Hong Kong IFF / Filmart 2016

 


Frame“-Redaktorin Regula Freuler berichtet vom FilMart in Honkong (14.-17. März 2016)

Hong Kong 1

 
Mit dem «Window: Hong Kong» hat das Zurich Film Festival (ZFF) 2015 das Fenster zu einer Weltstadt geöffnet, die darum kämpft, weiterhin als eigenständige Kultur-Metropole wahrgenommen zu werden, die es über Jahrzehnte lang war. Seit 1997 gehört die ehemalige britische Kronkolonie zur Volksrepublik China, dies zwar als Sonderverwaltung unter dem Motto «One Country, Two Systems» und darum auch ohne Zensur. Aber gerade im Film- und Fernsehbereich geht praktisch nichts ohne Zusammenarbeit mit Mainland China, weshalb Zensur eben doch auch auf Hongkonger Produktionen Auswirkungen hat.

Am Hong Kong International Film & TV Market (FilMart), Asiens grösster Film- und Unterhaltungsmesse, zeigte sich diese Problematik deutlich: Bei den meisten Konferenzen und Foren hier sitzt auch jemand aus der Volksrepublik am Mikrophon. Natürlich gehören Fragen zur Zensur zu den am häufigsten gestellten – durch ausländische Messe-Besucher. Auch die Antwort lautet meistens ähnlich: «Die Zensur ist für uns kein Problem, sondern eine Herausforderung.»  

Fotoleinwand an der Entertainment Expo Hong Kong 2016, beliebt für Selfies. (Foto: ruf.)

Die andere oft gestellte Frage ist jene, wie Hongkong bei der rasant wachsenden chinesischen Filmindustrie mithalten kann (Artikel dazu: hier klicken). Am ersten Tag der Messe sprach ich unter anderem darüber mit Roger Garcia. Er ist als Direktor der Hong Kong International Film Festival Society (HKIFFS) sowohl für das am 21. März startende Filmfestival (www.hkiff.org.hk/en/) wie auch für das jetzt während der Expo stattfindende Hong Kong Asia Film Financing Forum (HAF) (www.haf.org.hk) verantwortlich ist. «Für Hongkong kann es gar nicht darum gehen, mit dem Mainland zu konkurrieren», sagt Garcia. «Wenn Hollywood-Produzenten einen Film drehen wollen, dann schauen sie in erster Linie auf die Kosten, und im Mainland ist es nun einmal viel billiger als hier in Hongkong – abgesehen von den Möglichkeiten durch die ganz anderen Platzverhältnisse.» Hongkong misst 1‘100 Quadratkilometer, China 9,5 Millionen; hier teilen sich 6544 Einwohner einen Quadratkilometer, in der Volksrepublik sind es 143.

Ausserdem bietet Hongkong keine Steuervergünstigungen, wie das so viele andere Länder tun, um ausländische Crews anzulocken. «Hongkong steht an einem schwierigen Punkt“, sagt Garcia. «Unseren jungen Filmemachern wird einerseits gesagt, sie müssten sich am grossen Publikum im Mainland orientieren, um Geld zu verdienen, andererseits werden ständig die kulturellen Unterschiede zwischen Hongkong und dem Mainland hervorgehoben. Es ist nicht einfach, sich bei so widersprüchlichen Botschaften künstlerisch zu entfalten.» Lachend fügt Garcia in Anspielung auf die Vergangenheit des Hongkonger Kinos hin: «Die Tage von ‚Suzie Wong‘ sind definitiv gezählt.» In den Goldenen Zeiten des 20. Jahrhunderts wurden in Hongkong 800 Filme pro Jahr gedreht, in den 1990ern waren es noch rund 200, und heute sind es 50 bis 60 – über die Hälfte sind Koproduktionen mit Mainland China.

Roger Garcia, Direktor der Hong Kong International Film Festival Society (HKIFFS).

Zwei Traditionen kann Hongkong aber weiterführen: Zum einen jene des Action-Kino (Bruce Lee! Jacki Chan!), wie man an den Plakaten, Leuchtkasten und Trailern an den Messeständen nicht übersehen kann. Zum anderen jene als internationale Business-Plattform. «Wir wollen ein Hub für die Filmindustrie sein», sagt Roger Garcia und verweist auf die Anlässe während der Entertainment Expo, zu die im Rahmen des HAF zum dritten Mal durchgeführte «Operation Greenlight» gehören. Diese Initiative wird von der Regierung mitfinanziert und soll in erster Linie Nachwuchsfilmern helfen. Zum HAF wiederum werden sowohl Newcomer wie auch etwas erfahrenere Regisseure eingeladen. Ihre Gemeinsamkeit: Sie suchen Geld. Dabei geht es um eher kleine Projekte mit Budgets zwischen einer halben und sechs Millionen Franken. Oder wie Roger Garcia sagt: «If you have a bigger budget, you don’t meet a guy in a small office in Hong Kong.»

 

«Robbery» vom Hongkonger Regisseur Fire Lee mischt Genres wie Action, Gangsterfilm und Comedy. 

