Die Macher: C-Films

30. März 2016


Die Firma C-Films bekommt am meisten Geld und landet Erfolge wie «Schellen-Ursli». Von Urs Bühler und Gian Marco Castelberg (Foto)

Die C-Films-Führungscrew (v. r.): Anne Walser, Peter Reichenbach und Roland Stebler. 

Peter Reichenbach sitzt hustend am Tisch und schimpft: «Immer das Gleiche mit Solothurn!» Das ist nicht gegen die Werkschau gerichtet, von welcher der C-Films-Inhaber und die Mitinhaberin Anne Walser gerade kommen. Der Wechsel zwischen Kälte und warmen Sälen aber greift die Schleimhäute an, das Networking die Stimmbänder. Kommen Werke der Firma dort gut an, etwa die mit dem Publikumspreis bedachte Fernseh-Koproduktion «Lina», ist das die beste Medizin.

«Youth», «Der Goalie bin ig», «Schellen-Ursli»: Die Plakate an den Wänden des Sitzungsraums im Dachstock sind Schmuck und Leistungsausweis zugleich. Seit ihrer Gründung 1999 dient der Altbau in einem Innenhof des Zürcher Seefelds der Produktionsfirma als Sitz. Dutzende Filmprojekte sind hier ausgebrütet worden, gewiss zwanzig Stoffe sind zurzeit in Arbeit, in diversen Stadien.

Entstanden ist die Firma aus den Schwingen des legendären Greifvogels der Schweizer Filmge- schichte: Die Condor Films stiessen 1999 ihre Spiel- und Dokumentarfilmabteilung an Reichenbach, Edi Hubschmid und Peter-Chris- tian Fueter ab (die beiden Letzteren sind im Ruhestand). Einen formidablen Einstieg bot der C-Films AG die Soap «Lüthi & Blanc», die sie von 1999 bis 2007 für das Schweizer Fernsehen produzierte, fast 300 Episoden. «Das garantierte einen fixen Grundumsatz, es waren unsere goldenen Zeiten», sagt Reichenbach. Nicht so erfolgreich war 2008 das Nachfolgeprojekt «Tag und Nacht», die Soap wurde nach der ersten Staffel eingestellt.

Max Hubacher (links) und Max Simonischek in DER VERDINGBUB

Trotzdem gehört die C-Films, die auch weniger Massentaugliches wie «180°» des Nachwuchsregisseurs Cihan Inan produziert hat, hierzulande zu den erfolgreichsten ihrer Art. Sie hat in den letzten zehn Jahren mehr öffentliche Gelder bezogen als jede andere hiesige Produktionsfirma, was Reichenbach unter anderem auf die Fernsehgelder für die Soaps zurückführt – Serien wurden in der «Frame»-Liste allerdings nicht mitgezählt. Vor allem verdankt C-Films den Geldfluss ihren Kassenhits: «Wir haben in den letzten Jahren mit unseren Kinoerfolgen erhebliche Mittel der erfolgsabhängigen Förderung erwirtschaftet, die wir in neue Projekte reinvestieren konnten.»

So realisierte die Firma etwa die Hälfte der einheimischen Filme, die seit 2005 in den Jahreswertungen der Publikumsgunst zuoberst standen. Aber längst nicht immer war der Erfolg vorgezeichnet. Das 2-Millionen-Franken-Budget von «Der Goalie bin ig» war ohne Bundesgelder abzudecken. So warf die C-Films, die an das Projekt glaubte, zunächst alles hinein, was sie an erfolgsabhängigen Fördergeldern und anderen Mitteln auf dem Konto hatte. Es wurde mit 139 000 Zuschauern der einzige Schweizer Spielfilm, der 2014 an den Kassen einigermassen funktionierte.

