse n'existe pas". Als Verleiher hätte ich aber noch einen farblich auffälligen Aufkleber mit dem Startdatum draufgemacht.

Erstaunlich ist übrigens, dass nirgendwo ein HEIDI-Plakat zu sehen ist. Verleiher Disney startet die Kampagne für den im Dezember anlaufenden Film erst später, ganz im Gegensatz zum Verleiher von SCHELLENURSLI, der schon Präsenz markiert. Welcher der beiden Filme wird im Kino besser laufen? Dies war – neben dem berauschenden Angriffsfussball des jungen Kaders der Grasshoppers - eines der Themen, die ich an der SRG-Party mit Produzent Christof Neracher diskutierte. Wir glauben beide, dass HEIDI besser laufen wird, weil die Titelheldin die bekanntere Figur ist und weil das etwas ist, was man als Eltern mit seinen Kindern teilen möchte. Bei SCHELLENURSLI befürchte ich ein wenig, dass der Film wieder so gediegen-gepflegt inszeniert sein könnte wie Kollers letzte Werke DIE SCHWARZEN BRÜDER und EINE WEN IIG – DR DÄLLEBACH KARI, die einen musealen Ballenberg-Touch hatten. Ein Familienfilm braucht aber etwas Pfiff, so wie das Michael Steiner bei MEIN NAME IST EUGEN gelang. Erstaunlich übrigens, dass auf dem Plakat von SCHELLENURSLI nicht steht, dass Koller ein Oscargewinner ist. So etwas würden Amerikaner oder Franzosen dem Publikum auf keinen Fall vorenthalten, weil das doch ein starkes Argument für Kenner ist, einen Film sehen zu wollen.

Und wie steht es eigentlich mit der Zugkraft des Goldenen Leoparden? Sie ist ziemlich erlahmt. Die meisten Gewinner der letzten Jahre kamen in der Deutschschweiz schon gar nicht mehr ins reguläre Kinoprogramm, was schade ist. Dafür hat der Preis enorm an Ausstrahlung in cinéphilen Kreisen gewonnen, vor allem in Frankreich. Dort sieht man das Sujet immer wieder auf Plakaten. Der Leopard riskiert zum Propheten zu werden, der im eigenen Land nichts gilt.

Tag 7: Ein Festival lebt von Skandalen, doch Boykotte sind schädlich

     
Was wäre ein Festival ohne Skandale? Öffentliche Empörung über einen Film oder eine Programmauswahl gehören seit jeher zu Filmfestspielen wie das Amen in der Kirche. Meist geht der Skandal so: Ein Festival zeigt einen explizit erotischen Film wie IRREVERSIBLE oder LOVE von Gaspar Noé. Irgendein kirchlicher Würdenträger oder eine Frauenorganisation regt sich auf und schreit "Pornografie", "Blasphemie" oder "Mysoginie". Der Aufschrei geht via Agentur über den Ticker und der Chefredaktor ruft seinen Filmkritiker an, der gerade an einer Rezension des wunderbaren kirgisischen Korbflechters feilt, und sagt: Vergiss den Kirgisen, wir brauchen etwas über den Skandal. Widerwillig nimmt sich der Kritiker der Sache an und schreibt dann – wer will schon so bünzlig sein und sich aufregen? – der Film sei doch gar kein Skandal, von Pornografie zu reden sei völlig verfehlt, der mediokre Streifen wolle ja nicht erregen, sondern vielmehr auf einen Missstand im Zwischenmenschlichen aufmerksam machen. Damit hat er dann durch die Blume auch dem Chefredaktor zu verstehen gegeben, dass er die Aufregung für einen Sturm im Wasserglas hält.

Ich ticke oft ein wenig anders. Ich liebe Debatten, sie gehören zum Film genauso wie zur Demokratie, man sollte sich aber nur aus Überzeugung einschalten, nicht aus Kalkül. Als 2000 in Locarno BAISE-MOI von Virginie Despentes lief, regte mich dieser Film auf, weil er sinnlos Gewalt verherrlichte und für Selbstjustiz plädierte.

Ich schrieb in der Zeitung mit den grossen Buchstaben unter dem Titel "Trotz Orgasmus kein Höhepunkt" einen fulminanten Verriss, der sogar in der Tagesschau zitiert wurde. Allerdings hatte ich in der Hitze des Gefechts die Sperrfrist verletzt und wurde vom künstlerischen Direktor Marco Müller in sein Büro zitiert. Müller hatte einen Anruf vom Schweizer Verleiher erhalten, der forderte, er solle mir jetzt die Akkreditierung entziehen. Der Italiener hielt mir eine regelrechte Standpauke und als ich gesenkten Hauptes aus seinem Büro schleichen wollte, fing er an zu lachen und gratulierte mir zum Artikel. Es gebe für das Festival nichts besseres als ein Film, der polarisiere – un peperoncino nella salsa ci vuole. Mir ging es aber nicht um die Salsa, sondern um die Gewaltverherrlichung, die mir auch im Hollywoodkino ein Dorn im Auge ist.

