Zurich Film Festival 2016

 

Die FRAME-Redaktorin Denise Bucher berichtet täglich vom 12. Zurich Film Festival.

  

1. Geschichten, die das Leben schreibt

 
Das 12. Zurich Film Festival wurde eröffnet mit Filmen, die auf wahren Begebenheiten beruhen. Sie handeln von einem verlorenen Sohn, rassistischen Fussballfans und einem liebeskranken Boxer.
(Von Denise Bucher)

Sunny Pawar als Saroo im ZFF-Eröffnungsfilm «Lion».

«Lion», der am Donnerstagabend das 12. Zurich Film Festival eröffnet hat, hätte eigentlich schon am London Film Festival Premiere feiern sollen. Aber die Verantwortlichen haben Zürich den Vorrang gegeben. Vielleicht war es der Produzent Harvey Weinstein selber, der für die Entscheidung verantwortlich ist. Er war in früheren Jahren schon hier und mochte unsere herausgeputzte Stadt. Weinstein ist nicht der einzige. Auch andere wichtige Herren aus dem US-Filmgeschäft mögen es hier. «Zurich is clean on the outside, but dirty on the inside», soll einer gesagt haben. – Das hübsche Bellevue ist nicht weit weg von der (zurzeit wenigstens noch ein bisschen) aufregenden Langstrasse. Von Oliver Stone, der uns morgen die Ehre geben und «Snowden» vorstellen wird, stammt der Satz, der damals für Kichern und Aufregung sorgte: «All the babes are hot here, including your mayor.»

Aber zurück in die Gegenwart. «Lion» ist der erste Langspielfilm des Australiers Garth Davis, der bisher ein erfolgreicher Werbefilmer war und zusammen mit Jane Campion an der Serie «Top of the Lake» gearbeitet hat. Sein Debut beruht auf dem autobiographischen Roman «A Long Way Home» von Saroo Brierley.

Saroo (Sunny Pawar) ist ein kleiner Junge aus Indien, der in Armut lebt und sich zusammen mit seinem Bruder mit kleinen Diebstählen oder schwerer Arbeit über Wasser zu halten versucht. Eines Nachts, als er auf seinen Bruder warten soll und sich vor Müdigkeit kaum mehr aufrecht halten kann, steigt der 5-Jährige in einen Zug, der ihn nicht nach Hause sondern 1600 Kilometer weiter weg nach Kalkutta bringt. Weil er weder Bengalisch spricht noch seinen Namen oder seinen Wohnort korrekt aussprechen kann, landet Saroo auf der Strasse, dann in einem Kinderheim, wo er schliesslich an ein Australisches Ehepaar (Nicole Kidman und David Wenham) vermittelt wird, das ihn adoptiert. Als Saroo erwachsen ist (jetzt verkörpert ihn Dev Patel), kommen allmählich Erinnerungen an seine Kindheit zurück und er versucht mittels Google Earth seine Heimat wiederzufinden.

Der erste Teil des Films, der vom fast unglaublichen Überleben des kleinen Jungen in Kalkutta erzählt, ist deutlich besser als der zweite Teil. Weil der kleine Sunny Pawar ein äusserst talentierter Kinderschauspieler ist und man den Blick kaum von seinen traurigen, grossen Augen abwenden kann. Sein Spiel wirkt so authentisch, dass er glaubwürdiger ist als Dev Patel, der den erwachsenen Saroo spielt und der verinnerlicht hat, wie man vor der Kamera Gefühle darstellt. (Bei Verzweiflung: Haare raufen. Bei Überraschung: bedeutungsvoll die Augen aufreissen). Zum irgendwie abgenützt wirkenden Spiel der Profis kommt hinzu, dass die Figuren, die im Australien-Teil von Saroos Leben vorkommen, mehr wir Statisten in Saroos Drama als wie ernstzunehmende Charaktere wirken. Allen voran Lucy (Rooney Mara), die Freundin von Saroo, bei der man den Verdacht nicht loswird, sie sei bloss darum in die Geschichte eingebaut worden, weil eine Romanze in einem ernstzunehmenden Kommerzfilm nicht fehlen darf. Nicole Kidman, die in meinen Augen während der letzten Jahre den Boden unter den Füssen verloren hat, ist für Momente wieder die alte, wohl darum, weil sie in «Lion» die Leidende spielen darf, was sie ja schon immer gut konnte. 

Dev Patel verkörpert Saroo als Erwachsenen, Mara Rooney darf seine Freundin Lucy spielen, eine Lückenfüllerfigur ohne jegliche Tiefe.

Wenn jemand eine Reportage geschrieben hätte über jemanden wie Saroo, dann würde man vermutlich von abstossendem Betroffenheitsjournalismus sprechen. Aber «Lion» als Betroffenheits-Drama abzutun, wäre nicht ganz richtig. Er drückt zwar ordentlich auf die Tränendrüsen; nach dem Film hat man sich verstohlen aneinander vorbeigeschlichen, den Blick gesenkt, damit man die roten Augen nicht sehe. Die Geschichte würde einen auch dann zum Weinen bringen, wenn es keine sentimentale Musik gäbe und wenn der kleine Saroo weniger grosse, traurige Augen hätte. Es ist nun mal eine sehr berührende Geschichte, die Davis hier erzählt. Eine von der Liebe, die man zu seiner Familie hat. Ich musste immer wieder an einen Freund denken, der als Säugling von seinen Schweizer Eltern adoptiert worden ist, der als Erwachsener zurückreiste in sein Herkunftsland, der wusste, wo er nach seiner Mutter suchen musste, der sich weder hier richtig zugehörig fühlt noch dort. Er sei überall fremd, sagt er manchmal. So geht es auch Saroo. Er sieht nicht aus wie ein Australier, kann aber, als er zurückreist nach Indien, die Sprache nicht mehr, die früher seine Muttersprache war. «Home is where your heart is», sagt man. Wie soll Saroo jemals herausfinden, wo seine Heimat ist? Er liebt seine richtige Mutter und seinen Bruder genauso wie er seine Australische Familie liebt. Weil er damals als übermüdetes Kind in den falschen Zug stieg, wird er sein Leben lang ein Nomade zwischen zwei  Kulturen bleiben.

Wir kommen zum Sport. 

Die nächsten zwei Filme, die dann am Nachmittag auf meinem Programm standen, handeln von Fussball und vom Boxen. «Forever Pure» ist ein Dokumentarfilm der israelischen Produzentin und Regisseurin Maya Zinshtein. Sie wurde in Russland geboren und arbeitet auch als investigative Journalistin. Für ihren Erstling hat sie die Spieler des populärsten israelischen Fussballclubs, Beitar,  begleitet. Die Spieler und die Fans. Während der Club, 1936 gegründet, dafür berühmt ist, niemals einen einzigen Araber in der Mannschaft zu akzeptieren, rühmt sich ein Teil der Fans dafür, die rassistischsten Fussballiebhaber der Welt zu sein. «Krieg! Krieg!», skandieren die Mitglieder von La familia. Oder: «Ewig rein! Ewig rein!» Dem Club ging es schlecht, kämpfte am untersten Ende der Rangliste. Das änderte sich, als der russische Oligarch Arkadi Gaydamak Beitar kaufte. Zinshtein zeigt in einer schnell montierten Sequenz aus Ausschnitten von Fernsehübertragungen, wie Beitar aufsteigt. Parallel dazu schneidet sie die fanatisch und hasserfüllt feiernden Fans. Das Geschehen packt einen sofort, alles, was man sieht, wirkt verstörend. Und es wird immer noch verstörender: Gaydamak kandidiert als Bürgermeister Israels und scheitert. Er fliegt seine Mannschaft nach Tschetschenien zu einem Freundschaftsspiel. Gegen Moslems. Die Fans toben. Aber es kommt noch schlimmer: Kaum zurück, engagiert der Russe zwei tschetschenische Spieler - Moslems -, für seinen Club. Während die Spieler das sportlich nehmen, dreht La familia durch. Was fortan auf dem Spielfeld abgeht, was der Kapitän, der die beiden Kollegen verteidigt, einstecken muss und vor allem, was die beiden tschetschenischen Spieler von sogenannten Fans erdulden müssen, ist, pardon, zum Kotzen. 

La familia, die Fans von Beitar. Religiöse Symbole gehören hier zum Fussball dazu.

Maya Zinshteins Dokumentarfilm handelt nicht nur von Rassismus, Nationalismus und offenkundigem Mangel an Aufgeklärtheit. Er zeigt auch, wie Politiker den Sport für ihre Zwecke nutzen. Immer wieder sieht man den Oligarchen, vermutlich hinter Sicherheitsglas, mit einem herablassenden Grinsen auf seine Spieler herunterschauen. Seine Marionetten. An denen er ein fieses Experiment durchexerziert. Man möchte ihm das Bierglas, aus dem er Rotwein trinkt, aus der Hand nehmen und es ihm ins Gesicht schütten.

Der russische Oligarch Arkadi Gaydamak. Der Besitzer von Beitar wirkt wie ein Sadist. 

Oder ein Boxsack täte es auch. Wie ihn der Held aus Juho Kuosmanens zweitem Spielfilm «The Happiest Day in the Life of Olli Mäki» vor sich hat und beim Training darauf eindrischt. Der Boxer Olli Mäki (Jarkko Lahti), eigentlich ein Bäcker aus der finnischen Provinz, soll sich fit machen für den Kampf gegen den amerikanischen Weltmeister Davey Moore. Aber Olli ist abgelenkt. Alles, woran er denken kann, ist Raija, die zur Entourage seines Teams gehört und so schön und warmherzig und liebenswürdig ist. Der Manager Elis (Eero Milonoff), ehrgeiziger als Olli selbst, ruft den aufgeregten Journalisten Sätze in die Mikrofone wie: «Das wird der aufregendste Boxkampf, den Finnland je gesehen hat!» Olli hingegen hasst die ständigen Pressekonferenzen, die Home-Storys, die sie mit ihm machen wollen, im Training ist er zu wenig angriffig, für seine Kategorie Federgewicht noch ein paar Kilos zu schwer. 

Jarkko Lahti als Olli Mäki in «The Happiest Day in the Life of Olli Mäki». 

Natürlich erinnert «The Happiest Day in the Life of Olli Mäki» mit seinem Antihelden, mit seinem lakonischen Humor und den bizarren Nebenfiguren an alles, was Aki Kaurismäki je gemacht hat. Aber anders beim alle überragenden finnischen Meister hat Juho Kuosmanens Anti-Sport-Film etwas wirklich Warmes und Versöhnliches und er stösst einen weniger vor den Kopf. Welches der glücklichste Tag im Leben von Olli Mäki ist, muss man sich als Zuschauer selbst ausdenken. Es kommen tatsächlich so einige in Frage. Die körnigen schwarz-weiss-Bilder sind ausgesucht schön komponiert, die Ästhetik verhindert, dass einen dieses Gefühl der Trostlosigkeit packt, wie es bei Kaurismäki jedes Mal passiert: Als ob man mit den Kleidern ins Meer gefallen wäre, stundenlang nichts Trockenes anzuziehen bekäme und die nordische Sonne einem zunehmend wie ein Witz vorkommt. 

Sie ist der Grund für Ollis Verwirrung: Raija (Oona Airola). 

«The Happiest Day in the Life of Olli Mäki» spielt 1962 und beruht ebenfalls auf einer wahren Geschichte. So drängt sich als Fazit des ersten Festivaltages der etwas abgedroschene Satz «Das Leben schreibt die besten Geschichten» auf. Es kommt dann einfach sehr darauf an, was man als FilmemacherIn aus so einer Geschichte macht, damit sie weniger abgedroschen wirkt als die sprichwörtliche Aussage. 