Solche Erfolge erreicht ein kleines Team mit kurzen Entscheidungswegen: Sechs Festangestellte, unter ihnen Geschäftsführer Roland Stebler und ein Buchhalter, werden projektbezogen durch Freischaffende ergänzt. Die Stoffauswahl erfolgt mit einem Mix aus Kalkulation und Bauchgefühl. «Jeder Film hat eine Grundbotschaft. Die muss zu uns passen», sagt Walser. Dazu gehören öfters historisch-soziale Themen wie bei «Lina». Blödelfilme sucht man im Programm vergebens.

Szene aus LINA mit Rabea Egg

Es fällt auf, wie oft sich C-Films Literaturvorlagen widmet, darunter auch Kinderbüchern. Die Frage, ob das nicht etwas einfallslos wirken könnte, bringt die beiden kurz auf die Palme. Mit Verve verteidigen sie Adaptionen von «Schellen-Ursli» und Co.: «Das ist unser Kulturgut, was soll daran schlecht sein?», fragt rhetorisch Reichenbach, dem Billy Wilder einst bei einer flüchtigen Begegnung riet: «Make them laugh or make them cry.»

Oft arbeitet die C-Films in Koproduktionen, auch mit deutschen Fernsehstationen; ein C-Films-Ableger in Hamburg eröffnet heute Zugänge zum dortigen Markt. Seit «Lüthi & Blanc» haben sie, etwa beim Kinofilm «Die Akte Grüninger», wiederholt mit dem Schweizer Fernsehen kooperiert. Dass dessen Einbezug oft zu etwas mutlosen Resultaten führe, die den Mehrheitsgeschmack bedienten, lässt Reichenbach nicht gelten. Er schätzt es als «verlässlichen Partner». Der Kooperation entsprangen nebst drei «Tatorten» auch Fernsehadaptionen wie «Der letzte Weynfeldt» und «Der Teufel von Mailand» nach Romanen von Martin Suter. «Der Koch» setzte man mit deutschen Partnern fürs Kino um – wohl mit einigen Köchen zu viel am Werk, wie das eher konturlose Ergebnis nahelegt.

Ebenfalls fürs Kino konzipiert war das deutsch-portugiesisch-schweizerische Grossprojekt «Nachtzug nach Lissabon». Und wie kam es, dass die C-Films «Youth» koproduzierte und federführend in der Schweiz umsetzte? Seit Jahren kennt Walser die italienischen Produzenten dieses preisgekrönten Werks von Paolo Sorrentino, mit ihnen habe sie schon lange einmal etwas realisieren wollen, erklärt sie: «Ich sagte: ‹Siedeln wir die Handlung doch statt in den Dolomiten, wie es ursprünglich geplant war, in einem Schweizer Hotel an.›» Sie setzte das damals noch nicht konkursite «Flims Waldhaus» und die Schatzalp als Drehorte; dieser Schweizer Bezug ermöglichte es, hierzulande etwas vom Produktionsbudget aufzutreiben.

Der 61-jährige Reichenbach arbeitete nach der Matura als Regieassistent im Theater und wirkte in den Achtzigern als Regisseur in Berlin. Zurück in der Schweiz traf er auf eine Autorenfilmszene, die Produzenten als bessere Her- stellungsleiter verstand. Das entspricht weder seinem Selbstbewusstsein noch -verständnis: «Mich interessiert es nicht, die Selbstverwirklichung von Leuten zu realisieren, sondern die Teamarbeit», stellt er klar und umreisst den Einfluss des Produzenten so: «Er steht am Anfang und am Ende, er ist die Basis.»

Die C-Films trägt nicht nur die unternehmerische Verantwortung, sie prägt auch stark den kreativen Prozess. Meist lässt sie den Stoff selbst bis zur Drehbuchreife entwickeln, ehe sie einen Regisseur ins Boot holt. So auch beim «Schellen-Ursli»: Stefan Jäger, der das Skript verfasste, hatte zwar die Option, auch Regie zu führen – es sei denn, die C-Films fände einen Regisseur von internationalem Ruf, dessen Name im Ausland zöge. Nun, man wurde mit Xavier Koller einig, und damit schloss sich ein Kreis: Mit ihm hatte einst Condor die oscargekrönte «Reise der Hoffnung» realisiert.

