Festival de Cannes 2016

 

«Frame»-Redaktor Christian Jungen nimmt uns in seinem Blog wieder mit nach Cannes und berichtet ab sofort täglich über die neusten Filme und die schönsten sowie merkwürdigsten Begegnungen an der Croisette.

               

1. Diese 10 Filme sollte man nicht verpassen und wer die Palme gewinnt

       
Bei nasskalter Witterung und stürmischen Windböen beginnt heute das 69. Festival von Cannes mit Woody Allens romantischem Drama CAFE SOCIETY, in dem Jesse Eisenberg in den 1930ern in Hollywood ankommt und sich in Kristen Stewart verliebt. Die Ausgabe 2016 ist mein 16. «Cannes» und ich freue mich so fest auf die Filme wie lange nicht mehr. Festivaldirektor Thierry Frémaux, der sich in den letzten Jahren im den Vorwurf gefallen lassen musste, er veranstalte ein Klassentreffen derewiggleichen Altmeister, hat diesmal einen vielversprechenden Mix programmiert. Im Wettbewerb befinden sich Altmeister wie Ken Loach (der seinen letzten Film I, DANIEL BLAKE vorstellt), die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, aber auch Newcomer wie der Brasilianer Kleber Mendonça Filho (AQUARIUS) und Maren Ade (TONI ERDMANN). Hier sind die 10 Titel, auf die ich mich am meisten freue:

         
10. JULIETA von Pedro Almodóvar               

Noch vor zehn Jahren waren die Filme von Pedro Almodovar in Zürich Stadtgespräch. Sie liefen wochenlang im Kino Le Paris (wo sie FRAME-Kolumnist This Brunner, ein Almodovar-Fan, jeweils immer etwas länger hielt, als es kommerziell gerechtfertigt war) und selbst in der Retrospektive oder im Openair-Kino im Xenix waren sie ausverkauft. Nun gilt der Spanier als out. Stimmt schon, sein letzter Film, die vulgäre Komödie LOS AMANTES PASAJERSOS, war katastrophal. Der Grund, den niemand auszusprechen wagte: Es war ein verkokster Film, das Werk von einem, der zu viel Drogen reingelassen hat. Aber seine vorangehenden Werke LA PIEL QUE HABITO und LOS ABRAZOS ROTOS bestechen noch immer durch raffinierte Dramaturgie, ästhetische Bilder (man kann einen Almodovar-Film jederzeit anhalten und hat ein Standbild, so schön, dass ich es in der Stube aufhängen würde) und charismatische Schauspieler. Aber Kritik und Publikum haben sich von Almodovar abgewendet. Meine Theorie dazu: Almodovar teilt das unvermeidliche Schicksal von Avantgardisten. Diese waren dem Mainstream immer schon bloss eine Nasenlänge voraus, so dass das bürgerliche Publikum sie gerade noch frivol fand. Doch das bürgerliche Publikum lernt schnell dazu. Das sieht man in der Kunst: Früher legten Millionäre ihr Geld in Gold an, heute investiert jeder Idiot in Kunst und hat einen Warhol zu Hause. Almodovar ist also nicht schlechter als früher, aber die Leute haben sich an ihn gewöhnt (wie auch an Lars von Trier) und rennen jetzt dem nächsten Trend nach. Ich bleibe Almodovar treu und freue mich auf sein neues Mutter-Tochter-Melodram.
                 

          
9. HANDS OF STONE von Jonathan Jakubowicz (Special Screening)

Robert De Niro, dieser gefallene Engel des New Hollywood, der sich nur noch in albernen Komödien verdingt, um seinen teuren Lifestyle zu finanzieren, hat seit Jahren keinen akzeptablen Film mehr gemacht (sein letzter guter war MEET THE PARENTS im Jahr 2000). Von diesem Biopic über den legendären Boxer Roberto Duran (Edgar Ram­irez) verspreche ich mir viel: De Niro verkörpert nämlich seinen Trainer Ray Arcel. Meine Hoffnung, der Italo-Amerikaner würde wieder ans Niveau von RAGING BULL und MEAN STREETS anknüpfen, wurde aber etwas gedämpft durch seine Ankündigung, dies sei ein „heiteres Vergnügen“. Verdammt noch mal, De Niro ist einfach besser in ernsten Rollen, als wenn er den traurigen Clown gibt! Egal, es ist ein Boxerfilm und den muss ich einfach sehen!
                

    
8. MA VIE DE COURGETTE von Claude Barras (Quinzaine des Réalisateurs)                   

Neun Jahre nach MAX & CO. Präsentiert die Schweiz wieder einen aufwändig produzierten Animationsfilm, der international für Furore sorgen will. Ich bin nicht nur gespannt auf das Werk des Wallisers Claude Barras, weil es ein Schweizer Beitrag ist, sondern auch weil Edouard Waintrop, der die Sektion Quinzaine des Réalisateurs leitet, meinem Kollegen Gregor Schenker sagte, es sei der „beste Animationsfilm des Jahres“. Waintrops Urteil vertraue ich blind und ich bin froh, dass er den Job als Direktor der Cinémathèque française, für den er sich beworben hatte, nicht erhielt und nun weiterhin die Quinzaine programmieren kann. „Bester Animationsfilm des Jahres“ ist ein grosses Versprechen in einem Jahr, das mit ANOMALISIA (9/10) schon ein herausragendes Werk kannte.
           

    
7. PERSONAL SHOPPER von Olivier Assayas (Int. Wettbewerb)

Der ehemalige Filmkritiker der „Cahiers du Cinéma“, Olivier Assayas, zählt zu meinen Lieblingsregisseuren des französischen Kinos, weil er immer wieder ambitionierte Werke macht, die sich jeglicher kommerziellen Logik entziehen. Nach SILS MARIA,  in dem Kristen Stewart als PR-Assistentin eines von Juliette Binoche verkörperten Stars brillierte, hat Assayas erneut mit seiner Muse gedreht. Es sei ein schräger Geisterfilm geworden, der in der Unterwelt der Pariser Modewelt spielt. Mehr will und brauche ich gar nicht zu wissen. Von Assayas lasse ich mich gerne überraschen, obwohl ich überhaupt nicht auf Geister stehe.
              

          
6. HOSPITAL von Frederick Wiseman (Cannes Classics)

Im Unterschied zu Locarno oder Berlin kennt das Festival von Cannes keine Retrospektive, was durchaus sinnvoll ist: Denn Cannes richtet sich an ein professionelles Publikum, das sich um neue Filme kümmern muss und keine Zeit hat, sich das Oeuvre eines alten Meisters anzueignen. Doch seit einigen Jahren hat das Festival die Sektion „Cannes Classics“, in der einzelne Meisterwerke gezeigt werden und ich habe mir angewöhnt, wenigstens einmal den Blick rückwärts zu richten. Heuer möchte ich am liebsten den Schweizer Film DIE LETZTE CHANCE von Leopold Lindtberg sehen, der 1946 den Grand Prix des Festivals gewann und den die Cinémathèque suisse restauriert hat. Aber es wird am Freitag um 11 Uhr vorgeführt, wenn ich im Schlussspurt für meinen Artikel in der „NZZ am Sonntag“ bin. Also wird es HOSPITAL (1970) von Frederick Wiseman, dem Altmeister des Direct Cinema, sein. Wiseman ist für mich der unerreichte Meister des Dokumentarfilms, der es in seinen Werken schafft, Institutionen dergestalt zu porträtieren, dass man glaubt, ihr Alltag erzähle sich wie von selbst. Leider sind viele seiner Werke kaum greifbar, es sei denn man bestellt sie für teures Geld bei Wisemans Produktionsfirma Zipporah Films als DVD – ich habe rund ein Dutzend davon, so dass mich neulich sogar das Filmpodium der Stadt Zürich „angepumpt“ hat, als es seine Retrospektive zu Wiseman plante. HOSPITAL, ein Fernsehfilm über die Notaufnahme des Metropolitan Hospital in New York, gibt es allerdings nicht. Und so nutze ich die Gelegenheit, eine Bildungslücke zu schliessen.
                   

       
5. THE BFG von Steven Spielberg (Ausser Konkurrenz)

Lange habe ich Steven Spielberg zu meinen Lieblingsregisseuren gezählt. Doch seit einigen Jahren muss man sich in Kritikerkreisen fast schon schämen, wenn man überhaupt noch ein gutes Haar am einstigen Wonder Boy lässt. Stimmt schon, der Sense of Wonder ist verflogen. Spielberg liefert seit Jahren nur noch solides Mittelmaas ab. Mit seinem vor Pathos triefenden Kriegsfilm WAR HORSE (2011) konnte ich ebenso wenig anfangen wie mit seinem versunkenen Biopic LINCOLN (2012); und den Helden meiner Jugend, den Reporter Tim aus den Hergé-Comics, hat Spielberg mit dem seelenlosen 3-D-Animationsfilm THE ADVENTURES OF TINTIN richtig in den Sand gesetzt. Und doch bleibt Spielberg für mich ein Versprechen, schliesslich hat er mir einst mit E. T. – THE EXTRA-TERRESTRIAL das erste prägende Kinoerlebnis beschert, bei dem ich vor Freude und Trauer zugleich geheult habe. Nun freue ich mich auf seine Adaption von Roald Dahls Kinderroman «Sophiechen und der Riese» (engl. Original THE BFG). Darin verkörpert Mark Rylance den Riesen, der nachts die kleine Sophie besucht. Rylance hat für seine Rolle als Spion in BRIDGE OF SPIES völlig überraschend den Oscar als bester Nebendarsteller gewonnen, der eigentlich Sylvester Stallone für CREED gebührt hätte (aber Sly hat bei den Globes vergessen, seinem schwarzen Regisseur Ryan Coogler zu danken und wurde deshalb von Taliban der politischen Korrektheit in der Academy abgestraft).

BRIDGE OF SPIES fand ich übrigens auch nur solid und habe das in meiner «FRAME»-Review auch geschrieben. Darauf hat mein Chefredaktor Felix E. Müller, der den Film liebte, gemeint, ich sei zu hart ins Gericht gegangen mit dem Film und erkundigte sich, wer denn dieser Schauspieler (er meinte Rylance sei). Müller regte an, einmal ein Porträt über den Briten zu schreiben. Kurz darauf gewann Rylance den Oscar, was mir, einmal mehr, bestätigte, dass Müller einen guten Themenriecher hat. Und vielleicht bin ich mit BRIDGE OF SPIES tatsächlich zu hart verfahren, er ist mir jedenfalls erstaunlich lang präsent geblieben. Deshalb werde ich bei THE BFG im Zweifelsfall mein Urteil wohlwollend ausfallen lassen.
                 

          
4. NERUDA von Pablo Larrain (Quinzaine des Réalisateurs)

Chile zählt seit einigen Jahren zu den erfolgreichsten Nationen auf internationalen Festivals und hat, wie Walter Ruggle in einem Essay im neuen FRAME aufzeigt, mittlerweile Argentinien als innovativstes Filmland in Südamerika abgelöst. Befeuert wird der Aufbruch von jungen Regisseuren, die unter Diktator Pinochet geboren wurden und sich in ihren Spielfilmen kritisch mit der Vergangenheit auseinandersetzen und Freiheit sowie Demokratie feiern. Das Aushängeschild der neuen chilenischen Welle ist der 1976 geborene Pablo Larrain, der in NO (2012) von der Fernsehkampagne erzählte, welche mithalf Diktator Pinochet zu Fall zu bringen. Auch sein neuer Film NERUDA schreit geradezu nach einer Oscarnomination. Das Biopic erzählt von der Hexenjagd, welche die chilenische Regierung in den 1940ern nach dem Verbot des Kommunismus auf den linken Schriftsteller Pablo Neruda machte, der immerhin einen Nobelpreis gewonnen hatte. Da der Film wiederum mit dem mexikanischen Beau Gael Garcia Bernal besetzt ist , ein relevantes Thema und einen herausragenden jungen Autor hat, wundere ich mich allerdings, dass er „nur“ in der Quinzaine läuft und nicht im Wettbewerb.
            