2. Was soll man sich bloss ansehen?

 

Der zweite Tag stand ganz im Zeichen von Milieustudien: mit Andrea Arnolds wunderbarem Drama «American Honey», mit Adam Smiths humorvollem, sozialkritischem Gangster-Familien-Drama «Trespass Against Us», mit einem polnischen Stilisten und - leider wieder einmal - zu unentschlossenen Schweizern. Diese altbekanne Mutlosikeit war u.a. auch Thema beim «Talk» zum Thema Kreativwirtschaft. (Von Denise Bucher)

Sasha Lane spielt die Draufgängerin Star in Andrea Arnolds meisterhaftem Drama «American Honey».

Es gibt ein Problem mit diesem Festival: Es laufen zuviele Filme, die ich sehen will. Wenn meine bisherige Quote auch für den Rest des Programms gelten sollte, wäre die Wahrscheinlichkeit, etwas Gutes zu verpassen, sehr hoch: Von acht Filmen fand ich bis jetzt nur einen schwach. Es handelt sich um «Miséricorde» des Tessiners Fulvio Bernasconi. Er erzählt vom Genfer Polizisten Thomas (Jonathan Zaccaï), der für ein paar Monate in Quebec zum Angeln war. Kurz vor seiner Abreise fährt ein Truck einen Teenager tot, es ist Muk aus dem nahe gelegenen Indianerreservat. Der Fahrer begeht Fahrerflucht, Thomas fühlt sich dazu berufen, den Fall aufzuklären, vorher will er nicht nach Hause zurückkehren. Obwohl er müsste, weil er dort dringend erwartet wird. Seine Nachforschungen bringen Thomas dann... 

+ + + SPOILER-ALARM + + + 

Thomas (Jonathan Zaccaï) sucht in «Miséricorde» nach Gerechtigkeit und Vergebung.

... unwahrscheinlich schnell auf eine heisse Spur (sie ist blond und schön). Er stellt die Frau namens Mary-Ann (Evelyne Brochu) zur Rede und es stellt sich heraus, dass sie die gesuchte Truck-Fahrerin ist. Thomas begleitet sie zur Familie des toten Teenagers, wo sie sich bei ihrem Opfer entschuldigen soll. Während das Drama bis jetzt leicht gelangweilt hat, weil es etwa so subtil aufgebaut ist wie ein Fernsehkrimi von SRF, macht es jetzt wütend: Wieso sollte eine Mutter derjenigen über die Wange streicheln, die ihren Sohn getötet hat, nur weil diese von Schuldgefühlen gekrümmt am Totenbett weint? So viel Grösse ist nicht nur unrealistisch, sondern unerträglich. Vergebung stellt sich doch nicht schon nach ein paar Tagen ein, wenn der Prozess der Trauer noch nicht einmal angefangen hat. Dass sich am Ende auch noch alle von Thomas’ persönlichen Problemen in Minne auflösen, macht den Film beinahe zur Karikatur seiner selbst. Denn eigentlich würde er eines der schwierigsten Themen überhaupt aufgreifen: Den Tod des eigenen Kindes.

«Miséricorde» fehlt der Mut, einen Konflikt so zu zeigen, dass er einem unter die Haut geht. Stattdessen setzt man auf ein Happy End, damit sich auch ja niemand vor den Kopf gestossen fühlt und man beruhigt schlafen gehen kann. Dieser Wille zum Wohlfühl-Ende macht sich ansatzweise auf in «Skizzen von Lou» der Zürcherin Lisa Blatter bemerkbar. Aber nur ansatzweise. Blatter erzählt von einer schwierigen Liebe zwischen zwei sehr verschiedenen jungen Menschen (verkörpert von Liliane Amuat und Dashmir Ristemi). Anders als «Miséricorde» weckt der Film aber Interesse an seinen Figuren, sie sind unbequem, manchmal hasst man sie, dann wiederum identifiziert man sich mit ihnen. Dazu trägt auch die Kameraarbeit bei, die mit schönen, einlullenden Bildern eine intime Atmosphäre schafft. Umso enttäuschender, dass die Geschichte dieser amour fou mit der Auflösung des Konflikts komplett in sich zusammenfällt. So, dass sich die Frage aufdrängt, was wohl die furchtlosen Belgier oder Dänen daraus gemacht hätten. 

Sind wir einfach ein Volk von Schisshasen? Solche, die partout nicht über den eigenen Gartenzaun hinauszudenken wagen? Diesen Eindruck konnte man auch bekommen beim «ZFF Talk» zum Thema «Was ist eigentlich die Kreativwirtschaft?», bei dem ein etwas gross geratenes Podium zu erklären versuchte, wie und warum Kreative sich auch als Unternehmer verstehen sollten und umgekehrt. Es diskutierten: Ruedi Noser, Ständerat FDP Zürich; Thomas D. Meier, Rektor der ZHdK; Sunnie J. Groeneveld, Managing Director DigitalZurich 2025, Journalistin, Autorin; Michel Pernet, Präsident Verband Kreativwirtschaft; Tobias Weber, Regisseur; Sylvain Gardel, Leiter Impulsprogramme Pro Helvetia.

Tobias Weber, kreativer Kopf hinter dem ersten interaktiven Spielfilm «Late Shift», bei dem das Publikum über den Verlauf der Story mitentscheiden kann, ärgerte sich über die schweizerische Zögerlichkeit. Die Linke sei «die neue Konservative, die immer dann auf die Bremse tritt, sobald jemand etwas Neues wagen will», sagte mein Kollege Christian Jungen, der das Gespräch moderierte. Das hätten sie auch gemerkt, als sie Fördermittel beantragt hätten, meinte Weber. Man sei dem Projekt gegenüber nicht offen gewesen. In der Schweiz funktioniere es nun mal so: Man warte ab, ob sich etwas im Ausland bewähre und erst dann komme man darauf zurück. Die Idee, dass etwas Neues aus der Schweiz kommen könnte, existiere nicht. Sunni Groeneveld legte nach: Wie Schweizer würden nicht aus unserer Komfortzone heraustreten wollen. Wir hätten Talente und bräuchten uns nicht zu verstecken. Silvain Gardel fand, wir seien auch zu langsam, kämen zu wenig schnell auf den Punkt. Weil wir Perfektionisten seien und noch am Finish eines Projekts rumpolierten, das andere längst irgendwo auf einer Messe oder an einem Festival vorgestellt hätten. 

 

 

«All These Sleepless Nights» feiert Michal Marczak die unbeschwerte Zeit der Jugend, die blauen Stunden vor dem Sonnenaufgang.

Wo bleibt die Leichtigkeit, die Verspieltheit, von der «All These Sleepless Nights» von Michal Marczak lebt? Der Dokumentarfilm, der wirkt wie ein Spielfilm, mäandert durch Zeit und Raum und erzählt in träumerisch anmutenden Bildern und getragen von einem treibenden Soundtrack von zwei Freunden, die sich durch Warschaus Nachtleben hindurchfeiern, philosophische Diskussionen führen, wie nur Jugendliche es können, und alles ausblenden, das irgendwie mit dem sogenannten Ernst des Lebens zu tun hat. Man könnte dem polnischen Regisseur Oberflächlichkeit vorwerfen. Oder aber sagen, er habe ein Sittenbild von Polens Jugend gezeichnet. In einem Interview sagte er, es sei nun mal so, dass viele Junge sich wenig Gedanken machten und sich vor allem für ein sorgloses Leben interessierten. Darüber habe man mal einen Film machen müssen.

Wie Marczaks spielerischer Dokumentarfilm ein Portrait von polnischen (Ober- und Mittelschichts-)Jugendlichen ist, ist Andrea Arnolds grossartiges Drama «American Honey» eines über Amerikas Teenager der Unterschicht. Das Roadmovie, in Cannes dieses Jahr mit dem Jury-Preis ausgezeichnet, erzählt von Jugendlichen ohne Zukunft, aber voller Träume und ist bis jetzt mein Lieblings-ZFF-Film. Im Zentrum steht Star, mit überbordender Energie und Sinnlichkeit gespielt von Sasha Lane, die Arnold von der Strasse weg engagiert hat. Star wühlt mit ihren kleinen Geschwistern im Müll vor einem Supermarkt, als ein Kleinbus voller johlender und singender junger Frauen und Männer anhält. Jake (Shia LaBoeuf) macht Star schöne Augen und dann ein Job-Angebot: Sie soll mit ihm und seiner Truppe quer durchs Land fahren, von Haustür zu Haustür gehen und Zeitschriften verkaufen. Weil sie zuhause nichts zu verlieren hat ausser die Liebe ihrer Geschwister, lässt Star sich auf das Angebot ein. Dass sie sich in Jack verliebt und seine Gefühle für Star möglicherweise auch mehr als geheuchelt sind, geht Krystal (Riley Keough), der Anführerin und Liebhaberin von Jack, mehr und mehr gegen den Strich. 

 

Andrea Arnold, die Regisseurin von «American Honey». 

«American Honey» zeigt das Gegenteil des Amerika, wie man es oft im Mainstreamkino sieht. Dreckig statt glitzernd, arm wie ein Drittweltland statt als Retter der Menschheit. Authentisch halt, so vermute ich. Die Britin Andrea Arnold hat für ihren vierten Langspielfilm (nach «Red Road», «Fish Tank» und «Wuthering Heights») mehrere Monate on the road im amerikanischen Hinterland verbracht, die Orte und ihre Bewohner kennengelernt. Dass sie das Milieu studiert hat, von dem sie erzählt, merkt man dem Film in jeder Minute an. Sie zeigt die Jugendlichen buchstäblich im Close up, die Kamera klebt an ihnen, vor allem an Star und Jake. Manchmal wirkt sie wie ein Auge, das Details mustert, das mal scharf sieht und mal unscharf. Das ungewöhnliche Bildformat, das fast quadratische 1.3:1, steckt einen engen Rahmen ab, in dem die Figuren sich bewegen können. Eine kleine Welt für ein Auto voller Orientierungsloser. Obwohl Arnold das Elend des «White Trash» zeigt, heischt ihr Film weder Mitleid noch verurteilt er eine der Figuren dafür, dass sie dort gelandet ist, wo sie ist: In diesem von Musik pulsierenden Gefährt voller Jugendlicher mit Geld- und Drogenproblemen, ohne Hoffnung auf eine gute Zukunft, aber auch ohne Angst. Denen so einer wie ein Gott gestohlen bleiben kann, und die stattdessen «Star Wars» zu ihrer Religion erhoben haben. Sie sind auf dem Weg ins Nirgendwo. Sie wissen es, aber es kümmert sie nicht. Oder sie haben keine Ahnung, wie sie ihren Kurs jemals ändern sollten. So gedacht, kommt der Film vor wie eine Metapher auf die Befindlichkeit einer immer grösser werdenden Bevölkerungsschicht im «Land of the Free».  

Wo wir schon bei der Beschreibung von Milieus sind, zum Schluss noch ein Hinweis an alle Fans von Michael Fassbender, die «The Light Between Oceans» auch so langweilig fanden wie ich: Nach «Trespass Against Us», dem ebenso humorvollen wie sozialkritischen Krimi-Drama-Gangster-Familien-Film von Adam Smith, wird man ihn noch mehr lieben als zuvor. Er spielt einen irischen Kleinkriminellen, der sich seiner Frau und den zwei Kindern zuliebe von seinem Vater (Brendan Gleeson), dem Chef des Clans, zu emanzipieren versucht. Aber der Pate hat nicht im Sinn, seinen Sohn einfach so ziehen zu lassen. Auch für (Noch)-Nicht-Fassbender-Fans empfehlenswert. 

 

Morgen geht es hier weiter mit Oliver Stones «Snowden». Ein Film, den gesehen haben sollte, wem Freiheit und Demokratie etwas wert sind. 

