Festival del film Locarno 2016

 

«Frame»-Redaktor Christian Jungen nimmt uns in seinem Blog mit nach Locarno und berichtet ab sofort täglich über die neusten Filmentdeckungen und die spannendsten Begegnungen von der Piazza Grande.

      

1. Von Hitler zum Juden

 
Das Böse und Sicherheit waren die grossen Themen zum Festival-Auftakt. Präsident Marco Solari bat sogar zum ersten Mal in 16 Jahren die Madonna del Sasso um Schutz.
(Von Christian Jungen)

Bruno Ganz in UN JUIF POUR L’EXEMPLE

An den grossen Filmfestivals von Cannes und Sundance weiss ich meist im Voraus, welche Filme ich schauen werde. Da mache ich mir jeweils schon zu Hause einen detaillierten Visionierungsplan. In Locarno hingegen, wo das Programm uferlos ist und einem die meisten Namen nichts sagen, gehe ich gerne auch auf Empfehlungen ins Kino. Dieses Jahr bekam ich die ersten schon zu Hause. Gestern, Mittwoch, hat mich Samir im Büro angerufen und mir UN JUIF POUR L’EXEMPLE empfohlen. Er sei nicht der Produzent dieses Films, aber der Regisseur Jacob Berger sei ein Freund von ihm und habe nun einen zwar sperrigen Film gemacht, aber einen, der etwas zu sagen habe. Schliesslich bekam ich auch noch eine E-Mail von Ruth Waldburger, die den Film produziert hat und ihn mir empfahl. Also habe ich die Falkenstrasse 11 überstürzt zwei Stunden früher als geplant verlassen, um diese Spezialvorführung um 16 Uhr zu besuchen.

Leider hatte ich nicht mehr präsent, was mir Marco Solari einmal geraten hat: Man darf für die Fahrt ins Tessin nie den italienischen Zug nehmen, weil der immer Verspätung habe. Mein Kollege Marco Zucchi von RSI ist überzeugt, dass die SBB diesen Zug boykottieren, weil sie mit dem Pendolino unzufrieden sind. Und so sass ich dann auf Gleis 9 im HB Zürich zwischen japanischen und arabischen Touristen in dem Zug, der um 12.32 Uhr hätte abfahren sollen und erfuhr um 13 Uhr, dass er wegen einer technischen Störung nicht abfahren könne. Also stieg ich in den direkten Zug der SBB um und kam so knapp in Locarno an, dass ich es nie und nimmer in den Film geschafft hätte, wenn ich noch die Akkreditierung hätte abholen müssen. Das Pressebüro gab mir freundlicherweise einen Expresspass und so sass ich um 16 Uhr im Saal und erfuhr, dass UN JUIF POUR L’EXEMPLE (5/10) auf dem gleichnamigen Roman von Jacques Chessex basiert.

Vom welschen Schriftsteller habe ich erst am 9. Oktober 2009 zum ersten Mal gehört, an dem Tag, an dem er starb. Ich war damals erst seit einer Woche bei der „NZZ am Sonntag“ und hatte meinen ersten Text geschrieben, eine Besprechung von DAS WEISSE BAND von Michael Haneke. Die Kritik war auf dem Auftakt des Kulturbundes placiert, doch dann starb Chessex und mein Text musste für den Nachruf auf den Autor aus Payerne Platz machen. Zu Recht, wie ich heute finde. Chessex schilderte, wie er 1942 als Achtjähriger in Payerne (VD) mitbekam, wie lokale Nazis den Berner Händler Arthur Bloch ermordeten. Daraus hat Berger nun im Kleid eines historischen Films ein ganz und gar zeitgenössisches Drama gemacht. Als Zuschauer denkt man während des gräulich-tristen Films unweigerlich an die bayrischen Provinzstädte oder an Nizza, wo Barbaren kürzlich zur Tat schritten.

Das hängt nicht nur mit der Ähnlichkeit der Taten zusammen, sondern auch damit, dass Berger den Gegenwartsbezug betont, indem er im Payerne von 1942 heutige Motorfahrzeuge und Polizisten in heutigen Uniformen zeigt. Damit will er sagen, rassistisch und antisemitisch motivierte Gräuel sind nicht ein dunkles Kapitel längst vergangener Tage, nein, die Geschichte ist gerade dabei, sich zu wiederholen, mitten unter uns. Zudem sehen wir immer wieder Chessex selber, wie er sich an den Originalschauplätzen 60 Jahre später an die Ereignisse erinnert. Bergers Film ist ein Mahnmal wider das Vergessen und ein Aufruf auch heute vor dem Bösen nicht einfach die Augen zu verschliessen. Das Böse fällt nicht in der Gestalt eines Monsters über seine Opfer her, sondern als vermeintlich normaler Mensch, der sich in kleinen Schritten radikalisiert hat. 

 
UN JUIF POUR L’EXEMPLE ist schwere Kost, ein unangenehmer Film, bei dem man am Ende aus Gründen der Pietät kaum klatschen mag. Es ist ein grosser und ein kleiner Film zugleich. Ein grosser, weil sich Berger, der bisher in Filmen wie 1 JOURNÉE die Widersprüchlichkeit des modernen Menschen im Beziehungsleben verhandelte, zum ersten Mal einen politischen Film zu einem Thema von brennender Aktualität geschaffen hat. Und ein kleiner, weil sein 72 Minuten kurzes Drama aufgrund seiner didaktischen und etwas verkopften Struktur ein Traktat bleibt und auf einen qed-Schluss hinausläuft: quod erat demonstrandum. Die Idee, heutige Requisiten fast unmerklich in die Vergangenheit einzufügen, finde ich genial, Mühe hatte ich aber doch mit der fehlenden Figurenzeichnung.

Auf der Bühne erklärte Jacob, er habe – wie auch Chessex – bewusst auf eine Psychologisierung der Figuren verzichtet. Das mag im Buch besser funktionieren als auf der Leinwand.  Während Bloch als herzensguter Patriarch gezeichnet wird, der gerne seine Familie um sich schart, wird der Nazi-Anführer, der Mechaniker Fernand Ischi, relativ simpel als Bösewicht gezeichnet, der seine Frau betrügt und seine Geliebte mit dem Gurt auspeitscht. Bloch wird von Bruno Ganz verkörpert, dem schon seit einiger Zeit die elegante Leichtigkeit im Spiel abhanden gekommen ist. Oft wirkt seine Mimik etwas angestrengt. Die Besetzung ist aber natürlich durchaus politisch – Bruno Ganz hat 2004 in DER UNTRGANG Adolf Hitler gespielt, zu einer Zeit, als das deutsche Kino enorm fasziniert war von den Nationalsozialisten. Nun spielt er ein jüdisches Opfer und das ist gut so: Denn gerade heute, da die Schergen des IS auf blutrünstige Weise Menschen abschlachten, besteht bei Medien und vor allem beim linken Milieu die Gefahr, dass man sich fast mehr für die Täter interessiert als für die Opfer.

Die Frage bleibt, warum ein Film von einem doch namhaften Regisseur mit Bruno Ganz in der Hauptrolle und der Musik von Manfred Eicher, produziert von Ruth Waldburger, „bloss“ als Spezialvorführung läuft, kurz vor der Eröffnung, wenn wenig mediale Aufmerksamkeit zu haben ist? Diese „Séances spéciales“ sind eine Feigheit – ähnlich wie die „lobenden Erwähnung“ von Jurys. Es gibt sie seit drei Jahren und man könnte sagen, dass sie der Salon des Réfusées sind. Dort zeigt der künstlerische Direktor Carlo Chatrian meist Filme wie letztes Jahr YES NO MAYBE von Kaspar Kasics, die er eigentlich nicht mag, aber für die es hinter den Kulissen wohl ein Lobbying gegeben hat. Ehrlicher wäre es, sie abzulehnen und einem anderen Festival die Möglichkeit zu geben, sie prominenter in die Vitrine zu stellen. 

 Szene aus THE GIRL WITH ALL THE GIFTS

Mutig war aber auf jeden Fall der Entscheid, das Festival auf der Piazza Grande mit mit dem Zombie-Film THE GIRL WITH ALL THE GIFTS (4/10) zu eröffnen, über den es im Programm heisst: „This film features scenes that could shock the sensitivity of some viewers“. Der Film des schottischen Regisseurs Colm McCarthy spielt in einer post-apokalyptischen Szenerie in Grossbritannien. Eine grauenhafte Pilzkrankheit hat die Menschheit befallen, die Infizierten sind zu Zombies degeneriert, die gesenkten Hauptes dastehen und über alles herfallen, was Blut in den Adern hat. In einer Militärbasis untersucht die Forscherin Caroline Caldwell (Glenn Close) eine Gruppe von Kindern, die zwar ebenfalls angesteckt wurden, aber anders auf den Erreger reagieren: Obwohl auch sie notorisch Menschenfleisch essen, sind sie noch in der Lage ihre Gefühle zu kontrollieren. Unter den Kindern befindet sich auch die hochbegabte Melanie (Newcomerin Sennia Nanua), welche sich mit der Lehrerin Helen (Gemma Arterton) angefreundet hat. Als die Zombies die Militärbasis stürmen, hilft sie den Nichtinfizierten zu überleben. Obwohl da oft Blut aus den Köpfen spritzt, fand ich diesen in einer stilisierten Kunstwelt spielenden Genfrefilm weit weniger grausam als das historisch verbürgte Drama UN JUIF POUR L’EXEMPLE (für das es keine Warnung gab im Programmheft), in dem Bruno Ganz als Arthur Bloch wie ein Vieh geschlachtet und filetiert wird. THE GIRL WITH ALL THE GIFTS ist solide inszeniert, enthält teilweise spektakuläre, staubige Bilder der Apokalypse, ist aber dramaturgisch flach. Genrefans werden ihn lieben, ich habe ihn gerne geschaut. Und schnell vergessen.