           
3. LOVING von Jeff Nichols (Int. Wettbewerb)

Jeff Nichols (*1978) halte ich für den talentiertesten amerikanischen Autorenfilmer seiner Generation. Und ich bin ein wenig stolz darauf, dass ich seinen Aufstieg von Beginn weg begleiten durfte. Ähnlich wie mein Lieblingsregisseur Clint Eastwood verhandelt er ur-amerikanische Themen auf klassische Weise. Aufgefallen ist er mir mit seinem aufwühlenden Erstling SHORTGUN STORIES, einer Kain-und-Abel-Geschichte, welche aufzeigte, wie verheerend die Verfügbarkeit von Waffen im Süden der USA ist. Bea Cuttat vom Verleiher LookNow! hat das Werk verdienstvoller Weise in die Schweizer Kinos gebracht. Amerikanisches Indie-Kino bildete damals einen Schwerpunkt ihres erlesenen Boutique-Line-ups. Mittlerweile bringt sie keine US-Filme mehr heraus, weil es für diese im Unterschied zu europäischen Produktionen keine Subventionen gibt und sich mit den wenigen Zuschauern, die sich schwierige US-Filme noch ansehen, kein Gewinn erwirtschaften lässt. Sehr schade. Sogar Nichols Südstaaten-Drama MUD kam in der Deutschschweiz nie ins Kino – wir reden von einem wunderbaren Werk mit Matthew McConaughey und Reese Witherspoon, das in Cannes gefeiert wurde! Immerhin, der Vorgänger TAKE SHELTER, in dem Nichols’ Fetisch-Schauspieler Michael Shannon und Jessica Chastain als Familieneltern vor einem Tornado fliehen, schaffte es auf unsere Leinwände – nicht zuletzt, weil er ein Goldenes Auge am Zurich Film Festival gewonnen hat. Zum Interview am Strand von Cannes erschien Nichols in einem viel zu grossen Anzug, in dem er aussah wie ein Konfirmand, der zum ersten Mal ein Sonntagsgewand trug. Dramatisch: Damals war die Batterie meines Mini-Disc-Recorders alle, so dass ich dieses Gespräch nie auswerten konnte (heute Arbeite ich mit MP3-Files).

Nichols ist einer meiner Lieblingsregisseure und hat mich bisher erst einmal (auf hohem Niveau) enttäuscht, und zwar mit seinem Spielbergschen Genre-Film MIDNIGHT SPECIAL, der sinnigerweise im Wettbewerb der Berlinale lief, der ja für sein schwaches Niveau berüchtigt ist. In seinem neuen Werk erzählt Nichols die Geschichte von Richard und Mildred Loving, einem weissen Mann und einer schwarzen Frau, die 1958 in Virginia zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurden, weil sie mit ihrer Heirat gegen das Rassengesetz verstiessen.
              

           
2. MA’ ROSA von Brillante Mendoza (Int. Wettbewerb)

Kaum ein Regisseur polarisiert derart stark wie der Philippiner Brillante Mendoza (*1960), der eine hyperrealistische Bildsprache pflegt und Filme schafft, die voll anrührender Poesie sind und plötzlich in die Gewalt kippen. Unvergessen bleibt für mich das Screening von KINATAY (2009) in der Salle Debussy. Mendoza schilderte zuerst, wie ein Polizeischüler, der gerade ein Kind bekommen hat, seine Freundin heiratet, ehe er in seiner Hochzeitsnacht an einem Polizeieinsatz zur Eintreibung von Schutzgeldern in Manila teilnimmt und dabei ist, als eine Prostituierte bestialisch abgeschlachtet wird. In der Reihe hinter mir sass der inzwischen verstorbene Kritikerpapst Roger Ebert von der «Chicago Sun-Times» und regte sich fürchterlich auf. In seinem Cannes-Blog schrieb er damals, dies sei der schlechteste Film seit Vincent Gallos THE BROWN BUNNY, den der Regisseur aber durch eine Überarbeitung gerettet habe:

«I don't think editing is going to do the trick for "Kinatay". If Mendoza wants to please any viewer except for the most tortured theorist (one of those careerists who thinks movies are about arcane academic debates and not people) he's going to have to remake his entire second half.» (rogerebert.com

Ich war begeistert von der Intensität dieses Dramas, das eine völlig überraschende Wende nahm und habe am letzten Abend bei unserer traditionellen Wette in einer Bar auf dem Hügel von Cannes auf Mendoza gewettet, worauf mich die Kollegen entgeistert ansahen. Gewonnen hat Mendoza die Palme natürlich nicht, dafür ist sein Kino zu wenig mehrheitsfähig, aber immerhin wurde er mit dem Preis als bester Regisseur ausgezeichnet. Dieses Mal erzählt er im Sozialdrama MA’ ROSA von einer armen Frau mit drei Kindern, die einem Slum von Manila einen kleinen Lebensmittelladen hat und nebenbei Drogen verkauft. Bestimmt wieder starker Tobak.
                        

          
1. SIERANEVADA von Cristi Puiu (Int. Wettbewerb)

Wenn ich heute einen Tipp abgeben müsste, wer die Goldene Palme gewinnt, würde ich auf Cristi Puiu (*1967) wetten. Er ist einer der unbestrittenen Meister des europäischen Autorenkinos und hat mit 49 Jahren das Reifealter, das in Cannes oft prämiert wird. Wenn nicht gerade Michael Haneke oder die Brüder Dardenne an der Reihe waren, ging die Palme in den letzten Jahren meist an bereits etablierte Autoren zwischen 40 und 60, etwa an Nuri Bilge Ceylan (WINTER SLEEP), Abdellatif Kechiche (LA VIE D’ADELE), Laurent Cantet (ENTRE LES MURS) oder Apichatpong Weerasethakul (UNCLE BOONMEE). Junge Regisseure wie Xavier Dolan müssen sich erst die Sporen abverdienen, bevor sie dann in 20 Jahren für ein minderes Werk den Hauptpreis bekommen, wie dies auch letztes Jahr mit Jacques Audiard der Fall war, der mit dem mediokren Thriller DHEEPAN jenen Preis gewann, den er eigentlich für UN PROPHETE (2009) verdient gehabt hätte.

Cristi Puiu, der an der École supérieure d’Arts visuels in Genf studiert hat, gilt als eigentlicher Vater der neuen rumänischen Welle. Er hat den Aufbruch 2001 mit seinem Roadmovie DIE WARE UND DAS GELD angestossen. Es handelt von drei Teenagern, die im postkommunistischen Rumänien mit korrupten Polizisten, schlechten Strassen, Benzinmangel und überrissenen Lebensmittelpreisen kämpfen. Mit seinem Meisterwerk DER TOD DES HERRN LAZARESCU über die lebensbedrohliche Bürokratie in einem rumänischen Spital hat er 2005 in Cannes der Preis der Sektion Un Certain Regard gewonnen. Obwohl seine Filme fiktional sind, wirken sie wegen der hyperrealistischen, ungeschönten Bildsprache dokumentarisch. Als ich 2011 für eine Reportage über das rumänische Filmwunder nach Bukarest flog, habe ich Puiu in einer trostlosen Hotelbar getroffen. Noch heute ist mir lebhaft in Erinnerung, wie er mir erzählte, dass er stolz darauf sei, dass ihn eine Schauspielerin einmal als «Hitler» abgekanzelt habe: «Auf dem Set musst du ein Diktator sein, Kunst verträgt keine Kompromisse.» In SIERANEVADA erzählt er von einem Arzt in den Vierzigern, der drei Tage nach den Anschlägen auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» und 40 Tage nach dem Tod seines Vaters zu einer Familienfeier fährt, und dort gezwungen wird, über den Sinn des Lebens nachzudenken. Das Politische im Privaten spiegeln – auch das wird in Cannes oft prämiert, wie DHEEPAN und LA VIE D’ADELE zeigten.

2. Justin Timberlake beschert Publikum Hühnerhaut

         

      
Was ich an Cannes besonders faszinierend finde, ist die Zirkus-Seite: Das Zur-Schau-Stellen der Attraktionen in der Manege – im Branchen-Jargon Publicity-Stunts genannt. Dabei handelt es sich um Stars, die mit spektakulären Auftritten vor den Medien versuchen die Aufmerksamkeit auf ihre kommenden Filme zu lenken. Kein anderer Hollywood-Player hat dies in den letzten Jahren professioneller orchestriert als Jeffrey Katzenberg, Studioboss von Dreamworks Animation. 16 Filme hat sein Studio in den letzten zehn Jahren in Cannes gezeigt oder beworben. Gestern zeigte Katzenberg den Journalisten Ausschnitte aus dem Film TROLLS (3-D), der bei uns am 20. Oktober herauskommt. Katzenberg tat dies nicht etwa in einem gemieteten Kino in einer Seitenstrasse, sondern in der Salle Debussy, wo sonst nur Filme des offiziellen Programms laufen. Die Erlaubnis dafür war wohl ein Abschiedsgeschenk des künstlerischen Leiters Thierry Frémaux an Katzenberg, der sein „Baby“ Dreamworks soeben für knapp 4 Milliarden Dollar an Comcast verkauft hat, ans Mutterhaus von Universal also.

Justin Timberlake und Anna Kendrick rühren in Cannes die Werbetrommel für den Animationsfilm TROLLS (Bild: Getty)

„Cannes ist in der ganzen Welt als grösster Förderer der Filmkunst anerkannt“, erklärte Katzenberg auf der Bühne und dies gelte ganz besonders für Animationsfilme. „Als ich vor 30 Jahren bei Disney begann, Animationsfilme zu machen, waren diese als Kinderkram belächelt und es wäre unmöglich gewesen, sie in Cannes zu zeigen“, erzählte Katzenberg. „Dass dies heute nicht mehr der Fall ist, verdanken wir massgeblich Thierry Frémaux. Er hat erkannt, dass der Animationsfilm eines der vitalsten Genres des Kinos ist und hat viel für seine Anerkennung getan.“ Tatsächlich hat Frémaux gleich im ersten Jahr, in dem er alleine für das Programm verantwortlich war, die Dreamworks-Produktion SHREK 2 gezeigt – und zwar im Wettbewerb! Es war eines der berauschendsten Screenings, das ich je in Cannes erlebt habe: Das Publikum lachte und klatsche und am Ende stampften alle mit den Füssen vor Begeisterung. Wohl deshalb durfte Dreamworks wenig später auch den eher bescheidenen Tierfilm OVER THE HEDGE in der offiziellen Selektion zeigen.

Jerry Seinfeld bewirbt 2007 den Film BEE MOVIE als Biene verkleidet (Bild: Getty)

Katzenberg hat Cannes aber auch genutzt, wenn seine Filme nicht eingeladen wurden. So liess er 2004 Angelina Jolie, Jack Black und Renée Zellweger mit Wassertöffs vor dem Luxushotel Carlton vorfahren, um SHARK TALE zu bewerben; und 2007 organisierte er den wohl spektakulärsten Publicity-Stunt in der Geschichte des Festivals, an dem sich Komiker Jerry Seinfeld im Bienenkostüm vom Dach des Carlton stürzte, um BEE MOVIE in die Schlagzeilen zu bringen.

Gestern liess Katzenberg im etwas formellerem Rahmen Justin Timberlake mit Akustikgitarre und Anna Kendrick auf der Bühne auftreten. Die beiden sangen gemeinsam Cindy Laupers Song „True Colors“ – ein Hühnerhautmoment. Dass Katzenberg diesmal auf einen Musiker als Aushängeschild setzte, ist durchaus sinnvoll, wie die 24-minütigen Filmausschnitte bewiesen: TROLLS lebt stark von der Musik, die weibliche Hauptfigur Puppy (Anna Kendrick) singt in einer Szene sogar wie in einem Musical. Damit springt Dreamworks auf einen Trend auf, den Disney mit FROZEN gesetzt hat, der massgeblich über den Titelsong „Let It Go“ beworben wurde. TROLLS erzählt die abenteuerreiche Geschichte der Prinzessin Puppy, die sich zusammen mit Troll Branch (Justin Timberlake) aus ihrem Königreich hinauswagt und im Wald von den bösen Monstern namens Borgen aufgefressen zu werden droht. Der Film erscheint wie ein visualisierter LSD-Rausch: Er ist ist sehr bunt und die Handlung wird von Musik angetrieben. Die Figuren sehen mit ihren aufstehenden Haaren lustig aus und gefallen mir hundert Mal besser als die doofen Minions, die meine zweijährige Tochter immer auf dem iPad sehen will. Ich freue mich jetzt schon, wenn ich ihr TROLLS zeigen kann. Die Ausschnitte riefen grosses Gelächter und viel Applaus hervor.