 

3. Wahrheit und Lügen

 

Am dritten Tag geht es um einen, der die Wahrheit aufdecken will. Und um einen anderen, der uns weit weg von der Realität in eine nostalgische Traumwelt mitnimmt. Im Kino ist beides genau gleich gut möglich. (Von Denise Bucher)

Joseph Gordon-Levitt als Edward Snowden.

«Give us some evidence!», ruft Oliver Stone ins Mikrofon. Es ist Pressekonferenz zu «Snowden», dem beunruhigenden Biographiefilm über den zur Zeit berühmtesten und wichtigsten Whistleblower. Die Regierung solle uns beweisen, dass sie mit Massenüberwachung auch nur einen einzigen Terroranschlag verhindert habe. «Die Terroristen von 9/11 LEBTEN IN DEN USA! Diese Anschläge waren das Resultat einer Reihe von Fehlern!» Shaylene Woodley, die Ed Snowdens Freundin Lindsey Mills spielt, sagt: «Ich habe in diesem Wahlkampf Sanders unterstützt. Er war der einzige der Präsidentschaftskandidaten, der Snowdens Namen überhaupt in den Mund genommen hat. Der vom Mut sprach, den es brauchte, um dieses Wissen über das Treiben der NSA an die Öffentlichkeit zu bringen. Obwohl die Massenüberwachung uns alle angeht, verlieren Trump und Clinton kein Wort darüber.»

Dank Edward Snowden wissen wir, dass der amerikanische Geheimdienst jedes Handy, jeden Computer ausspionieren kann, wenn er will. Auch hier. «Die Regierung behauptet, sie würde das tun, um uns vor Terror zu schützen», sagt Stone. «Vergesst nicht, dass die Nazis ihrem Volk damals dasselbe versprochen haben. Was dabei rauskam, wissen wir.» Merkwürdigerweise finden die meisten Menschen die Nazis teuflisch und die Stasi schrecklich, an die totalitäre Überwachungsgesellschaft in Orwells Roman «1984» («Big Brother is watching you») erinnert man sich mit Grausen. Aber warum zucken dann alle mit den Schultern, sobald von Massenüberwachung durch Facebook, Google und WhatsApp die Rede ist? Dazu – angestachelt von Stones Film – ein kleiner Exkurs:

Es interessiert uns nicht, weil Facebook und Ähnliche für uns Spielzeuge sind. Annehmlichkeiten. Mittlerweile unverzichtbare Kommunikationskanäle, Plattformen für Selbstdarstellung. Filterblase? Mir doch egal. Sollen die doch personalisierte Werbung aufschalten, dann schalte ich den Ad-Blocker ein. Aber es geht um mehr als Werbung. – Machen Sie den Test: Geben Sie auf Ihren Laptop einen Suchbegriff ein und bitten Sie eine Kollegin, zeitgleich dasselbe zu tun. Die Suchresultate werden mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht dieselben sein. Oder: Rufen Sie jemanden an, der nicht denselben Lebensstandard hat wie Sie. Suchen Sie zeitgleich nach einem Ticket für denselben Flug von A nach B. Der Preis wird für Sie und Ihren Bekannten mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht derselbe sein. Ich hab's probiert.

«Gib uns deine Daten, dann bekommst du eine Prämienverbilligung», versprechen Krankenkassen neuerdings. Wer seinen Schrittzähler auf dem Smartphone nicht deaktiviert hat, liefert die gefragten Informationen möglicherweise schon längst ab, weiss es nur noch nicht. Man weiss überhaupt viel zu wenig darüber, was mit den gesammelten Daten geschieht. Darum ist es auch so schwierig, jemandem nahezulegen, über das Verwischen seiner digitalen Spuren nachzudenken. «Ich habe nichts zu verbergen», sagen immer alle.

Shailene Woodley spielt Lindsey Mills, Edward Snowdens Freundin.

«Was für ein dummer Satz!», herrscht Ed Snowden (Joseph Gordon-Levitt) seine Freundin an, als sie genau dasselbe sagt. «Dann sag mir, was ich zu verbergen habe!», schreit sie zurück. Snowden kann nicht antworten. Vielleicht, weil er nicht über das sprechen darf, was er bei der NSA sieht. Vielleicht, weil er es wirklich nicht weiss. Noch nicht. Er ist dabei, ein Programm namens «Hearbeat» zu entwickeln, eine Art Megadatensammelkrake, als ihm endgültig dämmert, was der Geheimdienst – gedeckt von der amerikanischen Regierung – da treibt. Im Film ist sein Moment der Erweckung dramaturgisch so inszeniert: Snowden ist eifersüchtig auf einen Fotografen, mit dem Lindsey zu tun hat. Sein Boss beruhigt ihn. Sie schlafe nicht mit ihm. Der Geheimdienst weiss besser über seine Freundin Bescheid als Snowden selbst. Ob es so war, sei dahingestellt. Es entspricht nicht ganz alles der Realität, was Stone zeigt. Die Szene, in der Snowden die geklauten Daten aus seinem Hochsicherheitstrakt von einem Arbeitsort rausschmuggelt, ist fiktiv. Snowden, den Stone mehrmals in seinem Exil in Moskau getroffen hat, hatte ganz bestimmt kein Interesse daran, dass die USA davon erfahren, wie er es tatsächlich gemacht hat.

Weil das Thema ein sehr technisches ist und man als Laie vermutlich kein Wort verstehen würde von dem, was diese IT-Experten und Hacker die ganze Zeit besprechen, greift Stone zu ein paar guten filmischen Tricks, um auch für uns verständlich zu machen, was da los ist: Mentoren erklären Snowden Aspekte der Spionage, die man einem wie ihm vermutlich nicht mehr erklären müsste; grafisch geschickt gemachte Sequenzen veranschaulichen die Vernetzung beliebiger Smartphones und Laptops von normalen Bürgern weltweit. Und wie die NSA sie anzapft.

 

Oliver Stone auf dem Set von «Snowden».

Für einen Oliver-Stone-Film ist «Snowden» erfreulich wenig pathetisch. Abgesehen von der Filmmusik. Stone, sonst immer so patriotisch, hat es möglicherweise gut getan, von einem Mann zu erzählen, der seinen Glauben an die zuvor so heiss geliebte Heimat allmählich verliert. Auch dass er, anders als in «JFK» oder «Nixon», die Geschichte eines Lebenden erzählt und mit diesem in Kontakt stand, dürfte es ihm schwieriger gemacht haben, diesen unnötig zu glorifizieren. Der Film mag seine Schwächen haben, aber er fährt trotzdem ein. Weil er veranschaulicht, dass wir alle keine Ahnung haben davon, was im Hintergrund geschieht, wenn wir Tag und Nacht auf unseren Smartphones rumspielen. Dass Massenüberwachung, wenn man es zu Ende denkt, undemokratisch und gegen die Freiheit ist, auf die wir hier sonst immer so stolz sind.

Wenn man aus «Snowden» rauskommt, möchte man sein Telefon am liebsten vom Tram überfahren lassen. Wie auch schon 2014 nach «Citizenfour», dem oscargekrönten Dokumentarfilm von Laura Poitras. Er erzählt von den Stunden, die Snowden mit Journalisten der britischen Zeitung «The Guardian» in einem Hotel in Hongkong verbracht hat, um ihnen die gestohlenen Dateien zu übergeben, anhand dener die Journalisten Glenn Greenwald und Ewen MacAskill die Öffentlichkeit über die Spionagetätigkeiten der NSA informieren konnten. Stone lässt Szenen daraus in «Snowden» nachspielen. Dank diesen Informationen wissen wir, wer die NSA ist und was sie tun. Nur leider kümmert es die wenigsten. So könnte sich bewahrheiten, was der echte Edward Snowden gegen Ende von Stones Film sagt, als ein Journalist ihn fragt, was das Schlimmste wäre, das auf seine Enthüllungen folgen könnte. Er fürchtet sich nicht vor Sanktionen, sondern davor, «dass sich nichts ändert.»

(Während ich diesen Text schrieb, hat die Schweiz an der Urne dem neuen Nachrichtendienstgesetz zugestimmt. Dieser darf jetzt (u.a.): Privaträume verwanzen; Telefon- und Internetverbindung von Personen überwachen; Behörden und «Organisationen mit öffentlichen Aufgaben» zur Auskunft zwingen (Spitäler, Schulen, Post, SBB etc.); den gesamten Internetverkehr mit bestimmten Suchbegriffen durchsuchen; Staatstrojaner einsetzen, um in Computer oder Handys einzudringen; Private mit nachrichtendienstlichen Beschaffungsaufgaben beauftragen. – Erinnert an die Stasi, nicht? Natürlich kann man seine Freiheit aufgeben für die Illusion von Sicherheit. Aber was ist der Preis dafür?) 

Emma Stone und Ryan Gosling im Musical «La La Land» von Damien Chazelle.

Es war schwierig, sich nach 10 Minuten Pause dann sogleich auf «La La Land» einzulassen, den nächsten Film im dicht gedrängten Programm. Dass das bunte Musical von Damien Chazelle mit einer grossartig choreografierten Eröffnungssequenz anfängt, fällt mir erst auf, als mein Sitznachbar sich zu mir rüberlehnt und es mir ins Ohr sagt. Stimmt, jetzt wo du's sagst, denke ich, in Gedanken noch bei Snowden, der NSA, Facebook, WhatsApp... Ich muss wenigstens WhatsApp endlich löschen, denke ich, während Ryan Gosling und Emma Stone einander singend und steptanzend beteuern, dass sie ganz sicher keine Gefühle für einander haben. «Die Szene sieht genau aus wie diejenige in «Les parapluies de Cherbourg», sagt mein Sitznachbar. Ah, ja stimmt… – Während «Snowden» versucht hat, die Wahrheit hinter einer grossen Lüge aufzudecken, geht es hier nur um die Lüge. Aber um eine schöne natürlich, wir sind ja im Kino. «La La Land» ist eine ein wenig ironische und ein wenig zu belanglose Hommage an die kitschig-schönen Musicalfilme von damals, wie «Singin' in the Rain», «The Wizard of Oz», «An American in Paris». Er erzählt von einem Jazz-Pianisten und einer angehenden Schauspielerin und davon, wie beide einander brauchen, um weiterhin an ihren Traum zu glauben. Das ist schön anzusehen, aber mit der Zeit auch ein wenig langweilig. Man kennt die Versatzstücke ja alle schon und ahnt jeweils, was als nächstes kommt. Aber wer echte Nostalgikerin oder schwerer Romantiker ist, wird sich wohlfühlen mit dem Film.

«La La Land» ist der sechste Spielfilm des erst 31-jährigen Amerikaners Damien Chazelle. Dessen Indie-Drama «Whiplash» über einen ehrgeizigen Schlagzeuger und seinen brutalen Lehrer war 2015 in fünf Kategorien für den Oscar nominiert, drei davon hat er gewonnen. So jung und so erfolgreich – das erinnert an den Kanadier Xavier Dolan, der schon mit seinem Erstling «J’ai tué ma mère» nach Cannes eingeladen war und seither mit jedem seiner exzessiven, beinahe barocken Filme unzählige Preise gewonnen hat. «La La Land» ist bunt wie ein Werk von Dolan, aber er imitiert die Leidenschaft nur, die sich in den Filmen des Kanadiers von der Leinwand herunter in den Zuschauerraum ergiesst wie eine Flut von schwer duftenden, dornigen Rosen. 

