Sundance Film Festival 2016

 

                       

1. «Smile, you are at fucking Sundance»

    
Das Sundance Film Festival beginnt schon im Flieger nach Salt Lake City – und: Wiedersehen mit Carla Juri.
Von Christian Jungen

                  
Dieses Jahr geniesse ich zum zweiten Mal das Privileg, die Wiegenstätte des amerikanischen Independent-Kinos zu besuchen: das Sundance Film Festival. Es gehört zusammen mit Cannes und Venedig zu jenen Filmfestspielen, wo man als Filmjournalist einen Blick über den Horizont werfen sprich Filme sehen kann, die bei uns erst viel später ins Kino kommen. Vom Profil her entspricht das Festival genau meinem Geschmack, weil es nebst Spielfilmen auch viele Dokumentarfilme zeigt.

Das Festival beginnt jeweils schon im Flugzeug: An Bord der Delta-Maschine gab es einen köstlichen Kulturschock: Da die eher korpulenten ländlichen Mormonen aus Utah, dort die hippen Industry-Folks aus der europäischen Filmszene. Neben mir sass eine junge australische Cineastin, die am Laptop einen Spielfilm schnitt und vor mir ein dicker Amerikaner, der einen schwachen Film nach dem anderen schaute: THE INTERN, MINIONS und AVATAR. Am Flughafen in Salt Lake City traf ich dann auch einige alte Bekannte: Carlo Chatrian, Direktor des Filmfestivals Locarno, war da und ist froh, dass ihn heuer Präsident Marco Solari nicht nach Solothurn zurück beordert, um an einem Apéro den Grüssaugust zu machen. Und – er flog natürlich First Class – der französische Produzent und Wild-Bunch-Gründer Vincent Maraval, dessen Master Class ich am letzten Zurich Film Festival moderieren durfte. Er grüsste freundlich und trug, wie schon am ZFF, wieder diese völlig ausgelatschten Tiger-Turnschuhe. Nur Reiche können es sich leisten so abgefuckt herumzulaufen.

Die Ankunft in Utah war überwältigend: Strahlender Sonnenschein und herrlich verschneite Berge. Wie letztes Jahr dachte ich: Hier will ich mit der Familie einmal Skifahren kommen. Nach dem Bezug des Hotels holte ich im Festival-Headquarter die Akkreditierung ab und watete mit offenbar etwas verbissener Mine durch den Schneematsch Richtung Holiday Village Cinema, wo die meisten Pressevorstellungen stattfinden. Ein Ami mit Sonnenbrille, der mir entgegenkam, schrie mit kräftiger Stimme: «Smile, you are at fucking Sundance!» Recht hat er.

Dann also der erste Film aus der Sektion «World Dramatic». Obwohl ich schon seit über 24 Stunden wach war, nickte ich nicht ein. Dies lag daran, dass BELGICA (8/10) von Felix van Groeningen (THE BROKEN CIRCLE) einen starken Sog ausübt. Er erzählt von den Brüdern Jo (Stef Aerts) und Frank (Tom Vermeir), die in einer Provinzstadt eine Bar eröffnen, die bald zum angesagtesten Club der Region wird. Den beiden Kettenrauchern bekommt der Erfolg und das viele Geld allerdings nicht: Sie saufen immer mehr, koksen immer mehr, bumsen immer mehr, vernachlässigen ihre Partnerinnen immer mehr und drehen in der Abwärtsspirale immer mehr Richtung Ruin. Van Groeningen drückt den schwindenden Einfluss, welche die Familie für die beiden hat dadurch aus, dass er existenzielle Momente wie den Tod ihres Vaters oder die Geburt von Franks Sohn in beiläufigen Szenen zeigt, die kürzer sind als die Exzesse im Club. Im Spitalzimmer seiner Ehefrau geht der völlig empathielose Egoist Frank mit dem Baby im Arm hinter den Vorhang des Pflegeraums und zieht sich eine Linie Kokain rein.

Szene aus BELGICA

BELGICA erinnert in der Schilderung eines kontinuierlichen Abstiegs an Filme wie BERLIN CALLING von Hannes Stöhr oder EDEN von Mia Hansen-Love. Es ist ein lauter Film, in dem nicht nur im übertragenen Sinn viel Geschirr zerschlagen wird. Oft fühlt man sich als Zuschauer im Kino unwohl, wenn Frank seine Frau betrügt oder im Rausch auf einen ungebetenen Gast pinkelt. Das Drama spielt mehrheitlich nachts und in Innenräumen. Gegen Ende ist der Club einmal aus der Distanz von Aussen zu sehen: Er wirkt wie ein Tollhaus, in dem keiner mehr für Ordnung sorgt. Da kommt einen dann sogar der Gedanke, dass dieser Club namens Belgica vielleicht auch für das Land des Regisseurs stehen könnte, in dem ebenfalls einiges aus dem Ruder gelaufen ist in den letzten Jahren.

BELGICA ist starker Tobak, ein Film, der auch am nächsten Tag noch nachhallt. Filmcoopi bringt den Film am 14. April in die Schweizer Kinos, in Zürich wäre er im Kino Riffraff am besten aufgehoben.

Im bittersüssen Coming-of-Age-Drama MORRIS FROM AMERICA (6/10) von Chad Hartigan gab es ein Wiedersehen mit einer Schweizerin, der ich mich besonders verbunden fühle, weil sie ein grosser Fan des HC Ambri-Piotta ist, wie sie mir anlässlich eines Interviews zu FEUCHTGEBIETE in Locarno erzählte: Carla Juri. Die Tessinerin spielt eine (vom Drehbuch etwas wenig ausgearbeitete) Studentin, die dem jungen Afroamerikaner Morris (Markees Christmas) Deutsch unterrichtet. Eine Tessinerin als Deutschlehrerin? Nun, ihr Deutsch tönt stellenweise etwas hölzern, aber sie gibt denn auch zu erkennen, dass sie keine Deutsche sei. Morris lebt seit dem Tod der Mutter mit seinem Vater (Craig Robinson) in Heidelberg. Er ist 13 Jahre alt und hat seinen Platz im Leben noch nicht gefunden. In der Schule hänseln ihn die Kameraden als MC Big Mac, bei den Mädchen blitzt er ab. Er verliebt sich dann in die laszive Katrin (Lina Keller), in die ich mich in Morris Alter auch verliebt hätte, weil sie aussieht wie Julie Delpy in BEFORE SUNRISE. Die laszive Katrin, die gegen ihre bürgerliche Mutter rebelliert, lädt Morris zwar zu einer Party unter einer Brücke ein, spritzt ihm dann aber mit einer Wasserpistole zwischen die Beine – Morris ist blamiert. Erst als er an einer Party, an der Katrins Freund als DJ auflegt, eine fulminante Rap-Einlage macht, kriegt er Anerkennung. Morris verschafft sich über die Musik Gehör.

