Sie zeigt es allen: Sabine Boss

31. März 2016


Sabine Boss hat das Filmemachen beim Fernsehen gelernt. Im Kino beweist die Regisseurin, dass sie es kann. Von Denise Bucher

Sabine Boss ist die Subventionskönigin des Schweizer Films (Foto: Gian Marco Castelberg) 

«15 Millionen 343 tausend 747 Franken?», schreibt Sabine Boss ungläubig zurück, als wir ihr sa­gen, wie viel sie während der letzten zehn Jahre vom Fernsehen und vom Bundesamt für Kultur (BAK) für ihre Filme erhalten hat. Sabine Boss ist sozusagen die Subventionskönigin des Schweizer Films – und das mit grossem Ab­stand. Sie lässt bekannte Namen wie Michael Steiner und Xavier Koller hinter sich. Boss ist auch mit Abstand die produktivste Re­gisseurin des Landes. Seit 2001 hat sie zehn Fernsehfilme und zwei «Tatort»-Krimis realisiert, viele Folgen der Serien «Tag und Nacht» und «Lüthi und Blanc» gemacht sowie mit «Ernstfall in Havanna», «Undercover» und «Der Goalie bin ig» drei Kinofilme gedreht.

Sabine Boss, 1966 in Aarau ge­ boren, kommt zu unserem Treffen direkt von den Solothurner Filmta­ gen, stellt Taschen und Koffer ne­ben sich ab und bestellt einen Kaf­fee. Sie ist bester Laune. «Ich war an einer Diskussion zu mehr Ge­rechtigkeit bei der Verteilung von Fördergeldern nach Geschlecht. Stina Mansfeld, eine schwedische Fernsehproduzentin, hat mit einer Selbstverständlichkeit über Frau­en im Filmbusiness gesprochen – wow!» Die besten Schweizer Kino­filme der letzten Jahre wurden fast alle von Frauen gemacht, aber das Geld geht an Männer – Sabine Boss hofft, dass jetzt Bewegung in die Branche kommt.

Sie zieht eine Studie zur Gender­frage im Schweizer Film aus der Tasche. «Da», ruft sie aus, «Frauen bekommen weniger Fördergelder, haben weniger Drehtage zur Verfü­gung und machen weniger auf­wendige Stoffe.» Was andere Frau­ en entmutigt, spornt Boss an. Trotzdem entschuldigt sie sich fast dafür, so erfolgreich zu sein. Bei jedem neuen Film denke sie, sie nehme ihn jemand anderem weg. «Typisch Frau. Ein Mann wäre stolz!», sagt sie und lacht.

DER GOALI BIN IG (2014)

Sabine Boss nimmt niemandem die Arbeit weg. Sie weiss, dass viele andere die Anfragen vom Fernse­hen ablehnen, weil sie sich lieber als Künstler verwirklichen wollen. Das ist beim Fernsehen schwierig. Dort muss man pragmatisch sein und damit umgehen können, dass es einen Geldgeber gibt, der auch gleich die Stoffe entwickelt.

Sabine Boss kann das. Für sie ist das Fernsehen der Ort, der ihre Leidenschaft fürs Filmen fördert. Sie mag es aber auch, weil sie auf diese Weise ein Millionenpubli­kum erreichen kann. Die gesell­schaftliche Verantwortung trägt sie gern. «Wie Stina Mansfeld heu­te sagte: Du unterhältst das Publi­kum nicht nur, du bildest es auch.»

Dank den vielen TV­Filmen konnte Sabine Boss ihr Handwerk stetig verbessern. Etwas, das vie­len Schweizer Filmemachern fehlt. «Als ich für ‹Lüthi und Blanc› un­ terschrieb, sagten manche: ‹Was? du machst Soaps?›», erinnert sie sich. «Aber ich habe dort extrem viel gelernt. Konnte ausprobieren und Fehler machen.» Ihre Augen funkeln. Man sieht ihr an, wie viel Spass es ihr gemacht hat.

An ihren Kinofilmen sieht man, wie sich ihr Handwerk über die Jahre verbessert hat. «Ernstfall in Havanna» war eine zwar solide, aber doch allzu glatte Komödie. «Der Goalie bin ig», elf Jahre später entstanden, hat eine eigene Hand­schrift und so viel Charisma wie Sabine Boss selber. Die Kommis­sion des BAK hatte ihren Antrag auf Förderung für den «Goalie» ab­ gelehnt. «Sie fragten uns als Ers­tes: ‹Wie wollt ihr verhindern, dass das ein Dialogfilm wird?› – Es hiess, die Figuren hätten zu wenig Fallhöhe, und die Geschichte sei zu klein. Wir haben uns nur ange­schaut und wussten, dass wir kei­nen Rappen bekommen würden.»