4. Da ist es: das Zwischentief

  
Nach erfreulich vielen guten Filmen macht sich jetzt etwas Ernüchterung breit: «American Pastoral» von und mit Ewan McGregor legt nahe, dass er als Schauspieler viel besser ist denn als Regisseur. Die Polizistenkomödie «War on Everyone» vermochte die Stimmung auch nicht recht zu heben.
(Von Denise Bucher)

Michael Peña und Alexander Skarsgård als schlechter und noch schlechterer Cop im Buddy-Movie «War on Everyone».

Die Pressekonferenz am Sonntagnachmittag zu «War on Everyone» war lustiger als der Film selbst. So diskutierten Regisseur John Michael McDonagh – mit einem Bier vor sich – und Alexander Skarsgård – mit Wasser und Kaffee zufrieden – darüber, wie schwierig es ist, betrunken zu spielen. Skarsgård: «Du hast mich ja engagiert, weil du ein Youtube-Video von mir gesehen hast, wo ich betrunken an einem Fussballmatch rumlärme, hahaha!» McDonagh: «Ja, genau so war es.»

Ob improvisiert worden sei, will eine Journalistin wissen. Ja, das sei durchaus vorgekommen. «Wobei die meisten Schauspieler gar nicht improvisieren können», sagt McDonagh. «Sie sitzen im Auto und hämmern mit den Fäusten aufs Lenkrad und meinen dann, das sei Improvisation». Wie, wo und wann er schreibe, will ein Journalist wissen. «Ach, immer glauben alle, Schreiben sei so wahnsinnig glamourös. Dabei ist es todlangweilig. Du sitzt während Wochen allein da und schreibst. Ich will eigentlich gar nicht mehr schreiben. Ist viel zu anstrengend. Aber als ich jung war, war es halt das einzige, das ich gut konnte.» Er schreibe nur darum selber, weil er niemanden finden könne, der besser sei darin als er. «Es gibt so viele miese Drehbücher. Besonders in Hollywood.» McDonagh grinst breit: «Ein sehr bekannter Produzent, der eines meiner Bücher las, sagte: 'Du weisst, was für Filme ich mache, oder? Du weisst auch, dass ich SO einen Film auf gar keinen Fall machen kann!'» Alle amerikanischen Drehbücher seien gleich, findet er. «Sie lesen sich so, als ob sie von einer 24-jährigen Jungfrau erzählen würden, die bei ihrer Mutter im Keller lebt, um dann losgelassen zu werden in dieses gloriose Land hinaus. Sie haben alle ihr Handbuch gelesen und schreiben auch so. It never surprises you!»   

John Michael McDonagh, bekannt für die beiden schwarzen Komödien «The Guard» und «Cavalry».

Da muss man ihm beipflichten. Leider ist sein eigener Film aber auch nicht die grösste Überraschung, die es am ZFF bisher gab. Das Buddy-Movie handelt von einem schlechten und einem noch schlechteren Polizisten (Alexander und Michael Peña), die weniger daran interessiert sind, Verbrecher zu  jagen, um für Sicherheit zu sorgen, sondern vielmehr, um diese zu erpressen oder Drogen für den Eigenbedarf sicherzustellen. Terry Monroe (Skarsgård) hat ein Alkoholproblem, Bob Bolaño (Peña) Ärger mit seiner Familie. Ausgerechnet dann, als ihr Boss dem nichtsnutzigen Duo eine letzte Chance geben will, legen sie sich mit einer Ganovenbande an, die etwas schwerer zu handhaben ist als die Kleinkriminellen, mit denen sie bis jetzt zu tun hatten.

«War on Everyone» ist ein typisches Buddy-Movie wie «Ted», «Wedding Crashers» und «The Nice Guys», um nur drei von duzenden Beispielen zu nennen. Wie seine Vorgänger handelt auch er von zwei Männern in einer Krise und behandelt Themen wie Rassismus, Klassenunterschiede und ein bisschen Sexismus. Er spielt mit klischierten Versatzstücken des Genres, vermag sich aber nicht so recht darüber hinauszuschwingen. Der Film lebt von stellenweise sehr lustigen Dialogen (Simone de Beauvoir und Homer spielen darin eine wiederkehrende Rolle) und von viel Situationskomik, die darum gut ist, weil sie mehr tut als nur unter die Gürtellinie zu hauen. Die Figuren, die McDonagh sich ausgedacht hat, sind deutlich bizarrer als die seiner amerikanischen Vorgänger. Die Eröffnungsszene gibt einen guten Eindruck davon. Oder die, in der sie mit Hamburgern in der Hand am Schauplatz eines Mordes aufkreuzen. Schade, dass sich die guten Momente nicht recht in ein vergleichbar lustiges Ganzes zusammenfügen, sodass sich die 98 Minuten eher lang anfühlen. 

John Michael McDonagh wurde bekannt mit seinen sehr guten, sehr schwarzen Komödien «The Guard» und «Cavalry», beide mit Brendan Gleeson, den man zur Zeit in «Trespass Against Us» am ZFF sehen kann. Der Gangster-Familien-Film von Adam Smith wirkt - auch wegen Gleeson? - viel mehr wie ein Werk von McDonagh als «War on Everyone».

Ewan McGregor und Jennifer Conelly als Mittelklassenehepaar, dem auch eine Therapeutin nicht mehr helfen kann.

Vom folgenden Film hätte ich mir gewünscht, ich würde ihn lieber mögen, weil er von Ewan McGregor ist, einem meiner Lieblingsschauspieler. «American Pastoral» ist seine erste Regiearbeit, aber leider keine besonders gute. Warum er sich ausgerechnet einen Roman von Philip Roth vorgenommen habe als Vorlage für seinen Erstling, fragte ein Journalist heute an der Pressekonferenz. Die Frage klang so, als ob er damit sehr höflich auf McGregors Scheitern angespielt hätte.

McGregor spielt Seymour «The Swede» Levov, jüdisch und ein ehemaliges Sportidol, verheiratet mit Dawn (Jennifer Conelly), nicht-jüdisch und ehemalige Miss New Jersey. Er übernimmt die Handschuhfabrik seines Vaters, kauft sich ein Häuschen auf dem Land, wo Dawn Kühe hält und ihre Tochter Merry (Hannah Nordberg) unbekümmert aufwachsen könnte. Aber Merry passt nicht ins Idyll. Sie stottert und verspürt eine etwas zu tief gehende Liebe zu ihrem Vater, sie ist überhaupt anders als andere Kinder, intelligenter und kritischer, und je älter sie wird (jetzt verkörpert von Dakota Fanning), desto mehr entwickelt sie sich zur Rebellin. Es sind die 60er. Es gibt viel, wogegen man protestieren kann. Als sie sich Linksextremisten anschliesst und sich eines Verbrechens schuldig macht, taucht sie unter. Die idyllische Fassade der Mittelklasse-Vorzeigefamilie bekommt Risse, die irreparabel bleiben. 

Pressekonferenz zu «American Pastoral» im Festivalzelt. Vor lauter Bilder schiessender Handys konnte man die Gäste kaum mehr sehen.

Auch wenn man den Roman von Roth nicht gelesen hat, überkommt einen trotzdem die Ahnung, dass es sich hier um eine Literaturverfilmung handeln könnte. Die Symptome: Es gibt einen Erzähler, die Handlung ist sehr dialoglastig, es fehlt an filmemacherischer Eigenständigkeit. «American Pastoral» wirkt wie von einem ambitionierten Lehrling gemacht, der zu viel Geld zur Verfügung hatte. Schauspieler entstammen der besten Liga, Kostüme und Setting sind aufwändig, aber es ist jemand am Werk, der sich nicht von seiner Vorlage zu emanzipieren getraut. Einer, der dem Roman gerecht werden will, statt ihm eine filmische Interpretation entgegenzuhalten. Dass das sehr gut funktionieren kann, hat Joe Wright mit «Anna Karenina» (2012) bewiesen. Statt vor Tolstoi in die Knie zu sinken, hat er aus dem Klassiker ein zeitgenössisch inszeniertes, theatralisch-exaltiertes Stück Filmgeschichte gemacht. Er schöpft die ganzen inszenatorischen Möglichkeiten des Kinos aus, um die traurige Geschichte der unglücklich liebenden Anna (Keira Knightley) einem heutigen, sogar einem jungen, Publikum zugänglich zu machen. Als noch wagemutigeres und darum noch besseres Beispiel einer Literaturverfilmung fällt mir nur noch Baz Luhrmanns «Romeo + Juliet» (1996) ein.

In seinen schlechtesten Momenten wirkt «American Pastoral» wie die abgefilmte Inszenierung auf einer perfekt eingerichteten Theaterbühne, auf der die Schauspieler darum so übertreiben, damit man ihre Gefühle auch in den hintersten Rängen mitbekommt. Das hat das Drama mit dem dritten mittelmässigen Film dieser Tage gemeinsam, der Künstlerbiografie «Egon Schiele: Tod und Mädchen» des Österreichers Dieter Berner, dessen Bühne allerdings nicht ganz so teuer aussieht. Berner erzählt das kurze Leben des grossen Malers und Zeichners nach, der kurz vor Ende des ersten Weltkriegs 1918 an der spanischen Grippe starb. Er wurde nur 28 Jahre alt, hat der Nachwelt aber mit die schönsten Gemälde und Zeichnungen aus der Zeit der Wiener Moderne hinterlassen. 

Noah Saavedra und Valerie Pachner als Egon und seine Geliebte Wally.

Berner erzählt von einem selbstbewussten jungen Mann (Noah Saavedra), der gegen die Armut anmalt, sich auch mal gegen den Vorwurf des Kindsmissbrauchs wehren muss – er arbeite, so finden die «bleichsüchtigen Moralisten» zu oft mit zu jungen Mädchen –, und dabei angewiesen ist auf die Unterstützung von fünf Frauen: seiner Schwester Gerti, seiner Geliebten Wally Neuziel, der Varété-Tänzerin Moa. Eher am Rand auch seine Ehefrau und seine Schwägerin, zwei Schwestern. Auch Berner setzt wie McGregor vor allem auf Dialoge, Kostüme und ein zu schönes Setting, aber zu wenig auf die Möglichkeiten, die das Kino hätte, um sich als Erzählerin von einem Hörbuch oder dem Theater abzuheben. 

5. Die Sache mit dem Künstlerportrait

  
Je mehr ein Regisseur, der ein Künstlerportrait macht, beweisen muss, dass er selber auch ein Künstler ist, desto schlechter wird der Film. Das gilt nicht für Stephen Frears und Jim Jarmusch.
(Von Denise Bucher)

Meryl Streep als die berühmteste schlechteste Sängerin der Welt.

Wenn Meryl Streep als «Florence Foster Jenkins» in Stephen Frears’ gleichnamigem Biographiefilm zum ersten Mal zum Singen anhebt, kommen einem die Tränen. Vor Lachen. Der junge Pianist, Cosmé McMoon, (Simon Helberg), der sie begleiten sollte, vergisst auf seine Pianotasten zu drücken, weil er sein Gesicht unter Kontrolle zu halten versucht. Nur Florences Ehemann St. Clair Bayfield (Hugh Grant) und ihr Maestro bleiben ruhig. Sie wissen längst, dass die Frau, die sich für die zweite Maria Callas hält, keinen Ton trifft. Ihr Mann hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Scheinwelt aufzubauen, in der seine Frau das sein kann, was sie zu sein glaubt: eine zweite Maria Callas. Das geht nur dank einer Menge Bestechungsgeldern: St. Clair erlaubt nur geladenen Gästen an Konzerten von Florence teilzunehmen. Der im Film nie ausgesprochene Deal heisst: Stillschweigen über ihr Gekreisch, frenetischer Applaus, für die Journalisten: Lobeshymnen publizieren. 