Nach der Vorstellung umarmten sich Thierry Frémaux und Jim Gianopulos, Studioboss von 20th Century Fox (das die Dreamworks-Filme verleiht) vor Freude. „Big Jim“ gratulierte Frémaux zum starken Programm. Als ich an der After-Party Katzenberg am Carlton Beach sah, wurde ich etwas wehmütig: Sollte er künftig nur noch Berater bei Comcast sein, wird er mir fehlen. Als ich 2001 zum ersten Mal in Cannes war, habe ich ihn oft vor der Bar Petit Majestic ein Bierchen kipppen sehen. Ich durfte Katzenberg schon sechs oder sieben Mal interviewen. Er ist zwar ein Schlitzohr, das weiss, wie es seine Werbebotschaften unter die Leute bringt. Aber wenn er merkt, dass ein Journalist aufrichtig am Filmbusiness interessiert ist, gibt er offen Auskunft. So durfte ich ihn letztes Jahr an der Cinecon in Barcelona, wo die Studios den europäischen Kinobetreibern ihre kommenden Blockbuster vorstellten, 25 Minuten lang zum Engagement von Dreamworks in China interviewen – das Gespräch haben wir im FRAME Nr. 7 veröffentlicht.

Thierry Frémaux und Jim Gianopulos

Für mich gehört Katzenberg zusammen mit Gianopulos und Harvey Weinstein zu jenen Studiobossen, die in der Tradition der grossen Mogule der Goldenen Ära stehen – ich würde gerne mal eine Biografie über ihn lesen. Und es ärgert mich jedes Mal furchtbar, wenn denkfaule Filmkritikerinnen (meist solche, die noch nie in Los Angeles waren) in ihren Verrissen von Hollywoodfilmen das Klischee vom dummen Studioboss heraufbeschwören, die nur Dollarzeichen auf den Pupillen haben. Natürlich sind die Publicity-Stunts in Cannes ein zweischneidiges Schwert, weil sie oft die Journalisten absorbieren, die dann gerade einen wichtigen Wettbewerbsbeitrag aus Iran oder Thailand verpassen. Doch sie gehören seit je zu Cannes und zum Film. Die Wurzeln des Kinos liegen ja auf dem Jahrmarkt, im Schaustellertum und etwas von dieser Tradition lebt in Cannes weiter. Und schliesslich machen ja auch Autorenfilmer wie Aki Kaurismäki oder Godard nichts anderes, wenn sie an der Pressekonferenz ihr Handy an die Wand schmeissen oder eine Zigarre rauchen, als einfach eine Show abziehen, um sich und ihr Werk zu vermarkten.

Szene aus CAFE SOCIETY mit Kristen Stewart und Jesse Eisenberg

Begonnen hat das Festival mit Woody Allens bittersüsser Komödie CAFE SOCIETY (7/10) angenehm. Vordergründig ist das ein Film, der mit gewohnter Allenschen Beiläufigkeit von einem jungen Mann namens Bobby (Jesse Eisenberg) erzählt, der in den dreissiger Jahren nach Hollywood fährt, in der Hoffnung sein Onkel (Steve Carrell), der eine Schauspieleragentur leitet, könne ihm einen Job geben. Das ist amüsant, nicht zuletzt deshalb, weil Allen mit Suspense arbeitet: Als Zuschauer weiss man stets etwas mehr als die Figuren, die eine Off-Stimme einführt. Doch hintergründig ist der Film auch die Auseinandersetzung von Allen mit seinem einstigen Feindbild Los Angeles. Der New Yorker Stadtneurotiker hat Hollywood lange verabscheut und ist jeweils auch den Oscarverleihungen fern geblieben. 1977 stöhnte er in seinem Meisterwerk ANNIE HALL: „Ich will nicht in einer Stadt leben, deren einzige kulturelle Errungenschaft es ist, dass man bei Rotlicht an der Ampel rechts abbiegen darf.“ Nun zeichnet er Los Angeles in hellen Farben als Ort des (sexuellen) Abenteuers und des Aufstiegs. Bobby jedenfalls zeigt sich vom Gerede um Kasseneinspielergebnisse und Stars in Hollywood „halb gelangweilt, halb fasziniert“, findet dort aber in Vonnie (Kristen Stewart), einer Sekretärin seines Onkels, die grosse Liebe.

Im zweiten Teil dieses dialektisch aufgebauten Filmes heiratet Bobby dann in New York eine Frau (Blake Lively), die er auch begehrt, aber nicht so sehr liebt, wie das Landmädchen Vonnie aus Nebraska, in das sich auch sein Onkel verguckt hat . Kristen Stewart spielt Vonnie hinreissend mit scharfen Blicken und verführerisch heiser Stimme. Schliesslich ist CAFE SOCIETY auch ein Film über das jüdische Milieu: Der bekennende Atheist Allen mokiert sich darin über die Doppelmoral seiner Religion. So mag Bobby nicht mit einer Prostituierten schlafen, weil sie jüdisch ist und seine Mutter lässt einen lästigen Nachbarn von ihrem kriminellen Sohn aus dem Weg schaffen. Als dieser zum Tode verurteilt wird, bekehrt er sich vor der Hinrichtung zum Christentum, weil das Judentum ja nicht von einem Leben nach dem Tod ausgehe. Erst stelle sich ihr Sohn als Mörder  heraus, nun sei er auch noch ein Christ, sie wisse gar nicht, was schlimmer sei, jammert die Mutter. Gelächter und Szenenapplaus. Begeisterung rief CAFE SOCIETY aber nicht hervor, im Gala-Screening bekam er bloss drei Minuten Applaus – wenig für einen Eröffnungsfilm.

Der Höhepunkt des Tages markierte dann das Sozialdrama SIERANEVADA (9/10) von Cristi Puiu (DER TOD DES HERRN LAZARESCU). Er erzählt vom Arzt Lary (Mimi Branescu), der mit seiner genervt-aggressiven Frau Laura (Catalina Moga) zur Wohnung seiner Mutter fährt, wo die Grossfamilie nach 40 Tagen Trauer mit einem traditionellen Mahl Abschied vom verstorbenen Vater nehmen soll. Rund ein Dutzend Verwandte finden sich dort ein und warten, bis der Priester endlich eintrifft, um eine kleine Gedenkmesse zu lesen und die Wohnung zu segnen. Und wie man es schon aus Filmen wie FESTEN kennt: In Zeiten da feierliche Einigkeit herrschen soll, brechen Konflikte aus. Die Freundin eines Bruders muss sich übergeben, vermutlich, weil sie Drogen konsumiert hat, eine Tante von Lary schreit ihren gewalttätigen Gatten an, weil er sie betrogen hat und Larys Schwester schreit, weil die streitenden Erwachsenen ihre kleine Tochter aufwecken, die in einem Nebenzimmer schläft.

Szene aus SIERANEVADA

Puiu lässt sich viel Zeit, um die Konflikte in Echtzeit zu schildern und Digressionen zu frönen, etwa wenn ein Bruder von Lary Verschwörungstheorien zu Nine Eleven verbreitet. Dadurch gelingt es Puiu, eine grosse Spannung hinzubekommen. Als Metapher für die Kommunikationsschwierigkeiten in der Familie dienen ihm die Türen, die ständig geschlossen werden. Puiu entpuppt sich hier als Paul Nizon des rumänischen Kinos, er führt nämlich in seinem meisterhaft inszenierten Kammerspiel einen Diskurs der Enge: Die Menschen haben innerhalb der familiären Tradition zu wenig Raum, um sich zu entfalten. Die Enge wird schon im Vorspann als Thema gesetzt, in dem Lary seine Frau an einer lauten und dreckigen Kreuzung abholen will, aber keinen Ort findet, um sein Auto zu parkieren. Als seine Frau unter dem Vorwand, etwas im Carrefour einkaufen zu gehen, die Wohnung verlässt, wird auch sie eingeschlossen, als ein Anwohner seinen Wagen hinter ihr Auto parkiert. Erschwerend kommen politische Differenzen hinzu: Eine von Larys Tanten erweist sich als beinharte Kommunistin, die gegen die Kirche vom Leder zieht und sich damit den Zorn einer Nichte einhandelt, die eine Anhängerin des geflohenen Königs ist.

Puiu entwirft das Sittenbild einer perspektivenlosen postkommunistischen Gesellschaft, in welcher weder Kirche noch Politik den Bürgern Trost oder Vertrauen zu spenden vermögen. Nach 173 Minuten werden sich Lary und seine Brüder ihrer trostlosen Situation bewusst und lachen kathartisch über sich selber. War das jetzt die Palme? Darüber zu spekulieren ist zu früh. Sicher aber hat sich Puiu für den Preis als bester Regisseur empfohlen. Wie er nämlich die zahlreichen Familienmitglieder auf engstem Raum miteinander interagieren lässt und wie er mit der Kamera in Robert-Altman-Manier von einer Figur zur nächsten geht, ist grosse Klasse. Bleibt die Frage, welcher Verleiher nun als erster den Mut hat, einen Film von Puiu (der immerhin in Genf studiert hat und der Stadt mit einer kurzen Erwähnung seine Reverenz erweist) bei uns ins Kino zu bringen.

3. Warum man Ken Loach einfach gern haben muss

     
Obwohl ich mir mittlerweile Zeit zum Packen des Koffers nehmen, merke ich jedes Mal, wenn ich in Cannes eingetroffen bin, dass ich etwas Wichtiges vergessen habe: Vor zwei Jahren war es das Netzkabel für den Laptop, letztes Jahr der Adapter für die Steckdose. Und heuer fehlte die Maus für den Computer und die Caffettiera von Bialetti. Eine neue Maus habe ich bei FNAC schnell gefunden, aber die Suche nach einer Caffettiera hat mich zwei Stunden gekostet. Erst im fünften Haushaltwarengeschäft wurde ich fündig. Leider hatte es nur eine ganz kleine im Angebot und nicht einmal von Bialetti. Egal, jetzt kann ich am morgen wenigstens einen Kaffee kochen und somit den Grundstein für einen erfolgreichen Tag legen. Der gestrige Donnerstag war cineastisch eher ein Durchhänger.

Szene aus MONEY MONSTER mit Julia Roberts

Am besten gefallen hat mir der Thriller MONEY MONSTER (7/10) von Jodie Foster. Sie hat in einer Kulisse von flimmernden Monitoren und blinkenden Lämpchen die (fiktive) Börsenanleger-Fernsehsendung Money Monster inszeniert. Darin gibt Moderator Lee Gates den Zuschauern unter dämlichen Verrenkungen Tipps, in welche Aktien sie investieren sollen. Gates wird von George Clooney gespielt, den ich eine Zeit lang nicht mehr sehen konnte, weil er an jedem Festival in zwei Filmen auftrat und für meinen Geschmack mit seinen Grimassen und dem Zähneblecken zu dick auftrug. Zur Rolle des überdrehten Moderators, der für das Publikum den Hampelmann gibt, passt sein Overacting allerdings. Und wie er mit der Produzentin der Show, gespielt von Julia Roberts, flirtet ist hinreissend. Doch dann platzt während laufender Kameras ein als Lieferant getarnter Wutbürger (Jack O'Connell) in die Show und stülpt dem Moderator eine Sprengstoffweste über. Der Mann hat in Aktien der Firma Ibis Financial Capital investiert, die Gates vor einigen Wochen empfohlen hatte. Diese hat dann über Nacht 800 Millionen Dollar an Wert verloren und den angehenden Familienvater um seine Ersparnisse von 60000 Dollar gebracht. Der Terrorist droht nun damit, Gates in die Luft zu sprengen, wenn er ihm nicht auf der Stelle erklären könne, warum das Geld vernichtet worden sei.

Nach dieser starken und dramatischen Exposition fährt Regisseurin Foster zweigleisig weiter: Sie spitzt die Geiselnahme zum Realityporno zu, der eine sensationsgeile Nation in Atem hält und weitetet die Geschichte auf wenig glaubwürdige Weise zu einem sehr moralischen Wall-Street-Thriller, dessen Bösewicht, der Ibis-CEO (Dominic West) allzu simpel als treu- und skrupelloser Finanzhai karikiert wird. Das ist zwar durchaus spannend, allerdings fallen einem spätestens in der Reflexion drastische Logik-Löcher im Drehbuch auf. Egal, ich habe den Film gerne geschaut, auch deshalb, weil er wie ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten wirkt. Diese Art von Schauspielerkino wäre noch in den neunziger Jahren 10 Wochen in einem Premierenkino wie dem Zürcher Corso 1 gelaufen. Heute ist es eher ein kleiner Fisch – ein Film für "ältere Semester", wie der "Hollywood Reporter" schreibt.