Skandale gab es in Locarno auch in den letzten Jahren wieder, meist wurden sie vom Kurienblatt Giornale del Popolo geschürt. Es regte sich über den Film L.A. ZOMBIE auf, über den angeblichen "Kinderschänder" Polanski, der einen Preis hätte bekommen sollen und dieses Jahr darüber, dass das Festival aus künstlerischen Gründen den Film NOUN über verfolgte Christen in Irak abgelehnt hatte. Nun wirft das Kurienblatt dem Festival vor, antikatholisch eingestellt zu sein. Das könnte man ja noch unter Provinzposse abtun, aber politische Empörung macht auch in aufgeklärten Kreisen Schule. So protestierten hier Schweizer Filmschaffende wie Jean-Luc Godard, Rolf Lyssy und Samir dagegen, dass das Festival im Rahmen der Sektion First Look, in der Filme aus Israel gezeigt werden, mit dem staatlichen Israeli Film Fund zusammenarbeitete. An einer Pressekonferenz der gegen Israel gerichteten Boykottbewegung BDS Schweiz zeigte sich Regisseurin Stina Werenfels über die Zusammenarbeit mit israelischen Offiziellen "schockiert".

Ich wiederum bin erstaunt, dass eine intelligente Cineastin sich zu solchen Aussagen verleiten lässt, die ja letztlich der Forderung nach einem Boykott gleichkommen. Boykotte waren nämlich in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren ein grosses Problem der Filmfestivals, die doch eigentlich zwecks Völkerverständigung ins Leben gerufen worden sind. 1979 zum Beispiel reisten sämtliche sozialistische Staaten aus Berlin ab, weil der Berlinale-Direktor Michael Ciminos Meisterwerk THE DEER HUNTER zeigte, das am Sonntag auf der Piazza Grande gezeigt wurde. Wollen wir zurück zu solchen Boykotten? Ich will das nicht. Ich finde, ein Festival muss frei sein, mit allen Ländern zusammen zu arbeiten. Wenn man jetzt Israel ausschliessen würde, müsste man auch den Iran ausschliessen, wo die Menschenrechte mit Füssen getreten und Filmemacher eingesperrt werden. Oder Rumänien, dessen Ministerpräsident unter Korruptionsverdacht steht. Mit anderen Worten, mitunter die spannendsten Filmländer fielen weg, wir würden in Locarno braves Kino aus der Schweiz und Schweden sehen. Den Protest von Werenfels finde ich besonders fragwürdig, weil die Regisseurin einerseits vom Festival "schockiert" ist, aber andererseits just an diesem Festival ihren letzten Film DORA ODER DIE SEXUELLEN NEUROSEN UNSERER ELTERN zeigte. Konsequenterweise hätte sie aus Protest ihren Film zurückziehen müssen. Das Israel-Bashing finde ich aber aus einem anderen Grund fragwürdig, weil nämlich gerade das israelische Kino alles andere als staatstragend oder gar propagandistisch ist. Seit Jahren setzen sich israelische Autorenfilme wie PARADISE NOW, POLICEMAN (des diesjährigen Jurymitglieds Nadav Lapid) oder DANCING ARABS kritisch mit der israelischen Politik auseinander.


Wie unnötig es ist, den Israeli Film Fund zu boykottieren, beweist der Wettbewerbsbeitrag TIKKUN (9/10) von Avishai Sivan, den ich gestern um Mitternacht im La Sala sah. Er erzählt in ungeschönten Schwarzweissbildern von der Glaubenskrise eines orthodoxen Juden, der sich im engen Korsett nicht mehr wohl fühlt. Sivan zeigt, wie er sich unter der Dusche einen runterholen will, wie er in den Puff geht und hernach innerlich aufgerieben einen Selbstmordversuch unternimmt. Der Film beginnt mit der blutigen Schächtung einer Kuh und endet mit dem blutigen Ableben des Protagonisten. Er verweist auf die grossen sozialen und seelischen Nöte innerhalb der orthodoxen Gemeinde. Wie fast alle israelischen Autorenfilme wurde er vom Israeli Film Fund unterstützt, der ja übrigens auch in Cannes, Berlin und Venedig präsent ist. Diesen Film hätte ich in Locarno nicht missen wollen und es würde mich auch nicht überraschen, wenn er am Samstag einen Leoparden gewänne.