Szene aus MORRIS FROM AMERICA

Die deutsch-amerikanische Co-Produktion ist ein kleiner, aber feiner Film über die Schwierigkeit von Teenagern, sich von den Eltern zu lösen und ihren Platz im Leben zu finden. Markees Christmas verkörpert den Titelhelden eindringlich als unsicheren Aussenseiter auf der Suche nach etwas Liebe. Ich habe den kurzweiligen Film aus der Sektion «U. S. Dramatic» gerne geschaut, wenngleich ihm eine gewisse Dringlichkeit fehlt. Etwa in der Mitte musste ich an meinen Kollegen Marco Zucchi denken, der als Filmkritiker für RSI arbeitet, das Radio der italienischen Schweiz. Als ich vor zwei Jahren an den Solothurner Filmtagen in seiner Sendung «Ciak» zu Gast war, fragte er mich unvermittelt, ob es irgendetwas gebe, was ich in Filmen hasse. Ich antwortete: Rückblenden, die Ereignisse bebildern, die man sich auch selber ausmalen könne. Dann fragte ich zurück, was er nicht mag und Zucchi meinte: Discoszenen.

Seither fällt mir auf, dass fast in jedem zweiten Film eine solche vorkommt. Meist wird dann die Handlung wie suspendiert und wir sehen den Protagonisten ausser sich. So auch in MORRIS FROM AMERICA, denn der Titelheld schluckt einmal ein Ecstasy und tanzt dann wie in Trance – eine Schlüsselszene, die für das Abstreifen von Komplexen steht, in der Folge getraut sich Morris mehr zu.

Ein monumentale Enttäuschung war das Melodram ALI & NINO (2/10) des indischstämmigen Briten Asif Kapadia, der mit SENNA und AMY zwei grandiose Dokumentarfilme realisiert hatte. Entsprechend gross war die Erwartungshaltung und entsprechend lang die Schlange vor dem Kino. Kapadia spult während 105 Minuten ohne Gespür für dramatischen Spannungsaufbau das romaneske Leben von Ali Khan (Adam Bakri) ab. Der aserbeidschanische Muslim heiratete 1914 die christlich-orthodoxe Nino Kipiani (Maria Valverde), nachdem er in einem Ölfeld einen Nebenbuhler erstochen hatte. Er schenkte ihr eine Tochter, ehe er mit 24 Jahren und einem Lächeln auf den Lippen im Kampf gegen die Sowjets für sein Vaterland starb.

Kapadia weidet sich nimmersatt an zwar schönen, aber arg geschmäcklerischen Landschafts-Tableaus. Und er lässt mehrfach Figuren erklären, wer im Ersten Weltkrieg gerade warum gegen wen kämpft, auf dass auch der hinterste und letzte im Saal folgen kann. Die Figuren rezitieren in wie für die Filmkamera arrangierten Szenen alberne Dialoge in russisch gefärbtem Englisch. «Are you for your wife and daughter or are you for your country», fragt Nino ihren Gatten und dieser entscheidet sich für Letzteres. ALI & NINO wirkt, als wäre er von Aserbeidschan (das Land wird von Ali als «erste muslimische Demokratie» gefeiert) als Propagandastreifen in Auftrag gegeben worden. Er huldigt einem Nationalismus, der damals aufkam, aber hier völlig unreflektiert zelebriert wird. Im pathetischen Ende gibt es denn auch noch eine grässliche Zeitlupe. Dass dieses Rührstück, das runtergeht wie ein Glas Guiness, in der Sektion «Premieres» gezeigt wurde, ist ein kuratorischer Faux-pas.

2. Schweizer rocken Sundance

                 
Die Zürcherin Maja Zimmermann eroberte mit ihrer Produktion MUCH ADO ABOUT NOTHING das Premierenpublikum im legendären Egyptian Theatre. Und in der Sektion «World Doc» gab es kräftigen Applaus für einen von der SRG coproduzierten Dokfilm.
Von Christian Jungen

Was mir an Sundance und generell an den USA gefällt, ist, dass die Leute offen sind und unkompliziert miteinander ins Gespräch kommen. Beim Frühstück lernte ich die Produzentin des Dokumentarfilms UNDER THE GUN kennen, im Hotel-Shuttle nach Park City den Direktor des Filmfestivals Nashville, beim Anstehen für das Roadmovie THE FUNDAMENTALS OF CARING (5/10), in dem Paul Rudd mit einem behinderten Jungen durch Amerika fährt, um herauszufinden, dass es Zeit ist, die Scheidungspapiere zu unterschreiben, die Online-Chefin von imdb.com und im Kino einen deutschen Journalisten aus New York, der einmal Jerusalem-Korrespondent der «Wochenzeitung» war und jetzt für SRF aus Sundance berichtet.

Maja Zimmermann vor dem Egyptian Theatre

Schon nach zwei Tagen habe ich Ideen und Kontakte für vier neue FRAME-Geschichten im Köcher. Auch auf Facebook passiert viel während des Festivals. So hat mich am Freitag nach dem ersten Post die Schweizer Produzentin Maja Zimmermann kontaktiert und zur Weltpremiere des chilenischen Thrillers MUCH ADO ABOUT NOTHING (9/10) eingeladen, der in der Sektion «World Dramatic» läuft. Maja und ich kennen uns seit 1999. Sie hat damals am Filmfestival Locarno ihren Schulabschluss-Film 12X12 gezeigt. Da die in Los Angeles lebende Zimmermann aus Seuzach stammt, habe ich im Winterthurer Landboten eine ganzseitiges Porträt über sie geschrieben (ja, so viel Platz erhielt man damals noch). Wir blieben dann in Kontakt. Als ich zum allerersten Mal nach Los Angeles ging, hat mich Maja am Flughafen abgeholt und mir eine Strassenkarte geschenkt, die ich noch heute benutze, obwohl sie nach gut 20 Einsätzen allmählich abgenutzt ist. Maja ist die gute Seele der Schweizer Filmgemeinde in Hollywood und hat mir viele Leute vorgestellt, etwa Kameramann Ueli Steiger und seinen Partner, den Maskenbildner Thomas Nellen.