Pressekonferenz zu MONEY MONSTER am Festival de Cannes, 2016 (Bild: Getty)

Pressekonferenzen besuche ich seit einigen Jahren fast keine mehr, weil ich die Zeit lieber nutze, um einen weiteren Film zu sehen und weil man die Konferenzen später auf der Website des Festivals schauen kann. Diesmal machte ich aber von meinem Ausweis "Rose Pastille" Gebrauch, der ein langes Schlangestehen erspart und ging zur MONEY-MONSTER-PK, weil ich Julia Roberts einmal von Nahem sehen wollte. Der PRETTY-WOMAN-Star war zum ersten Mal überhaupt in Cannes und tat mir fast etwas leid: Kaum ein Journalist wollte zu Beginn etwas von ihr wissen. Die meisten Fragen gingen an Jodie Foster, die seriös antwortete, oder an George Clooney, der abermals den Guignol gab. Auch ich richtete meine Frage an Foster: Was denn Cannes einer Studioproduktion von Sony mit A-List-Stars im Cast noch bringen könne? Sie antwortete, MONEY MONSTER habe nur ein bescheidenes Budget und sei ein Mainstreamfilm mit Anspruch, weshalb er nach Cannes gehöre, weil hier das Autorenkino gefördert werde.

Laut Boxofficemojo.com kostete der Film 27 Millionen Dollar. So viel bekam Julia Roberts zu ihren besten Zeiten als Gage (inkl. Umsatzbeteiligung) für Filme wie ERIN BROCKOVICH und THE MEXICAN. Schliesslich stellte ihr ein Journalist dann doch noch eine Frage – und zwar jene, die ich immer während Starinterviews stelle, wenn ich gerade nicht mehr weiter weiss: Wollen Sie selber auch einmal Regie führen? Roberts setzte ihr schönstes Lachen auf und antwortet: Nein, denn sie kenne ihre intellektuellen Grenzen, zudem sei sie überfordert, wenn sie mehr als vier Fragen pro Tag beantworten müsse.

Szene aus RESTER VERTICAL

Eine Enttäuschung war für mich der Wettbewerbsfilm RESTER VERTICAL (4/10) des französischen Regisseurs Alain Guiraudie, den offenbar alle kennen. Alle ausser: ich. Er beginnt mit einem Filmregisseur (Damien Bonnard), der mit dem Auto über eine Landstrasse brettert, die mit subjektiver Kamera eingefangen wird. Damit ist bereits  im Vorspann die banale Botschaft "Der Weg ist das Ziel" angelegt. Er fragt dann unvermittelt einen jungen Wegelagerer "Können Sie sich vorstellen, bei einem Film mitzumachen?" Der Jüngling verneint. Der Regisseur zieht weiter, trifft beim Wandern über die Felder auf eine junge Frau, welche die Schafe ihres Vaters hütet und die unsere Hauptfigur, eine Art französischer Ben Stiller, der aber Leo heisst, bald zwischen den Beinen leckt. Es ist die erste von mehreren expliziten Sexszenen, die gerne einen Skandal provozieren möchte, es aber nicht schafft. Die Frau bekommt ein Baby, was in realen Bildern einer Geburt gezeigt wird und damit rückt das Filmprojekt von Leo noch weiter in die Ferne, weil der phlegmatische Rumtreiber bald das Kind aufziehen muss, während die Mutter ihren neuen Freund bei sich zu Hause aufnimmt.

Der Film hat ein paar komische Momente, etwa wenn Obdachlose den ebenfalls abgehalfterten Leo überfallen und ihm seine Kleider rauben, was unweigerlich an die gnadenlosen Landstreicher aus Bunuels VIRDIANA erinnert. Aber die kauzigen Figuren, die es quer übers Kreuz treiben, wobei Leo einmal mit einem alten Mann schläft, der dann während des Akts stirbt, vermochten mich nicht zu begeistern. RESTER VERTICAL ist so ein französisches artsy-furtsy-Movie, die ich Schulterzucker nenne.

Szene aus I, DANIEL BLAKE

Eine weitere Enttäuschung war I, DANIEL BLAKE (5/10), der offenbar letzte Film des unverwüstlichen Ken Loach, der am 17. Juni seinen 80. Geburtstag feiern wird. Er erzählt abermals von einem Underdog, der sich gegen das System auflehnt. Der von Dave Johns verkörperte Titelheld ist ein Zimmermann, der nach einem Arbeitsunfall mithilfe einer hübschen, alleinerziehenden Mutter von zwei Kindern um seine Invalidenrente kämpft. Im Büro der Sozialhilfe blitzt er ab. Und nachdem er eine Stunde und 48 Minuten lang auf die kostenpflichtige telefonische Beratung gewartet hat, verweist man ihn dort auf ein Online-Formular, das er ausfüllen soll, wozu Daniel, der noch nie einen Computer bedient hat, nicht in der Lage ist. Loach und sein Drehbuchautor Paul Laverty reihen Klischee an Klischee. Und natürlich rastet Daniel irgendwann aus (Loachs Helden verschlimmern ihre Lage zuverlässig nach dem zweiten Akt mit einem Temperamentsausbruch) und sprayt seine Botschaft an die Gebäudewand der Bürokraten. Der auch bildhaft merkwürdig matte Film endet dann mit dem Tod, wobei an der Beerdigung die schöne Single-Mom noch einen Abschiedsbrief von Daniel vorliest, der wohl einen Frank A. Meyer in Ekstase versetzen würde, weil der Arbeiter den Leuten sagt, er sei doch einfach nur ein Citoyen, der um sein Recht kämpfe.

Ken Loach am Festival de Cannes, 2016 (Bild: Getty)

Ich möchte diesen Beitrag aber nicht mit Kritik aufhören, sondern doch mit Dankbarkeit: Loach hat mich, seit ich 1991 als Kassier im Winterthurer Kino Loge zum Cinéphilen und 1994 zum Filmkritiker wurde, mit seinen Werken angesprochen: RIFFRAFF, RAINING STONES, LAND AND FREEDOM, CARLA'S SONG, MY NAME IS JOE, BREAD AND ROSES, vor allem aber auch LOOKING FOR ERIC habe ich geliebt. Ich habe Loach sicher zehn Mal interviewen dürfen, in Locarno, Venedig und Cannes. Und ich war jedes Mal beeindruckt, wie sich der Brite mit der leisen Stimme aufrichtig und uneitel für die Arbeiterklasse in seiner Heimat einsetzt. Seinen romantischen Glauben daran, dass seine Dramen Arbeiter aufrütteln und zu politischem Aktionismus inspirieren könnten, fand ich als Sohn eines Sulzer-Fabrikarbeiters immer etwas naiv (mein Vater hat nie Loach-Filme geschaut).

Ich denke, Loach predigt vielmehr zu den Bekehrten beziehungsweise zu den Salon-Linken, die an Filmfestspielen in schönen Badeorten auf der Leinwand die soziale Misere Englands sehen und beim Whiskey im Grand Hotel denken: Jawohl, dagegen muss man etwas tun. Und wie ich diesen Gedanken formuliere, fühle ich mich ein wenig als Zyniker. Loach hingegen war in seinen Filmen und bei Interviews nie zynisch. Er ist ein Kommunist, welcher der Politik der Neoliberalen (sein ewiges Feindbild) und der Bürokraten Sozialdramen mit widerborstigen, bauernschlauen Helden des Alltags entgegenstellt, die man einfach gern haben muss. Genau wie Loach auch.

4. Standing Ovation und langer Applaus für Schweizer Film


Ich gebe es gerne zu: In Sachen Filmgeschmack bin ich eher ein Mainstream-Guy. Ich habe gerne klassisches Erzählkino wie es Clint Eastwood, Ang Lee oder Richard Linklater zur Vollendung gebracht haben. Mit Fingerübungen oder ethnologischen Dramen, in denen zwei Witwen nach dem Krieg zum Brunnen gehen oder (in Locarno gesehen!) ein Esel während fünf Minuten von rechts nach links durchs Bild zottelt, kann ich wenig anfangen. Deshalb konzentriere ich mich in Cannes vor allem auf den Wettbewerb, wo das Cinéma d’auteur grand public von Almodovar, Sean Penn oder Jeff Nichols läuft. Mit der Avantgarde-Sektion Quinzaine des Réalisateurs hatte ich lange Mühe, weil man dort immer Gefahr lief, Stilübungen aussitzen zu müssen. Doch seit Edouard Waintrop 2011 die Leitung der Sektion übernahm und sie auch für populäres Kino geöffnet hat, gehe ich gerne in die Quinzaine. Dort habe ich in den letzten Jahren Meisterwerke wie GANGS OF WASSEYPUR und BANDE DE FILLES gesehen. Aber auch Schweizer Filme wie CLEVELAND CONTRE WALL STREET oder OPERATION LIBERTAD.

Heute über Mittag wurde in der Quinzaine der Animationsfilm MA VIE DE COURGETTE (7/10) der Presse gezeigt. Der Andrang war gross, der Film hat an der Croisette einen Buzz, wie man im Branchenjargon den Hype nennt, der sich über Mundpropaganda und Social Media um einen Titel aufbaut. Der Walliser Claude Barras (*1973) erzählt von dem neunjährigen Jungen Courgette. Dieser hat grosse, weit auseinanderliegende Augen und blaue Haare und wächst nach dem Tod seines Vaters bei seiner alkoholkranken Mutter auf. Als diese wieder einmal zu viel getrunken hat und sich im Suff anschickt, Courgette zu vermöbeln, wehrt sich dieser – mit fatalen Folgen. Seine Mutter stürzt die Treppe runter und ist auf der Stelle tot. Darauf steckt ihn der liebevolle Polizist Raymond in ein Waisenhaus, wo Courgette von einem rothaarigen Jungen, mit dem er das Zimmer teilt, schikaniert wird. Schliesslich verschafft er sich aber doch Respekt und verliebt sich in die schöne Camille, die gerne Kafka liest.

Das Plakat der diesjährigen Quinzaine des Réalisateurs

MA VIE DE COURGETTE basiert auf dem gleichnamigen Roman von Gilles Paris und erzählt von der Adoleszenz unter schwierigen Bedingungen. Barras und seine Drehbuchautorin Céline Sciamma schaffen ungemein emotionale und anrührende Szenen, etwa wenn Courgette mit verträumten Augen im Bett liegt, als er verliebt ist. Das Erzähltempo ist gemächlich, zu gemächlich für meinen Geschmack. Obwohl der Film nur 66 Minuten dauert, hat er einige Längen. Und man merkt ihm auch das verhältnismässig bescheidene Budget von 8 Millionen Euro an (zum Vergleich: MAX & CO. Kostete gegen 19,2 Millionen Euro). Oft bleibt die Hauptfigur in einer langen Einstellung im Bild, obwohl die Handlung gerade im Hors-Champ stattfindet – dies war vermutlich ein produktioneller Zwang aus Kostengründen. Sehr gut und mit viel Liebe fürs Detail sind die Figuren animiert. Barras hat sie bewusst mit grossen Köpfen gestaltet, damit sie grosse Augen haben können. Diese widerspiegeln die Gefühlslage – Freude, Trauer, Zorn – der Figuren wunderbar. Der Film hat tragische, aber auch sehr viele komische Momente, die für Lacher sorgten, vor allem in den Szenen, als die Waisenkinder zu rätseln beginnen, wie denn das genau läuft, wenn ein Mann und eine Frau miteinander schlafen. Da glaube ich dann auch den Einfluss von Sciamma zu spüren, die in ihren eigenen Filmen wie NAISSANCE DES PIEUVRES oder BANDE DE FILLES ebenfalls vom sexuellen Erwachen erzählt.

Da ich schon während der Vorführung merkte, dass das Publikum mit den Figuren mitfiebert, habe ich mir vorgenommen zu stoppen, wie lange der Applaus sein wird. Er dauerte exakt 6 Minuten und 22 Sekunden, viele Leute riss der Film sogar von den Sitzen. Das ist ein starkes Zeichen, war es doch „bloss“ eine Pressevorstellung und nicht das Galascreening. Barras war denn auf der Bühne auch sichtlich gerührt und bedankte sich für das „schöne Geschenk“, welches ihm das Publikum bescherte. Er erzählte, dass er 36 Monate in die Vorbereitung des Drehs steckte, unter anderem drei Wochen in einem Waisenhaus verbrachte, um die Verhältnisse in einem Kinderheim akkurat darzustellen. Die Dreharbeiten mit 10 Animatoren dauerten dann 10 Monate. MA VIE DE COURGETTE ist ein anrührender, sehr emotionaler Film, dem ich eine erfolgreiche internationale Karriere prophezeihe.