Am Tag 1 waren also Terror und Sicherheit die grossen Themen. Auch in der Ansprache von Festivalpräsident Marco Solari. Er hat mit ernster Miene der Polizei für ihre Arbeit gedankt, ohne die das Festival in „diesen schlimmen Zeiten“ nicht durchführbar sei. Und dann hat er dem katholischen Priester gedacht, dem bei Rouen die IS-Schergen in der Frühmesse die Kehle durchgeschnitten haben. Und zum ersten Mal, seit er 2000 Präsident wurde, hat FDP-Mann Solari die Madonna del Sasso angerufen und um Schutz für Locarno gebeten. Sein Vorvorgänger, der CVP-Mann Raimondo Rezzonico, hatte die Madonna jeweils um schönes Wetter gebeten.

2. Schwache Filme und eine unverdiente Niederlage im Fussball

 
Sagen wir so: Nach zwei Tagen gibt es im Programm qualitativ noch grosses Steigerungspotenzial. Wobei auch die Filmkritiker noch zulegen können – beim Fussball spielen.

Matt Damon rennt in JASON BOURNE – und niemand weiss, warum.

Eigentlich hätte ich hier am liebsten von herausragenden Filmen geschrieben, die wir am Lago Maggiore in den ersten Tagen entdeckt haben. Doch die Wahrheit ist, dass unter den fünf Titeln, die ich in den ersten zwei Tagen gesehen habe, noch kein einziger guter war. Als Enttäuschung entpuppte sich leider auch JASON BOURNE (3/10), der fünfte Film der „Bourne“-Reihe, wobei ich gestehen muss, dass die ohnehin nicht mein cup of tea sind. Denn ich habe lieber narrativ starke Thriller mit dosiert eingesetzter Action wie FRENCH CONNECTION oder A MOST VIOLENT YEAR als Actionorgien mit Nonstop-Verfolgungsjagden, in denen Storytelling und Figurenzeichnung auf der Strecke bleiben.

Bald 20 Jahre, nachdem ein junger Soldat nach dem Tod seines Vaters bei der CIA anheuerte, die ihn zur Killermaschine ohne Gedächtnis umfunktionierte, treffen wir diesen Jason Bourne (Matt Damon) an der griechisch-mazedonischen Grenze wieder. Er verdingt sich dort als Preiskämpfer im Duell mit tätowierten Dragans. Bald wird er von seiner ehemaligen Mitstreiterin kontaktiert. Sie erzählt ihm, dass in der CIA-Zentrale das Sicherheitssystem gehackt wurde und sie beim Einblick in geheime Daten gesehen hat, dass der CIA-Direktor Bourne aus dem Verkehr ziehen will. Also rennt Bourne wieder – angetrieben von nervös pumpenden Elektro-Beats - durch Metropolen wie Athen, London oder Las Vegas, auch wenn nicht immer klar ist, warum er das eigentlich tut. Das ist ermüdend, flach und ein weiterer Beweis, für das, was ich lange nicht wahrhaben wollte, wenn Kollegen es mir sagten: Hollywood gehen die Ideen aus. Ich habe in den Diskussionen immer mit dem Argument Gegensteuer gegeben, dass doch Hollywood seit über 100 Jahren immer wieder zu erneuern wisse. Doch nach dem Hattrick des Grauens mit INDEPENDENCE DAY: RESSURGANCE, GHOSTBUSTERS und JASON BOURNE gehen mir allmählich die Argumente aus.

Das Team der Filmkritiker 

Darum reden wir doch lieber von der zweiten wichtigen Nebensächlichkeit im Leben: Fussball. Seit vielen Jahren findet jeweils am Donnerstag im Stadio Lido des FC Locarno ein Spiel zwischen den Filmkritikern und der Branche (Verleiher, Kinobetreiber, Funktionäre) statt. Meist haben wir den Match gewonnen und einen Pokal mit Gravur bekommen. Doch in den letzten Jahren gingen wir so oft als Verlierer vom Platz, dass ich den Bettel hingeworfen und zwei Jahre pausiert habe. Einmal gewannen die Filmkritiker, einmal verloren wir. Auf Drängen von unserem Trainer und Captain Florian Keller („Wochenzeitung“) bin ich gestern Abend bei feucht-tropisch-heissem Klima wieder mal in die Hosen gestiegen – als linker Aussenverteidiger. Eine Rolle, die mir eigentlich nicht behagt, weil ich eher ein Sturm-und-Drang-Typ bin und mein Stellungsspiel eine Katastrophe ist. Wir gerieten zwar früh in Rückstand, das war aber nicht unser Fehler, sondern jener des Tessiner Schiris, der Tomaten auf den Augen hatte und ein glasklares Off-Side nicht pfiff. Das Spiel war einigermassen ausgeglichen. Der Gegner hatte zwar Leute wie Nationalrat Matthias Aebischer (sp.) und Schauspieler Leonardo Nigro in seinen Reihen, die sich zwar gut bewegten, aber wenig Gefahr erzeugten.

Der herausragende Spieler im Kader des Gegners war Marco Schärer, PR Manager von Sony Pictures Schweiz. Es war ein Kampf auf Biegen und Brechen, den die Branchen-Leute letztlich mit 5:3 etwas glücklich für sich entschieden – vor allem weil unser Captain in der Mitte der zweiten Halbzeit den Platz verlassen musste, worauf wir prompt die entscheidenden zwei Tore kassierten. Objektiv gesehen muss man sagen, dass der Sieg der Branchen-Leute um ein Tor zu hoch ausgefallen. Was unser Team betrifft, so fiel auf, dass vor allem die Angestellten der SRG SSR wie Urs Fitze, Gregory Catella, Marco Zucchi und Lory Roebuck durch begnadete Technik auffielen. Ob die wohl einfach mehr Zeit haben, um zu trainieren? Wie auch immer, es hat Spass gemacht, wieder einmal mit von der Partie zu sein. Und nächstes Jahr gewinnen wir bestimmt.

(Im Gespräch mit Roger Corman)

Das Highlight des gestrigen Tages war dann ein einstündiges Interview mit Roger Corman im Garten des Hotels Arcadia. Corman hat sich in den fünfziger Jahren mit schnell und billig produzierten Monster-, Horror- und Science-fiction-Filmen wie IT CONQUERED THE WORLD (1956) und ATTACK OF THE CRAB MONSTERS (1957) einen Namen geschaffen. Teilweise hat er diese B-Movies in zwei oder drei Tagen runtergekurbelt. Später hat er zahlreiche Filmschulabgänger angestellt und deren Karrieren lanciert, etwa Jack Nicholson, Martin Scorsese, Robert De Niro oder Francis Ford Coppola.

Im Gespräch hat mir der hellwache 90-Jährige erzählt, wie er diese wilden Jungtürken entdeckte – das Porträt von ihm erscheint übermogen in der „NZZ am Sonntag“. Ich hätte Corman stundenlang zuhören können und habe mich innerlich verflucht, dass ich mich nicht rechtzeitig darum gekümmert hatte, seine Memoiren mit dem Titel „How I Made A Hundred Pictures in Hollywood And Never Lost A Dime“ von 1998 zu besorgen. Denn ich sammle signierte Bücher von Hollywood-Legenden und es ist doch fraglich, ob ich mit Corman noch eine zweite Chance erhalte. Von allen Altstars, die Locarno ja so gerne auszeichnet, ist für mich Corman der grösste. Denn ihm verdanken wir die aufregendste Epoche des amerikanischen Kinos: New Hollywood. Eine Zeit, in der Hollywood durch neue Ideen auffiel und sozialkritische Filme am Puls der Zeit drehte. Oh, wie gerne wäre ich damals jung gewesen!

3. Frauen werden die Rettung sein

 
Das Programm ist dieses Jahr eine Enttäuschung. Aber abseits der Leinwände finden aufschlussreiche Diskussionen statt. Über Männer, die sich im Kreis drehen und Frauen, die vorpreschen. 
(Von Denise Bucher)

SWAN

Julie Corman (2. v.l.) beim Frühstück mit SWAN.

Gestern Nachmittag im Hotel Belvedere, etwa zur gleichen Zeit, als Isabelle Huppert mit ihrer Entourage im Speisesaal nebenan zu Mittag ass, haben Produzenten und Verleiher in einem Nebenzimmer wieder einmal über die Probleme mit dem Schweizer Film diskutiert.

Trotz deutlich mehr Fördergeldern und einem Vielfachen an produzierten Filmen liege der Marktanteil immer noch nur bei knapp 6 Prozent, seit Godards «Eloge de l'amour» (2001), majoritär eine Schweizer Produktion, sei nie mehr eine vergleichbare Produktion im Wettbewerb von Cannes gelaufen. Es sehe so aus, als ob man sich damit abgefunden habe, dass man international keinen Erfolg haben könne, fasst mein Kollege Christian Jungen die Misere an der Veranstaltung «Step In» der Industry Days zusammen. Er sitzt auf dem Podium mit Caroline Brabat, Produzentin bei Telefilm Canada, und Bero Beyer, Produzent und Direktor des Filmfestivals Rotterdam. Beyer spricht davon, wie die Niederlande ihren desolaten Filmmarkt seit den 90er-Jahren auf Vordermann gebracht haben, findet aber: «Wir produzieren immer noch zuviele Filme.» Das Rezept sei: Breit fördern, wenig realisieren. «Nicht jedes Projekt, das zu Beginn Fördergelder bekommen hat, muss um jeden Preis realisiert werden. Wenn es sich im Verlauf als zu schwach erweist, muss man den Mut haben, es sterben zu lassen.» – Man konnte fast sehen, wie die Produzenten in den vorderen Reihen sich bei diesen Worten verkrampften.

Christian Jungen legte nach und warf manchen Produzenten mangelnde Professionalität vor. Er erinnere sich, als Kommissionsmitglied beim Bund immer wieder mit Personen zu tun gehabt zu haben, die keinerlei Ahnung davon hatten, wie man ein Budget erstelle. Das wollen Produzenten nicht auf sich sitzen lassen, schnell schiebt man die Schuld auf die Filmschulen: Es gebe vier davon, jede produziere pro Jahr 30 Abgänger und Abgängerinnen, was ja wirklich zu viel sei und dann glauben die auch noch alle, das Diplom gebe ihnen das Recht auf Förderung. – Das mag ja alles stimmen, aber ich mag es nicht mehr hören und schreibe auf einen Zettel, den ich meiner Begleiterin zustecke: «Die diskutieren seit Jahren lieber das Problem, statt nach Lösungen zu suchen. Eine Lösung müsste radikal sein. Radikalität liegt uns Schweizern leider nicht.»  