St. Clair kann sich das leisten, weil das Paar der High Society angehört. Das Publikum lässt sich nicht nur deswegen darauf ein, weil sie, wie im Zoo, einen Freak begaffen wollen, sondern vermutlich auch, weil so eine Einladung bedeutete, dass man zu einer exklusiven Gesellschaft dazugehörte. Florence Foster Jenkins hat es tatsächlich gegeben. Sie war in den 40er-Jahren eine New Yorker Berühmtheit. Man kann sich heute noch auf Youtube anhören, wie sie Mozart massakriert.

Hugh Grant als St. Clair, der Ehemann, Förderer und Beschützer von Florence.

Es gibt eine auffällige Häufung von Filmen über Foster Jenkins. Letztes Jahr lief «Marguerite» von Xavier Giannoli an, eine französisch-tschechisch-belgische Produktion, am 17. November kommt der Dokfilm «Florence Foster Jenkins Story» von Ralf Pleger in die Kinos.

Stephen Frears erzählt in seinem grossartig besetzten Biographiefilm aus den letzten und erfolgreichsten Jahren dieser tragischen Figur. Die Komödie ist darum so gut, weil Frears sich nicht über diese bizarre Gestalt lustig macht, sondern sie mit Respekt behandelt, sie ernst nimmt in ihrer Verrücktheit. So bleibt sie ein Mensch und verkommt nicht zur Comicfigur. Der Film lebt von sehr guter und vor allem kluger Situationskomik. Die Figuren sind keine Blödel-Stereotypen, sondern haben Tiefe. So fragt man sich die ganze Zeit, warum St. Clair das tut für Florence. Aus Egoismus, weil er ein Schmarotzer ihrer Berühmtheit ist? Oder doch aus Liebe oder Grosszügigkeit?

Simon Helberg als Pianist in «Florence Foster Jenkins»

Meryl Streep sieht so vergnügt aus beim Spielen wie schon lange nicht mehr. Die Probeszenen, wie oben geschildert, gehören zu den besten. Hugh Grant als ihr Ehemann überrascht. Ich erinnere mich an ihn als den nervös blinzelnden Schussel aus 90er-Jahre-Komödien wie «Four Weddings And A Funeral» und «Notting Hill». Aber der Mann ist ein besserer Schauspieler. Sehr oft widerspiegelt sich auf seinem Gesicht sehr glaubhaft der Kampf zwischen Verzweiflung, Panik und Gelassenheit. Am liebsten von allen hatte ich aber Simon Helberg als Cosmé. Man kennt ihn aus der Sitcom «The Big Bang Theory», wo er Howard Wolowitz spielt, einen neurotischen Weltraumingenieur und gescheiterten Astronauten. – Wenn der Pianist, den er jetzt spielt, nicht tatsächlich McMoon geheissen hätte, man hätte es sich keinen bessern Namen ausdenken können für ihn. 

Adam Driver als «Der Busfahrer, der Gedichte schreibt», wie ein Mädchen es in Jim Jarmuschs Künstlerportrait ausdrückt.

In Jim Jarmuschs wundervollem, witzigem Drama «Paterson» trägt die Hauptfigur denselben Namen wie die Stadt, in der er lebt: Paterson. Adam Driver, den ich in Lena Dunhams Serie «Girls» zum ersten Mal gesehen habe und der daran Schuld ist, dass ich den neusten «Star Wars» kenne, spielt den Busfahrer Paterson aus Paterson, New Yersey, der in seiner Freizeit Gedichte schreibt. Seine Inspiration zieht er aus der Welt, die tagaus, tagein an den Scheiben seines Gefährts vorbeizieht und aus Gesprächsfetzen seiner Passagiere. Patersons Frau Laura (Golshifteh Farahani) versucht ihn dazu zu überreden, seine Gedichte zu veröffentlichen. Oder wenigstens Kopien davon anzufertigen. Aber Paterson will nicht. Er schreibt die Gedichte, weil er Poesie liebt, und nicht, um damit berühmt zu werden. Er ist überhaupt sehr anders als seine Frau, die zuhause Stoffmuster entwirft – immer in schwarz-weiss, das halbe Haus ist schon schwarz-weiss –, von einem Cupcake-Business träumt oder davon, eine berühmte Countrysängerin zu werden, wobei ihr Markenzeichen dann die selbst designten Kleider wären, schwarz-weiss, passend zur Harlekin-Gitarre, die sie sich im Internet bestellt hat.

Laura und Paterson lieben einander sehr, obwohl sie wenig Gemeinsamkeiten zu haben. Laura, die immer zuhause sitzt, ist eine Suchende, die ständig Neues ausprobieren muss. Paterson, der den ganzen Tag lang mit dem Bus unterwegs ist, ist zufrieden mit seinem Leben. Äusserlich verläuft es immer in den gleichen Bahnen, innerlich aber verfügt es über diesen Reichtum an Poesie. Jarmusch zeigt das Paar während einer Woche, jeder Tag beginnt damit, wie Paterson seiner inneren Uhr folgend zwischen 6:10 und 6:30 Uhr aufwacht, zur Arbeit geht, abends in der Bar ein paar Strassen weiter ein einziges Bier trinkt, mit dem Bartender und den Stammgästen ein wenig oder auch mal sehr wenig diskutiert, während der Hund Marvey draussen auf ihn wartet. (Der Hund hasst ihn.) Trotz der Wiederholungen ist der Film nie langweilig. Im Gegenteil, denn innerhalb dieser Routine ereignet sich unerwartet viel. 

Golshifteh Farahani spielt Patersons Ehefrau, die so ganz anders ist als er selbst.

«Paterson» ist ein wunderschönes und humorvolles Portrait über einen Künstler, der gar keiner sein will. Weil Paterson eine fiktive Figur ist, kommt Jarmuschs Portrait ohne das aus, was Filme über reale Künstler oft so unerträglich macht: unnötig dramatisierte Momente der Inspiration. Diese wird üblicherweise als etwas sehr Esoterisches oder sehr Glamouröses dargestellt und zeigen die Momente, in denen die Muse den Künstler küsst, so, als ob dieser schon wüsste, dass es DAS jetzt sei, das ihm später einen Eintrag im Lexikon der Kunst bescheren würde. Der besprochene «Egon Schiele: Tod und Mädchen» zwingt einen dazu, die Filmbilder abzusuchen nach Posen, die man von seinen berühmtesten Gemälden her kennt. Bei «Cézanne et moi» (ab 6. 10. Im Kino) starrt Guillaume Gallienne als der Maler den Mont Sainte-Victoire, das wichtigste Motiv von Cézannes späteren Jahren, so an, als ob er vom Blitz getroffen worden wäre. Das wirkt unfreiwillig komisch.

Etwas, das Jim Jarmusch nie passiert.  

6. Menschen töten

 

Menschen seien die schlimmsten aller Tiere, sagt einer der Protagonisten in Ulrich Seidls Dokumentarfilm «Safari». Wie Recht er hat, kann man in «Deepwater Horizon» sehen, der eine Umweltkatastrophe auf ein Actionspektakel reduziert. Und «National Bird», einem beeindruckenden Dokumentarfilm über DrohnenpilotInnen, die nicht mehr morden wollen. (Von Denise Bucher) 

Mark Wahlberg als Mike Williams, einer der Cheftechniker auf der Ölbohrinsel «Deepwater Horizon». Williams war Techniker, Wahlberg ist Actionheld. 

«Die amerikanischen Filme sind alle gleich. Die Autoren schreiben wie nach Handbuch», sagte der englisch-irische Filmemacher John Michael McDonagh neulich an der Pressekonferenz zu «War On Everyone». «Deepwater Horizon» des amerikanischen Regisseurs, Schauspielers und Produzenten Peter Berg gibt McDonagh Recht. Der Film will mit viel Pathos, Drama und noch mehr Explosionen nacherzählen, was am 20. April 2010 auf der Ölplattform «Deepwater Horizon» im Golf von Mexiko geschah.

Berg tut alles, was er kann, damit jeder von Anfang an merkt, dass das jetzt im Fall der schicksalhafte Tag ist: Man sieht Aufnahmen von einem Rohr, das in der Dunkelheit des Meeres aus dem Boden aufsteigt: das Bohrloch. Rundherum brodelt und zischt es. Die Kamera fokussiert auf eine aufsteigende Blase, dazu hört man Geräusche, die wie eine Steinlawine klingen. Schnitt. Mike (Mark Wahlberg) und Felicia (Kate Hudson) geben das glückliche Ehepaar im von der Sonne gefluteten Schlafzimmer, das 10-jährige Töchterlein liest beim Frühstück einen Aufsatz vor, in dem es beschreibt, was der Papa von Beruf so macht: «He tamed the dinosaurs». Er hat die Dinosaurier gezähmt, die über Jahrmillionen zu Öl wurden, das unter dem Meer ruht und jetzt von der Firma Transocean für BP gefördert wird. Um zu illustrieren, wie Papa dieses Öl aus dem Boden holt, steckt sie ein Röhrchen (aus Metall?) in eine Cola-Dose (die ansonsten noch dicht verschlossen ist - wichtig!), schüttet Honig hinein, um irgendeinen Arbeitsvorgang zu demonstrieren. Während die Eltern dem Vortrag applaudieren, baut sich Druck auf in der Dose und schon schiesst eine Cola-Fontäne gegen die Decke. Kreischende Mutter, lachender Vater, Riesensauerei. Später bittet Mikes Chef einen Mitarbeiter von BP, seine magentafarbene Krawatte auszuziehen, wenn er jetzt mit hinauskomme auf die Ölplattform. «Magenta-Alarm ist der schlimmste bei uns auf der Deepwater Horizon.» Das sind nur zwei von noch ganz vielen Szenen, die auf die nahende Katastrophe hindeuten. Filme, die so funktionieren, müssen jeden Abergläubigen in seinen Ängsten bestätigen.  

Die «Deepwater Horizon» kurz vor ihrem Untergang.

Das Resultat dessen, was nicht nur als eine Reihe von Fehlern inszeniert ist, sondern das in der Realität auch war, kennen wir heute als die schlimmste aller Ölkatastrophen. Bergs spektakuläre Inszenierung von dieser aus dem Boden herausbrechenden Mischung aus Öl und Gas, resultierend in Feuer und Rauch, erinnert ebenso an Höllendarstellungen wie an das so oft verwendete symbolhafte Sich-Wehren der Natur gegen den Menschen. Was aber die Konsequenzen dieses «Blowout» waren für die Natur, interessierte Berg dann nicht mehr. Er fokussiert auf Helden und Opfer, nennt im Abspann die Namen der elf Männer, die bei der Explosion der «Deepwater Horizon» ums Leben kamen und führt nur an, dass sich in 87 Tagen gegen 800 Millionen Liter Öl ins Meer ergossen haben. Punkt. Berg instrumentalisiert diese gigantische Naturkatastrophe, verursacht durch Gier und Leichtsinn, für ein viel zu lautes Spektakel. Das ist moralisch fragwürdig.

Wenn man nachliest, was sich auf der Plattform tatsächlich abgespielt hat, ist von einer Explosion die Rede. Danach ist ein Feuer ausgebrochen. Die Bohrstelle liegt inmitten eines Tierschutzgebiets. Laut amerikanischen Meeresbiologen liegen heute in 1000 Meter Tiefe auf einer Fläche von 3200 Quadratkilometern immer noch 320 Millionen Liter Öl. Das Leben darunter stirbt ab, es gibt keine Bakterien, die es zersetzen würden. Die Ölpest kostete viele Fischer ihren Job, tausende Tiere starben. 2013 wurden in der Region dreimal mehr tote Delfine gefunden als sonst. Aber das ist halt nicht so spektakulär wie eine absaufende Bohrinsel. 

Mutter und Tochter schwärmen vom Töten in Ulrich Seidls «Safari».