In den letzten Jahren hat Marco Solari immer und immer wieder betont, Locarno sei ein Ort der künstlerischen Freiheit und die künstlerische Leitung müsse unabhängig Filme auswählen können. Ich fand das lange etwas selbstgerecht und dachte, der Präsident tue den Kritikern in der Provinz zu grosse Ehre an. Nach der letztjährigen Empörung über Polanski, die teilweise antisemitische Züge offenbarte, und der neuen Attacke auf den Israeli Film Fund, bin ich Locarno dankbar, dass es standhaft bleibt. Damit will ich in keiner Weise die Politik der israelischen Regierung unterstützen, aber ich will nicht, dass israelische Cineasten für die Politik ihrer Regierung abgestraft werden. Gerade in krisengeschüttelten Ländern entsteht oft die beste Kunst, die etwas zu leisten vermag, was politische Scharfmacher nicht können: die Realität zu spiegeln und Verständnis für die anderen zu wecken.

Tag 8: Der Buzz um den Leoparden

     
Zurzeit gibt es rund um die Piazza Grande nur ein Thema: Welcher Film gewinnt den Goldenen Leoparden? Die Frage beschäftigt die Festivaliers nun schon seit zwei Tagen. Mag sein, dass der Preis an kommerzieller Bedeutung eingebüsst hat, aber für mich ist er immer noch wichtig. Wenn ein Film einen wichtigen Festivalpreis gewonnen hat, möchte ich ihn sehen. Zu Hause habe ich sogar meine DVD-Sammlung so strukturiert: Ich habe ein Tablar, in dem chronologisch geordnet alle Palme d'Or-Gewinner stehen, in einem weiteren sind die Goldenen Bären.

Diese Sonderbehandlung ist meine Art, diesen Werken Tribut zu zollen (die restlichen DVDs stecken in Schubladen). Der Preis ist für mich auch Ansporn, möglichst alle Wettbewerbsfilme zu sehen. Es gibt nichts Mühsameres für einen Filmkritiker, als wenn man 11 Tage lang ins Kino eilte, aber dann just den Sieger verpasst hat. Ich glaube, dass die Jury mit dem deutschen Schauspieler Udo Kier, dem israelischen Regisseur Nadav Lapid (dessen POLICEMAN ich liebte), der mexikanischen Festivaldirektorin Daniela Michel, dem grossen US-Regisseur Jerry Schatzberg und der koreanischen Schauspielerin Moon So-ri ein cinéphiles Palmarès vergeben wird, wie es in Locarno Tradition hat.

Ein Indikator für das Standing eines Titels ist der buzz. Dieses Festivalphänomen lässt sich etwa mit Momentum übersetzen und meint letztlich den Hype, der entsteht, wenn ein Film in aller Munde ist. Oft führt das dazu, dass Verleiher grosse Summen für die Auswertungsrechte bezahlen und zu Hause dann das blaue Wunder erleben, weil der Film beim Kinopublikum weniger Begeisterung hervorruft als bei den Festivaliers. Am Anfang des Festivals gab es einen buzz um den amerikanischen Beitrag JAMES WHITE von Josh Mond über einen hedonistischen Twen in New York, dann hiess es plötzlich Chantal Akerman stehe bei der Jury besonders in der Gunst und seit zwei Tagen sind sich alle einig, dass der israelische Beitrag TIKKUN des 1977 geborenen Avisha Sivan gewinnen wird. Ich glaube das auch, habe aber auch noch im Ohr, was mir der grosse französische Cinéphile Pierre Rissient sagte, als ich ihn kürzlich in Paris besuchte, um ein Interview über Sam Peckinpah zu führen, den er persönlich kannte: "It's not enough to like a film, you have to like it for the right reasons."