Und nun hat sie mit MUCH ADO ABOUT NOTHING gefeiert, am Samstagabend um 20.45 (der prestigeträchtigste Programmplatz), im Egyptian Theatre, dem 1922 eröffneten Premierenkino mit Säulen und Wandfresken im alt-ägyptischen Stil, wo 1978 das Festival gegründet wurde. Es war für mich im zweiten Jahr das erste Screening in diesem Prachtshaus. Ein emotionaler Moment, aus zwei Gründen. Zum einen habe ich ein Faible für die Architektur von alten Lichtspieltheatern. Wenn ich in New York bin, gehe ich immer ins Ziegfeld, in San Francisco ins Castro und in Paris schaue ich beim Le Grand Rex vorbei. Das Egyptian wollte ich 2008 schon einmal besuchen, als ich mit meiner Frau in der Region am Wandern war. Wir fuhren von Salt Lake City aus extra nach Park City, aber Egyptian war geschlossen. Und letztes Jahr erhielt ich nie eine Karte für eine Premiere. Zum anderen interessiert mich die Geschichte des von Robert Redford gegründeten Festivals. Ich habe alle Bücher dazu verschlungen, etwa den anekdotenreichen Schmöker Dawn and Dirty Pictures: Miramax, Sundance and the Rise of Independent Film von Peter Biskind oder das etwas nüchternere Buch Party in a Box: The Story of the Sundance Film Festival von Lory Smith, einem der Gründerväter des Festivals.

Das Kino ist wunderschön und ich bin froh, dass ich darin einen starken Film gesehen habe – aus der hintersten Reihe. Steffi Rusterholz, Programmerin des Zurich Film Festival, und ich sassen direkt hinter den Schauspielern Augustin Silva und Paulina Garcia (die im chilenischen Film GLORIA die Hauptrolle gespielt hatte). Regisseur Alejandro Fernandez Almendras, der mit seinem letzten Film TO KILL A MAN in Sundance den Spezialpreis der Jury gewonnen hat, wurde von einem realen Fall zu dem Thriller inspiriert: In Chile hat der Sohn eines Senators im Suff einen Menschen aus der Unterschicht überfahren und wurde von der Justiz nach 1000 Winkelzügen seiner Advokaten freigesprochen.

                  
Almendras erzählt nun eine ähnliche Geschichte aus der Perspektive des jungen mittelständischen Vicente (Augustin Silva), der nach einer Strandparty mit viel Alkohol und Kokain mit einer Gespielin knutscht, während der Sohn eines mächtigen Politikers am Steuer sitzt. Plötzlich rumpelt der Wagen, später wird die Leiche eines Fischers auf der Strasse gefunden und Vicente der Tötung und der Fahrerflucht verdächtigt. MUCH ADO ABOUT NOTHING ist ein Film über die krassen Klassengegensätze in Chile. Er verweist darauf, dass die Reichen kaum etwas mit den Armen zu tun haben und von der Justiz mit Samthandschuhen angefasst werden. Almendras will aufrütteln, am Ende giesst eine Bedienstete Wasser ins Feuer – eine Szene, die sagen will: Jetzt ist die Party vorbei, der Aufstand der Unterdrückten beginnt.

Mich hat der Film beeindruckt, weil Almendras zu jenen Regisseuren gehört, die über die filmische Gestaltung Bedeutung erzeugen können: So blendet er immer wieder SMS-Nachrichten ein, während Vicente in Gesellschaft ist, sich aber mehr seinem Handy widmet als den Menschen um ihn herum. Die Szenen bis zum Unfall wurden mit hektischer Handkamera gedreht, danach werden die Einstellungen länger und der Film ruhiger, was sinnvoll ist: Denn allmählich setzt beim Protagonisten die Götterdämmerung ein. Regisseur Almendras und Aktrice Paulin (sie spielt die Mutter von Vicente) erzählten uns nach der Vorführung, dass MUCH ADO ABOUT NOTHING (spanischer Originaltitel: AQUI NO HA PASSADO NADA) in ihrer Heimat schon vor dem Kinostart heftige und kontroverse Reaktionen auslöst. Etwas davon referiert der Regisseur auch, als er gegen Ende beschämende Original-Tweets zum Fall einblendet.

Der Thriller wird im Februar auch in der Sektion «Panorama» der Berlinale laufen sowie am Filmfestival in Freiburg. Ob dann auch Paulina Garcia in die Schweiz reisen wird? Sie habe einen Schwager, der in Freiburg lebe, erzählte sie und sie sei vom künstlerischen Direktor Thierry Jobin schon vor drei Jahren eingeladen worden, habe damals aber nicht hingehen können. Der Verleiher Trigon Film wird MUCH ADO in der Schweiz ins Kino bringen.

Wie aber ist Maja Zimmermann dazu gekommen, diesen Film mitzuproduzieren? Sie ist 1992 nach Los Angeles ausgewandert, wie sie mir am Brunch von Film LA im Riverhorse, einem der Industry-Hotspots an der Main Street, erzählt. Sie hat dann eigene Filmprojekte verfolgt, zwischendurch Yoga unterrichtet und hat für eine kleine Sales-Firma am American Film Market Filme gesucht. «2008 hat die Firma mich nach Sundance geschickt und gesagt: Bring uns Filme, die wir verkaufen können», erzählt sie. «Ich war völlig naiv, reiste ohne Akkreditierung an und stand morgens um 7 an, um eine Karte zu kaufen.»

Zimmermann hat dann einen spannenden Titel entdeckt, PERRO COME PERRO von Carlos Moreno, ein Film im postmodernen Tarantino-Stil, mit viel Gewalt und Humor. Sie versuchte ihn zu bekommen, hatte aber keine Chance. Wenig später traf sie den Produzenten des Films, Diego F. Ramirez, in Locarno wieder sowie am Filmfestival in Guadalajara. «Dort sagte mir Diego: Komm nach Kolumbien und lass uns dort gemeinsam ein Projekt stemmen», erzählt Zimmermann und fügt lachend hinzu: «Ich – blond, blaue Augen, ohne Spanischkenntnisse – war ziemlich überrascht ob der Einladung, nahm sie aber an.» In Kolumbien entwickelte Zimmermann mit Ramirez PORFIRIO von Alejandro Landes, der in der Avantgarde-Sektion Quinzaine des Réalisateurs in Cannes gezeigt wurde und gute Kritiken bekam– «and the rest is history», so Zimmermann.

Sie betont, es sei im Produzentenberuf wichtig, einen Erfolg zu landen, den die Leute in der Branche künftig mit einem verbinden. «Zimmermann, die Produzentin, die PORFIRIO gemacht hat.» Die Einladung nach Sundance mit MUCH ADO ist für sie Gold wert, „denn Sundance wirkt in der amerikanischen Filmszene wie ein aphrodisierendes Parfüm, es macht dich begehrt», sagt sie und fügt an: «Ich bin mit den Autorenfilmen, die ich produziert habe, zwar noch nicht netflixable, aber ich habe jetzt auf imdb.com ein gutes Standing.» Zurzeit bereitet Zimmermann mit Almendras bereits dessen nächsten Film vor.