Szene aus MA VIE DE COURGETTE

Der Wettbewerb ist bisher auf bescheidenem Niveau, das widerspiegeln auch die Kritikerhitparaden in den Trade Papers wie „Le film français“ und „Screen“. Es gibt dort einen klaren Favoriten, der auch meiner ist: TONI ERDMANN (10/10) der deutschen Regisseurin und Drehbuchautorin Maren Ade (*1976). Er war im Vorfeld schon ziemlich gehypt worden, aber meine Erwartungen waren nicht allzu gross, denn ihren letzten Film, das hochgelobte Beziehungsdrama ALLE ANDEREN über die Befindlichkeit von 30-Jährigen, fand ich einen typischen Berliner-Schule-Quark, mit existenzialistischen Dialogen, wie es sie im Leben nicht gibt, sondern nur im deutschen Film. Und im Vorfeld bin ich dann auch schon in ein Fettnäpfchen getreten. In meinem ersten Blog-Beitrag hatte ich den Namen der Regisseurin falsch geschrieben: Aren Made. Meine Kollegin Catharina Steiner von „20 Minuten“ hat mich freundlicherweise per Mail darauf hingewiesen. Und ich habe ihr geantwortet, das müsse ein Freud’scher Fehler gewesen sein, weil ich Made für überschätzt halte. Sie hat mir dann zurückgeschrieben, dass ihr Schwiegervater Peter Simonischek (der Vater von Max Simonischek) die Hauptrolle spiele.

Dieser Simonischek verkörpert den Rentner Winfried, der gerne einen Spass macht, etwa wenn er sich ein Gebiss mit vorstehenden Zähnen einsetzt, um Verwandte und Bekannte zu erschrecken. Seine Tochter Ines (Sandra Hüller) ist gerade zu Besuch in Deutschland, fühlt sich aber sichtlich unwohl im Schoss der Familie. Sie ist Anfang 30 und arbeitet in einer Consulting-Firma in Bukarest, die Grossunternehmen Vorschläge unterbreitet, wie sie am besten Mitarbeiter entlassen können. Sie ist unglücklich, weil sie nie das sagt, was sie wirklich denkt, sondern immer nur das, was die anderen hören wollen: „You’re right, I totally agree with you“, lautet einer ihrer Standardsätze. Ihr Vater spürt, dass die Tochter unglücklich ist und kreuzt unverhofft in Bukarest auf, wo er ihr mit Perücke und Gebiss nachstellt und sich vor ihren Geschäftspartnern und Kolleginnen bald als Trainingscoach, bald als deutscher Botschafter ausgibt. Immer wieder konfrontiert er die Tochter mit existenziellen Fragen: Bist du glücklich? Bist du überhaupt ein Mensch? Der Vater äfft im Narrenkostüm die gestressten Geschäftsleute nach und hält ihnen so einen Spiegel vor, in dem sie bis zur Kenntlichkeit entstellt sehen, wie lächerlich ihr Verhalten ist.

Trailer des Wettbewerbsfavoriten TONI ERDMANN

TONI ERDMANN dauert zwar 162 Minuten, ist aber keine Minute langweilig. Das liegt zunächst an der Regie und dem formidablen Drehbuch von Maren Ade, die es versteht Spannung und hintergründige Situationskomik aufzubauen. Besonders genial ist die Szene, in der Ines ein zu enges Kleid anzieht, in dem sie ihre Mitarbeiter bei sich zu Hause zum Brunch empfangen will, um etwas fürs Team-Building zu tun. Als es erstmals klingelt an ihrer Türe, kann sie das Kleid weder schliessen noch abziehen – eine Szene von symbolischem Gehalt, die darauf verweist, wie festgefahren ihre Situation ist. Schliesslich geht sie oben ohne zur Tür und sagt den verdutzten Kollegen, es gebe heute eine Nacktparty. Ihr Chef macht erst wieder rechtsumkehrt, aber ihre Assistentin, lässt die Hüllen fallen, ganz einfach deshalb, weil sie sich gewohnt ist, Befehle auszuführen.

TONI ERDMANN ist ein Film darüber, wie man in der Leistungsgesellschaft das Leben verpasst und sich von sich selbst entfremdet, wenn man ständig erreichbar ist und immer noch eine E-Mail schreiben muss. Und er bestätigt etwas, was mir Ken Loach im Interview zu I, DANIEL BLAKE im Garten des Hotel Résideal sagte: Dass die Oberschicht einfach nicht lustig ist, weil dort der Konformitätsdruck so stark ist, dass den Menschen in Anzug und Deux-Pièce jegliche Individualität und Ehrlichkeit ausgetrieben wird, die man hingegen in der Arbeiterklasse noch findet. Zum Meisterwerk machen TONI ERDMANN aber auch die Hauptdarsteller. Peter Simonischek gibt den Scherzkeks als bärbeissigen Clown und sorgt dafür, dass man ihn unheimlich gerne bekommt. Grandios ist die Szene, in der er sich auf einer Party ans Keyboard setzt und den Hit „Greatest Love of all“ von Whitney Houston anstimmt, den seine Tochter singt. Für diese kathartischen Moment gab es in der Salle Debussy an der Pressevorstellung spontanen Applaus.

Sandra Hüller verkörpert Ines, diesen traurigen Hamster im Rad, grandios als verbissene Karrierefrau, der kaum noch ein Lächeln über die Lippen kommt und die sich für ihren Vater schämt, obwohl der mit seiner offenen Art ihre Geschäftspartner zum Lachen bringt. Gut möglich, dass sie den Preis als beste Darstellerin gewinnt – sofern TONI ERDMANN nicht die Goldene Palme bekommt (Doppelprämierungen sind nicht möglich).Eine Enttäuschung war leider (wie insgeheim befürchtet) THE BFG (4/10) von Steven Spielberg. Seine Adaption von Roald Dahls Kinderbuchklassiker um einen Riesen, der nachts die kleine Sophie aus ihrer Wohnung holt und ins Land der Riesen bringt, ist ein Schwachstromfilm. Es fehlt ihm der Sense of Wonder, den E.T. hatte. Dies liegt zum einen daran, dass die Bilder sehr steril wirken, man merkt, dass viele Effekte am Computer entstanden sind. Zum anderen stimmt die Chemie zwischen Mark Rylance, der den Riesen verkörpert und Ruby Barnhill, welche die kleine Sophie spielt. Ich befürchte, dass es dieses Fantasy-Abenteuer in den Schweizer Kinos schwer haben wird, gerade auch beim jugendlichen Publikum, weil es im Vergleich zu den HARRY-POTTER-Filmen viel weniger Action und Dramatik hat.

Szene aus THE NICE GUYS

Ein Knüller ist dafür die Buddy-Komödie THE NICE GUYS (8/10) mit Russell Crowe und Ryan Gosling. Ich wusste schon nach einer Minute, dass mir der Film gefallen wird. Er beginnt nämlich mit einem Blick von den Hollywood Hills aufs nachtfiebrige Los Angeles (von diesen Bildern meiner zweiten Lieblingsstadt nach Paris) kann ich nie genug bekommen. Und dann werden die Credits in schönem Seventies-Design eingeblendet. Crowe verkörpert den unzimperlichen, irisch-stämmigen Einschüchterer Jackson, der im L. A. der siebziger Jahre nach einem verschwundenen Porno-Starlett sucht und dabei nolens volens mit dem Privatdetektiv Holland (Gosling) zusammenspannt, der ebenfalls an diesem Fall dran ist. Das Starlet ist untergetaucht, nachdem sämtliche Beteiligten an ihrem Film ermordet worden sind. Ihre Mutter, welche für die Regierung arbeitet, hat nun die beiden Haudegen engagiert, um sie aufzuspüren. Regisseur Shane Black schlägt ein flottes Erzähltempo an und kostet mit seiner Kamera die wunderbaren, glitzernden Seventies-Dekors ebenso aus wie den Soundtrack der Zeit. Er hat coole Actionsszenen choreografiert und lässt immer wieder einen seiner Protagonisten durch Scheiben fliegen. Zwar vermag er das Erzähltempo nicht ganz durchzuhalten, nach dem zweiten Akt hängt die Komödie leicht durch, wenn die Figuren plötzlich während albernen Dialogen sich und vor allem dem Publikum zu erklären beginnen, was mit dem sagenumwobenen Pornofilm, dem alle hinterherjagen, geschah. Aber der Film bietet gute Unterhaltung mit launigen Dialogen und köstlicher Situationskomik. THE NICE GUYS lebt stark vom Spiel der hervorragend gecasteten Stars: Gosling, der Anzugträger, und Russell, der Gorilla in der blauen Lederjacke, harmonieren hervorragend und sorgten dafür, dass auch diese Komödie in der Pressevorstellung am Sonntagmorgen spontanen Applaus bekam, was eine Seltenheit ist.

5. Halbzeit: Die 5 besten Filme


Der Montag nach dem ersten Wochenende ist für mich in Cannes traditionellerweise ein Krisentag. Ich merke dann jeweils, dass ich kaum je länger als fünf Stunden pro Nacht geschlafen habe. Freunde zu Hause meinen ja, man sei hier pausenlos am Cüpli trinken und am Feiern. Die Wahrheit ist: Ich bin vor allem viel am Filmeschauen, zwei bis fünf pro Tag und am Interviews führen mit Regisseuren und Schauspielern. Bisher habe ich erst zwei Partys besucht, einen Cocktail von German Films in der Villa Rothschild ausserhalb von Cannes (eine ziemlich stimmungsarme Veranstaltung) und die Party zu Ehren des Schweizer Films MA VIE DE COURGETTE am Grey-d’Albion-Strand, ein wirklich rauschendes Fest mit einem genialen DJ, der mit Songs wie „Diamonds“ von Rihanna (aus dem Film BANDE DE FILLES) und „Ich möchte ein Eisbär sein“ von Grauzone (der auch in COURGETTE vorkommt) sogar Tanzmuffeln wie mir halfen, die Scheu zu überwinden.

Irgendwie hat sich die gute Stimmung von der euphorisch gefeierten Premiere auf die Party übertragen. Auf der Tanzfläche habe ich dann die Schauspielerin Adèle Haenel gesehen, den Shootingstar des französischen Kinos und die Lebenspartnerin von Céline Sciamma, die das Drehbuch zu MA VIE DE COURGETTE geschrieben hat. Sie spricht perfekt Deutsch, weil ihr Vater Österreicher ist.

Morgens um 2.15 Uhr bin ich dann nach Hause gegangen. Das ist die Zeit, wo man auf der Croisette Frauen im Abendkleid barfuss gehen sieht, die Stöckelschuhe in den Händen tragend – ich liebe diesen Anblick! Er erinnert mich jedes Mal an die wunderschöne melancholische Szene in Fellinis AMARCORD, wenn nach dem Dorffest der Wind Abfall über die Piazza wirbelt.  Als ich dann vor dem Haus meiner Unterkunft stand, kam der Schock: Die Haustüre ging nicht auf. Ich habe eine Viertelstunde lang versucht, sie aufzureissen. Und weil mein Kollege, Hans Jürg Zinsli von der „Berner Zeitung“, schon im Tiefschlaf war und das Handy nicht hörte, entschied ich, an die COURGETTE-Party zurückzukehren und durchzufeiern. Gerade als ich weggehen wollte, kam ein Bewohner des Hauses und hat die Türe nach zwei, drei zivilen Versuchen mit einem Karate-Kick eingetreten, wie man es aus Actionfilmen kennt, wenn Drogenfahnder ein Haus stürmen. So kam ich dann doch noch zu einer Mütze Schlaf.

Ruth Negga und Joel Edgerton in LOVING

Das Aufstehen bereitete mir keine Mühe, denn um 8.30 Uhr stand LOVING (8/10) von Jeff Nichols auf dem Programm. Das Drama beginnt grossartig: Im Bild sind ein weisser Mann und eine schwarze Frau zu sehen, die sich verliebt anschauen. Dann sagt sie: „Ich bin schwanger.“ Er lacht und sagt: „Das ist gut“. Die beiden heiraten – und Richard Loving (Joel Edgerton) hängt stolz die Hochzeitsurkunde im Schlafzimmer auf. Doch bald werden er und seine Frau Mildred (Ruth Negga) vom Sherriff aus dem Schlaf gerissen und verhaftet. Denn im US-Gliedstaat Virginia des Jahres 1958 sind gemischtrassige Ehen verboten, dem „Frieden und der Würde des Staates“ zuliebe, wie der Richter den fassungslosen Angeklagten erklärt. Die beiden werden zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, die Strafe wird aber aufgehoben, wenn sie den Bundesstaat verlassen und während 25 Jahren nicht mehr zusammen zurückkehren. Die beiden ziehen nach Washington, kehren aber für die Geburt ihres Kindes heimlich in die Heimat zurück und werden erneut verhaftet. Bald werden Anwälte der Bürgerrechtsbewegung auf den Fall aufmerksam und ziehen ihn an den Supreme Court weiter, wobei sie das Schicksal der einfachen Südstaatler dem „Time“-Magazin stecken, das einen Fotografen (Michael Shannon) vorbeischickt und dafür sorgt, dass die ganze Nation vom Fall erfährt.