Der österreichische Regisseur Ulrich Seidl ist das Gegenteil von Peter Berg. Er setzt auf Nüchternheit und schockiert damit erst richtig. Seine entblössenden Filme über menschliche Abgründe verursachen Albträume und Übelkeit, Wut, Hass, Abscheu, wenn’s gut kommt, nur Mitleid. Zuletzt hat er in im Dokumentarfilm «Im Keller» davon erzählt, was Menschen in diesen verborgenen Räumen so treiben. Seine Trilogie «Paradies» mutete zwar sehr ähnlich an wie seine Dokumentarfilme, erzählt aber fiktive Geschichten: von einer Sextouristin in Kenia, von einer Frau, die in Wien missioniert, und von einem übergewichtigen Teenager-Mädchen, das sich zum ersten Mal verliebt, unglücklich natürlich.

Jetzt stellt Seidl in seinem Dokumentarfilm «Safari» reiche Österreicher zur Schau, die nach Afrika in die Ferien fahren, um zu töten. Sie gehen auf Safari und erlegen Tiere. «Das Wort töten habe ich nicht so gern», sagt die Dame, die mit ihrer stets in Beige gekleideten Vorzeigefamilie angereist ist. «Ich sage lieber ‚verenden’.» Tochter, Sohn und Mann finden das Jagen genauso geil wie sie. Neben der Familie kommen noch zwei, drei andere Paare zu Wort, sie auseinanderzuhalten, ist schwierig. Alle sind etwa gleich alt und ähnlich jämmerlich. Einer kann kaum mehr ohne Hilfe gehen, trinkt Bier im Schiessstand und schläft, bis die Sonne untergeht. Aber wenn er nach Hause kommt, wird er ganz bestimmt damit prahlen, auf Safari gewesen zu sein. 

Seidl zeigt seine Opfer wie üblich als tableau vivants, zentriert hineingesetzt in Bild. Menschen in ihrem Habitat, wie Exponate eines Zoos. Er lässt sie reden über die Erfahrungen beim Jagen, über die Anspannung vor dem Schuss, das Zittern danach, die Gefühle, ihrer Lieblingsgewehre, wieviel man für welches Tier zazlt. «Mi tät o Elefont no reizen», sagt der beige gekleidete Sohn. «O Elefont? Naaa. Mi net», sagt seine Schwester. «Von die gibts nu no so wenige». - «Oder o Schiraffe. So aane wär o guat», sagt der Bruder.

Seidl begleitet seine Portraitierten natürlich auch auf der Jagd. Die läuft immer so ab: Anpirschen – schiessen – warten («Du musst dem Tier Zeit geben.») – stolz die Beute betrachten – das tote Tier streicheln («Guter Kämpfer, mein Freund.») – posieren fürs Foto – Tier häuten. Das machen die Killertouristen nicht selbst. Die blutige Arbeit erledigen die Einheimischen, die als Lohn offenbar die Fleischstücke bekommen, die die Reichen nicht für sich haben wollen. (Wofür auch immer.) Seidl zeigt die Helfer dann, wie sie an Knochen nagen, auch sie schön arrangiert und zentriert im Bild, aber stumm. («Also, ich habe keine Probleme mit den Schwarzen, die sind alle sehr nett und hilfsbereit.» - «Ist doch gut, dass wir hierherkommen. Da verdienen sie wenigstens was daran.»)

Weil sie ja Jäger sind, sprechen die Touristen auch so: «Wir gucken mal nach Schweiss.» Das heisst wohl Blut. «Hat er gezeichnet?» Das bedeutet vielleicht ‚eine Spur hinterlassen’. Sie sagen nicht «Tier», sondern «Stück». Als ob die codierte Sprache ihre Tätigkeit weniger primitiv machen würde! In meinem Bauch beginnt sich Wut auszubreiten. Der Seidl funktioniert mal wieder. Als der beige Vater eine «Schiraffe» schiesst und das Menschengrüppchen rechts im Bild steht, in der Mitte das sterbende Tier und links im Hintergrund die Giraffengruppe, zu der das geschossene Tier gehört hat, wünsche ich mir, dass sich ein Löwe anschleichen und einen von diesen Hobbyjägern zerfetzen möge.

Es ist nicht Seidls bester Film, die Botschaft ist für seine Verhältnisse fast ein wenig zu einfach. Ja, Menschen sind die schlimmsten Tiere, vor allem, wenn man ihnen Waffen in die Hand drückt. 

Sonia Kennebeck, die Regisseurin des beeindruckenden Dokumentarfilms «National Bird». 

Heather wünschte sich, man hätte ihr gar nie eine Waffe in die Hand gegeben. Sie ist eine der Hauptfiguren im Dokumentarfilm «National Bird» der Amerikanerin Sonia Kennebeck. Wobei: Eigentlich hatte Heather die Waffe nur indirekt in der Hand. Sie sass irgendwo in den USA am Computer und steuerte die Drohnen, die in Pakistan und Afghanistan vermeintliche Terroristen töteten. Sie erzählt davon, wie sie den Zynismus ihrer Vorgesetzten nicht mehr ertrug, wenn die auf den Knopf drückten, obwohl Kinder ins Fadenkreuz hüpften.

Heather ist eine von drei WhistleblowerInnen, die der Öffentlichkeit davon erzählen, dass das Drohnenprogramm der US-Air-Force viel tödlicher ist als es die Regierung darstellt. Diese spricht von «chirurgischen Angriffen», Heather, Daniel und Lisa erzählen von unzähligen getöteten Zivilisten. Zusammen mit Lisa, die jetzt humanitäre Arbeit leistet, besucht Kennebeck eine Familie, die bei einem Drohnenangriff viel zu viele Angehörige verloren hat, auch Kinder. Sie besucht eine Klinik, wo Amputierte ihre Prothesen bekommen. Frauen und Männer sprechen von ihrer Angst vor dem unsichtbaren Feind, von ihren Träumen, die der Krieg zerstört. Von Daniel erfährt man, dass er vom FBI überwacht wird und nie weiss, ob und wann sie ihn mit welchem Vorwurf konfrontieren, weil er ausgepackt hat. Er könnte wegen Verrats für mehrere Jahre ins Gefängnis wandern. Heather kämpft vor allem dafür, dass man anerkennt, dass auch Leute wie sie, die nur vom Computer aus Krieg geführt haben, am posttraumatischen Stresssyndrom erkranken können.

Am schlimmsten sind die Szenen, in denen Kennebeck Originalaufnahmen zeigt, wie Drohnenpiloten sie auf ihrem Bildschirm haben. Man hört, wie die Männer darüber diskutieren, ob man da jetzt zuschlagen solle oder nicht. «Sind das Kinder?» - «Wo? Nein, ich glaube nicht. Und wenn schon. Fire!»

7. Was Lady Macbeth mit Hillary Clinton zu tun hat

 

Es wäre Zeit für etwas Erhebendes. Aber entweder laufen nur wenige fröhliche Filme an diesem Festival oder ich plane schlecht. Im Folgenden geht es um Korruption, amerikanische Neonazis, eine blutrünstige Adelige und jugendliche Attentäter in Paris. (Von Denise Bucher)

Adrian Titieni und Maria-Victoria Dragus als Vater und Tochter in «Bacalaureat».

«Bacalaureat», das Drama des rumänischen Regisseurs Cristian Mungiu, erzählt von Romeo Aldea (Adrian Titieni), einem Arzt aus einer Stadt in den Bergen Transsylvaniens. Er hat seine Tochter Eliza (Maria-Victoria Dragus) mitten in diesem korrupten Staat zu einem ehrlichen Menschen erzogen. Sie ist eine Musterschülerin und hat ein Stipendium in Cambridge in Aussicht. Sie muss nur noch die Matura bestehen. Doch dann, kurz vor den Prüfungen, geschieht ein Unglück. Die kluge junge Frau droht zu scheitern. Das bringt ihren Vater deutlich mehr aus dem Konzept als sie selbst. Dieser will unbedingt, dass Eliza ihr Heimatland verlässt, weil man in Rumänien als ehrlicher Mensch nur unter grössten Anstrengungen Aussicht auf eine Karriere und damit auf ein gutes Leben hat. Weil das Reglement der Schule nicht vorsieht, dass eine Schülerin kurz vor dem Abschluss einem Angriff zum Opfer fallen und psychisch und physisch verletzt zu den Prüfungen erscheinen könnte, glaubt Romeo tun zu müssen, was er verabscheut: sich auf Korruption einlassen. «Ich kümmere mich darum», ist ein Satz, den er immer wieder sagt. Denn Eliza ist nur eine, auf die er aufpassen muss. Da ist noch seine herzkranke Mutter, seine liebeskranke Geliebte und seine schwermütige Frau.

«Bacalaureat» ist ein unaufgeregt erzählter, aber spannender Film voller interessanter Figuren, die alle in komplexer Beziehung zueinander stehen, wobei Romeo der Knotenpunkt ist. Der Film ist politisch, aber ohne einem seine Botschaft ins Gesicht zu schreien. Er portraitiert einen kaputten Staat am Rande Europas, ist aber doch voller Hoffnung. Sein subtiler Humor fühlt sich am Ende fast an wie eine sachte Umarmung. «Bacalaureat», der Nachfolger von Muncius Drama «4 Months, 3 Weeks and 2 Days» über eine illegale Abtreibung, der 2007 die goldene Palme in Cannes gewonnen hat, reiht sich in meiner Rangliste zuoberst in der Nähe von «American Honey» und «Trespass Against Us» ein.  

Daniel Radcliffe als falscher Neonazi im lahmen Thriller «Imperium».

«Imperium» landet am hinteren Ende. Der lahme Thriller ist der erste Langspielfilm des Daniel Ragussis und schon wieder eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruhen soll. Ich mag es lieber, wenn Filmemacher sich als Geschichtenerfinder verstehen und nicht als Boulevardjournalisten. «Imperium» ist darum so schwach, weil er ein komplexes und vor allem wichtiges Thema so sehr simplifiziert, dass daraus ein flaches Stück Unterhaltung wird. Es geht um Rechtsextremismus. Daniel Radcliffe spielt den FBI-Agenten Nate, der sich in die Neonazi-Szene im Umland von Washington einschleust, um einen Anschlag aufzudecken, der anscheinend in Planung ist. Davon ist seine Nikotinkaugummis kauende Vorgesetzte Angela Zamparo (Toni Collette) zumindest überzeugt.

Kaum ist beschlossen, dass Nate sich des Falls annehmen soll – er will unbedingt, weil er sich in seinem Team beweisen muss –, ist er auch schon mittendrin in einem Ring aus Neonazis. Auch sonst geht alles viel zu glatt, die Dialoge sind zu geschliffen, die Figuren kaum mehr als Schablonen. Das alles geht auf Kosten der Glaubwürdigkeit. Schlimm ist, dass die Neonazis als ein Haufen Freaks erscheinen, die man mit Links austricksen könnte, wenn man nur wollte. Es ist schon wieder so ein Drehbuch, das nach Handbuch geschrieben wurde, von einem Filmstudenten, der alles richtig machen will und darob vergisst, eine eigene Handschrift zu entwickeln.

Florence Pugh ist grossartig als leidenschaftlich Liebende in «Lady Macbeth».

William Oldroyd beweist in «Lady Macbeth», seinem ersten Langspielfilm, eine sehr schöne Handschrift. Der Brite hat aus der Novelle «Die Lady Macbeth von Mtsensk» (1865) des russischen Schriftstellers Nikolai Leskow ein schwarzhumoriges Drama gemacht. Leskows Novelle war damals im Dostojewskis Zeitung «Epoche» erschienen und hätte der Anfang zu einer Reihe von Charakterstudien über die russische Frau werden sollen, aber daraus wurde nichts, weil Dostojewski das Geld ausging. Das Tun der Lady erinnert zwar sehr an dasjenige der Lady in Shakespeares «Macbeth», aber anscheinend bezog sich Leskow auf einen Gerichtsfall.