VERDACHT (2015)

Der «Goalie» konnte nur dank Selbstausbeutung realisiert wer­den. Nachdem sie damit vier Schweizer Filmpreise und viele weitere Auszeichnungen erhalten hatte, sei dann plötzlich allen klar gewesen, dass das ja ein Erfolg hat­te werden müssen. «Das ist zwar nett. Aber damals hat es mich häs­sig gemacht!» – Doch es hat auch Energien freigesetzt. Sie erinnert sich, wie sie nur noch dachte: «Denen zeig ich’s!» In den Dankes­reden zu den unzähligen Preisen habe sie sich dann jeweils zusam­mennehmen müssen, um nicht zu sagen: «Da! Seht ihr jetzt?» Das Rebellische habe sie hinter sich gelassen, sagt sie. «Wenn du ein gewisses Alter erreicht hast, verstehst du, dass nicht alles so schwarz-weiss ist, wie du das noch mit 18 geglaubt hast.»

Die Pfarrerstochter, die kurz vor der Matura von zu Hause auszog, war bei den Jugendunruhen in Zürich dabei. «Ich stand da und lärmte: ‹Polizisten, Mörder und Faschisten!›» Sie lacht. «Aber damals habe ich daran geglaubt.» Sie lebte eine Weile in besetzten Häusern. Dort, bei den Vollversammlungen, habe sie das Argumentieren gelernt und ihren Durchsetzungswillen entwickelt.

Heute bedient sie mit ihren Fernsehfilmen diejenigen, gegen die sie damals auf die Strasse gegangen ist. Das stört sie aber nicht weiter, dafür schätzt sie ihren Beruf viel zu sehr. «Ich liebe es, dass ich mit jedem Film ein neues Lebensmilieu erforschen kann. Ich liebe das Recherchieren und die Gelegenheit zu haben, Einblicke in andere Welten zu bekommen.» Regie zu führen, bedeute, in eine andere Welt eintauchen zu müssen, dann werde ein Film wahrhaftig. «Und ich liebe es, Teil der Filmszene zu sein und mitbestimmen zu können über das, was kommt.»

TATORT: HANGLAGE MIT AUSSICHT (2012)

Dass doch noch ein wenig Rebellenblut durch ihre Adern strömt, merkt man, als sie nochmals Stina Mansfeld zitiert: «Unglaublich: In Schweden legen sie extra Gelder beiseite für nicht-konservative Drehbücher. Die fördern die irrsten Projekte! Mansfeld hat recht, wenn sie sagt, es müsste Teil des Konzepts sein, verrückte Junge und verrückte Projekte zu fördern und diese als Teil der Gesellschaft zu sehen, auch wenn sie vom Rand her kommen.»

Sabine Boss’ Aura ist elektrisierend. Danach gefragt, wo dieses Feuer in ihren Fernsehfilmen bleibe, die immer so geschliffen wirkten, verteidigt sie sich nicht etwa, sondern diskutiert einzelne Figuren. Was man zum Beispiel an der Kommissarin in «Der Verdacht» hätte besser machen müssen; dann lacht sie lauthals über den hölzernen Rhythmus ihres «Tatorts» «Hanglage mit Aussicht». Dennoch: Wenn man Boss’ Fernsehfilme mit solchen von Autorenfilmern vergleicht, an denen jahrelang gearbeitet wurde, so sind ihre nicht so viel schlechter. Sie sagt: «Aber man muss aus Fehlern lernen. Und man muss sich auch verzeihen können.»

Filmografie (Auswahl)

Kino
«Der Goalie bin ig» (2014)
«Undercover» (2005)
«Ernstfall in Havanna» (2002) 

Fernsehen
«Freitod» (2016)
«Verdacht» (2015)
«Tatort: Hanglage mit Aussicht» (2012)
«Das Fräuleinwunder» (2009)
«Das Geheimnis von Murk» (2008)
«Studers erster Fall» (2001)

> Schweizer Film: Der Subventionsreport

 


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