SXSW / South by Southwest 2016

 

ZFF Programmer Georg Bütler und Stefanie Rusterholz berichten vom Festival in Austin, Texas (11. - 20. März 2016)


        

1. Austin - keep it weird


Von Georg Bütler und Stefanie Rusterholz, Programmer Zurich Film Festival

Über eine Stunde kreiste das Flugzeug über dem Lichtermeer der Stadt. Eine „VIP-situation at the airport“ kündete der Pilot uns Fluggästen an. Tatsächlich war es der Besuch Barack Obamas zur Eröffnung des „South by Southwest“ und seine abendliche Weiterreise mit der Air Force One, die unsere Landung in Austin verzögerte. Zum ersten Mal sind wir in die texanische Hauptstadt gereist, um für eine gute Woche in die Welt des aktuellen amerikanischen Indie-Kinos einzutauchen. Das Festival mit der nicht ganz leicht auszusprechenden Abkürzung SXSW – von den meisten Leuten wird es übrigens „Southby“ genannt – ist aber alles andere als ein „gewöhnliches“ Filmfestival.

Eingang des Paramount Theaters, Hauptspielstädte von SXSW Film

Nicht nur der Besuch Barack Obamas macht es deutlich. Wer diese Tage durch die Gassen von Downtown Austin läuft, merkt bald, dass hier sehr viel mehr als ein Filmfestival über die Bühne geht. Firmen und Kleinunternehmer aus der ganzen Welt sind angereist, um ihre neusten Entwicklungen mit der Branche zu teilen. Die Filmvorführungen sind am „Southby“ nur ein kleiner Teil eines immer grösser werdenden Events, der kreativen Machern aus den Sparten „Music“, „Film“ und „Interactive“ („Interactive“, das steht hier allgemein für alle möglichen neuen und / oder nachhaltigen Technologien) während zehn Tagen eine Plattform bietet und Brücken zum Publikum, aber auch zwischen den verschiedenen Sparten baut. Was vor 30 Jahren als kleines Musikfestival begann, ist mittlerweile zu einer der wichtigsten Konferenzen über die Zukunft der Medien- und Entertainmentbranche geworden, wobei es gleichzeitig auch ein klassisches Film- und Musikfestival geblieben ist.

Konferenzbesucher verfolgen ein SXSW Panel per Video-Stream

Mit unserem Filmbadge können wir Filmvorführungen, aber auch zahlreiche Veranstaltungen der Konferenz besuchen. Zur Auswahl stehen Keynotes mit Ikonen des amerikanischen Indie-Kinos wie Andrew Bujalski, den Duplass Brothers oder Joe Swanberg – notabene jene Filmemacher, die das Festival vor Jahren hervorgebracht hat und die es berühmt gemacht haben. Oder kleinere Roundtables zu Themen wie „Cinematic Apocalypse: Storytelling for Smart Phones“, „Multioptional Movie – How it works“,  oder „Making Reality Shows for the Web (That Don‘t Suck)“. Es stehen uns aber auch Panels im Bereich nachhaltiges Wirtschaften („How do we get Millions of People to Eat Less Meat?“), im Bereich Literatur („What I Learned from Publishing a Book on Instagram“) oder im Bereich Sport („How Sports Can Slow Innovation“) zur Auswahl. Im Anschluss an eine durchgefeierte Partynacht empfiehlt sich dann wohl der Networking-Event „After the Parties: Sober Meet Up“ oder vielleicht „How to Find Your Happy Place“. Kaum ein Thema steht hier nicht auf dem Programm, und so werden die nächsten Tage Einblick in bekannte und weniger bekannte Welten geben, uns aber vor allem jeden Tag wieder aufs Neue vor die Frage stellen, welches Panel wir nun lieber verpassen als das andere, und auf welchen Film wir verzichten, um einen anderen nicht zu verpassen ...