Katherine (Florence Pugh) muss einen viel älteren Landadeligen heiraten, einen Fiesling und Frauenhasser. Sie muss nicht nur diesen, sondern auch noch dessen Vater ertragen, der sie genauso herablassend behandelt. Als die beiden Tyrannen für längere Zeit aus dem Haus sind, lässt Katherine sich, zu Tode gelangweilt und vom Korsett um die Luft zum Atmen gebracht, auf eine Affäre ein mit dem Stalljungen Sebastian (Cosmo Jarvis). Es entwickelt sich daraus eine leidenschaftliche Liebe, für die Katherine wortwörtlich alles tut und auch vor Mord nicht zurückschreckt.

Oldroyd kommt vom Theater, das merkt man seiner Arbeit an, aber in einem guten Sinn: Statt das viktorianische England wiederaufleben lassen zu wollen, verwendet er die Epoche als Bühne für eine eigene rohe Inszenierung und macht aus der literarischen Vorlage ein filmisches Kunstwerk. Optisch erinnert «Lady Macbeth» manchmal an «Wuthering Heights» von Andrea Arnold. Und was den Inhalt angeht, so musste ich ab und zu an Hillary Clinton denken. Nicht weil ich die Präsidentschaftskandidatin für blutrünstig hielte. Sondern weil ich mir wünschte, die Öffentlichkeit wäre ihr gegenüber auch so tolerant wie Oldroyd seiner Heldin gegenüber. Katherine ist leidenschaftlich, resolut, brutal, sie will Macht, sie macht, was sie will. Sie vereint Eigenschaften in sich, die man einer Frau nicht gern zugesteht. Aber Oldroyd lässt sie machen und verurteilt sie nicht dafür. Hillary Clinton vereint auch einiges in sich, das viele nicht als ladylike bezeichnen – aber ohne dabei zu hinterfragen, was «ladylike» sei und warum. Ist Hillary deshalb so unbeliebt? In der Huffington Post gibt es dazu einen interessanten Artikel zu lesen

Jugendliche planen Anschläge auf ihre Heimatstadt Paris: Szene aus «Nocturama».

Über «Nocturama» von Bertrand Bonello zu schreiben, ist schwierig. Seine Erzählweise ist von einer cineastischen Wucht, dass Worte zu wenig sind für diese Fülle an Informationen: die Handkamera-Bilder, die Musik, die Geräusche, die Art der Montage, die Dialoge, aber auch das Schweigen verweben sich zu einem Ganzen, das unglaublich intensiv und verstörend ist. Verstörend vor allem darum, weil die Realität mittlerweile eingeholt hat, was bei Drehbeginn noch Fiktion war: Es geht um neun Jugendliche, die in Paris eine Serie von Anschlägen planen, die sich zeitgleich ereignen sollen. Die jungen Frauen und Männer kommen aus verschiedenen ethnischen und sozialen Schichten, sie haben kein religiöses Motiv, wie man erwartet, dass Attentäter es haben müssten. Sie handeln aus Orientierungslosigkeit, aus einem nicht näher definierten Hass auf die Gesellschaft heraus, aus Langeweile sogar, man weiss es nicht genau.

Es gehört zu den Stärken des Dramas, dass so vieles offengelassen wird. Die ersten circa 15 Minuten spricht niemand ein Wort. Man sieht die Protagonisten mit der Metro quer durch Paris fahren, hier etwas deponieren, da etwas abholen, Handys in Abfalleimer schmeissen, Sicherheitssysteme manipulieren. – In einem Schweizer Film wäre längst alles erklärt worden, unser Kino erträgt das Schweigen nicht. Die Eröffnungssequenz wirkt wie eine gigantische Choreographie, die sich über ganz Paris erstreckt. Man bekommt schnell das Gefühl, dass wenn einer einen Fehltritt machen würde, die ganze Gruppe ins Wanken geriete. In Rückblenden, die man zuerst gar nicht als solche erkennt, erfährt man in Bruchstücken ein paar Details darüber, wie sie einander kennengelernt haben. Die Handlung ist aber nicht rückwärts, sondern nach vorne orientiert. Auf das Gelingen des Anschlags.

Und auf einmal will man selber auch, dass es ihnen gelingt. Im nächsten Moment versucht man diese Sympathien für die Attentäter bereits wieder abzuschütteln. Aber Bonello macht es einem nicht leicht, denn im zweiten Teil reduziert er das Tempo und zeigt die Jugendlichen, die sich in ein luxuriöses Warenhaus zurückgezogen haben, während draussen die Sirenen heulen und Helikopter fliegen. Jetzt hat man Zeit, die Figuren besser kennenzulernen und zwar anhand ihrer unterschiedlichen Reaktionen auf die künstliche heile Warenwelt, in die kein Geräusch eindringt und wo es keine Fenster gibt, durch die sie beobachten könnten, was draussen los ist. Sie, die es gewohnt sind, jeden Gedanken und jede Handlung sofort mit anderen zu teilen, sitzen hier in Isolation. Das wird ihnen zum Verhängnis.

«Nocturama» ist ein Film, den ich nie mehr vergessen werde. Umso unverständlicher ist es, dass ein Werk, das ein so schwieriges und aktuelles Thema auf so verstörend-faszinierende Art und Weise darstellt, bis jetzt keinen Schweizer Verleiher gefunden hat. 

8. Die Schweiz hat keine Chance gegen Frankreich


Olivier Assayas' Thriller «Personal Shopper» und Morgan Simons Vater-Sohn-Geschichte «Compte tes blessures» sind zwei Filme, die auf jeweils unterschiedliche Weise unter die Haut gehen. Dem Sci-Fi-Drama «Stille Reserven» hingegen fehlt das Drastische.
 (Von Denise Bucher)    

Kristen Stewart ist grossartig in Olivier Assayas' «Personal Shopper».

Warum nur wurde dieser Film in Cannes ausgebuht? Olivier Assayas’ «Personal Shopper» ist ein hervorragend schön gefilmter, spannender und ebenso melancholischer wie kluger Thriller.

Maureen (Kristen Stewart) hat vor drei Monaten ihren Zwillingsbruder Lewis verloren. Sein Herz, das denselben Fehler hatte wie ihres, hat versagt. Weil die Geschwister einander geschworen hatten, dass derjenige, der zuerst stirbt, dem anderen aus dem Jenseits eine Nachricht schickt, will Maureen in Paris bleiben, wo Lewis zuletzt gelebt hat, und auf diese Nachricht warten. Maureen hat, wie Lewis auch, die Fähigkeit eines Mediums. In ihrer Freizeit bietet Maureen anderen ihre übersinnlichen Fähigkeiten an. So sieht man sie in der Eröffnungssequenz nachts in einer alten Villa umherwandern, um für potenzielle Käufer herauszufinden, ob es darin wirklich spuke oder nicht. Wenn sie keine Geister jagt, ist sie «personal shopper» für Kyra, eine junge, arrogante Diva, die aus nicht näher beschriebenen Gründen berühmt ist und Kleider und Schmuck für ihre Auftritte braucht. Die einzige Regel: Maureen darf die Sachen nicht anprobieren. Als sie für Kyra nach London fahren muss, erhält Maureen auf einmal SMS von einer unbekannten Person. Ist es Lewis? Ist es ein anderer Geist? Oder doch eine lebende Person? Der geheimnisvolle Absender will von Maureen wissen, ob sie gern jemand anderes wäre. Sie sagt ja, weiss aber nicht, wer. Später fordert er sie auf, ihre Ängste zu überwinden und Maureen fängt an, Kyras Kleider zu tragen. Als sie, wieder zurück, in ihrem Briefkasten den Schlüssel zu einem Hotelzimmer findet, wird es erst richtig unheimlich.

Was so beschrieben nach nicht viel mehr als einer merkwürdigen Geistergeschichte klingt, ist in Wahrheit viel mehr. Hinter der Spuk-Fassade ist «Personal Shopper» ein vielschichtig angelegter Essay über den Prozess des Trauerns. Eine Studie über die Einsamkeit des Trauernden, über die Enge, die den Obsessiven plagt.

Seit Maureens Bruder tot ist, hat die junge Frau den Boden unter den Füssen verloren. Sie steht zwischen den Welten: derjenigen der Toten und der Lebenden. Derjenigen des Spirituellen und dem Materialismus: Wie Lewis für sie unerreichbar ist, lebt auch Kyra in Sphären, zu denen Maureen keinen Zugang hat. Während sie auf eine Botschaft von Lewis wartet, erreichen sie in einer etwa 20-minütigen Sequenz stattdessen diese mysteriösen SMS-Nachrichten. Assayas verwebt diese Nachrichten mit Maureens Reise von Paris nach London und zurück. Überhaupt ist die Geschichte, obwohl sie linear erzählt ist, aufregend vieldeutig. Die Kameraarbeit ist hervorragend, Kristen Stewart ebenso. Sie ist in jeder Szene zu sehen und trägt damit den ganzen Film auf ihren diesemal sehr zerbrechlich wirkenden Schultern. Andere dürfte so eine Aufgabe überfordern, Stewart geht in der Rolle auf. Man hat von ihr viel zu lange gesag, sie sei ein Teenie-Star. Mittlerweile gehört sie zu meinen Lieblingsschauspielerinnen; spätestens seit «Clouds of Sils Maria», dem Vorgänger von «Personal Shopper», in dem sie auch schon eine Assistentin spielte, diejenige der alternden Schauspielerin Maria Enders (Juliette Binoche). Binoche war das Herz des Dramas, Stewart das pulsierende Blut.

Kévin Azaïs als Vincent in «Compte tes blessures» von Jungregisseur Morgan Simon.

«Compte tes blessures» von Morgan Simon hat ebenfalls in Cannes Premiere gefeiert und handelt ebenfalls von Familienbanden, die durch einen Todesfall strapaziert werden. Es ist sein erster Langspielfilm. In einem Interview sagte Simon, er versuche freies und offenherziges Kino zu machen. Genau so fühlt sich «Compte tes blessures» an.

Vincent (Kévin Azaïs) ist Sänger einer Post-Hardcore-Band und Fan von Tattoos, sein Oberkörper ist übersät damit. Nachdem seine Mutter gestorben ist, lässt er sich ihr Portrait auf die eine Seite des Halses stechen, auf die andere Seite dasjenige seines Vaters Hervé (Nathan Willcocks), bei dem er noch wohnt. «Was soll das? Du weisst, dass deine Mutter kahl war am Ende», kommentiert der Vater das eine Bild. «Soll ich das sein?», sagt er zum anderen Tattoo. «Ich hätte lieber gehabt, du hättest ein Bild als Vorlage genommen, auf dem ich lächle.»

Während Vincent den Tod seiner Mutter nur schwer verkraftet, und sich bei seinen Konzerten den ganzen Schmerz aus dem Leib schreit, hat sich sein Vater bereits eine neue Frau zugelegt. Julia (Monia Chokri) ist viel jünger als Hervé und würde viel besser zu Vincent passen, der in ihr tatsächlich alles andere sieht als seine Stiefmutter.