Aus diesem wichtigen Thema hätte man einen zornigen Film machen können, der offene Türen einrennt und vom Publikum Betroffenheit einfordert, wie dies Steve McQueen in 12 YEARS A SLAVE getan hat. Nichols, selber ein Kind des Südens, hat sich für eine andere Tonalität entschieden: Er erzählt konsequent aus der Perspektive der Betroffenen, einfache Leute, für welche die Liebe eine Selbstverständlichkeit ist. Vor allem Richard, ein Mann der Tat nicht der Worte, bekundet Mühe, überhaupt über die schwierige Situation zu sprechen. Dem Temperament seiner Protagonisten entsprechend schlägt Nichols ein gemächliches Erzähltempo an, es gibt weder schnelle Schnitte noch inszenatorische Schnörkel, dafür viele Totalen von den Kornfeldern Viginias. Wunderbar ist, wie Nichols der Perspektive der kleinen Leute sogar bei der finalen Verhandlung vor dem Supreme Court treu bleibt, dem eigentlichen Klimax des Films: Wir hören als Zuschauer zwar die Anwälte, wie sie sich für die Lovings einsetzen, sehen aber im Bild nicht das Gericht, sondern die Lovings, wie sie mit ihren Kindern essen.

Das Thema Rassismus wird nicht plakativ in den Vordergrund gerückt, sondern geradezu beiläufig verhandelt. Im Zentrum steht das Familienleben, die Sorge der Lovings über die Runden zu kommen. Allerdings legt sich nach dem Einstieg in medias res allmählich eine bedrückende Stimmung über die Szenerie, die sogar in Paranoia mündet, wenn Richard sich beim Autofahren von Fremden verfolgt wähnt und voll aufs Gas drückt. Die Schauspieler spielen für meinen Geschmack fast etwas zu zurückhaltend, die Passion zwischen ihren Figuren muss man als vorausgesetzt akzeptieren, sie wird einem nicht in heissen Liebesszenen vorgesetzt. LOVING ist ein wunderbarer Film, elegant inszeniert, wobei die Kamera immer nah an den Menschen ist. Gut ist auch, dass Nichols keine Zeit- und Ortseinblendungen macht, als Epochenmarken dienen ihm vielmehr die Autos sowie – zurückhaltend eingesetzte – Nachrichtenbilder am Fernsehen. Hier war eben ein talentierter Cineast am Werk, der in Bildern zu erzählen weiss und keine Krücken wie Voice-Over oder Einblendungen braucht. Grosses Kino. Relevantes Kino.

Sandra Hüller in TONI ERDMANN

Für mich aber nach wie vor der Favorit auf die Palme ist TONI ERDMANN. Der Film von Maren Ade beschäftigt mich auch drei Tage nach der Premiere noch – etwas, was mir schon lang nicht mehr passierte. Es ist der Glücksfall von einem Film, der im Kino einen hohen Unterhaltungswert hat, aber einem auch etwas gibt. So habe ich in der Hauptfigur Ines, die als Expat in Bukarest arbeitet, eine eigene Schwäche erkannt: immer online sein, immer noch eine E-Mail-Schreiben statt sich auf die Menschen links und rechts einzulassen. So habe ich schon sur place einen Entscheid getroffen: nämlich beim Warten auf den Film nicht die ganze Zeit E-Mails zu lesen oder zu twittern, sondern mit den Sitznachbarn das Gespräch zu suchen.

Und siehe da: Vor dem Film THE NICE GUYS habe ich Kate Muir kennen gelernt, der ich schon lange auf Twitter folge. Die Chef-Filmkritikerin der London „Times“ hat mir erzählt, dass ihre Zeitung voll auf Paywall und Bezahlung setzt und damit viel besser fährt als der „Guardian“, der sämtliche Inhalte online stellt und kürzlich 200 Mitarbeiter entlassen musste, weil er zu wenig Einnahmen generiert. Kate versteht auch Deutsch und war angetan von unserer Zeitschrift FRAME, wobei sie meinte, dass nach dem Multiplex-Boom in Grossbritannien die Arthouse-Kinos eine kleine Renaissance erleben. In London seien sogar neue gebaut worden, die dank grossem Bar-Angebot mit Weinen und Snacks rentieren. Nach dem realen Gespräch folgt sie mir nun auch auf Twitter und ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass ich darüber nicht ein klitzekleines bisschen geschmeichelt bin.

Aber zurück zu den Filmen. Das sind zur Halbzeit meine fünf Lieblingsfilme aus sämtlichen Kategorien:

1. TONI ERDMANN von Maren Ade (Int. Wettbewerb)
2. SIERANEVADA von Cristi Puiu (Int. Wettbewerb)
3. LOVING von Jeff Nichols (Int. Wettbewerb)
4. THE NICE GUYS von Shane Black (Ausser Konkurrenz)
5. AMERICAN HONEY von Andrea Arnold (Int. Wettbewerb)

Szene aus AMERICAN HONEY

Beim letzten Film dieser Liste, war ich mir lange nicht sicher, ob ich ihn nun gut finde oder nicht. AMERICAN HONEY (7/10) von Andrea Arnold beginnt wie ein Indie-Film von Kelly Reichardt (WENDY AND LUCY). Auf einem Parkplatz vor einem Supermarkt in den Südstaaten treffen wir die tätowierte Star (Sasha Lane), die zusammen mit zwei Kindern im Abfall nach Essen sucht. Dann kreuzt mit lautem Karacho eine Gruppe von Jugendlichen auf, unter ihnen der vorlaute Jake (Shia LaBeouf). Er macht Star an und lädt sie ein, mit seiner Gruppe mitzuziehen. Die Jugendlichen gehen von Haus zu Haus, um Abonnemente für Zeitschriften zu verkaufen und feiern abends in Motels und gemieteten Häusern wilde Partys. Star gibt die Kinder – sie stellen sich als ihre jungen Geschwister heraus – ihrer White-Trash-Mutter ab und schliesst sich der wilden Truppe an. Auf ihrer ersten Verkaufstour wird sie von Jake ins Metier eingeführt, der jeweils unter der Haustüre der Leute eine improvisierte Show abzieht, sich bald als Vertreter einer Freikirche, bald als Student ausgibt, der Geld für den Bau einer Cafeteria sammelt. Zuweilen lässt er auch etwas mitlaufen, etwa einen Ring im Haus einer evangelikalen Christin. Star ist fasziniert und angewidert zugleich vom Freibeuter. Sie verliebt sich dann in Jake und handelt sich damit den Groll der oft zugedröhnten Gruppenleiterin ein, in deren Zimmer Jake jeweils übernachtet. Wenn Star unverfroren Männern folgt, die bestimmt nicht nur an ihren Zeitschriften interessiert sind, schwingt stets die Befürchtung mit, sie könnte vergewaltigt werden oder in die Prostitution abgleiten.

Regisseurin Andrea Arnold (FISH TANK) hat sich bisher mit Sozialdramen einen Namen geschaffen, die in der Tristesse der britischen Arbeiterklasse verwurzelt sind. Nun hat sie zum ersten Mal in den USA gedreht. Zum Film inspiriert wurde sie einerseits von ihren eigenen Reiseerfahrungen als Autostopperin, andererseits von einem Artikel in der „New York Times“, der das gleichsam wilde und triste Sex, Drugs & Rock ‚n’Roll-Partyleben von Jugendlichen beschrieb, die zu Hause ausbüxten, um sich auf der Suche nach Freiheit als Magazin-Verkäufer zu verdingen.

AMERICAN HONEY ist ein Film, der auf mich einen starken Sog ausgeübt hat, weil Arnold zwei Dinge kombiniert, die ich im Kino liebe: das Roadmovie und die Digression – letztere haben auch Cristi Puiu in SIERANEVADA und Maren Ade in TONI ERDMANN zelebriert, und wie diese beiden Werke dauert auch AMERICAN HONEY über 160 Minuten. Jenseits jeglicher Erzählökonomie schildert Arnold Episoden, die weder zur Figurenzeichnung noch zu einem klassischen Plot beitragen, etwa wenn Star in ein Haus tritt, wo zwei vernachlässigte Kinder vor dem viel zu lauten Fernseher spielen, während ihre drogenabhängige Mutter auf dem Sofa liegt, neben sich eine Spritze. Wie Mosaiksteinchen tragen solche Episoden zu einem Sittenbild des amerikanischen Mid-West bei. Die Bilder wirken dokumentarisch, zuweilen sind auch Passanten zu sehen, die in die Kamera gaffen. Den Eindruck von Sozialporno entschärft Arnold aber immer wieder mit ästhetisierenden, im Gegenlicht gefilmten Landschaftsbildern und Aufnahmen von Tieren aller Art (in einer Szene schaut sogar ein wilder Bär Star in die Augen). Was allerdings zu kurz kommt, ist die Figurenzeichnung, was vielleicht auch daran liegt, dass Arnold fast alle Figuren mit Laien besetzt hat, die sie auf der Strasse entdeckte. Immerhin, Sasha Lane verkörpert Star als sensible Wildkatze, die einmal mit dem Fahrtwind im Haar den etwas drehbuchigen, aber eben doch passenden Satz ruft: „I feel like I am fucking America“.

6. Doppelter Schock in Cannes

 
Es läuft gut am Festival, das Niveau des Wettbewerbs hat angezogen, die siebte Kunst lebt. Doch dann auf dem Heimweg vom Interview mit Jim Jarmusch der Schock: Das Cinéma Star an der Rue d’Antibes ist geschlossen. Das Kinosterben in den Innenstädten, das wir im neuen FRAME analysieren, hat auch Cannes erreicht. Das Star war zwar kein Prachtspalast, sondern eher ein trashiges Kino aus den sechziger Jahren. Aber ein geschlossenes Kino ist immer ein Verlust.

Und wie immer, wenn ein Kino stirbt, steigen Erinnerungen in mir hoch – an Filme, die ich darin gesehen habe. Im Star hatte ich zum Beispiel 2008 KUNG FU PANDA gesehen, zusammen mit meinem Kollegen Antonio Gattoni vom „Tele“. Dreamworks-Boss Jeffrey Katzenberg hatte noch eine Einführung gemacht und erklärt, dass man damit den asiatischen Markt erobern wolle. Jetzt ist es also zu, immerhin liefen zuletzt mit UN + UNE (10/10) von Claude Lelouch und STAR WARS: THE FORCE AWAKENS (9/10) noch zwei gute Filme. Ich habe mich dann gefragt, ob Pathé oder Gaumont bald ein Megaplex am Stadtrand bauen und wir Filmkritiker dann mit dem Schüttelbus in die Peripherie fahren müssen für die Pressevorstellungen? 

Der zweite Schock dann wenige Meter weiter im FNAC. Dieses Geschäft besuche ich während jedem Festival einmal, um Unsummen in Filmbücher zu investieren – über Jane Campion, 100 Jahre Gaumont oder Biografien über Eric Rohmer und Bertrand Tavernier. Zeit zu lesen habe ich dafür natürlich nicht, aber ich schreibe jeweils vorne das Datum rein sowie die Gelegenheit, wann ich das Buch gekauft habe. Und wenn ich dann einmal pensioniert bin, werde ich nicht nur Zeit haben, um in Locarno eine Retrospektive integral zu sehen, sondern auch um all die Bücher zu lesen, die ich hier gekauft habe – und so meine Festivaljahrgänge zu komemorieren. Doch dann der Schock: kein Büchertisch mehr mit Filmliteratur. Nur noch Ratgeberliteratur: Wie man Stress bewältigt, abnimmt, erfolgreich auftritt. Die gestressten Leute würden besser einen zen-buddhistischen Film wie Jim Jarmuschs PATERSON (7/10) schauen, in dem Adam Driver einen Gedichte schreibenden Busfahrer verkörpert, dachte ich.