Aber vielleicht braucht es gar keine Brachialmethoden. Vielleicht reicht auch schon Fairness: denjenigen gegenüber, die seit Jahren nur einen Bruchteil der Fördergelder bekommen und entsprechend weniger Filme realisieren. Den Frauen. Dieser Gedanke drängte sich heute Morgen auf, als die Gründerinnen von SWAN («Swiss Women’s Audiovisual Network») beim gemütlichen Frühstück von den sehr ungemütlichen Ergebnissen der 2015 durchgeführten Focal-Studie erzählt haben. Wer sich die Zahlen anschauen möchte, die einen – zumindest als Frau – wütend machen: Hier.  

Seit die Focal-Studie 2015 veröffentlicht wurde, ist bekannt, was man bisher eher vermutet hatte. Um nur wenige Zahlen zu nennen: Frauen erhielten in den letzten zwei Jahren 40 Millionen Franken weniger Fördergelder als Männer. 2014 haben die Männer 72 Prozent aller Filme mit 78 Prozent des gesamten Förderbudgets realisiert. Warum das so ist, weiss niemand so genau. Fordern Frauen weniger Geld? Traut man ihnen nicht zu, ein teures Projekt zu stemmen? Trauen sie es sich selber nicht zu? Bekommen sie Kinder und haben dann keine Zeit den Film, weil ihre Männer keine Teilzeitjobs annehmen können oder wollen? Irgendwohin müssen die vielen Abgängerinnen der Filmschulen ja verschwinden.

Wenn Frauen Filme machen, auch das zeigt die Studie, dann sind sie erfolgreicher an Festivals und beliebter beim Publikum. 2006 Andrea Staka den Goldenen Leoparden für «Das Fräulein». 2009 war Ursula Meiers «Home» für den César nominiert und wurde in Cannes gezeigt, mit «L'enfant d'en haut» gewann sie an der Berlinale einen Silbernen Bären und soeben wurde sie in die Oscar-Academy aufgenommen. Frauen haben also nicht weniger Talent als Männer, aber weniger Chancen, dieses Talent auch unter Beweis zu stellen. Das wollen sie ändern. Während die Produzenten, Verleiher und Festivaldirektoren einander gegenseitig die Schuld für die erfolglosen Schweizerfilme zuschieben und jeden Vorschlag der Veränderung sofort verwerfen, herrscht bei den Frauen Aufbruchstimmung.

Die Gründerinnen von SWAN haben Julie Corman eingeladen, eine erfolgreiche US-Produzentin, die auch einen Grossteil der Filme ihres Gatten, dem Kultfilmer Roger Corman, produziert hat, z.B. «In silencio dei prosciutti» «Braindead» oder «Nowhere to Run». Die Frau um die 70 ist Mitglied von «Women in Film» und dem «International Women’s Forum». Sie erzählt von ihren Erfahrungen mit ihrer Firma «New World Pictures». Aber statt bloss über Probleme zu jammern, mit denen sie ihr Leben lang konfrontiert war, gibt sie den anwesenden Regisseurinnen, Produzentinnen, Schauspierinnen, Cutterinnen und Autorinnen Tipps, wie man es schafft, gute Filme zu machen:

- Am wichtigsten ist Leidenschaft. Film muss immer an erster Stelle stehen in deinem Leben. Du wirst alle deine Zeit opfern und wenig Geld verdienen. Aber das darf dich nicht hindern.

- Du musst etwas zu sagen haben. Lies, geh auf Reisen. Es ist egal, woher du die Erfahrungen nimmst.

- Lerne die anderen Metiers im Filmbusiness kennen, damit du weisst, was Filmemachen für Schauspieler, Beleuchter, Cutter bedeutet.

- Du brauchst ein brillantes Skript und einen brillanten Film, der kann auch mit dem iPhone gemacht sein.

- Geh auf Set-Besuch. Arbeite mit als Assistentin, auch ohne Geld. Erfahrungen sind wichtiger.

- Du brauchst eine sehr gute Schauspielerin oder Schauspieler.

- Such nach Sponsoren, auch lokale. Noch besser wäre natürlich ein Produzent. (Aber wenn du dem Produzenten sagen kannst: Ich hab schon so und soviel Geld beisammen, umso besser.)

- Networke. Immer.

- Such dir einen Mentor. Sei Mentor.

Hinten v.l.n.r.: Eva Vitija, Gabriel Baur, Nicole Schroeder, Stéphane Mitchell. Vorne v.l.n.r.: Carmen Stadler, Laura Kaehr, Ursula Häberlin

Später, als ich im Programmheft nach Filmen für den Nachmittag suche, fällt mir auf, dass die mit Abstand besten, die ich bis jetzt gesehen habe, von Frauen gemacht waren: Da ist einerseits «Slava» von Kristina Grozeva, die zusammen mit Petar Valchanov das Drehbuch geschrieben und Regie geführt hat. Die bulgarisch-griechische Ko-Produktion erzählt von einem Angestellten einer Bahngesellschaft, der auf den Gleisen einen Haufen Geld findet, es zurückgibt und seine Ehrlichkeit bald bitter bereut. Aber nicht, weil er das Geld für sich hätte brauchen können. Mein Sitznachbar im Kino, zufälligerweise ein Bulgare, meinte danach mit bitterer Stimme: «Ja, das trifft die Zustände in unserem Land ziemlich genau.»

Der zweite Höhepunkt war «Raving Iran» von Susanne Meures. Die Absolventin der  ZHdK hat für ihren Diplomfilm Kopf und Kragen riskiert, um aus dem Leben von zwei iranischen DJs zu erzählen. Alles, was die zwei möchten, ist, an Rave-Partys ihre Musik zu spielen zu dürfen. Aber in ihrer Heimat ist das nicht nur sehr kompliziert, sondern unter Umständen auch lebensgefährlich. Der Film gibt so unmittelbare Einblicke ins Leben unter dem iranischen Regime wie bisher kaum ein anderer Film. Seit seiner Uraufführung am Visions du réel in Nyon wird der Film auf Festivals rund um den Globus gefeiert.

Von solchen Filmen will ich mehr. Nicht Schellen-Urslis, Heidis und Missen Massaker. Warum sollte sich irgendeine Jury auf der Welt für unsere Kinderbuchhelden interessieren, die allesamt Abbilder einer reaktionären Welt sind? Ich will Filme sehen, an die Schmerzgrenze gehen, die überraschen, die mir etwas vor Augen führen, das ich zu kennen glaubte, und das ich danach anders betrachten muss. Aber solche Filme werden nicht entstehen, solange man bloss Probleme diskutiert und panisch auf Reformen reagiert. «Stürmen wir die Bastionen!», rief Julie Corman am Ende ihrer Rede aus. Auch die wenigen Männer, die zum SWAN-Frühstück gekommen waren, klatschten mit.

Vielleicht werden es die Frauen sein, die das hässliche Entlein ‚Schweizer Film’ zum schönen Schwan gedeihen lassen. Ihn beim einheimischen Publikum beliebter machen und ihm zu der internationalen Ausstrahlung verhelfen, die ihm seit Jahrzehnten fehlt.

 

Nach der Veröffentlichung der Studie (getragen von FOCAL, vom Verband Filmregie und Drehbuch Schweiz ARF/FDS und Cinésuisse) gründeten Ursula Häberlin, Nicole Schroeder, Stéphanie Mitchell, Gabriel Baur, Britta Rinderlaub und Eva Vitija das Netzwerk SWAN. Auch mit dabei: Rachel Schmid, Botschafterin für das European Women's Audiovisual Network EWA und Vertreterin für die Schweiz bei Eurimages.

SWAN will die Präsenz der Frauen in der Schweizer Filmbranche stärken und ein Netzwerk schaffen für einen besseren Gedanken- und Erfahrungsaustausch. Sie wollen die Diskussion rund um die Genderfrage in der Filmindustrie vertiefen, darum steht das Netzwerk allen offen, Frauen wie Männern.

4. Reizfigur Jean Ziegler

 
Wie der Genfer Professor und SP-Politiker Che Guevara kennenlernte und warum Michael Keaton doch nicht nach Locarno kommen konnte. (Von Christian Jungen)

Jedes Jahr ereilt mich in Locarno die Erkenntnis: Das Tessin ist wunderschön. Man jettet ja heutzutage schnell einmal auf die Malediven, um zu Tauchen oder nach Thailand, aber drei Zugstunden von Zürich entfernt, liegt der Lago Maggiore, umgeben von grün bewaldeten Bergen und bietet im Sonnenschein eine Szenerie, die der Bucht von Cannes in Nichts nachsteht. Meine morgendliche Jogging-Strecke vom Lido dem Maggia-Delta entlang Richtung Ascona ist so spektakulär schön wie das Tal von Vinales in Kuba, das von der UNESCO mit dem Titel „Kulturlandschaft der Menschheit“ ausgezeichnet wurde. Das Maggia-Delta, das es einem einfach macht, den inneren Schweinehund zu überwinden, hätte das auch verdient. Leider ist die Hotellerie im Südkanton noch nicht auf der Höhe der kubanischen. Noch immer muss ich meine Blog-Einträge im Speisesaal des Hotels schreiben, weil das Wifi in meinem Zimmer, bei dem auch öfter mal die Türe mit dem Badge nicht mehr zu öffnen ist, nicht funktioniert. Und das im Jahr 2016!!!

Szene aus JEAN ZIEGLER DER OPTIMISMUS DES WILLENS

Nach Kuba führte mich auch der Dokumentarfilm JEAN ZIEGLER DER OPTIMISMUS DES WILLENS (6/10) von Nicolas Wadimoff (CLANDESTINS). Der Regisseur mit Jahrgang 1964 hat als 20-Jähriger ein Soziologie-Seminar bei Ziegler besucht, der ihn mit seinem Engagement für mehr Gerechtigkeit in der Welt tief beeindruckt hat. Wadimoff hat – „mehr geleitet von kritischer Empathie als von kritischer Distanz“, wie er selber sagt – einen Film über seinen Mentor gemacht.