Geld finden will etwa die aus Frankreich stammende Produzentin Isabelle Glachant, mit der ich am zweiten Tag des FilMart sprach. Sie gründete 2008 die Produktionsfirma Chinese Shadows in Peking und ist seit 2012 Vertreterin von UniFrance Films in Asien, um in dieser Region französische Filme zu bewerben. Am HAF stellt sie «Border Bride» vor, das neue Filmprojekt ihres Regisseurs Wang Bing, der unter anderem 2013 am Internationalen Filmfestival de Fribourg den Hauptpreis der internationalen Jury «Regard d’or» gewann. Bei «Border Bride» handelt es sich um einen Dokumentarfilm über laotische Frauen, die sich im laotisch-chinesischen Grenzgebiet aufmachen, um in China einen Mann zu finden in der Hoffnung auf ein besseres Leben. «Für Dokumentarfilme ist es besonders schwierig», sagt Glachant. «Fast alle koproduziere ich mit europäischen Sendern wie Arte. Auch das Schweizer Fernsehen hat schon mitfinanziert.»

Wang Bing ist zwar einer der wichtigsten chinesischen Dokumentarfilmer, dem das Centre Pompidou 2014 eine Hommage gewidmet hat. Sein erster Film «Tie Xi Qu: West of the Tracks» dauerte neun Stunden, «Ta’ang», sein jüngster Dokfilm, der gerade an der Berlinale Premiere feierte, immerhin noch zweieinhalb. «Aber in China gibt es für Dokumentarfilme fast keinen Markt, schon gar nicht für jene von Wang Bing», sagt Glachant. Doch siehe da: Die Macher von «Border Bride» durften einen Tag nach unserem Gespräch den mit umgerechnet 12'900 Franken dotierten Fushan Documentary Award entgegenehmen, einen von 14 Preisen, die am Mittwoch verliehen wurde.  

Förderpreis für «Border Bride» von Wang Bing. Links die Produzentin Isabelle Glachant

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Zu den vielen, vielen Unterlagen der Messe gehört ein dickes Heft mit Texten über jene Filme, die an den vier Tagen des FilMart gezeigt werden. Die Auswahl ist international mit Schwerpunkt Asien und breit gefächert hinsichtlich Gattung (Spielfilm, Dokfilm, Animation, Shorts) und Genre (Action, Drama, Comedy etc.). Zwischen den Messeständen im Convention Center gehen von früh bis spät bunt verkleidete (nein, nicht „bekleidete“) junge Frauen umher, die mit Schildern für die Screenings werben. Aber die Vorführungen sind wohl bloss zu Informationszwecken gedacht.

Die Kurzfilme werden am Rand der grossen Halle abgespielt, ohne Ton, nur mit Untertiteln. Zudem gibt es etwas grössere Zimmer, in denen längere Filme mit einem laut surrenden Beamer auf tragbare Leinwände projiziert wird. Dort ist ein ständiges Kommen und Gehen, das sich allerdings mit wenigen Beteiligten abspielt. Keine Chance also, sich auf eine der gezeigten Geschichte einzulassen. Ausserdem werden sämtliche Filme mitten am Tag gezeigt, während die Podien laufen und man mit Netzwerken beschäftigt ist. Aber klar, die Messe ist eben nicht das Hong Kong Film Festival, das am 21. März 2016, startet (www.hkiff.org.hk/en/), wo dann die Kunst und nicht das Geschäft im Mittelpunkt steht.

Der Hongkonger Film „Ten Years“ – eigentlich 5 Kurzfilme – wurde in China verboten. 

Für einige Filme stehen glücklicherweise richtige Theatersäle zur Verfügung, insgesamt vier. Im Theatre 1 im Messegebäude, das irgendwie an die DDR erinnert, lief heute „The Mobfathers“ von Regisseur Herman Yau, dessen Film „Sara“ letzten Herbst am Zurich Film Festival gezeigt wurde. „The Mobfather“ handelt von der Hongkonger Gangsterwelt. Der Obergangster erkrankt an Krebs und sucht einen Nachfolger. Das gibt Konkurrenz, klar. Aber nicht notwendigerweise einen guten Film. Ein bisschen Gangster, ein bisschen Comedy, ein bisschen Erotik. Na ja. Was jetzt? 

Diese junge Frau muss den ganzen Tag im Ausstellungsgebäude umhergehen und Flyer verteilen, um Besucher in die Filmvorführungen zu locken.

Im Hong Kong Arts Center hingegen wurde ich entschädigt. Dort lief zweimal der Film „Ten Years“. Eigentlich sind das fünf Kurzfilme, gedreht von fünf verschiedenen Regisseuren. Eine aufwühlende, brutale, romantische Dystopie von Hongkong, wie es im Jahr 2025 aussehen könnte: Dann hat die chinesische hat die Hongkonger Kultur überrollt. Kantonesisch zu sprechen ist mehr oder weniger verboten beziehungsweise führt zu einem Arbeitsverbot, etwa für Taxi-Fahrer. „Ten Years“ lief nur ganz kurz im Kino, aber es reichte, um „Star Wars: the Force Awakens“ bei den Ticket-Verkäufen zu übertreffen (Quelle: hier klicken). Warum der Film trotzdem nur kurz im Kino lief? Er gibt selbst die Antwort darauf…