Immerhin, nebst den paar obligaten Bildbändern über Star Wars und Ghostbusters habe ich die Autobiografie von Fabrice Luchini gefunden. Sie heisst „Comédie française: ça a débuté comme ça...“ Ich war mir zuerst unsicher, ob ich dafür 19 Euro ausgeben soll. Also habe ich meinen Bücherkauf-Test gemacht und willkürlich eine Seite aufgeschlagen, um zu sehen, ob mich das Geschriebene anspricht. Der erste Satz auf Seite 49 lautete: „J’ai dit des milliers de fois Céline sur scène“. Da meine Tochter Céline heisst (benannt nach der von Julie Delpy gespielten Hauptfigur in BEFORE SUNRISE, meinem absoluten Lieblingsfilm), war der Kauf ein No-Brainer. Reingeschrieben habe ich: „gekauft in Cannes, am 18. Mai, nach einem wunderbaren Interview mit Jim Jarmusch zu seinem Film „Paterson“ im Garten des Hotel Résideal“.

Adam Driver in PATERSON

Zu den Ritualen in Cannes gehörten für mich in den letzten Jahren die Buchvernissagen von Gilles Jacob, dem langjährigen Direktor und Präsidenten des Festivals, der fast jedes Jahr in einer Buchhandlung einen neuen Roman oder Bildband vorstellte und signierte. Ich habe sie alle. Dieses Jahr hat er keines veröffentlicht und ich habe ihn auch noch nicht gesehen. Wie es ihm wohl geht?

Zu den weiteren angenehmen Ritualen des Festivals gehört, dass man immer wieder ein tadellos inszeniertes Sozialdrama der belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne im Wettbewerb sieht. Dieses Mal schlug mein Puls sogar noch höher als bei DEUX JOURS, UNE NUIT 2014, weil es ein Wiedersehen mit der aufregendsten Schauspielerin des französischen Kinos gab: mit Adèle Haenel. Zum ersten Mal begeistert hatte sie mich in Katell Quillévérés Drama SUZANNE von 2013 und dann auch im Téchiné-Film L’HOMME QU’ON AMAIT TROP, der vor zwei Jahren in Cannes lief. Darin verkörperte sie die rebellische Tochter einer zwielichtigen Casino-Besitzerin (Catherine Deneuve) an der Côte d’Azur. Ich war so begeistert von Haenels Darbietung, dass ich unbedingt ein Interview mit ihr führen wollte. Als der Verleiher Xenix das nicht zustande brachte, rief ich eine Bekannte in Paris an und bekam schliesslich sogar Haenels Handynummer, so dass ich ein Telefoninterview mit ihr aufzeichnen konnte. Die burschikose Aktrice ist allerdings ein tough cookie, sehr intellektuell und feministisch. Keine Schauspielerin für launige Schwätzchen. Wer sie interviewt, muss sich gut vorbereiten.

In vielen Filmen spielt Haenel die burschikose Widerborstige, zuletzt etwa in LES COMBATTANTS, in dem sie sich mit Soldaten prügelte. In LA FILLE INCONNUE (8/10) nun verkörpert sie die junge Ärztin Jenny, welche ihre erste Praxis eröffnet. Sie bildet einen Medizinstudenten aus, der bei ihr ein Praktikum macht. Als dieser fassungslos sieht, wie ein Patient nach einem epileptischen Anfall mit Schaum um den Mund am Boden liegt, fährt sie ihn an: „Wenn du ein guter Arzt werden willst, musst du stärker als deine Emotionen sein“. Kurz darauf poltert eine Frau an der Tür, doch Jenny öffnet nicht mehr, weil sie bereits Feierabend macht. Bald darauf wird sie in der Praxis von Ermittlern der Polizei aufgesucht – die junge Frau ist unweit der Praxis ihren Verletzungen erlegen. Ihre Identität ist unklar. Von Gewissenbissen getrieben beginnt Jenny auf eigene Faust zu recherchieren, wer die junge Schwarze war. Die Spur führt ins Milieu der Prostitution, in dem auch etliche ihrer Patienten verkehren.

Szene aus LA FILLE INCONNUE

LA FILLE INCONNUE beginnt als Charakterstudie einer jungen Ärztin, die kaum Zeit fürs Privatleben hat, weil wegen Notfällen ständig ihr Handy klingelt. Die Brüder Dardenne weiten sie dann zu einem Whodunit-Krimi und leuchten in die seelischen Abgründe, welche sich in der Arbeiterschicht auftun. Getragen wird das formidabel aufgebaute Drama, in dem auch die langjährigen Dardenne-Schauspieler Olivier Gourmet und Jérémie Renier kleine Parts spielen, von Adèle Haenel, die fast in jeder Szene im Bild ist. Sie vermag das Innenleben ihrer Figur nach Aussen zu kehren und mit Mimik mehr zu erzählen als mit Worten. Haenel wurde wohl geboren, um in einem Film der Dardennes zu spielen. Es gibt allerdings auf sehr hohem Niveau einen Einwand zu machen: Das Drama wirkt etwas routiniert, es fehlt ihm der Zorn und die Dringlichkeit früherer Dardenne-Meisterwerke wie ROSETTA und L’ENFANT.

Diese Dringlichkeit habe ich dafür in MA’ROSA (9/10) gespürt, dem mit dokumentarischer Kamera gedrehten Film des Filipinos Brillante Mendoza. Er lässt uns zum ohrenbetäubenden Lärm des Verkehrs und des niederprasselnden Regens in einen Slum von Manila eintauchen, wo die Familienfrau Rosa (Jaclyn Jose) einen kleinen Lebensmittelladen betreibt. Ihre Kinder lungern auf der Strasse herum, ihr Ehemann ist der Droge Crystal Meth verfallen. Um alle Mäuler zu stopfen, verkauft Rosa selber Drogen – und fliegt auf. Polizisten bringen sie durch einen Hintereingang auf die Wache, wo sie ihr den Stoff und das Geld abnehmen, das sie gleich für sich behalten. Sie zwingen Rosa, ihren Drogenlieferanten zu verraten und sagen ihr, dass sie und ihr Mann nur freikommen, wenn sie ihnen Schmiergelder in der Höhe von 50 000 Pesos zahlen.

Szene aus MA’ROSA

In diesem Film nimmt Mendoza ein Thema auf, dass er schon in KINATAY behandelt hat: die Korruption der Polizei. Die Gesetzeshüter sind selber zutiefst kriminell und drängen arme Teufel in Armut und Prostitution. Starker Tobak, stellenweise so spannend, dass einem der Atem stockte. Ich war aber froh, dass der Film nicht so viel drastische Gewalt enthält wie KINATAY. MA’ROSA war der fünfte und beste Film, den ich gestern am Dienstag gesehen habe. Wobei auch die anderen alle ihre Stärken haben.

Sehr beeindruckt hat mich VOIR DU PAYS (8/10) der französischen Schwestern Muriel und Delphine Coulin, die ihren Film in der Sektion Un Certain Regard vorstellten. Sie erzählen von einer Gruppe französischer Soldaten, die sechs Monate lang in Afghanistan gekämpft haben. Bevor sie repatriiert werden, dürfen sie drei Tage in einem Luxus-Ressort auf Zypern die Seele baumeln lassen. Um das Erlebte zu verarbeiten muss jeder Soldat vor der Gruppe von seinen schlimmsten Erlebnissen erzählen, welche mittels Virtual-Reality-Computerprogramm visualisiert und auf eine Leinwand projiziert werden. Da kommen dann Traumata hervor, denn die Soldaten waren bei Mobayan in einen Hinterhalt der Taliban geraten und haben Kollegen verloren. Auch sonst will kaum Partystimmung aufkommen, weil viele gereizt sind und zu Gewaltausbrüchen neigen. Erzählt wird das Drama darüber, dass sich der Krieg nicht so einfach vergessen lässt, aus der Sicht von zwei Soldatinnen aus der Bretagne, die sich seit Kindsbeinen an kennen. Als sie aus dem „Disneyland“, wie die eine das Ferienressort nennt, ausbüxen und mit zwei Zyprioten auf eine Spritztour gehen, kommt es zu einer Katastrophe. Doch die Soldatinnen und Soldaten sind sich Drill und Gehorsam derart gewohnt, dass sie auch das auf Zypern erlebte schlucken und am Ende auf der Heimfahrt unter bitteren Tränen in ein Kameradenlied einstimmen. Der Film hat mich berührt und aufgewühlt.

Szene aus VOIR DU PAYS

Die meisten Filme in Cannes künden vom Elend in der Welt, eine schöne Ausnahme bildete da CAPTAIN FANTASTIC (8/10) von Matt Ross. Darin spielt Viggo Mortensen einen Aussteiger, der zusammen mit seinen sechs Kindern in einem abgeschiedenen Wald lebt. Er bringt ihnen linke Theorien bei und feiert mit ihnen einen Noam-Chomsky-Day in Gedenken an den marxistischen Linguisten. Als ihre Mutter stirbt und die Familie zur Beerdigung fährt, prallen zwei Welten aufeinander: Da die Hippies aus dem Busch, dort die bürgerlichen Konformisten aus Small-Time-America. Das hat Schmiss und ist ungemein lustig.

Weniger lustig fand ich PERSONAL SHOPPER (6/10) von Olivier Assayas. Darin verkörpert Kristen Stewart die Assistentin, welche für einen Modestar Einkäufe erledigt und glaubt, ihr Bruder erscheine ihr als Geist. Ihre Leistung ist zwar stark. Assayas versteht es, düstere Seiten in Stewart hervorzuholen, welche das amerikanische Kino, das sie oft als Star in Szene setzt, ignoriert. Aber das Drama mit seinen Ausflügen ins Genrekino ist doch etwas flach, vor allem eine Szene, in der Stewart während eines Ausflugs von Paris nach London 20 Minuten lang ununterbrochen mit einem Fremden (dem Geist?) smselt ist ziemlich langweilig.

7. Das Palmarès von Christian Jungen


Goldene Palme

TONI ERDMANN von Maren Ade (Deutschland)

Maren Ade spiegelt im Alltag einer deutschen Expat (Sandra Hüller) in Bukarest die Befindlichkeit einer Generation. Die Mittdreissigerin Ines arbeitet 24/7 für eine Beratungsfirma, die Konzerne bei Entlässungen unterstützt. Sie strampelt wie der Hamster im Rad und entfremdet sich immer mehr von sich – und ihren Liebsten. Dies zeigt sich, als ihr Vater (Peter Simonischek) sie unverhofft besucht. Der Alte macht gern den Guignol mit einem eingesetzten Gebiss. Er stellt seiner Tochter wie ein Stalker nach und hält ihr einen Spiegel vor, auf dass sie erkenne, dass sie vor lauter Konformismus das Leben verpasst. Die Szene, in der Ines an einer Party Whitney Houstons Hit „The Greatest Love of All“ singt, war für mich der schönste und anrührendste Moment des Festivals. Die Tragikomödie ist superb inszeniert und wird von zwei grandiosen Charakterdarstellern getragen. Ein Meisterwerk!

 
Grosser Preis der Jury

SIERANEVADA von Cristi Puiu (Rumänien)

Der Vater der neuen rumänischen Welle, Cristi Puiu, hat sein Kammerspiel, in dem sich 15 Verwandte in einer Wohnung einfinden, um vom verstorbenen Familienoberhaupt Abschied zu nehmen, meisterhaft inszeniert. Wie Robert Altman versteht er es, fliegend von einer Figur zur anderen zu wechseln. Während die Trauernden auf den orthodoxen Priester warten, der eine Messe lesen soll, brechen alte Konflikte auf – etwa zwischen einer Tante, die immer noch den Kommunismus verklärt und ihrer Nichte, die dem König nachtrauert. SIERANEVADA zeichnet wie beiläufig ein Sittenbild der postkommunistischen rumänischen Gesellschaft, in der weder Kirche noch Politik den Menschen Halt zu geben vermögen.


Grosser Preis

BACALAUREAT von Cristian Mungiu (Rumänien)

Neun Jahre ist es her, seit Cristian Mungiu mit seinem Abtreibungsdrama 4 MONATE, 3 WOCHEN, 2 TAGE die Goldene Palme gewann. Nun hat er erneut beeindruckt, mit einem klug aufgebauten Sozialdrama. Ein Arzt, der seine Frau mit einer Lehrerin betrügt, fürchtet, dass seine Tochter nach einem Überfall die Maturprüfung nicht besteht. Er lässt seine Kontakte im Establishment spielen und sorgt dafür, dass das Töchterlein dank Vorzugsbehandlung zum Diplom kommt. Mungiu zeichnet das Bild einer zutiefst korrupten Gesellschaft. Sein Drama lebt von messerscharfen Beobachtungen und starken Schauspielern. Ich habe in Cannes drei rumänische Filme gesehen (der dritte war DOGS von Bogdan Mirica in der Sektion Un Certain Regard) – alle waren sehr gut. Rumänien bleibt eines der vitalsten Filmländer der Welt.