Er fokussiert zuerst auf Zieglers Kampf gegen den Hunger in der Welt. Dann zeichnet er zügig und mit schönen Archivbildern den Werdegang Zieglers nach, der 1943 in Thun geboren wurde. Sein Vater, ein hoher Offizier in der Schweizer Armee, sagte ihm, die gesellschaftliche Ordnung sei Gott gegeben, man werde nun mal in eine gewisse Schicht hineingeboren und daran liesse sich nichts ändern. Ziegler schlug einen anderen Weg ein, ging 1959 nach Paris, wo er sich der Kommunistischen Jugend anschloss. An der Seine lernte er Sartre und Simone de Beauvoir kennen, deren Denken ihn prägten. Sartre veröffentlichte Aufsätze von Ziegler in der intellektuell tonangebenden Zeitschrift „Les temps modernes“, die heute von de Beauvoirs ehemaligem Lover Claude Lanzmann weitergeführt wird.

Zurück in der Schweiz lernte Ziegler 1964 an einem UNO-Kongress den kubanischen Comandante Che Guevara kennen, als dessen Chauffeur er 12 Tage lang diente. Die beiden diskutierten viel und Ziegler versprach Che schliesslich, in der Schweiz zu bleiben, um gegen den „Kopf des kapitalistischen Monsters“ zu kämpfen. Er legte sich als Nationalrat sowie als Buchautor mit Banken an, die ihn verklagten, worauf Ziegler so viele Reparationszahlungen leisten musste, dass er beinahe pleite ging. Ziegler hofft mit Schriften und Vorträgen einen Aufstand der Gewissen zu initiierten und zitiert Rousseau, der einmal gesagt hat: „Die grösste Macht auf dem Planeten ist das menschliche Gewissen.“

(Jean Ziegler, 2012. Bild: Getty)

Dieser biografische Teil des Films, welcher das Denken Zieglers vorstellt, ist sehr informativ und aufschlussreich. In der Folge zeigt Wadimoff, wie Zieglers revolutionäre Theorien während einer Reise nach Kuba auf den Prüfstein gestellt werden, wobei der Film gegen Ende ausfranst. Einmal ruft Ziegler einer Frau zu, die in einem verlotterten Haus auf dem Balkon steht, Kuba sei ein wunderbares Land. Diese entgegnet, wenn er mal sehen wolle, wie sie hier lebten, soll er doch raufkommen. Ziegler überlegt einen Moment und geht weiter. Er will die Misere nicht wahrhaben und will sich in einer Sendung des staatlichen Fernsehens nicht kritisch dazu äussern – aus Respekt gegenüber der Revolution. Als er Wadimoff nach dem Auftritt am Fernsehen sagte, keiner der Redaktoren habe ihn zu beeinflussen versucht, was beweise, dass es in Kuba eine echte Medienfreiheit gebe, ertönte im Kino schallendes Gelächter. In solchen Szenen wird deutlich, wie verblendet der charismatische Intellektuelle ist. Irritierend ist auch, dass seine Frau Erica ein reines Anhängsel ist, die kaum je etwas Eigenständiges sagen darf.

JEAN ZIEGLER ist ein Dokumentarfilm, welcher sowohl Anhänger wie Kritiker Zieglers in ihrer Haltung bestärken wird. Am Sonntag hatte der Genosse im Kino L’altra sala ein Heimspiel. Er und der Film erhielten viel Applaus. Ziegler sagte auf der Bühne: „Ich habe keine Ahnung vom Kino, das ist nicht falsche Bescheidenheit, doch diesen Film finde ich formidabel. Er hat mich persönlich bereichert.“

Enttäuschend ist bisher das Piazza-Programm. Abend für Abend habe ich mich gelangweilt. Am Samstagabend flimmerte der Abenteuerfilm CESSEZ-LE-FEU (3/10) des Franzosen Emmanuel Courcol über die Leinwand – ein gehobener Gähner, in dem der durch den Ersten Weltkrieg traumatisierte Franzose Georges (Romain Duris) nach Afrika reist, um das alte Leben hinter sich zu lassen. Am Ende der Pressevorstellung gab es Pfiffe. 

Carla Juri (r.) in PAULA

Und gestern lief PAULA (2/10) von Christian Schwochow, in dem Carla Juri eine Malerin in der deutschen Provinz verkörpert, die mit allen Regeln der Kunst bricht und schliesslich 1905 ihren Ehemann verlässt, um in Paris künstlerische Erfüllung zu finden. Schwochow erzählt langatmig und in versunkenen Tableaus, die Dialoge wirken papieren. Vor mir sassen namhafte Vertreter der internationalen Filmkritik. Nach 20 Minuten verliess Boyd van Hoeij vom „Hollywood Reporter“ den Saal, zehn Minuten später folgte ihm Jay Weissberg von „Variety“. Wäre ich nicht in der Mitte der Reihe gesessen, ich hätte mich ihnen angeschlossen.

Im Foyer wurde dann die Frage diskutiert: Warum gelingt es Direktor Carlo Chatrian nicht, attraktivere und vor allem modernere Filme zu bekommen? Warum immer dieser Buonismo? Ein Grund ist sicher, dass Locarno mitten im Hochsommer stattfindet, wenn kaum ein Produzent seinen Film ins Kino bringen will. Eine Premiere in Locarno bringt vor allem etwas für die Schweiz, Deutschland und Italien. In Italien liegen um diese Jahreszeit alle am Strand, auch viele Deutsche sind im Urlaub und in der Schweiz zelebrieren viele Mediterranität auf Gartenterassen. Dann hat Chatrian aber wohl auch einfach Pech gehabt. Am Unifrance-Dîner im Lido habe ich gehört, Chatrian habe das Biopic THE FOUNDER über McDonalds-Gründer Ray Kroc am Samstagabend zeigen wollen – in Anwesenheit von Hauptdarsteller Michael Keaton. Doch dann haben die amerikanischen Produzenten das Startdatum nach hinten verschoben, um näher an den Oscars zu sein, und ihre Zusage für Locarno wieder zurückgezogen. Der Film lief in Locarno an der Trade Show und alle, die ihn gesehen haben, sind begeistert: Kitag-CEO Philippe Taeschler schwärmte genauso von THE FOUNDER wie Beki Probst, Grande Dame der Berner Quinnie-Kinogruppe.

Michael Keaton in THE FOUNDER

Für mich das bisherige Festival-Highlight war die Vorführung von THE INTRUDER (9/10) von Roger Corman. Als der 90-jährige Kultfilmer gestern das Gran Rex betrat, erhielt er vom Publikum eine Standing Ovation. Corman erklärte auf der Bühne, er habe diesen Film 1960 gedreht, kurz nachdem in den USA die Rassentrennung per Gesetzt aufgehoben worden sei. Sein Film erzählt, wie ein konservativer Aufwiegler aus Los Angeles (William Shatner) die Bewohner einer Kleinstadt im Süden der USA dazu anstiftet, sich gegen die Zulassung von Schwarzen an die lokale Schule zu wehren. Es formiert sich ein Lynchmob, der Schwarze terrorisiert und beinahe einen Schüler hängt, weil eine weisse Schülerin behauptet, er habe sie im Keller vergewaltigen wollen. Es ist ein starker Film, ein Sittengemälde der frühen Sechziger, das die Diskriminierung der Afroamerikaner anprangert. Gerade weil das Piazza-Programm nicht über jeden Zweifel erhaben ist, gehe ich am Abend jeweils gerne einen Klassiker im Gran Rex schauen. Ich liebe dieses 1966 eröffnete Premierenkino mit seinen 550 Plätzen. Lange fürchtete ich, es werde abgerissen. Doch nun wird es nach dem Festival renoviert und pünktlich zum 70-Jahre-Jubiläum des Festivals 2017 wieder eröffnet.

5. Warum gibt es einen Kino-Röstigraben?

 
SRG-Generaldirektor Roger de Weck und Ivo Kummer, Chef der Sektion Film, analysierten an einem Panel die Unterschiede zwischen Deutschschweiz und Romandie. 
Von Christian Jungen

Die Teilnehmer des Panels (v.l.n.r): Ivo Kummer, Lionel Baier, Roger de Weck, Laurent Dutoit, Peter Reichenbach, Beat Glur

Warum foutiert sich die Romandie um den Schweizer Film? Seit dem Jahr 2012 gehen die Kinoeintritte für einheimische Produktionen in der Westschweiz markant zurück. So sagte es Ivo Kummer, Chef der Sektion Film, gestern Dienstag an einer vom Schweizerischen Verband der Filmjournalisten (SVFJ) organisierten Panel. 90 Prozent aller Eintritte für Schweizer Filme wurden 2015 in der Deutschschweiz verzeichnet, nur gerade 8,5 Prozent entfielen auf die Romandie, wo der Schweizer Film einen miserablen Marktanteil von 1,6 Prozent erreichte. In der Deutschschweiz lag er bei 7,3, in der italienischen Schweiz bei 3,4. Das sei ein Problem, meinte Kummer, weil die Welschen so den Gesamtschnitt drückten.

Wie Schmerzhaft das Desinteresse der Romands ist, musste auch Produzent Peter Reichenbach von C-Films erfahren. Seinen SCHELLEN-URSLI wollten in der Deutschschweiz 438 000 Personen sehen, in der Romandie waren es nicht einmal 9000, obwohl der Film auf 20 Leinwänden lief. «Die Westschweizer Presse hat uns beinahe boykottiert», erklärte Reichenbach, «kaum jemand hat über unseren Film geschrieben. Ich habe persönlich auf Redaktionen angerufen, und man hat mir ins Gesicht gesagt: 'Das interessiert uns nicht'.» Man habe ihm auch vorgeworfen, dass der Film synchronisiert laufe – «aber das ist doch normal, das ist ein Familienfilm für Kinder ist, die noch gar keine Untertitel lesen können.»