Austin Eastside: Trailerpark im Backyard unserer Wohnung

Unsere Zelte haben wir auf Austins Eastside aufgeschlagen. Das Quartier, das früher einen schlechten Ruf hatte, ist in den letzten Jahren zum Hotspot der Kreativen und Hipster geworden. Heruntergekommene Einfamilienhäuser wurden renoviert und in kleine Bars oder Ateliers umgebaut. Mittlerweile unterläuft das Viertel einem weiteren Schub der Gentrifizierung und neue Immobilienprojekte werden seinen Charakter nachhaltig verändern. Unser Airbnb-Gastgeber Sam, ein Ingenieur Mitte 30, hat uns für die Zeit des Festivals sein Zweizimmerhäuschen zur Verfügung gestellt. Die eigentliche Attraktion des Hauses ist der idyllische Backyard, in dem Kyle, ein Alt-Hippie um die 50, sowie einige Katzen und Hühner hausen. In breitem Südstaatendialekt erkärt er uns, wo wir die angesagtesten lokalen Bierbrauer finden, und wie wir mit den Fahrrädern, die er uns zurechtgemacht hat, am besten in die Stadt kommen. So brausen wir nun auf dem Fahrrad durch die texanische Hauptstadt – klingt nach einer schlechten Idee. Nicht aber in Austin, einer Stadt, die stolz darauf ist, die “strangest city of America“ zu sein. Hier ist man auf dem Rad nicht alleine, und auf einer eigentlichen Velo-Strecke erreichen wir das Kongresszentrum, wo die meisten Veranstaltungen stattfinden, innerhalb einer Viertelstunde. Herr Obama ist abgereist. Das Fest kann beginnen. Und wir werden uns an den Slogan der Stadt halten: „Keep Austin Weird“.

Zur Arbeit geht es auf dem Fahrrad

2. Enjoy the Show!

 

Von Georg Bütler und Stefanie Rusterholz, Programmer Zurich Film Festival

Let‘s go to the movies. Aber am „Southby“ soll dies gar nicht so einfach sein. Das zumindest wurde uns im Vorfeld der Reise immer wieder erzählt. Wie lange man hier Schlange stehen müsse. Wie unglaublich viele Leute es hätte. Wie klein die Kinos seien. Tatsächlich hat sich das Festival einiges einfallen lassen, um die Warteschlangen vor den Kinos zu zivilisieren und den rechtzeitigen Beginn garantieren zu können. Selbst ein sogenannter SXpressPass, eine Art Ticket für einen bestimmten Film, von denen man sich jeden Tag maximal zwei organisieren kann, gewährt nur Zutritt, solange man eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Kino erscheint. Nummerierte „Queue Cards“ werden ab einer Stunde vor Vorstellungsbeginn vor dem Kino verteilt und garantieren einen Platz, solange man in der Schlange stehen bleibt. So steht man hier also öfters als anderswo wartend in einer Reihe – die ideale Gelegenheit, sich mit den „Nachbarn“ über alle bisher gesehenen Filme auszutauschen. Wir kommen mit Filmemachern, Betreibern von Programmkinos, Journalisten, Bloggern und anderen Filmgeeks – fast alles Amerikaner – ins Gespräch. Die interessantesten Filmtitel werden in der Schlange „weitergereicht“. Die Mund zu Mund Propaganda ist einer der wichtigsten Methoden, wie hier der vielbesagte „Buzz“ um einen Film entsteht. Aber auch Berichte der Filmzeitschriften, die auf dem Handy gelesen werden, Social Media und nicht zuletzt die vom Festival angesetzten „Buzz-Screenings“ steigern den Hype um einen bestimmten Film. Ob dieser der Erwartung dann gerecht wird, steht auf einem anderen Blatt geschrieben.

Die Aufforderung ist klar: Enjoy the Show!