 
Spezialpreis der Jury

AMERICAN HONEY von Andrea Arnold (England/USA)

Die Engländerin Andrea Arnold erzählt in ihrem ersten in den USA gedrehten Film von der jungen Star (Sasha Lane), die sich einer wilden Gruppe von Jugendlichen anschliesst, die als Hausierer im Mittleren Westen Magazin-Abonnemente verkauft und am Feierabend Sex, Drugs & Rock ‚n’ Roll frönt. Das Roadmovie ist mit 162 Minuten Laufzeit sicher nicht zu kurz geraten, hat aber die Burning-Man-Sehnsucht in mir angesprochen: einfach mal ausbrechen, es krachen lassen, ohne immer an die Aufgaben des nächsten Tages zu denken. Und wie Arnold in den vielen kurzen Begegnungen, welche Star mit anderen Menschen hat, ein vielstimmiges Porträt von Small-Town-America entwirft, ist faszinierend. Umso mehr, wenn man bedenkt, dass die charismatische Hauptfigur von einer Laiendarstellerin gespielt wird.


Bester Regisseur

Brillante Mendoza (Philippinen) für MA’ROSA

Dieser Preis gebührte eigentlich Cristi Puiu. Der Rumäne kommt aber nicht infrage, weil Doppelprämierungen vom Reglement her ausgeschlossen sind. Also geht die Auszeichnung an Brillante Mendoza (der diesen Preis in Cannes schon 2009 für KINATAY gewonnen hat) für sein pulsierendes Drama MA’ROSA. Er schildert, wie eine Ladenbesitzerin in einem Slum von Manila Crystal Meth verkauft, um ihre Familie über Wasser zu halten. Sie wird verhaftet und von den korrupten Polizisten erpresst. Nur wenn es ihr und ihren Kindern gelingt, 200 000 Pesos (rund 5000 Franken) an Schmiergeldern aufzutreiben, kommen sie und ihr Mann frei. Mendoza hat dieses zum Zerreisen spannende Sozialdrama mit teilweise wackliger Handkamera und ohne künstliches Licht gedreht. Das verleiht ihm einen dokumentarischen Charakter und beschert dem Zuschauer ein immersives Filmerlebnis, bei dem man im Kino die feuchte Erde des verregneten Slums zu riechen glaubte.

 
Bestes Drehbuch

Jeff Nichols für LOVING (USA)

Der leicht entzauberte Wonder Boy Jeff Nichols (TAKE SHELTER, MUD) hat die Geschichte des Weissen Südstaatlers Richard (Joel Edgerton) und der Afroamerikanerin Mildred (Ruth Negga), die 1958 heirateten und in Virginia ins Gefängnis mussten, weil gemischtrassige Ehen verboten waren, behutsam aufgebaut. LOVING ist kein reisserischer Themenfilm mit Botschaft, sondern das Porträt zweier nuancenreich gezeichneter Landeier, die nolens volens zu Ikonen der Bürgerrechtsbewegung werden, die ihren Fall instrumentalisiert, um für dem Supreme Court der USA die Abschaffung des rassistischen Eheverbots zu erwirken.

 
Bester männlicher Darsteller

Adam Driver für PATERSON von Jim Jarmusch (USA)

Gar nicht so einfach, diesen Preis zu vergeben, weil in den meisten Filmen Frauen die Hauptfiguren waren. Mangels Alternativen geht er an Adam Driver, der in Jim Jarmuschs zen-buddistischem Antistress-Film PATERSON einen Busfahrer in Paterson, New Jersey, spielt, der am Feierabend Gedichte schreibt. Driver verkörpert die Figur mit viel Understatement. Zuerst dachte ich, dass er ihr zu wenig Profil verliehen habe. Doch gerade weil der Normcore-Typ so diskret agiert, ist er mir in guter Erinnerung geblieben.

 
Beste weibliche Darstellerin

Isabelle Huppert für ELLE von Paul Verhoeven (Frankreich)

Die schwierigste Kategorie von allen! Der Preis könnte an Adèle Haenel für LA FILLE INCONNUE der Brüder Dardenne gehen oder an Sandra Hüller für TONI ERDMANN. Oder an Sonia Braga für AQUARIUS. Ich habe mich für Isabelle Huppert entschieden, für ihre Rolle als knallharter CEO einer Game-Firma in Paul Verhoevens elegant inszeniertem Thriller ELLE. Das ist nicht wahnsinnig originell und vor allem hat Huppert solche Preise längst nicht mehr nötig. Doch wie sie die Geschäftsfrau als Femme fatale verkörpert, die vor kühler Boshaftigkeit nur so strotzt, ist spektakulär und lässt einen stellenweise das Blut in den Adern gefrieren. Huppert ist in jeder Szene im Bild und trägt diesen Thriller, der einem durchzogenen Festival ein starkes Finale bescherte, im Alleingang.

8. Nachlese: Cannes verkommt zur Altherren-Olympiade

 
Eigentlich wollte ich diesen Kommentar ja am Sonntag Abend schreiben, gleich nach der Preisverleihung. Doch diese hat mich derart aufgebracht und frustriert, dass ich mich erst einmal mit einem Filet de Boeuf vom Grill trösten und die Sache überschlafen wollte. Heute bin ich allerdings keineswegs versöhnlicher gestimmt, im Gegenteil. Ich halte das Jury-Verdikt von George Miller und Co. für einen Flop, der sowohl dem Autorenkino wie auch dem Festival von Cannes schadet. Dieses droht zur Bastion der Ewig-Gestrigen zu werden und den Aufbruch in ein neues cineastisches Zeitalter zu verschlafen. Die 69. Ausgabe hat mit einem mittelprächtigen Film des 80-jährigen Woody Allen, CAFE SOCIETY, begonnen und mit dem Triumph eines mittelprächtigen Films – I, DANIEL BLAKE - des bald 80-jähirgen Ken Loach geendet. Dazwischen haben wir freches Kino mit einer Prise Punk von jüngeren Autorinnen und Autoren gesehen, etwa TONI ERDMANN von Maren Ade, AQUARIUS von Kleber Mendonça Filho oder SIERANEVADA von Cristi Puiu, die leer ausgingen.

Ken Loach bei der Preisverleihung am 22. Mai in Cannes

Sicher, I, DANIEL BLAKE von Loach, ist kein schlechter Film, aber es ist ein schwacher. Er ist vorhersehbar (man weiss: nach dem zweiten Akt rächt sich der Loach-Held an den neoliberalen Bürokraten mit einer Aktion, die seine Lage verschlimmert, aber die Solidarität der anderen Arbeiter hervorruft) und verrät einen Altherren-Blick, etwa in der Zeichnung der schönen Single-Mom, die letztlich nur eine Helferfigur für den männlichen Protagonisten ist. Ähnlich wie der letztjährige Palmen-Sieger DHEEPAN hat I, DANIEL BLAKE einen Schluss, der aufgepropft wirkt. Wenn nämlich die schöne Single-Mom das Vermächtnis von Blake vorliest und somit dem Publikum die Moral der Geschichte, merkt man, dass Loach seiner eigenen Geschichte nicht vertraut.

Und dieser vor Klischees strotzende Film mit Botschaft darf nun also auf Augenhöhe mit Meisterwerken der Filmgeschichte wie TAXI DRIVER, APOCALYPSE NOW oder DAS WEISSE BAND figurieren? Loach hat gewonnen, weil die Jury zutiefst gespalten war und am Ende der längsten Jurysitzung in der Geschichte des Festivals sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigte – auf das politisch korrekte Sozialdrama, das kein Zeichen des Aufbruchs setzt, mit dem aber alle leben können. Das ist zu wenig für jenes Festival, das stolz darauf ist, als wichtigstes der Welt zu gelten. Zum zweiten Mal in Folge hat es einen schwachen Gewinner, zum dritten Mal in 17 Jahren wird eine ältere Autorschaft – nach Haneke und den Brüdern Dardenne – zum zweiten Mal mit der Palme d’Or ausgezeichnet. Andrea Arnold erhielt zum dritten Mal in Serie den Jurypreis und auch alle anderen prämierten Werke stammen von Autoren, die in Cannes schon ausgezeichnet wurden.

Jury: Arnaud Desplechin, Kirsten Dunst, Laszlo Nemes, Vanessa Paradis, Donald Sutherland, George Miller, Katayoon Shahabi, Mads Mikkelsen and Valeria Golino (v.l.n.r.)

Die Jury unter dem Vorsitz von George Miller hat es verpasst, ein Zeichen des Aufbruchs oder der Erneuerung zu setzen. Gerade jetzt, wo der Autorenfilm im Kino dramatisch an Zuschauern verliert, wäre es wichtig gewesen, wenn die Goldene Palme an einen frischen Film wie TONI ERDMANN gegangen wäre. Loach braucht keine Palme, er hat seine Fangemeinde – genau wie die Dardennes und Haneke. Ich bin kein Feminist und ein Gegner von Quoten jeglicher Art, aber auch ich wünsche mir, dass in Cannes mehr Filme von Regisseurinnen gezeigt und dann auch prämiert werden. Dass immer alle von Jugend- und Frauenförderung reden, die Palme dann aber zum wiederholten Mal an einen Vieux Monsieur und sein altmodisches Kino geht, ist wirklich bitter. Eine Mitschuld daran, dass sich die Situation für die Frauen und den Nachwuchs nur im Schneckentempo verbessert, trägt auch der künstlerische Direktor Thierry Frémaux. Er betont gebetsmühlenartig, es interessiere ihn nicht, ob ein Film von einer Frau oder einem Mann stamme, er wolle einfach gute Filme zeigen. Das ist richtig und tönt erstmal gut, erweist sich aber in der Umsetzung als falsch.

Frémaux getraut sich einfach nicht, einigen älteren Herren das Abonnement für den Wettbewerb zu kündigen. Und er ist wohl auch befangen bei Regisseuren wie Sean Penn, der kürzlich als Jurypräsident amtete und nun THE LAST FACE im Wettbewerb vorstellen durfte. Dieses pathetische Liebesmelodram um einen Arzt (Javier Bardem) und eine Entwicklungshelferin (Charlize Theron), das vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs in Liberia spielt, ist der schlechteste Film, den ich in 16 Jahren in Cannes im Wettbewerb gesehen habe.

Im Kritikerspiegel von «Screen», in dem TONI ERDMANN mit 3,7 den höchsten Schnitt aller Zeiten erreicht hatte, erhielt er mit 0,2 den schlechtesten Durchschnittswert aller Zeiten. Dabei hätte es sehr gute Autorenfilme von Regisseurinnen gehabt, die man im Wettbewerb hätte zeigen können. Zum Beispiel VOIR DU PAYS der Schwestern Delphine und Muriel Coulin. Sie erzählen von einer Gruppe französischer Soldaten, die sechs Monate in Afghanistan gekämpft haben und vor der Repatriierung noch drei Tage Ferien in einem Luxus-Ressort auf Zypern verbringen dürfen, wo es zu Spannungen unter den Traumatisierten kommt. Der Krieg lässt sich eben nicht mit ein bisschen Spa verdrängen. Warum dieser Film nicht im Wettbewerb lief, sondern nur in der Nebensektion Un certain regard (dem Salon des Réfusés)? Wahrscheinlich weil er keine Stars hat und Frémaux beim Programmieren immer auch auf den roten Teppich schielt.

VOIR DU PAYS wurde gar nicht erst in den Wettbewerb aufgenommen

Was ist zu tun? Frémaux sollte jetzt mal eine Frau unter 50 zur Jurypräsidentin berufen und dann endlich mal die Eier haben, auch einem Ken Loach oder einem Michael Haneke eine Einladung in den Wettbewerb vorzuenthalten. Wir alle schauen deren Filme gerne, aber man kann sie ja auch ausser Konkurrenz zeigen und so Platz schaffen für eine Blutauffrischung. Diese hat das Festival und mit ihm die ganze Branche (Verleiher, Kinobetreiber, Kritiker) nötig. Cannes war immer der Ort, wo frisches und freches Kino ausgezeichnet wurde: So war das damals mit LA DOLCE VITA von Fellini, mit dem New Hollywood (TAXI DRIVER, APOCALYPSE NOW) oder mit dem amerikanischen Independent-Kino (SEX, LIES AND VIDEOTAPE und PULP FICTION). Doch seit einigen Jahren dominieren die älteren Herren – nur einmal ging im neuen Jahrtausend die Palme an einen Unter-40-Jährigen (an Mungiu für 4 MONATE, 3 WOCHEN, 2 TAGE). Das ist schlecht für Cannes und es ist schlecht fürs Autorenkino und uns alle, die es lieben.