Laurent Dutoit, der in Genf die Arthouse-Kinos Scala programmiert und SCHELLEN-URSLI nicht zeigte (weil es kein Arthouse-Film sei), meinte, das Desinteresse hänge auch damit zusammen, dass man in der Romandie das Kinderbuch nicht kenne, auf dem der Film basiert. Der Produzent Reichenbach konterte, dass er sich von den Welschen erhofft hatte, dass sie sich zumindest für das Phänomen interessierten, dass einheimische Produktionen in der Deutschschweiz wieder die Massen anlockten.

Szene aus SCHELLEN-URSLI von Xavier Koller

Die Frage, woran es liegt, dass sich die Romands kaum für den Schweizer Film interessieren, war damit aber noch nicht beantwortet. Roger de Weck, der eloquente Generaldirektor der SRG SSR, versuchte es dann so: Deutschschweiz und Romandie gehörten grundverschiedenen Kulturen an. «Sie pflegen oft ein anderes Storytelling, andere Stars und eine andere Ästhetik», so de Weck, und erklärte die kulturellen Unterschiede mit aufschlussreichen Sprachbeispielen: In der Deutschschweiz nenne man einen Gesprächsleiter Moderator, in der Romandie «animateur de débat», in der Deutschschweiz spreche man von Säugetieren (Sicht des Babys), in der Romandie von «Mammifère» (Sicht der Mutter, welche die Brust gibt) und im Deutschen spreche man von Stillleben, im Französischen von «nature morte». Diese Verschiedenheit sieht der zweisprachige Freiburger de Weck als Chance: «Die Schweiz ist ein gross angelegtes Projekt, das dafür sorgt, dass Leute, die sich eigentlich nicht verstehen, das doch etwas besser tun.»

In diesem Punkt pflichtete ihm der Cineast Lionel Baier (LA VANITE) bei: Dadurch dass man in der Schweiz ein Filmprojekt bereits für mehrere Sprachregionen konzipieren müsse – weil zum Beispiel die Förderkommission des Bundesamtes für Kultur mit Mitgliedern aus allen Sprachregionen zusammen gesetzt ist – mache man sie fit für den internationalen Markt. Roger de Weck unterstrich, dass die SRG sich weiterhin um Verständigung bemühe und kündigte an, dass man nach einer Retraite in einem Chalet Folgendes beschlossen habe: «Wir planen eine nationale Serie, die in allen vier Landessprachen funktionieren soll.» Damit könne man zugegebenermassen auch scheitern, aber man habe dann wenigstens etwas gelernt. – Worauf Reichenbachumgehend einwarf, er und wohl auch Lionel Baier stünden für die entsprechende Koproduktion sofort zur Verfügung. De Weck spielte allerdings auch mit abwegigen Gedanken, wie, die Prestige-Produktion GOTTHARD, die letzte Woche als Pre-Festival-Film auf der Piazza Grande gezeigt wurde, erst nach der Fernsehauswertung in die Kinos zu bringen. Damit würde er dem Schweizer Film schaden, weil GOTTHARD kein LORD OF THE RINGS ist.

Weil de Weck als einziger wirklich auf analytische Weise auf die Ursachen des Röstigrabens einging, war ich als Präsident des veranstaltenden Verbandes sehr froh, dass er an der Diskussion teilnahm (er hat die Anfrage übrigens umgehend aus den Ferien beantwortet, Chapeau!). Er und die SRG SSR wurden auf dem Panel geradezu mit Lob für ihr Engagement für den Schweizer Film überhäuft.

Aufschlussreich waren auch die Ausführungen von Laurent Dutoit, der nicht nur Kinos in Genf programmiert, sondern auch Inhaber des Verleihers Agora Films ist. Im Vorfeld der Veranstaltung geriet er in die Kritik, weil er bis heute den letztjährigen Locarneser Wettbewerbsfilm HEIMATLAND nicht gespielt hat. Dutoit mag den Film nicht, wie er mir in der Casorella beim Dîner zu Ehren des Films LE CIEL ATTENDRA erklärte. Er findet, dass der Film zu viel Zeit auf die Exposition verwende und dort aufhöre, wo das Drama erst anfange. Dutoit beklagte, dass die Zahl der im Kino lancierten Filme extrem zugenommen habe. «Die Bad Guys sind aber nicht die Amerikaner, wie viele glauben, diese lancieren heute immer noch gleich viele Filme wie vor 20 Jahren (rund 120 pro Jahr). Es sind die Europäer.»

Die Zahl der ausgewerteten Schweizer Filme habe sich seit 1996 verdreifacht. Dass inzwischen manche Verleiher – trotz den Subventionen, die es für die Arbeit aus Bern gibt – zurückhaltender geworden seien in Sachen Schweizer Film, erklärte er so: «Wenn man einen Schweizer Film ins Kino bringt, hat man zehnmal mehr Arbeit als mit einer fremdsprachigen Produktion. Den man fängt bei Null an, muss ein Poster kreieren, einen Trailer – trotz Aussicht auf wenig Zuschauer.»

Während des von meinem Verbandskollegen Beat Glur moderierten Panels (er ist der Geschäftsführer des SVFJ) wurden viele Zahlen genannt, hier einige der spannendsten von der SRG:

 

Film                                                      Zuschauerzahl bei SRF                                     Marktanteil

DER VERDINGBUB (2011)                       750 000                                                          36%

AKTE GRÜNINGER (2014)                       400 000                                                          20%

DER GOALIE BIN IG (2014)                     480 000                                                          25%

DER HAMSTER (2015)                             650 000                                                          30%

LOVELY LOUISE (2013)                           126 000                                                           8,6%

LES GRANDES ONDES (2013)                    22 500                                                           3,6%

 

 

Film                                                             Zuschauerzahl bei RTS                                  Markanteil

LES GRANDES ONDES (A L’OUEST) (2013)     37 400                                                         3,2%

L’EXPÉRIENCE BLOCHER                               340 000                                                        21 %

 

Laut Roger de Weck haben es Dokumentarfilme einfacher, die Sprachgrenzen zu überwinden. So verzeichnete Markus Imhoofs MORE THAN HONEY auf RTS einen Marktanteil von 17, 8%, bei SRF einen von 34,4% und bei RSI einen von 12 %. 

Szene aus LES GRANDES ONDES (A L'OUEST) von Lionel Baier

Zum Schluss des Panels durfte jeder Teilnehmer einen Wunsch an einen anderen äussern. Roger de Weck wandte sich an die gastgebenden Journalisten: «Es gibt in diesem Land keinen Film ohne öffentliches Geld, denn für ein vom Staat gänzlich unabhängiges Schaffen ist der Markt zu klein und erst noch viersprachig. Zugleich gibt es in der Politik starke Kräfte, welche die Position der SRG SSR schwächen und uns nur noch die Hälfte des heutigen Budgets zugestehen wollen. Ich wünsche mir, dass die Schweizer Filmjournalisten ihre Meinung dazu einbringen.» Wenn man den einheimischen Markt globalen Players überlasse, blieben für den Schweizer Film nur noch Brosamen. Es brauche ein starkes öffentlich-rechtliches Medienhaus, aber auch starke private Medienhäuser.

Da ich in der NZZ am Sonntag im Vorfeld der RTVG-Abstimmung kritisch über die SRG SSR und ihre mit stolzen Budgets ausgestatteten Sender berichtet hatte, fühlte ich mich angesprochen. Mich hat damals auch gestört, dass sich de Weck auf Anfrage nicht dazu äussern wollte. Umso mehr schätzte ich es, dass er sich nun unserer Diskussion gestellt hat. Obwohl ich grundsätzlich staatlichen Institutionen gegenüber kritisch eingestellt bleibe, schätze ich es, wenn Transparenz herrscht. Dass SRF die Kinosendung «Box Office» eingestellt hat, bleibt für mich schwer verdaulich, aber man muss anerkennen, dass SRF seither anderen Orts Anstrengungen unternommen hat, um über Film und Festivals zu berichten. Etwa rund um den Schweizer Filmpreis, am Filmfestival Locarno, aber auch am Zurich Film Festival.

Keinesweg überrascht hat mich die auf Facebook vorgetragene Kritik an der rein männlichen Zusammensetzung unseres Panels. Das war vom SVFJ nicht so geplant. Ich habe neun Frauen angefragt und von allen eine Absage bekommen, aus unterschiedlichen Gründen. Ich habe fünf Männer angefragt und von allen eine Zusage bekommen. Ähnliche Erfahrungen macht offenbar auch Jonas Projer, mit dem ich einst beim Landboten als Filmkritiker zusammengearbeitet habe, wenn er Gäste für die Arena sucht. – Wenn Frauen Kritik üben, erwarten wir von ihnen aber auch, dass sie an Panels teilnehmen und sich am Diskurs beteiligen.

Ich sehe die Welt nicht durch die Gender-Brille, das gebe ich zu, aber ich bin der Frauenförderung sicher nicht abgeneigt – bei FRAME arbeiten 5 Frauen und 2 Männer. Aber à tout prix eine paritätische Zusammensetzung bei Panels erzwingen, mag ich nicht. Dies haben die Solothurner Filmtage eine Zeit lang so gemacht und das Resultat war, zumindest bei SVFJ-Panels, die ich moderieren durfte, unbefriedigend. Man hatte dann zwar eine Tessiner Frau dabei, die aber kaum etwas erhellendes zum Thema sagen konnte, weil sie auf einem anderen Gebiet tätig ist. Aus der gut besuchten Veranstaltung zum Röstigraben hat sich somit Stoff für eine weitere Diskussion ergeben, der den SVFJ über Locarno hinaus beschäftigen wird. Wir stellen uns der Diskussion gerne.