«Compte tes blessures» erzählt ohne unnötiges Pathos, stattdessen einfach und direkt von der Rivalität zwischen Vater und Sohn. Von zwei Männern, die zwar seit 24 Jahren im gleichen Haus leben, aber einander doch kaum kennen. Alles, was Vincent sich wünschte, wäre, dass der Vater ihm einmal im Leben sagt, dass er ihn liebt. Aber der kann das nicht, oder hält es nicht für nötig. Man hat den Eindruck, er verachte seinen Sohn, weil dieser die Schule nicht abgeschlossen und keinen richtigen Job hat. «Count Your Blessings» steht quer über Vincents Brust geschrieben, «schätz dich glücklich». Es klingt wie ein Wunsch, der, in die Haut gestochen, zu seinem Herzen durchdringen soll. Die Rolle des Vincent ist mit Kévin Azaïs sehr gut besetzt. Er ist ein Schauspieler mit einer elektrisierenden Ausstrahlung und gibt sich voll in die Rolle hinein, wie schon 2014 in «Les combattants», dem Drama von Thomas Cailley, in dem er neben Adèle Haenel einen zum Ausscheren verführten Rekruten spielte. 

Vom Inneren eines Versicherungskonzerns aus wird in «Stille Reserven» die Gesellschaft kontrolliert.

Der schwächste Film von heute ist «Stille Reserven» von Valentin Hitz. Der Science-Fiction-Film ist eine schweizerisch-deutsch-österreichische Produktion. Wie schon bei «Miséricorde» scheint jemand darauf geachtet zu haben, alles etwas zu genau zu erklären und niemandem zu sehr wehzutun. Das nimmt der eigentlich krassen Geschichte die Wucht, die sie haben könnte. Es geht um einen übermächtigen Versicherungskonzern, der in einem Wien der nahen Zukunft ein totalitäres System aufgebaut hat, indem er den Menschen das Recht auf den Tod wegnimmt. Das heisst: Wer keine Todesversicherung hat und bei einem Unfall lebensgefährlich verletzt wird oder an einer Krankheit oder Altersschwäche zu sterben droht, der wird eingesammelt und in einem gigantischen Menschenlager mittels Maschinen solange künstlich am Leben erhalten, wie der Konzern das «Material» physisch oder geistig noch irgendwie verwenden kann. Wie in jeder Dystopie gibt es neben dem Karrieristen, einem der vielen Rädchen im kalt glänzenden Apparat, auch die Rebellen am Rand der Gesellschaft, die sich gegen das System auflehnen. Hier sind der Versicherungsagent Vincent (Clemens Schick) und die Aktivistin Lisa (Lena Lauzemis) die Opponenten. Sie sollen einander eigentlich ausspionieren, aber dann kommen ihnen Gefühle in die Quere.

Die Vorstellung, dass ein Konzern den Menschen das Recht auf den Tod nimmt, ist grässlich. Die Vorstellung, in einem totalitären System leben zu müssen, sowieso. Trotzdem verursacht die filmische Umsetzung dieser an sich beunruhigenden Idee keine Albträume. Dafür meint Hitz es zu gut mit seinen Figuren. Sie werden zwar alle von diesem Versicherungskonzern überwacht und drangsaliert, sind aber doch erstaunlich wenig Willkür ausgesetzt. Statt uns vor den Kopf zu stossen, wird in «Stille Reserven» alles auserzählt und das auch noch sehr gemächlich. Es fehlt in vielerlei Hinsicht an Aggressivität. 

 

Korrektur: In der ursprünglichen Version dieses Textes war fälschlicherweise vom SRF-Logo die Rede. Korrekt wäre SRG SSR. Die fragliche Passage, auf die sich der untenstehende Kommentar bezieht, wurde darum gelöscht. 

9. Meine 10 Lieblingsfilme

 

Die Bilanz nach elf Tagen: Von 30 Filmen fand ich nur sechs schwach. Und ich hätte mir noch viel mehr angesehen, wenn die Zeit gereicht hätte. Hier ist die Liste mit meinen zehn Lieblingsfilmen. (Von Denise Bucher)

 
Ich mag die Filmfestivals in Solothurn und Locarno sehr. Allerdings ist bei letzterem etwas passiert, das bisher noch nie vorkam: Es gab nichts zu sehen. Zumindest nicht in den Tagen, die ich dort war. Auf der Piazza bin ich jedes Mal eingeschlafen, das restliche Programm hatte so wenig zu bieten, dass meine Begleiterin irgendwann vorschlug: «Gehen wir irgendwohin in ein Kino? Nach Lugano vielleicht? Von mir aus können wir uns ‚Ghostbusters’ anschauen. Ich möchte einfach endlich mal einen Film sehen, der aussieht wie ein Film!» Wir haben dann zum Glück «Glory» von Kristina Grozeva and Petar Valchanov und «The Last Family» von Jan P. Matuszy?ski entdeckt und sind geblieben. Am ZFF ist dieses Jahr das Gegenteil geschehen. In elf Tagen habe ich 30 Filme gesehen und längst nicht und nicht alles geschafft, was mich interessiert hätte. Von all den Filmen fand ich nur sechs schwach.

Umso weniger verstehe ich, warum viele das Festival immer noch schlechtreden. Warum man Glamour in Cannes glamourös findet und in Zürich peinlich. Warum Sponsorenveranstaltungen hier schlimmer sein sollen als anderswo. Seien wir doch froh, dass es dieses Filmfest überhaupt gibt. So hat man die Gelegenheit, die besten Filme aus Cannes, Sundance oder Toronto zu sehen, auf die man sonst lange warten müsste. Wenn man in regulären Vorstellungen sass, war das Publikum so jung wie man es sonst im Kino selten antrifft. In den Multiplexhallen der Arena kamen einem ständig Gruppen von Jugendlichen und Kindern entgegen, die aufgeregt über das gerade eben Gesehene und Erlebte diskutierten. Wer weiss, vielleicht ist ja der eine oder die andere auf den Geschmack gekommen und geht jetzt auch das Jahr über ab und zu ins Kino. Wenn ein Festival es schafft, bei einem (jungen) Publikum die Liebe zum Film zu wecken, dann hat es seinen Zweck erfüllt. Egal, ob es in Locarno, Solothurn oder hier stattfindet.

Und das sind die 10 Filme, die mir am meisten Eindruck gemacht haben:

Nocturama (Bertrand Bonello, Frankreich/Deutschland/Belgien)

Das Drama über neun Jugendliche, die in Paris einen Anschlag planen und durchführen, ist etwas vom Beunruhigendsten, das ich seit langem gesehen habe. Die Geschichte ist klug konstruiert und montiert, sehr gut inszeniert. Ich fand den Film darum so stark, weil man sich nicht dagegen wehren kann, mit diesen Terroristen zu sympathisieren. Verstörend. Auch darum, weil die Geschichte, die bei ihrer Entstehung noch Fiktion war, mittlerweile Realität geworden ist. 

   

Personal Shopper (Olivier Assayas, Frankreich)

Das Drama mit der überragend guten Kristen Stewart ist ein als Geistergeschichte getarntes Drama über die Einsamkeit und Verlorenheit eines trauernden Menschen. Es gibt viele Filme über das Trauern. Aber sowas habe ich noch nie gesehen. Filme, die einen sowas sagen lassen, sind selten geworden.

     

American Honey (Andrea Arnold, UK/USA)

Ich bin ein Fan von Andrea Arnold. Besonders wegen «Fish Tank» und «Wutherin Heights». Das Talent der Britin, aus Alltäglichem, auch Unschönem etwas Lyrisches zu machen, fasziniert mich. Sie erzählt direkt und offen von Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben, ist mit der Kamera immer mittendrin und gibt einem das Gefühl, entweder Verbündeter oder Voyeur zu sein. Darum war ich sehr gespannt auf «American Honey». Das Roadmovie über Jugendliche der amerikanischen Unterschicht ist ein in sinnlichen, üppigen Bildern gefilmtes Portrait einer verlorenen Generation.

    

Trespass Against Us (Adam Smith, UK)

Fassbender ist grossartig (wie immer) in diesem komödiantischen Drama um einen irischen Clan von Kleinkriminellen. Er spielt einen Vater, der mit seiner kleinen Familie vom übermächtigen Oberhaupt (Brendan Gleeson) des Clans loszukommen versucht. Der Film ist einer der lustigsten, den ich am Festival gesehen habe. Er ist darum so stark, weil der Humor ein Vehikel ist für Sozialkritik. Hinter dem Katz-und-Maus-Spiel zwischen Clan und lokaler Polizei geht es um die Frage, ob Kinder einer armen Familie jemals die Chance auf ein normales Leben haben können. 

     

Paterson (Jim Jarmusch, Frankreich/Deutschland/USA)

Adam Driver spielt einen Gedichteschreibenden Busfahrer, der ein geordnetes Leben und eine glückliche Ehe führt. Das klingt nach der schlechtest möglichen Ausgangslage für einen guten Film. Aber Jim Jarmusch macht daraus ein wundervolles Künstlerportrait. Von einem, der gar kein Künstler sein will, der nur darum schreibt, weil er Poesie liebt. Seine Frau ist sein Gegenstück: Sie möchte eine Countrysängerin sein, berühmt für ihre selbst designten Kleider. «Paterson» ist ein Film das Träumen, erzählt in kontemplativer Langsamkeit, aber ohne jemals Langeweile zu verbreiten. 

       

Lady Macbeth (William Oldroyd, UK)

Das Schöne an diesem Historienfilm ist, dass er nicht wirkt wie ein Historienfilm. Oldroyd verwendet das18. Jahrhundert als Kulisse für eine Geschichte, die etwas Zeitloses hat. Florence Pugh ist hervorragend als sture, leidenschaftliche und kompromisslose Frau, die alles tut für die Liebe, sich dabei aber verrechnet. Mir gefiel besonders die rohe, einfache Bildsprache dieses ebenso humorvollen wie brutalen Films.

   

Bacalaureat (Cristian Mungiu, Rumänien)

Was tut man als Vater, wenn man in einem korrupten Staat wie Rumänien lebt, seine Tochter aber zu einer ehrlichen Bürgerin erziehen will? Man sieht zu, dass sie so schnell wie möglich das Land verlässt, sprich: im Ausland studiert. Und was macht man, wenn man sich darum plötzlich dazu gezwungen sieht, das Spielchen mit den Gefälligkeiten mitzuspielen? Ein spannendes und entlarvendes Drama über das Leben in einem Staat am Rand Europas.

   

Compte tes blessures (Morgan Simon, Frankreich)

Nachdem die Mutter gestorben ist, müssen sich in dieser Vater-Sohn-Geschichte zwei Männer besser kennenlernen, die zwar seit 24 Jahren in gleichen Haushalt wohnen, aber keine Nähe zueinander aufbauen konnten. Der junge Regisseur Morgan Simon erzählt unaufgeregt und elliptisch von einer Annäherung, die unmöglich scheint. Sehr schön, sehr berührend.

    

The Happiest Day in the Life of Olli Mäki (Juho Kuosmanen, Finnland/Schweden/Deutschland)

Schwer zu sagen, welches der glücklichste Tag in Olli Mäkis Leben ist. Als er erfährt, dass er in einem Wettkampf gegen den US-Box-Champion antreten wird? Oder doch dann, Raija ihn zum ersten Mal küsst? Ich kann sonst wenig anfangen mit Boxerfilmen. Aber dieser hat mir gefallen, weil es eine melancholische Liebesgeschichte ist, lakonisch erzählt. Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit, wirkt aber wie ein Märchen. 

   

Snowden (Oliver Stone, Frankreich/Deutschland/USA)

«Snowden» ist für einen Oliver-Stone-Film angenehm unpathetisch. Aber vor allem ist es ein Augenöffner. Wem Freiheit und Demokratie etwas bedeuten, sollte ihn sich ansehen, weil er einem vor Augen führt, wie diese Errungenschaften durch die Massenüberwachung zunehmend in Gefahr geraten. Der Biographiefilm über den bekanntesten Whistleblower unserer Zeit schafft vielleicht, was anderen Medien bis jetzt nicht gelungen ist: das nötige Misstrauen zu wecken gegenüber der Datensammelei.