Viele Festivaliers handeln jetzt TIKKUN als Favoriten, weil er das tragische Schicksal eines orthodoxen Juden erzählt, also ein relevantes Thema behandelt. Oder weil die Prämierung dieses vom Israeli Film Fund unterstützten Werkes eine Absage an jene Schweizer Filmemacher wäre, die sich dazu verstiegen, einen Boykott der israelischen Offiziellen zu fordern, womit das Juryverdikt dann politisch wäre. Ich finde, man sollte doch auch betonen, dass dieser schwarzweiss gedrehte Film wunderbar fotografiert ist und über die Bilder Bedeutung erzeugt. Im Zentrum steht der ultra-orthodoxe Jude Haim-Aaron, der nach einer selbstauferlegten Fastenzeit das Bewusstsein verliert und von den Helfern des Notfalldienstes bereits für tot erklärt wird, ehe ihn sein Vater zurück ins Leben holt. Danach verspürt Haim-Aaron sexuelle Impulse, fühlt sich unwohl im engen Korsett – dies verdeutlicht Regisseur Sivan dadurch, dass er seinen Protagonisten meist in engen Innenräumen zeigt, in einem Schlachtraum, im Klo oder im Studierzimmer. Dem Mann fehlt ein weiter Horizont, die Ruhe – der Film verzichtet weitgehend auf Musik – setzt ihm ebenfalls zu. Die Figurenzeichnung über die Handlungsorte ist genial – und wäre allein den Hauptpreis wert. Ebenfalls gönnen würde ich einen Leoparden dem holländischen Meister Alex van Warmerdam für seine schwarzhumorige Thrillerkomödie SCHNEIDER VS. BAX.

Beim Spekulieren erhält plötzlich jedes Detail eine grosse Bedeutung. So erhielt heute der Film CHANT D'HIVER  von Otar Iosseliani eine Zusatzvorstellung – bedeutet das, dass er einen Preis gewinnt? Man weiss es nicht, wird es aber morgen Samstagabend um 21 Uhr erfahren, wenn die Preisverleihung beginnt.

Ich habe in Locarno in den letzten 10 Tagen rund 25 Filme gesehen, hier ist meine persönliche Top 10, zusammengesetzt aus Beiträgen aller Sektionen, wobei ich sagen muss: Die ersten sieben haben mich wirklich überzeugt, für die Plätze acht bis zehn fiel mir dann die Auswahl fast schon schwer. Ich habe leider doch eine ganze Reihe von gähnend langweiligen Filmen ausgesessen, zu denen für mich auch LA VANITÉ (3/10) von Lionel Baier gehört. Der Lausanner Showman hat offenbar einfach das Abo in Locarno und darf mit jedem noch so mediokren Film auf die Piazza, während Chatrian bei Deutschschweizer Regisseurinnen und Regisseuren im Zweifel eher eine Absage denn eine Zusage gibt.  

  1. TIKKUN  von Avishai Sivan (Int. Wettbewerb)
  2. ABOVE AND BELOW  von Nicolas Steiner (Panorama Suisse)
  3. YEAR OF THE DRAGON von Michael Cimino (Histoires du Cinéma)
  4. SCHNEIDER VS. BAX von Alex van Warmerdam (Int. Wettbewerb)
  5. WINTERGAST von Andy Herzog und Matthias Günter (Panorama Suisse)
  6. THUNDERBOLT & LIGHTFOOT von Michael Cimino (Histoires du Cinéma)
  7. LA BELLE SAISON von Catherine Corsini (Piazza Grande)
  8. RIGHT NOW, WRONG THEN von Hong Sangsoo (Int. Wettbewerb)
  9. ALS DIE SONNE VOM HIMMEL FIEL von Aya Domenig (Semaine de la Critique)
  10. SOUTHPAW von Antoine Fuqua (Piazza Grande)

 


Ein Ereignis war für mich insbesondere das Screening von YEAR OF THE DRAGON, den Michael Cimino persönlich vorstellte. Der Regisseur mit dem gelifteten, faltenfreien Gesicht hat alle fasziniert. Edi Stöckli zeigte mir auf seinem Handy Bilder von Cimino und fragte, ob ich wisse, warum der so aussieht. Viele wussten nicht, dass er einen Geschlechterwechsel erst im letzten Moment abgebrochen hat. In Locarno trat er als Mr. Cimino auf. Interessant ist die Geschichte, wie es Locarno gelang, ihn einzuladen. Da spielte nämlich Stéphane Gobbo, Filmkritiker von L'Hébdo und Le Temps sowie Leiter der Semaine de la Critique eine wichtige Rolle. Er führte vor einigen Monaten ein Telefoninterview mit Cimino, bevor dieser in die Cinémathèque Suisse kam, um eine restaurierte Kopie von HEAVEN'S GATE vorzustellen. Cimino war mit dem Interview so zufrieden, dass er ihn auch fragte, ob er die Interviews für das Bonusmaterial der DVD-Reihe seiner Filme machen wolle, die in Frankreich bei Carlotta erschienen ist. In diesem Zusammenhang erwähnte Cimino, dass er auch gerne mal nach Locarno fahren würde. Stéphane meldete dies Carlo Chatrian – and the rest is history.