6. Die Pop-Jihadistinnen

 
Der herausragende Piazza-Film ist bisher LE CIEL ATTENDRA, der erzählt, wie junge Französinnen sich dem IS anschliessen. Im Film spielt auch eine Prinzessin mit, die sich am Gala-Dîner unkompliziert wie ein Teenie gab. Und: Warum Filmcoopi ein neues Vorspann-Logo braucht. 
(Von Christian Jungen)

Mélanie (Naomi Amarger, rechts) und Sonia (Noémie Merlant) in LE CIEL ATTENDRA 

Es ist ruhig geworden in Locarno. Politiker, Verbandsfunktionäre und viele Touristen sind wieder abgereist und so sind wir Cinéphilen wieder unter uns. Mir ist das durchaus Recht, wenn man nicht mehr lange Schlange stehen muss vor den Sälen. Gestern bin ich um 13.58 im Gran Rex angekommen, um Roger Cormans vor Freudianischer Psychoanalyse strotzende Edgar-Allan-Poe-Verfilmung THE MASCQUE OF THE RED DEATH (7/10) zu sehen und habe im fast ausverkauften Saal gerade noch einen Platz gefunden – hinter Clemens Klopfenstein, der während des Festivals zum Corman-Jünger geworden ist. Was ich gut verstehen kann: Der anarchische Gestus von Cormans schnell gedrehten Genrefilmen ist Arbeiten wie Klopfis DIE VOGELPREDIGT durchaus verwandt.

Wobei es zwischen den beiden doch einen gewichtigen Unterschied gibt: Während Klopfenstein gerne improvisiert, bereitet Corman seine Filme Einstellung für Einstellung minutiös vor, wie er vor dem Film erklärte. Nur so war es ihm überhaupt möglich, gewisse Streifen wie THE LITTLE SHOP OF HORRORS von 1960 in zwei Tagen und einer Nacht runterzukurbeln. Was mich an Cormans Filmen fasziniert, ist ihre Doppelbödigkeit: Sie funktionieren an der Oberfläche als reine Unterhaltungsfilme, doch darunter brodelt es. Corman hat stets Themen seiner Zeit wie Rassismus eingefangen und so den Weg für New Hollywood geebnet.

Gerade weil es nicht mehr so viele Leute in der Stadt hat, habe ich mir nach zwei Sandwich-Nachtessen gestern wieder mal den Luxus geleistet, eine Pizza zu bestellen – und zwar um 21.50 im Ristorante Svizzero. Dabei wurde ich etwas wehmütig. Das Svizzero war eines der Stammlokale von Erika und Moritz de Hadeln, die das Filmfestival von Locarno von 1972 bis 1977 leiteten. Oft bin ich mit ihnen im Svizzero essen gegangen. Doch dieses Jahr sind die beiden nicht in hier. Erika geht es gesundheitlich nicht so gut und sie ist zur Erholung in einer Klinik. Ich hoffe, sie wird schnell wieder gesund.

Obwohl ich gestern erst kurz vor halb zehn auf der Piazza eintraf, fand ich noch einen guten Platz am Fuss der Leinwand. Ich verstehe ja das "normale" Publikum, das im Kino am liebsten hinten sitzt, überhaupt nicht. Je weiter hinten man sitzt, desto kleiner wird das Gesichtsfeld und desto grösser die Ablenkung vom Film, weil man – gerade in Locarno – noch die Szenerie links und rechts sowie oberhalb der Leinwand mitverfolgt. Für mich sind die besten Plätze jene am Ende des ersten Drittels, da hat man die ganze Leinwand im Visier und kann tief eintauchen in die Geschichte. Ich sass gestern neben dem stets sportlich-elegant gekleideten Frame-Kolumnisten This Brunner, der von lauter Filmen wie LA JEUNESSE schwärmte, von denen ich leider keinen einzigen gesehen hatte.

Gezeigt wurde gestern COMBOIO DE SAL E ACUCAR (6/10) von Licinio Azevado, einem Cineasten und Schriftsteller aus Mozambique. Der Film spielt 1989, als seine Heimat von einem Bürgerkrieg zerrüttet war. Viele Menschen fuhren mit einem langsam rollenden Zug von Nampula nach Malawi, wo sie ein paar Salzsäcke gegen Zucker eintauschen konnten. Azevado nimmt uns als Zuschauer mit auf eine dieser gefährlichen Fahrten, die immer wieder unterbrochen wird, weil Milizen den Zug unter Beschuss nehmen. Einmal rollt der Zug sogar auf einen Pfahl zu, auf dem ein Kopf eines Soldaten aufgespiesst ist. Von der Struktur her erinnert das Roadmovie auf Schienen an Coppolas APOCALYPSE NOW, weil man immer tiefer ins Kriegsgebiet eintaucht. Aber Azevado geht es nicht nur um Krieg und Tod, sondern auch um die Schönheit des Lebens. Wie beiläufig erzählt er kleine Geschichten voller Menschlichkeit - einmal bringt eine Frau mitten im Kugelhagel sogar ein Kind zur Welt. Der Film ist zu Beginn etwas langsamtig, kommt erst nach einer halben Stunde so richtig in die Gänge, ist aber schön inszeniert.

Das Piazza-Programm hat mich bisher nicht aus den Socken gehauen. Mir fehlt das amerikanische Genrekino, eine italienische Komödie oder einfach eine Überraschung, ein Peperoncino in der Salsa, wie ihn uns der letzte künstlerische Direktor, Olivier Père, zum Beispiel mit dem Horrorfilm RUBBER von Quentin Dupieux oder dem Sektenthriller RED STATE  von Kevin Smith zugemutet hat. Mir hat es am Abend zu viele gut gemeinte Filme, solche für pensionierte Gymnasiallehrer, die gerne in gediegenen Tableaus sehen, wie eine Malerin im Paris des frühen 19. Jahrhunderts zu den Huren ging.

Betrachtet man das diesjährige Programm nach dem biblischen Motto "Prüfet alles und das Gute behaltet", so bleiben mir vor allem zwei Filme in bester Erinnerung: LE CIEL ATTENDRA (8/10) der Französin Marie-Castille Mention-Schaar und VOR DER MORGENRÖTE (8/10) von Maria Schrader.

Maria Schrader, die Regisseurin von VOR DER MORGENRÖTE, auf der Piazza Grande.

Ersterer erzählt davon, wie junge Frauen in Frankreich sich übers Internet radikalisieren und zu Jihadistinnen werden. Die 16-jährige Mélanie lebt (Naomi Amarger) mit ihrer Mutter (Sandrine Bonnaire) zusammen, liebt das Cello-Spielen und möchte die Welt verändern. Dann verliebt sie sich via Facebook in einen Muslim, der ihr erst Honig um den Mund schmiert und sie dann immer autoritärer dazu drängt, nach den Regeln des Korans zu leben, ehe er sie schliesslich für den Jihad des IS anwirbt. Die 17-Jährige Sonia (Noémi Merlant) wiederum wird zur Burka tragenden Jihadistin, weil sie so gegen das bürgerliche Leben ihrer Eltern rebellieren kann. Nüchtern und ohne mahnenden Zeigfinger verdeutlicht der Film, wie gefährlich Social Media für Jugendliche sein können und wie clever die Terroristen mit von suggestiver Musik untermalten Videos im Internet Jugendliche ansprechen, die eine Identitätskrise durchlaufen. Er zeigt aber auch die Nöte und Hilflosigkeit betroffener Eltern.

Die Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar stellt LE CIEL ATTENDRA vor.

Die Regisseurin ist auf das Thema gestossen, weil sie selber zwei Kinder hat und von ähnlichen Fällen von Radikalisierung gehört hat. Sie erklärte in Locarno, ein grosser Teil der pubertierenden Mädchen, die zu Terroristinnen wurden, habe sich via Internet in einen Rekrutierer des IS verliebt. Ähnlich wie Niklaus Hilber, der in AMATEUR TEENS zwischen den Sequenzen auf Weissblenden setzte, um dem Zuschauer einen Moment zum Verarbeiten des Gesehenen zu gewähren, setzt Marie-Castille Mention-Schaar auf Schwarzblenden. Im doch sehr retroseligen Piazza-Programm stach LE CIEL ATTENDRA heraus, weil es ein Film am Puls der Zeit ist. Sehr elegant inszeniert und hervorragend gespielt.

Vor der Premiere durfte ich im Palazzo Casorella am offiziellen Dîner zu Ehren des Films teilnehmen und sass mit der Crew sowie dem französischen und schweizerischen Verleiher an der Tafel. Die Stimmung war ausgelassen. Besonders beeindruckt hat mich Clotilde Courau, ihres Zeichens Prinzessin von Venedig und Piemont, die im Film die Mutter von Sonia spielt. Obwohl sie dem Königsgeschlecht von Savoyen angehört und eine Abendrobe trug, verhielt sie sich ganz und gar unhöfisch: Quecksilbrig wie ein Teenie rutschte sie auf ihrem Stuhl herum, klopfte flotte Sprüche, flirtete mit Carlo Chatrian und ging barfuss eine rauchen. Sie fragte mich, für welche Zeitung ich schreibe und sagte dann, dass sie sich sehr über das Porträt gefreut habe, das Kollege Urs Bühler kürzlich über in der NZZ über sie geschrieben hat – obwohl sie kein Deutsch verstehe.

Die Prinzessin Clotilde Courau

Ein weiteres Highlight im Piazza-Programm war VOR DER MORGENRÖTE von Maria Schrader über die Exiljahre von Stefan Zweig (1881 – 1942) in den USA und Südamerika. Der jüdische Schriftsteller aus Österreich flüchtete vor den Nazis, wollte aber, weil er Pazifist war, vom Exil aus seine Heimat nicht verurteilen. Schrader zeigt gleich zu Beginn in einer wunderbaren Plansequenz, in welcher der brasilianische Aussenminister ein Bankett zu Zweigs Ehren gibt, wie der Autor in Südamerika wie ein Star gefeiert wurde. Laut Schrader war Zweig in vielen Städten Südamerikas bekannter als Charlie Chaplin und Marilyn Monroe zusammen. Sie zeigt aber auch, wie der Schriftsteller innerlich zusehends ausgezehrt wurde, wie er mit sich und seinem Schicksal haderte, was schliesslich zum Suizid führte.

Josef Hader als Stefan Zweig, Szene aus VOR DER MORGENRÖTE.

Beeindruckend ist, wie Schauspieler Josef Hader das Innenleben der Figur nach Aussen zu kehren vermag. Und schlicht meisterhaft ist, wie Schrader Stimmungen zu evozieren und zu visualisieren weiss. Sie hat kein 08/15-Biopic gedreht, das einfach Lebensstationen abspult, wie dies Margarethe von Trotta in HANNAH ARENDT tat, ihr ist vielmehr ein Spielfilm gelungen, der ein seelisches Stimmungsbild der Figur, aber auch ein Stimmungsbild der damaligen Zeit vermittelt, als viele Emigranten im Exil über Hitler debattierten und über die Frage, wie man ihn bekämpfen könnte.