MUCH ADO ABOUT NOTHING war aber nicht der einzige Film mit Schweizer Beteiligung, der gestern Samstag am Festival für Furore sorgte. In der Sektion «World Doc» lief der von der Radio Télévision Suisse (RTS) co-produzierte Dokumentarfilm SONITA (7/10). Darin entwirft die Iranerin Rokhsareh Ghaemmaghami das Porträt der 18-jährigen Afghanin Sonita Alizadeh, die mit ihrer Familie vor den Taliban nach Teheran geflohen ist, wo sie nun in einem armen Vorort als illegale Aufenthalterin lebt, ihr Vater ist gestorben, ihre Mutter in die afghanische Stadt Herat zurückgekehrt. In ihrem Zimmer hat Sonita nebst Fotos ihrer vier Brüder auch ein Poster von Justin Bieber aufgehängt. Sonita träumt von einer Musikkarriere und sagt, dass Michael Jackson und Rihanna ihre Traumeltern wären. Zusammen mit einem jungen Bauarbeiter beginnt sie heimlich zu rappen, was Frauen im Iran untersagt ist. Sie singt gegen häusliche Gewalt und arrangierte Ehen. Nicht von ungefähr, denn eines Tages taucht ihre Mutter auf. Die ganz in schwarze Kleider Gehüllte will Sonita nach Hause nehmen, um sie für 9000 Dollar einem etwa 60-jährigen Mann zur Frau zu geben. Das Geld braucht sie, damit einer ihrer Söhne eine Frau kaufen kann. Sonita stellt sich quer und die Leiterin des Heimes, in dem Sonita arbeitet, legt sich mit ihrer Mutter an, die darauf besteht, die arrangierte Ehe sei eine afghanische Tradition, die es zu respektieren gälte.

Szene aus SONITA

Es sind beklemmende Szenen, welche Regisseurin Ghaemmaghami eingefangen hat. Ihr bis dahin etwas zerfahrener Dokumentarfilm gewinnt in der Folge an Stringenz und erreicht die Intensität eines Thrillers, wenn die Regisseurin Sonita nach Afghanistan zurück begleitet, wo diese einen Pass beantragt, um in die USA gehen zu können, wo ihr ein College in Utah ein Stipendium anbietet. SONITA ist ein aufklärerischer, anwaltschaftlicher Dokumentarfilm am Puls der Zeit, der von der charismatischen Titelheldin lebt, die stellenweise ihr Leben aus dem Off kommentiert. Als der Abspann lief und Namen von SRG-Leuten wie Sven Wälti und Gregory Catella über die Leinwand flimmerten, gab es kräftigen Applaus.

Nach dem Film war ich mit dem jungen Zürcher Regisseur Timo von Gunten im Yarrow-Hotel verabredet. Er hat jedoch kurzfristig eine Karte für einen Film bekommen und als „Ersatz“ seinen Produzenten Giacun Caduff vorbeigeschickt. Caduff ist ein aufgeweckter Basler, der das Sundance Film Festival schon seit 2007 besucht, um Leute zu treffen und nach Kurzfilmen für das Gässli-Filmfestival in Basel Ausschau zu halten, das er organisiert. Er erzählte mir, wie er mit wenig Geld und viel Engagement die High-Concept-Komödie 20 REGELN FÜR SYLVIE realisiert hat. Darin spielt Carlos Leal einen alleinerziehenden welschen Vater, der beunruhigt ist, als seine Tochter vom beschaulichen Dorf Ormont-Dessu (VD) zum Studieren nach Basel zieht. Er gibt ihr 20 Regeln mit auf den Weg, wie sie in der Grossstadt überlebt, ohne verdorben zu werden. Ich habe den Film, der in den Schweizer Kinos 3200 Zuschauer verzeichnete, nicht gesehen, aber Caduff hat mir versprochen, eine DVD zu schicken.

Viola von Scarpatetti, Giacun Caduff (v.l.n.r.)

Während des Gesprächs stiess Viola von Scarpatetti, die Hauptdarstellerin 20 REGELN FÜR SYLVIE dazu. Sie war beeindruckt, dass ich ihren Namen auf Anhieb verstand (Ehrensache, ich habe ja schliesslich Italienisch studiert). Sie hat eine beeindruckende Visitenkarte, auf der in grossen Lettern CANADA FRANCE SWITZERLAND steht. Zurzeit lebt die Freiburgerin mit Bündner Wurzeln im siebten Arrondissement von Paris mit Blick auf den Eiffelturm und schreibt ein Drehbuch für einen Spielfilm über Abtreibung.

Caduff wiederum führt heute in Sundance im Bekanntenkreis ein erstes Testscreening von Timo von Guntens halbstündigem Kurzfilm LA FEMME ET LE TGV durch, der auf einem Fait divers basiert. Darin spielt Jane Birkin eine Frau, die an der inzwischen eingestellten TGV-Linie Bern-Paris lebt und jedem Tag dem Zug zuwinkte, was in einen romantischen Briefwechsel mit dem Lokführer mündet. Obwohl Sundance weit weg von der Schweiz ist und während den Solothurner Filmtagen stattfindet, bin ich erstaunt, wie viele helvetische Sundance Kids man hier jeden Tag trifft.

3. #SundanceSoWhite

    
Das Filmfestival Sundance zeigt viele Filme von Frauen und ist stolz auf die Diversität seines Programms. Allzu selbstgerecht sollte Festivalgründer Robert Redford aber nicht sein.
Von Christian Jungen 

Samuel L. Jackson in THE HATEFUL EIGHT

Als ich am Sonntag-Morgen das Hotel verliess, fühlte ich mich wie Samuel L. Jackson in Quentin Tarantinos Western THE HATEFUL EIGHT (8/10): Ein eisiger Schneesturm wehte mir um die Ohren und ich wartete auf eine Mitfahrgelegenheit nach Park City. Über Nacht ist ein Sturm über Utah gefegt und hat uns einen halben Meter Neuschnee beschert. Nun scheint die Sonne und die Winterlandschaft sieht prachtvoll aus. Das Wetter hat einen demokratisierenden Effekt, weil es den Dresscode aushebelt: Während in Cannes die Privilegierten im Smoking am Turnschuh tragenden Fussvolk vorbei zu den Gala-Premieren stolzieren, sind in Sundance alle gleich: Man trägt Wintermantel, Kappe und Handschuhe, niemand kommt in Anzug und Krawatte ins Kino, sich Aufbretzeln ist in der Indie-Hochburg geradezu verpönt. Lediglich die Starlets, die auf hohen Absätzen die Main Street rauf und runter stöckeln, in der Hoffnung, von einem Produzenten für den Film entdeckt zu werden, scheinen das nicht mitbekommen zu haben.