Sicherlich hat das "Southby" wie so viele Festivals ein kleines Infrastrukturproblem. Mit dem rund 1000 Plätze umfassenden Paramount Theatre gibt es nur eine grossen Saal. Und da es in Downtown Austin an Kinos mangelt, handelt es sich bei einigen der Spielstätten um mehr oder weniger gut zum Kinosaal umfunktionierte Kongressräume. Grossartige
– und nicht nur für Europäer sehr ungewöhnliche – Kinosäle gibt es hier aber allemal. Besonders angetan hat es uns die 1997 in Austin gegründete,  Kinokette „Alamo Drafthouse Cinema“, die mittlerweile in einigen US-Grossstädten Franchisen eröffnet hat, und die am SXSW an zwei Spielstätten mit insgesamt sechs Sälen vertreten ist. Statt einem Werbeblock zeigen die im Stile der 60er Jahre eingerichteten Alamo Kinos (nicht nur während des Festivals, wie ich mir sagen lasse) zum Film passende Clips (etwa ein Video von Ray Charles) oder Trailer von Filmklassikern wie „DOUBLE INDEMNITY“. Das Festival ist übrigens auf diesen Zug aufgesprungen und sorgt selbst für ein attraktives Vorprogramm: Es hat für jeden einzelnen Festivaltag einen eigene Variation des liebevoll gestalteten Trailers produziert. So kommt es, dass unsere Sitznachbarin Tracy scherzt, die Vorprogramme seien oft gar noch besser als die Filme selbst. Und Matt, ein Filmgeek aus Austin, der für das Moviemaker Magazine schreibt, erklärt uns, dass es in dieser Stadt nichts besseres gäbe als eben genau dieses Kino. Auch uns überzeugt der Grindhouse-Charme. Gerne würden wir hier beispielsweise MACHETE von Regisseur Robert Rodriguez sehen, einem der Aushängeschilder von Austins lebendiger Filmszene.

Eine Menükarte liegt vor jedem Kinosessel

Die eigentliche Attraktion des Alamo Kinos ist aber die Menükarte, denn hier werden auch leckeres Essen und Getränke an den Platz serviert. Es ist ein ständiges Geläuf, aber die Kinos sind so geschickt gebaut, dass die in den Gängen herumschwirrenden Kellner tatsächlich kaum auffallen. So werden, während der Film über die Leinwand flackert, reihenweise frisch zubereitete Burgers und Pizzas, aber auch Gerichte wie „Grilled Chicken & Quinoa Bowl“, „Crispy Buffalo Cauliflower (vegan)“ oder „Greek Salad“ verspiesen. Wer dazu einen „Adult Shake“ bestellt, dem wird der Film bestimmt gefallen. Gewöhnungsbedürtfig sind allerdings die Gerüche von Fritten, Knoblauch und verschmolzenem Käse, die im Laufe einer Vorstellung durch den Saal ziehen. Zuweilen mutet das Gelage im Kino geradezu bizarr an, etwa wenn man in NEWTOWN sitzt, einem (nicht sonderlich überzeugenden) Dokumentarfilm über die Schiesserei an der Sandy Hook Elementary School, wo 2012 zwanzig Erstklässler erschossen wurden, und die Frau nebenan ihr Grilled Chicken Sandwich mit extra Knoblauch fröhlich schmatzt, als ginge sie das Unglück dieser Welt nicht das Geringste an.

Alamo Draft House Kino: Zwischengänge erleichtern dem Servicepersonal die Arbeit

Trotzdem, wir geniessen die Show und erfreuen uns neben dem überzeugenden Kino-Food vor allem an den Filmen (manchmal mehr, manchmal aber auch etwas weniger) und an den anschliessenden Q&A‘s mit Filmemachern und Protagonisten, die von sogenannten „Southby-Alumnis“, Filmemachern also, die in den vergangenen Jahren hier mit einem Film vertreten waren, moderiert werden. So versucht das Festival ein Stück weit, seinen eigenen Kreis an Filmemachern aufzubauen und zu promoten. In Austin sind sie stolz auf ihr Fest, und in diesem Jahr ganz besonders darauf, dass einer ihrer erfolgreichsten „Söhne“, BOYHOOD-Macher Richard Linklater, seinen neuen Film EVERYBODY WANTS SOME!! nicht am renommierteren Sundance, sondern in der Heimatstadt lanciert hat. Bis wir diesen vielleicht meist „gebuzzten“ Film des Festivals sehen, wird es Juni werden, wenn er in der Schweiz ins Kino kommt.

Richard Linklaters neuer Film EVERYBODY WANTS SOME!! kommt im Juni ins Kino