Der Verleiher Filmcoopi bringt VOR DER MORGENRÖTE nächste Woche in die Deutschschweizer Kinos. Zu befürchten ist leider, dass er sich damit eine gewisse Kannibalisierung durch TONI ERDMANN einhandelt, ebenfalls ein Filmcoopi-Titel. Denn Maren Ades Meisterwerk ist gerade talk of the town und der deutsche Film, den jetzt alle sehen wollen. A propos Filmcoopi: Ich liebe diesen Verleiher, er hat immer wieder tolle Filme im Programm und er gehört zu jenen, die uns Journalisten immer wieder tolle Geschichte ermöglichen, indem sie Treffen mit Regisseuren und Schauspielern organisieren. Kaja Eggenschwiler und Annina Zuberbühler machen als PR-Verantwortliche einen super Job, das sehen auch viele Kollegen so.

NUR: Filmcoopi hat so ein grausliges Vorspann-Logo, mit Hirn und sich drehendem Zahnrad zu dissonanten Klängen, das bedeuten will: Wir haben Filme, die zum Nachdenken animieren. Ich bin immer akut Migräne-gefährdet, wenn es über die Leinwand flimmert - fürchterlicher 68er-Groove. Nun ist der junge Yves Blösche, Sohn des langjährigen Co-Chefs Wolfgang  Blösche, Teilhaber geworden. Mein Wunsch an die junge Generation: Kreiert ein neues Logo-Filmchen und verweist die Fans des alten darauf, dass man es auf Youtube sehen kann. 

7. Vom Verhältnis des Kritikers zum Regisseur

 

 

Ein Festival besteht nicht nur aus Filmen, sondern auch aus Begegnungen mit Menschen aus der Branche. Hier der Bericht von meiner Zugfahrt mit Xavier Koller sowie den Begegnungen mit PR-Guru Lucius Barre und der baldigen Vize-Direktorin Nadia Dresti. (Von Christian Jungen)

Xavier Koller 1991 mit dem Oscar für REISE DER HOFFNUNG 

 

Eigentlich wollte ich am Samstag auf der Heimfahrt von Locarno nach Zürich ein Interview fertig transkribieren, das ich für das nächste FRAME-Heft geführt habe. Doch kurz vor der Abfahrt stürmte ein Mann rein, dessen Stimme ich sofort erkannte: Xavier Koller. Der Oscarpreisträger setzte sich zusammen mit Sarah Born, seiner Geschäftspartnerin bei Catpics und Produzentin, ins Abteil neben mir. Sofort kamen wir ins Gespräch. Koller hat am Freitag in Locarno eine restaurierte Fassung seines Meisterwerks REISE DER HOFFNUNG im Kursaal präsentiert. Sarah hatte zwar auf eine Wiederaufführung auf der Piazza am ersten Wochenende gehofft, die beiden waren aber glücklich, dass der Saal fast voll war, wobei sich Xavier wunderte, dass vor allem ältere Semester in die Vorstellung kamen. Kurz vor Zürich gratulierte ihm eine Frau, die auch im Kursaal war, zum Film und sagte zu Xavier, er sei ein wunderbarer Mensch.

Xavier, Sarah und ich unterhielten uns angeregt über die Filmbranche. Wir waren uns einig, dass das aktuelle Fördersystem des Bundes mit den rotierenden Experten mutiger Filmkunst nicht zuträglich sei und dass ein Intendant besser wäre. Das hat Koller schon 1991 dem damaligen Innenminister Flavio Cotti bei einer Audienz im Grand Hotel gesagt, worauf ihn Kollegen aus der Branche in den Senkel stellten: Das gehe doch nicht. Xavier regte sich über einen gewissen Kritiker aus Bern auf, der alle seine letzten Filme ‚verrupft’ habe und nun aber ein Gespräch mit ihm über REISE DER HOFFNUNG moderiere, der nächste Woche in mehreren Städten nochmals ins Kino kommt. Er meinte, früher hätten sich Filmkritiker wie Martin Schaub vom Tages-Anzeiger oder Martin Schlappner von der NZZ regelmässig mit Regisseuren getroffen und mit ihnen über die Motivation hinter ihren Filmen gesprochen. Das habe eine fruchtbare Auseinandersetzung ermöglicht. Heute werde er kaum mehr von Filmkritikern interviewt. 

Ich kann diesen Wunsch eines Künstlers, vom Kritiker vor dem Urteil angehört zu werden, durchaus verstehen. Bloss habe ich damit selber schon schlechte Erfahrungen gemacht. Zum Beispiel mit Xavier Koller. Vor 16 Jahren machte ich mit ihm in Zürich ein Interview zu GRIPSHOLM, das am nächsten Tag im Blick erschien, zusammen mit einer Besprechung des Films, in der ich schrieb, GRIPSHOLM biete «gepflegte Langweile». Darauf läutete Koller in aller Herrgottsfrühe Esther Bühlmann auf (die das Gespräch organisiert hatte), um ihr mitzuteilen, dass ich ein «Schafseckel» sei. Ich hatte sogar Verständnis für seine Reaktion, aber eben: Soll man dann bald wieder jovialen Austausch pflegen? Mit Xavier geht das, weil er sagt, was er denkt und nicht nachtragend ist – eine Qualität, die ich an fast allen Cineasten seiner Generation schätze. Diese Leute feierten Erfolge, müssen niemandem mehr etwas beweisen und sind darum cool und gelassen. Allerdings: Eine allzu enge Freundschaft sollte sich nicht bilden. Markus Imhoof hat mir einmal erzählt, dass Schaub vom Tages-Anzeiger ihn jeweils in Italien besucht habe. Sie gingen zusammen reiten, Schaub war mehrere Tage zu Gast bei Markus und hat dann im Tagi-Magi eine hymnische Reportage über Imhoofs nächsten Film geschrieben. So etwas geht heute, zumindest im Hause NZZ, nicht. Wir nennen das Beziehungskorruption.

Xavier Koller

Xavier hat dann vorgeschlagen, es sollte einmal ein Panel geben zum Verhältnis von Kritikern und Filmemachern. Das ist vielleicht etwas fürs ZFF oder die Solothurner Filmtage. Während der Zugfahrt sind Sarah, Xavier und ich übrigens fast verdurstet und verhungert. Wir haben einen sogenannt «trockenen» Zug erwischt – ohne mobile Mini-Bar und Speisewagen. In Arth-Goldau, wo der Zug nur 6 Minuten anhielt, sprang Sarah – typisch Produzentin: immer am Problemelösen – aus dem Zug und holte Cappuccino und Sandwiches. Xavier bot mir die Hälfte seines Salami-Sandwiches an. Muss ich jetzt seinen nächsten Film gut finden? Stoff für die besagte Podiumsdiskussion.

Einen sehr spannenden Menschen lernte ich am Freitag im Palavideo näher kennen. Lucius Barre. Den Zweimeter-Mann sieht man von der Piazza aus jeden Abend die Stars über den roten Teppich begleiten. Er arbeitet für das Protokoll-Büro des Festivals. Seine Aufgaben: Stars empfangen und betreuen, Interviewtermine koordinieren – er war letzte Woche schon mein Ansprechpartner für das Gespräch mit Roger Corman – und am Abend sicherstellen, dass alle Gäste pünktlich auf die Bühne der Piazza kommen. «Stars und Glamour bedeuten mir aber nicht viel», betonte Lucius.

Lucius Barre mit Regisseur Michael Cimino

Lucius Barre wurde 1949 in New York geboren als Spross von Eltern, die aus Französisch-Marokko stammten und nach South Carolina emigrierten. «Ich wurde schon als Kind Teil jener Jugendbewegung, welche die Welt verändern wollte. Unsere Eltern wuchsen während der Great Depression auf und erlebten den Zweiten Weltkrieg, nun wollten wir eine humanere Gesellschaft aufbauen.» Während des Studiums engagierte sich Lucius in der Jugendabteilung des Roten Kreuzes, 1972 ging er ihm Rahmen eines Austauschprogrammes nach Paris – mit bloss 85 Dollar in der Tasche. Dort organisierte er für Studenten Reisen nach Osteuropa. Bald schon eröffnete er eine Filmbuchhandlung und half dem Filmfestival Deauville im Gästemanagement. 1977 lernte er dort Gilles Jacob kennen, den damaligen künstlerischen Leiter der Filmfestspiele von Cannes.

«Gilles sagte, kommen Sie doch zu uns nach Cannes, wir haben 2000 akkreditierte Journalisten und niemand im Pressebüro spricht ein Wort Englisch.» Lucius arbeitete dann sieben Jahre lang für das wichtigste Filmfestival der Welt, an dem er für die nichtfranzösischen Journalisten verantwortlich war. «Das war eine schöne Zeit, es gab jeden Tag ein zweistündiges Mittagessen. Und wenn man jemanden suchte, musste man nur vom alten Palais aus die Croisette überqueren und am Strand nachsehen. Dort waren sie alle: Francis Ford Coppola oder Kathleen Carroll.» In den neunziger Jahren unterstützte er in Berlin Wieland Speck bei der Übernahme der Sektion «Panorama», in den Jahren als deren Gründer Manfred Salzgeber wegen Aids im Sterben lag. «Wieland und ich waren viel gemeinsam unterwegs und verstanden uns so gut, dass die Leute immer wieder fragten: Wie lange seid ihr schon ein Paar?», erzählt Lucius und lächelt. Schliesslich begann er auch am Filmfestival Rotterdam zu arbeiten. Dort wurde Olivier Père auf ihn aufmerksam und holte den Amerikaner 2011 nach Locarno.