Wenn ich jeweils vor dem Holiday Village Cinema anstehe und an die Berghänge schaue, bekomme ich Lust, Skifahren zu gehen. Dies könnte man hier auch spätabends tun, sind doch die Pisten bis um 22 Uhr geöffnet und beleuchtet. Doch ich will Filme sehen. Meine Frau hat mir am Telefon gesagt, ich sei dumm, wenn ich die Chance nicht nutze und wenigstens einen halben Tag auf die Bretter gehe. Sie hat Recht und liegt doch falsch. Denn wie in Cannes packt mich in Sundance jeweils der Festivalvirus, dieses Verlangen, möglichst alle Filme zu sehen und keinen zu verpassen. Deshalb gehe ich trotz Sonnenschein ins Kino – und spare viel Geld. Denn eine Karte für drei Stunden Skifahren kostet hier 83 Dollar.

Szene aus AGNUS DEI

Dem Schnee begegnet man hier auch im Kino. AGNUS DEI (7/10) der Luxemburgerin Anne Fontaine (COCO CHANEL) beginnt mit einer Nonne, die durch den Schnee rennt und schliesslich in einem Rotkreuz-Spital die junge Ärztin Mathilde (Lou de Lâage) um Hilfe bittet. Das Drama spielt im Winter 1945 in Polen und erzählt die wahre Geschichte von Nonnen, die zuerst von den deutschen Besatzern und später von den sowjetischen Befreiern vergewaltigt wurden. Viele sind nun schwanger und hegen Schuldgefühle, weil sie allein Jesu die Treue geschworen haben. Als Zuschauer sehen wir die Nonnen zuerst beim Singen und hören im Hintergrund Schreie. Sie stammen von einer Schwester, die kurz vor dem Gebären steht. Schwester Anna (Agata Buzek), die ohnehin an ihrer Berufung zweifelt, bringt nun die Ärztin heimlich ins Kloster, wo Mathilde den Schwestern beim Gebären hilft, wobei sich einige nicht entblössen geschweige denn zwischen den Beinen berühren lassen wollen. Fontaine stellt in ihrem dialektisch angelegten Drama den pragmatischen Humanismus der kommunistischen Ärztin der katholischen Gelübde-Treue der Nonnen gegenüber.

Das sorgt für Spannung und Intensität. Allerdings kommen ihr bald einige Nebenstränge in die Quere. So wird Ärztin Mathilde einmal auf dem Rückweg vom Kloster ins Spital von den Russen angehalten und beinahe vergewaltigt. Das Ereignis prägt sie aber nicht und die Russen tauchen auch nicht mehr auf. Eher holzschnittartig sind die Figuren im Rotkreuz-Spital gezeichnet, wo Mathilde jeweils mit dem Arzt Samuel (Vincent Macaigne) schläft, dessen Eltern im Holocaust umkamen. Während der Zigarette danach philosophieren die beiden jeweils über Politik. Mit der Figur Samuel hat Fontaine das Fuder dramaturgisch etwas überladen. Trotzdem habe ich den aufwühlenden Film aus der Sektion «Premieres» gerne geschaut – und mich gewundert, dass Fontaine nach der Weltpremiere im Restaurant des Hotels Yarrow diniert hat, das für seinen schlechten Service und fahlen Gerichte berüchtigt ist.

Michelle Williams in CERTAIN WOMEN

Mit einer Einstellung der schneebedeckten Berge von Montana beginnt CERTAIN WOMEN (8/10) von Kelly Reichardt. Die Amerikanerin zählt zum erweiterte Kreis meiner Lieblings-Cineasten, seit ich 2008 in Cannes WENDY AND LUCY sah. Mir gefällt ihr lakonischer Inszenierungsstil. Reichardt beobachtet ihre oft wortkargen Antihelden geduldig und fängt ihr Streunen in dokumentarisch anmutenden Bildern ein. Und immer führt sie einen mit ihren Filmen an die Ränder Amerikas, wo die Figuren oft auf verlassenen Parkplätzen stranden. In dieser Comédie humaine nach Kurzgeschichten von Maile Meloy nun begegnen wir zuerst der Anwältin Laura (Laura Dern), die über Mittag ein Schäferstündchen mit einem verheirateten Mann gehabt hat, der in der zweiten der drei Episoden des Films eine wichtige Rolle spielt. Zurück im Büro wird sie vom Bauarbeiter Fuller (Jared Harris) bedrängt, der nach einem Unfall in aussichtsloser Position gegen seinen Arbeitgeber klagt, von Selbstmitleid zerfressen zu Wutausbrüchen neigt und den Mindestabstand zu Laura nicht einhält.

In der zweiten Episode begegnen wir Gina, die von Reichardts Muse Michelle Williams verkörpert wird, und beim Auslaufen nach einer Joggingrunde raucht, ehe sie zur Familie zurückkehrt, mit der sie in freier Natur campiert. Sie und ihr Mann (der mit Laura geschlafen hat) proben familiäre Normalität und hoffen, dass ihr Nachbar ihnen Sandstein verkauft, mit dem sie ein Haus bauen und so ihre Ehe retten wollen.

In der dritten und emotionalsten Episode bändelt eine indianischstämmige Pferde-Trainerin (Lily Gladstone) mit einer jungen Jus-Studentin (Kristen Stewart) an, die einfache Leute über ihre juristischen Rechte im Umgang mit Behörden aufklärt und fährt ihr nach, nachdem diese unvermittelt den Bettel hingeschmissen hat.

Die drei Geschichten verknüpft Reichardt gegen Ende lose miteinander, die Virtuosität eines Robert Altman geht ihrem etwas akademisch konstruierten Drama aber ab. CERTAIN WOMEN ist ein Slowburner, in dem Reichardt unaufgeregt ein melancholisches Befindlichkeitsfresko mittelständischen Kleinstadtlebens in der Provinz entwirft. Wunderschön sind die körnigen Landschaftsbilder, welche Reichardt auf 16mm eingefangen hat. Es ist die Art von Indie-Film, die heute in der Schweiz kaum noch im Kino zu sehen ist, weil es dafür im Unterschied zu europäischen Produktionen keine Verleihförderung gibt. Immerhin, Daniel Treichler von Frenetic Films, hat mir gesagt, der Film habe ihm gefallen. Vielleicht bringt er ihn ja raus.

Szene aus WILD

Der bisher eigensinnigste Film des Festivals war WILD (8/10), einer von acht deutschen Titeln im Programm. Kritiker-Kollege Bert Rebhandl hat mir vor dem Festival geschrieben, es nähme ihn wunder, was ich von diesem Film halte. Und nach der Pressevorstellung, die ich verpasst hatte, erzählte mir ein anderer Kollege aus Deutschland, er habe gerade einen verstörenden Film gesehen, den er überhaupt nicht zu deuten vermöge. Ich war also gespannt und konnte mir eine Karte für die Premiere im Egyptian Theatre sichern. Regisseurin Nicolette Krebitz sagte zu Beginn auf der Bühne, sie wolle eigentlich nichts sagen, nur so viel: «Ich hoffe, dass Sie bleiben.»

Der Film dreht sich um die anarchische junge Ania (Lilith Stangenberg), die ein Praktikum als Bürolistin in einer Firma macht und in einem tristen Wohnblock lebt. Eines Tages sieht sie am Waldrand einen Wolf und schaut ihm in die Augen. Später holt sie in der Metzgerei teures Fleisch für ihn. Es gelingt ihr, den Wolf einzufangen und bei sich zu Hause in der Wohnung zu halten. Sie vermag ihn allerdings nicht zu domestizieren, im Gegenteil: Ania wird selber immer mehr zum wilden Tier und hat in einer ebenso schönen wie verstörenden Szene sogar Sex mit dem Tier. Schliesslich zieht sie mit dem Wolf in die Wildnis, wo sie glücklich zu sein scheint. Es ist ein reichlich freudianischer Film, in dem das Unterbewusstsein als Unterholz und das sexuelle Verlangen in Form von Fleisch dargestellt wird. Krebitz erzählt mit vielen Auslassungen und mit der Lust, mit dem Subversiven zu flirten.

WILD ist eine Parabel auf das Ausbrechen aus bürgerlichen Konventionen, der mit kühler Konsequenz und ohne zu moralisieren erzählt ist. Das hat polarisiert. Die Szene, in der Ania ihrem Chef, den sie zuvor «vernascht» hat, auf den Schreibtisch scheisst, veranlasste einen Zuschauer hinter mir zu fauchen: «This film is a piece of shit». Ich sehe es anders, es ein moderner, kantiger Autorenfilm mit starken Bildern, die sich einprägen.

Platz vor dem Holiday Cinema Village

So, jetzt habe ich hier drei Filme besprochen, die alle von Regisseurinnen stammen, ohne das dies konzeptuell vorgesehen gewesen wäre. In der Sektion «World Cinema Dramatic Competition» stammt die Hälfte der Werke von Frauen. Gut so. Allerdings prägt hier beim Anstehen vor den Kinos, wenn alle die Breaking News von «Variety» und dem «Hollywood Reporter» lesen, ein anderes Thema die Diskussionen: #OscarsSoWhite. Alle sind sich einig, die Traumfabrik widerspiegelt die ethnische Vielfalt der USA zu wenig. Festivalgründer Robert Redford sagte am Eröffnungstag, das müsse sich ändern und verwies stolz auf die Vielfalt in seinem Programm. Bloss: Das Publikum in Sundance ist doch sehr homogen. Ich habe vor dem Film CHRISTINE (6/10), in dem Rebecca Hall eine Fernsehmoderatorin verkörpert, die sich vor laufender Kamera erschiesst, gezählt: Unter den rund 300 Leuten, die im S-Parcours anstanden, sah ich gerade mal zwei Schwarze und eine Asiatin. #SundanceSoWhite

4. Die 10 besten Filme von Sundance 2016

            
Die Bilanz eines Jahrgangs, der besser ist als sein Ruf – und: Warum Fox Searchlight sich für den Rekordbetrag von 17,5 Millionen Dollar die Auswertungsrechte an THE BIRTH OF A NATION sicherte.
Von Christian Jungen

Es war ein intensives Festival, nicht nur wegen den Filmen, sondern auch wegen dem Sich-die-Filme-Verdienen. Wie in Cannes muss man in Sundance jeweils eine Stunde vor Filmbeginn anstehen – es sei denn, man vermag sich für 3500 Dollar einen Priority-Pass zu kaufen, dank dem man im letzten Moment ohne Anzustehen eingelassen wird. Einen solchen hat zum Beispiel Edouard Waintrop, Leiter der Quinzaine des Réalisateurs in Cannes, mit dem ich mich im Kino oft unterhalten habe. Der Priority-Pass ist typisch für Amerika, alles ist nur eine Frage des Geldes.

Ich finde allerdings, dass dieses System nicht zu einem Festival passt, das sich dem Independent-Kino widmet. Da ist mir Cannes mit seinem auf Meritokratie basierenden Akkreditierungs-System lieber. An der Croisette erhält jeder die Akkreditierung, die in etwa seinem Status entspricht. Das Anstehen macht mir eigentlich nicht viel aus. Meist kommt man mit dem Vordermann oder der Person hinter einen ins Gespräch, erfährt, was sie beruflich machen und tauscht dann Visitenkarten aus.

In den letzten sieben Tagen habe ich 26 Filme und Serien gesehen. In einige der heissesten Titel wie das Sklavendrama THE BIRTH OF A NATION von Nate Parker und in das Drama MANCHESTER BY THE SEA von Kenneth Lonergan bin ich leider nicht reingekommen, weil sich die Vorstellungen mit anderen wichtigen Screenings überschnitten. An THE BIRTH OF A NATION sicherte sich Fox Searchlight für 17,5 Millionen Dollar die weltweiten Auswertungsrechte, nachdem es im Bieterkampf Netflix aus dem Feld geschlagen hatte. Eine solche Summe wurde in Sundance noch nie für einen Film bezahlt. Vertrauenswürdige Leute wie Edouard Waintrop sagten mir, der Film sei gut, aber sehr konventionell, kein Festivalfilm. Warum also dieser Rekordpreis? Ich glaube, das hat zwei Gründe. Zum einen trifft der Film mitten in der #OscarsSoWhite-Debatte den Zeitgeist, weil afroamerikanische Darsteller im Mittelpunkt stehen. Zum anderen wollte ein Studio der Branche wieder mal klarmachen, wer hier eigentlich first kid in town ist. Denn die Schlagzeilen dominierten während des Festivals vor allem Amazon und Netflix. Der E-Commerce-Gigant sicherte sich die Rechte an MANCHESTER BY THE SEA, der Streamingdienst jene an TALLULAH mit Ellen Page, THE FUNDAMENTALS OF CARING (5/10) mit Paul Rudd und am iranischen Horrorfilm UNDER THE SHADOW. Die Studios zogen beim Feilschen um die Rechte of den Kürzeren. Die Akquisition von BIRTH OF A NATION gleicht einem Befreiungsschlag des alten Hollywoods.