Lucius steht in Locarno jeden Morgen sehr früh auf, beantwortet eine Stunde lang E-Mails, betreut dann tagsüber Gäste und muss ab 20.30 den Einlauf der Ehrengäste auf dem roten Teppich vor der Piazza Grande überwachen. «Das Wichtigste ist, dafür zu sorgen, dass die Leute pünktlich auf die Bühne kommen.» Das klappe meistens gut, doch letztes Jahr gab es einmal ein Desaster: Da war vor der Premiere von AMNESIA vorgesehen, dass Regisseur Barbet Schroeder sowie die Darsteller Bruno Ganz und Marthe Keller nur je ein Fernsehinterview geben. Die drei trafen erst um 21:29 Uhr ein und gaben alle je drei Interviews, worauf es zu einer Verspätung kam. Da sei er dann auch machtlos gewesen. Von Keller, die Lucius kennt, seit sie 1978 in Cannes Billy Wilders FEDORA vorstellte, musste er sich dann anhören, er sie ein verrückter Chaot.

Eine Qualität, die Lucius in seinem Job braucht, ist Menschenkenntnis. Dank seiner langjährigen Erfahrung im Filmgeschäft kennt er mittlerweile die Marotten der Stars. «So weiss ich zum Beispiel, dass Isabelle Huppert nicht gerne süss lächelnd und von vorne fotografiert wird. Sie hat es lieber, wenn sie mit ernster Miene und von der Seite abgelichtet wird. Und Amy Schumer muss man ein Zeichen geben, wenn eine Kamera läuft, dann rückt sie ihr Dekolleté zurecht und beginnt eine Show abzuziehen.» Sein Einsatz am roten Teppich dauert in Locarno jeweils bis 22:30 Uhr. Danach kehrt Lucius in sein Hotel am See zurück und arbeitet eine weitere Stunde lang E-Mails ab. Zeit zum Filmeschauen hat er nie. 

Lucius ist ein wunderbar feinfühliger Mensch, offen und ehrlich. Da er viele Behind-the-Scenes-Anekdoten zu erzählen hat, könnte ich ihm stundenlang zu hören. Ihn hätte ich schon früher kennen lernen sollen. Er hätte mir damals, als ich meine Dissertation «Hollywood in Cannes» schrieb, bestimmt helfen können. Nun schicke ich ihm – durchaus etwas nervös – ein Exemplar der englischsprachigen Ausgabe. Wenn nebst Gilles Jacob noch einer beurteilen kann, ob meine Thesen stimmen, dann Lucius!

Eine Locarneserin, die ich seit vielen Jahren kenne und schätze, ist Nadia Dresti. Sie leitet die Industry Days am Festival und ist von Präsident Marco Solari soeben zur künstlerischen Vize-Direktorin ernannt worden – eine Funktion, die sie ab 1. Januar 2017 ausüben wird. Ein Direktor, der einen Vize bekommt, wirkt ein bisschen wie ein Velo mit Stützrädern. «Es wird sich dadurch nicht wahnsinnig viel ändern», erklärt Dresti, als wir uns am Freitag im Zelt des Leopard-Club treffen. «Carlo und ich arbeiten schon heute eng zusammen. Er ist mehr für das künstlerische zuständig und ich bringe die Sicht des Publikums ein.»

Nadia Dresti, soeben vom Festivalpräsidenten zur künstlerischen Vize-Direktorin ernannt

Nadia wurde 1958 in Locarno geboren, hat das Festival in den ersten 20 Lebensjahren nicht besucht. Sie hat eine kaufmännische Lehre gemacht und träumte davon, nach Hollywood zu gehen. Eine Freundin, die in Los Angeles lebte, bot ihr eine Stelle als Babysitter an. Nadia flog rüber und wohnte in West-Hollywood an der North Carter Av. 1414. An die Zeit in der Filmmetropole hat sie gute Erinnerungen. Bald kam sie in eine zweite Familie eines sehr reichen CEOs. «Er hatte einen Koch aus Deutschland und eine viel jüngere Frau, die dauernd in den Ausgang ging. Also hat der Koch jeweils für mich Gerichte zubereitet und am morgen fuhr ich oft mit ihm im Rolls Royce zum Einkaufen. Ich tingelte damals auch durch die Clubs der Stadt und hatte eine gute Zeit.» Zurück in der Schweiz heuerte ca. 1987 unter David Streiff als Betreuerin der Sektion Fernsehfilm an, fungierte überdies auch als Einkäuferin für RSI.

Schliesslich verhalf ihr Beki Probst, die damals zusammen mit This Brunner und Ruth Waldburger in der Programmkommission von Locarno diente, zu einer Stelle bei 20th Century Fox in Genf. Dresti wurde Marketing-Assistentin von Fox-Boss Jean-Pierre Reyren. Genf hat ihr nicht gefallen und die Filme des Studios – «mehrheitlich dumme amerikanische Komödien» – auch nicht. Nur einmal habe sie einen spannenden Film vermarkten können: ABYSSE von James Cameron, der zusammen mit Kathryn Bigelow nach Zürich gekommen sei, von wo die beiden zusammen mit This Brunner weiter nach Venedig flogen. Also kehrte sie ans Festival zurück, wo sie seither Stufe um Stufe die Leiter emporstieg.

Da sie Hollywood gut kennt, begleitet Nadia jeweils Carlo Chatrian, wenn er die Tour bei den Studios macht Ende Jahr, um Filme für die Piazza Grande zu bekommen. «Meistens reden wir mit den Verantwortlichen der Marketing- und der Publicity-Abteilungen, erstere kennen die Release-Daten, letztere wissen, ob die Stars im August nach Locarno reisen können», erzählt Nadia. Geschenke bringt sie keine mit, «nur Notizhefte von Moleskine – wir haben 20minütige geschäftliche Termine und gehen weiter». Die Bedingungen, welche Locarno jeweils stellt, sind: Europapremiere plus Anwesenheit der Stars. «Dieses Jahr hatten wir lange darauf gehofft, dass Glenn Close für den Eröffnungsfilm THE GIRL WITH ALL THE GIFTS kommt, zwei Wochen vor Festivalbeginn kam dann die Absage.» Das sind dann die Momente, in denen Nadia fast verzweifelt. 

Nadia Dresti hat in Locarno schon drei Präsidenten (Rezzonico, Buffi, Solari) und sechs künstlerische Direktoren erlebt: David Streiff, Marco Müller, Irene Bignardi, Frédéric Maire, Oliver Père und nun Carlo Chatrian. Auf die Frage, mit welchem sie es am besten konnte, sagt sie ohne Umschweife: mit Père. Der Franzose hat sich, als er mich in Paris einmal zum Essen ins Restaurant Bofinger bei der Bastille einlud, ebenfalls sehr lobend über Nadia geäussert – ihr habe er viel zu verdanken, weil sie ihm in Hollywood manche Türe haben öffnen können. «Olivier und ich haben uns sehr gut verstanden, wenn wir zusammen unterwegs waren, sagten die Leute immer, wir wirkten so vertraut wie ein Paar.» Schwierig fand Nadia die Zeit mit der Italienerin Irene Bignardi: «Sie war eine Signora, die mich zwar respektiert hat, aber man merkte, dass sie die Schweiz und die Schweizer nicht besonders mochte.» Der schlimmste Moment in ihrer langen Zeit in Locarno, war aber unter Marco Müller. «Der hat am Vortag der Festivaleröffnung der Journalistin Edmée Cuttat von der Tribune de Genève in einem Interview gesagt, er werfe das Handtuch und trete als Direktor zurück – ohne mich oder Präsident Rezzonico zu informieren. Als ich zu ihm ins Büro ging, um mich zu erkundigen, was das soll, sagte Müller bloss: Das geht Sie nichts an, kehren Sie in Ihr Büro zurück. Ich habe ihm dann gleich gesagt, dass seine Rücktrittsankündigung eine Frechheit sei und ich Ende Festival zurücktreten werde. Ich fand das unmöglich, dass am Eröffnungstag alle Medien nur von Müllers Rücktritt und nicht vom Eröffnungsfilm sprachen.» Müller hatte übrigens bloss mit seinem Rücktritt gedroht, um ein höheres Budget erpressen zu können.

Nadia reist das Jahr über sehr viel. Sie besucht zahlreiche Festivals, etwa Toronto, Pusan oder Guadalajara. Umso mehr liebt sie es zusammen mit ihrem Partner, der nicht aus der Filmbranche ist, im etwas verschlafenen Locarnese zu leben, in Solduno zwischen Locarno und Ponte Brolla. Zu ihren schönsten Festivalerinnerungen gehören die Premieren von LUCY und LAGAAN auf der Piazza Grande. Für die 70. Ausgabe des Festivals im nächsten Jahr hat sie sich vorgenommen, wieder ein etwas mutigeres Piazza-Programm zusammenzustellen. «Die Leute sind ja sehr grosszügig, sie gehen auf die Piazza, weil sie das Erlebnis lieben. Wir sind oft selbst überrascht, wie gut Filme ankommen, obwohl sie keine Meisterwerke sind.» Und dann hat Nadia einen Traum: «Es wäre schön, wenn bald das Grand Hotel wieder seine Tore öffnen könnte.» Es gebe einen reichen Iraner, der es kaufen wolle. «Das legendäre Haus würde dem Festival zu noch mehr Ambiance verhelfen.»

Jean-Michel Frodon und meine Wenigkeit auf der Piazza Grande

Und zum Schluss noch dies: In den letzten drei Tagen war mein Zimmernachbar im Hotel der grosse französische Filmpublizist Jean-Michel Frodon. Er war Filmkritiker bei Le Monde und Chefredaktor der Cahiers du Cinéma. Wir haben schon im Hotel Small-Talk betrieben. Ich habe ihm gesagt, dass ich seinen Essay mit der steilen These, dass sich Kino und Nationalstaaten gemeinsam aus der Industrialisierung entwickelten, sehr inspirierend gefunden habe. Schliesslich haben wir uns an einem Mittagessen von Nadia Dresti in der Magistrale wieder getroffen. Es kam dann zu folgendem Dialog:

Jean-Michel Frodon: Mais dites-moi, qui êtes-vous?

Ich: Je suis critique de cinéma de la NZZ am Sonntag

Frodon: ??

Ich: C'est un journal suisse de langue allemande

Frodon: Never mind, nobody is perfect.