Und wie war der Sundance-Jahrgang 2016? Viele Besucher jammerten, es sei ein schwaches Jahr gewesen. Ich kann das nicht unterschreiben, allerdings habe ich mich bewusst auch in den Dokumentarfilm-Sektionen und in der Sektion „World Dramatic“ umgesehen. Dort habe ich die besseren Filme entdeckt als in den Sektionen mit den amerikanischen Filmen. Mir scheint, dass es für das US-Indie-Kino kein Gran-Riserva-Jahrgang war – kein BOYHOOD, kein FRUITVALE STATION und kein WHIPLASH, aber es gab doch eine Handvoll Perlen. Hier sind meine zehn Lieblingsfilme des diesjährigen Festivals.
               

10. NEWTOWN von Kim A. Snyder

Die New Yorker Regisseurin Kim A. Snyder entwirft in diesem Dokumentarfilm das Psychogramm der Kleinstadt Newtown nach dem Massaker vom Dezember 2012. Sie zeigt wie die Menschen mit den Verlusten umgehen. Teilweise trifft man in diesem Film wieder auf die gleichen Eltern wie in UNDER THE GUN, etwa auf die Bardens, die sich nach dem Tod ihres Sohnes auf der politischen Bühne für eine Verschärfung der Waffengesetze einsetzen. Auch der Priester der Gemeinde kommt zu Wort. Der Film enthält viele Archivbilder der getöteten Kinder aus glücklichen Tagen und ist entsprechend sehr emotional und aufwühlend. Im Kino begannen viele Zuschauer zu heulen. Stellenweise war mir das alles zu intim, etwa wenn Eltern für die Regisseurin ins Zimmer ihres toten Kindes zurückkehren und Kleider aus dem Kasten holen. Gut finde ich, dass Snyder den Namen des Täters nicht nennt, um nicht noch einer Heroisierung des Killers Vorschub zu leisten. In Erinnerung bleiben wird mir, was jener Polizist sagt, der am Tag des Massakers Einsatzleiter war: Es sei wichtig, solche Katastrophen emotional nachvollziehen zu können, Bilder der Tat brauche es dafür aber keine.

9. CHRISTINE von Antonio Campos

Rebecca Hall verkörpert die Fernsehmoderatorin Christine Chubbuck, die sich 1971 vor laufender Kamera erschossen hat. Der Film beginnt als Charakterstudie der zwar selbstbewussten Frau mit kräftiger Stimme, die merkwürdig frigid ist und noch immer mit ihrer kiffenden Mutter lebt. Er entwickelt sich dann allmählich zur Reflexion über den Journalismus in Zeiten des Quotendrucks. Denn Christines Chefredaktor verlangt von seinen Mitarbeitern saftigere Geschichten und Zuspitzung. Der Vorlauf zur Tragödie ist etwas gar lang und so haben denn auch zahlreiche Einkäufer wie Vincent Maraval von Wild Bunch den Saal vor dem Ende verlassen. Aber mir hat die abschweifende Erzählweise und die gedämpfte Tonalität (die ein wenig an TINKER TAILOR SOLDIER SPY erinnert) dieses ruhigen Films mit seiner versunken Seventies-Ästhetik gefallen. Glas halbvoll.
                             

8. THE GIRLFRIEND EXPERIENCE von Amy Seimetz

Die junge amerikanische Schauspielerin Amy Seimetz hat diese Serie für den Sender Starz realisiert, produziert hat sie THE GIRLFRIEND EXPERIENCE gemeinsam Steven Soderbergh. Die erste Episode beginnt mit einer Sexszene, wobei sich herausstellt, dass die Frau hier gegen Entgelt mit einem Freier geschlafen hat. Seimetz erzählt von der Jus-Studentin Christine (Riley Keough), die in einer renommierten Kanzlei ein Praktikum macht und nebenbei viel Geld als Callgirl einer Luxus-Escort-Agentur verdient. Wie schon François Ozon in JEUNE & JOLIE zeigt Seimetz eine junge Frau, die nicht an ihrem Job leidet, sondern Spass daran zu haben scheint. Die Serie spielt in gräulich-gläsernen Büro- und Hotelwelten und dreht sich um die Beziehungen, welche Christine mit Stammkunden unterhält sowie um Konflikte, die sie mit der Leiterin des Escort-Services hat. In Sundance waren die ersten vier Episoden zu sehen, die jeweils eine halbe Stunde dauern. Erstaunlich ist, dass eine Serie mit so vielen expliziten Sexszenen in den USA unzensiert ausgestrahlt werden kann.
                        

7. DARK NIGHT von Tim Sutton

Dies ist der Film, den keiner mochte, weil er zu fest mit der Geduld des Zuschauers spielt, wie es Acquisition Consultant Annick Mahnert formuliert, die unter anderem für Filmcoopi nach Filmen für den Schweizer Markt Ausschau hielt. Mir hat das impressionistische Doku-Drama gefallen, weil es aufzeigt, dass die Banalität des Bösen hinter dem freundlichen Antlitz der Normalität in der Nachbarschaft schlummert. DARK NIGHT wurde inspiriert vom Amoklauf von Aurora, bei dem 2012 ein Jugendlicher mit einem Maschinengewehr in einem Kino während einer Vorstellung von THE DARK KNIGHT RISES 12 Menschen erschoss. Tim Sutton porträtiert sechs Menschen, die sich an jenem verhängnisvollen Tag im Kino trafen, wobei man lange nicht weiss, wer der Täter ist. Der Film zeigt, wie verbreitet Waffen in der amerikanischen Suburbia sind und erinnert mit der lakonischen Unausweichlichkeit, mit der er auf die Katastrophe zusteuert, an Gus van Sants unvergesslichen Palme d’or-Gewinner ELEPHANT.
                     

6. UNDER THE GUN von Stephanie Soechtig

Dies ist einer jener amerikanischen Dokumentarfilme, die an einem Festival wie Visions du Réel in Nyon kaum gezeigt würden, weil er zu journalistisch konzipiert ist und eine künstlerische Handschrift vermissen lässt. Dafür ist UNDER THE GUN mit spürbarer Dringlichkeit gemacht. Regisseurin Soechtig stammt aus der Kleinstadt Newtown, wo 2012 ein Amokläufer an der Primarschule 20 Kinder und 6 Lehrer erschossen hat. Sie war damals gerade schwanger und dachte, ihr Sohn werde in eine schreckliche Welt geboren. Auf Initiative der berühmten TV-Moderatorin Katie Couric, die als Produzentin fungierte, hat sie diesen aktivistischen Film, der das Publikum auffordert, sich für eine Verschärfung der Waffengesetze einzusetzen, gemacht. Sie bombardiert das Publikum geradezu mit Tabellen und Statistiken, die verdeutlichen, dass mehr Waffen mehr Opfer mit sich bringen. Wie schon Michael Moore in BOWLING FOR COLUMBINE beleuchtet sie das zwielichtige politische Lobbying der National Rifle Association (NRA). Sie wird von Vertretern der Waffenlobby kontrolliert und kämpft gegen Leumundsprüfungen bei Waffenkäufen, obwohl die Mehrheit ihrer vier Millionen Mitglieder solche befürworten. Nur ein Redneck mag nach dem Sehen dieses informativen Dokumentarfilmes noch behaupten, mehr Waffen sorgten für mehr Sicherheit.
                        

5. CERTAIN WOMEN von Kelly Reichardt

Nein, das ist nicht einer der besten Filme von Kelly Reichardt, die uns mit langsamen Road-Movies wie WENDY AND LUCY oder MEEK’S CUTOFF an die Ränder Amerikas führte. Dafür wirkt der Film zu „geschrieben“, zu wenig vom Leben durchdrungen. Aber das Panorama kleinstädtischen Lebens, das Indie-Ikone Reichardt anhand von vier Frauen – einer Anwältin (Laura Dern), einer gehörnten Familienfrau (Michelle Williams) sowie einer Jus-Studentin (Kristen Stewart) und einer Pferdetrainerin (Lily Gladstone) – entwirft, hat viele Qualitäten. Es fängt an mit einer Plansequenz der verschneiten Berge von Montana und wartet, bis ein vom Horizont heranrollender Zug durchs Bild gefahren ist – eine Sequenz, die in ihrer ästhetisierenden Geduld an den Beginn von Tarantinos THE HATEFUL EIGHT erinnert. Hinreissend spielen überdies Laura Dern als Anwältin sowie Kristen Stewart und Lily Gladstone, die eine anrührend platonische Romanze eingehen.
                     

4. WILD von Nicolette Krebitz

Das freudianische Drama der deutschen Regisseurin Nicolette Krebitz (*1971) war in Park City talk of the town: Hast du den Film gesehen, in dem eine junge Frau Sex mit einem Wolf hat?, fragten die Festivaliers einander. Und wie immer, wenn Amerikaner aus dem Häuschen sind wegen einer Sexszene, kommentiert man das als Europäer mit Understatement. Wobei: Die Szene ist tatsächlich so intensiv und verstörend, dass dieser Film bei mir von allen Titeln den stärksten Eindruck hinterlassen hat. Krebitz erzählt von einer jungen Frau, die sich mit einem Wolf anfreundet, ihn zu sich in die Wohnung nimmt und schliesslich mit ihm durchbrennt, um in der freien Natur glücklich zu werden. Eine Parabel auf das Ausbrechen aus bürgerlichen Normen, elliptisch, ohne zu moralisieren und mit kühler Konsequenz erzählt.
             

3. BELGICA von Felix van Groeningen

Der Belgier van Groeningen (*1977), der mit seinem letzten Werk BROKEN CIRCLE eine Nomination für den Oscar als bester fremdsprachiger Film erhalten hat, erzählt von zwei Brüdern, die in einer Kleinstadt eine Bar eröffnen. Diese wird bald zum angesagtesten Club der Region. Doch der Erfolg bekommt den beiden nicht. Sie verlieren im Rausch die Bodenhaftung und stürzen ab. Ähnlich wie BERLIN CALLING von Hannes Stöhr oder EDEN von Mia Hanson-Love erzählt das Drama vom Hedonismus der Generation Golf und dem Kater nach dem Erwachen aus dem Rausch. Intensiv, laut, oft unangenehm zu schauen und sehr gut gespielt.

                 
2. MUCH ADO ABOUT NOTHING von Alejandro Fernández Almendras

Inspiriert von einem wahren Fall – in Chile hat der Sohn eines Senators einen Fischer überfahren und getötet, wurde dann aber freigesprochen – erzählt Alejandro Fernández Almendras, wie in seiner Heimat die Justiz die Reichen mit Samthandschuhen anfasst. Der von der Zürcherin Maja Zimmermann produzierte Autorenfilm ist spannend wie ein Thriller und besticht mit einer Kamera, die vor dem Unfall hektisch ist und danach, als die Götterdämmerung einsetzt, ruhig. Cinéma d’auteur grand public aus Chile.
             

1. OPERATION AVALANCHE von Matt Johnson

Der Film ringt einer der populärsten Verschwörungstheorien der USA einen komödiantischen Thriller ab, nämlich, dass die USA die Mondlandung mit gefälschtem Filmmaterial nur vorgetäuscht haben. 1965 infiltrieren vier CIA-Agenten als Filmteam getarnt die NASA, um einen Maulwurf zu finden, der den Sowjets geheime Forschungsergebnisse verrät. Dabei findet die von Matt (Regisseur Matt Johnson) angeführte Crew heraus, dass die USA weit vom Ziel entfernt sind, spätestens 1969 auf dem Mond zu landen, wie dies Präsident Kennedy der Nation in einer Rede versprochen hatte. Die NASA vermag zwar den Mond zu umkreisen, wird aber frühestens 1971 in der Lage sein, dort Astronauten auszusetzen. Um die Schmach einer Niederlage im Fernduell abzuwenden, inszeniert Matt in der Wüste die Mondlandung, nachdem er zuvor in London am Set von Stanley Kubricks 2001: A SPACE ODYSSES spioniert hatte, wie man das Weltall authentisch filmt. Doch die Sache fliegt auf und es entspinnt sich ein Thriller um Leben und Tod. Matt Johnson evoziert die politische Paranoia der Zeit meisterhaft und schwelgt ganz im Retro-Fieber. Sein Film beginnt mit dem Lions-Gate-Logo (die Firma gab es 1965 noch gar nicht) in Schwarzweiss. Die Undercover-Agenten sind typische Cinéphile, in ihrem Labor hängen Poster von Filmen wie LE MEPRIS, TOUCH OF EVIL oder LOLITA. Der Film ist spannend, amüsant und mit viel Liebe zum Detail gestaltet.