«Produzieren ist vor allem ein Bürojob und nicht so glamourös», betont die gar nicht so unglamourös wirkende Anne Walser, die viel Zeit mit Stoffentwicklung und Drehbucharbeit verbringt. Die 38-Jährige arbeitet seit 1999 in der Firma, seit 2007 ist sie Teilhaberin. Irgendwann habe er, sagt Reichenbach lächelnd, sich entscheiden müssen, ob er sie in seinen Reihen haben wolle oder als Konkurrentin. Walser hatte nach der Matura und diversen Jobs beim Fernsehen bei C-Films als Assistentin begonnen. Kein Jahr später stieg sie mit «Die Manns – ein Jahrhundertroman» zur Produktionsleiterin auf. Dann produzierte sie mit Peter-Christian Fueter die Doku-Fiction «Grounding». Deren Co-Regisseur Mike Steiner hatte kurz zuvor mit der Buchverfilmung «Mein Name ist Eugen» über eine halbe Million Besucher ins Kino gelockt – ein Film, der beinahe Schiffbruch erlitten hätte, wäre C-Films nicht rettend eingesprungen. Mit «Grounding» schien Steiner 2006 dann definitiv zum Wunderknaben der Branche aufzusteigen.

Szene aus SCHELLEN-URSLI

Er ist diesem Ruf bis heute einiges schuldig geblieben, auch aufgrund der unseligen Entstehungsgeschichte des «Sennentuntschis», die einst bei der C-Films begonnen hatte: Steiner hätte laut Reichenbach ursprünglich nur das Drehbuch schreiben sollen, habe dann aber selbst Regie führen wollen. Da habe man, nicht überzeugt von Steiners Skript und dem Finanzierungsmodell, die Rechte an ihn abgegeben. Noch während des Drehs wäre das Projekt gescheitert, wenn nicht Constantin Film es gerettet hätte.

«Unsere Margen sind nicht riesig, auch wenn der Umsatz oft gigantisch klingt», sagt Reichenbach. Es sei schon vorgekommen, dass er und Walser bei Engpässen den Buchhalter angewiesen hätten, ihre Löhne ein paar Wochen zurückzuhalten. Viel Geld habe man auch mit einem Erfolg wie «Grounding» nicht verdient, das auf der Bestenliste des Schweizer Films soeben durch ein anderes Eigengewächs von Platz sechs verdrängt worden ist: «Schellen-Ursli» hat jetzt über 400 000 Besucher erreicht. Fast im Gleichschritt ist «Heidi», ein Pferd aus einem anderen Stall, auf der Überholspur. Von dessen Produktionsfirma Zodiac Pictures, mit der man die Starts der beiden Filme abgesprochen habe, schwärmt Reichenbach: «Die leisten tolle Arbeit. Und ein guter Schweizer Filmmarkt hilft uns allen.» Dieser nütze der Wirtschaft. Filmförderung sei endlich auch als Standort-, nicht «nur» als Kunstförderung zu sehen.

Die C-Films dürfte weiterhin die Branche kräftig bewegen. Zum Zwingli-Jahr 2018 soll ein Spielfilm über das Leben des Reformators in die Kinos kommen. Die Verfilmung von «Platzspitz-Baby» durch Pierre Monnard («Recycling Lily») ist in Arbeit, ebenso ein von Reichenbach selbst realisierter kleiner Dokfilm über den Theologen Karl Barth und ein erstes Schweizer Film-Musical. Von dessen Umsetzung erwartet sich Anne Walser unheimlichen «Spass», ein Begriff, der mehrmals fällt im Gespräch. Er scheint eine Triebfeder ihrer Arbeit zu sein.

Was könnte der Schweizer Film sonst noch gebrauchen? «Ein Gangster-Epos!», ruft Peter Reichenbach und schwingt die Faust. Im Stil von Tarantino? «Nein, eher von ‹The Godfather›.» Jetzt muss sich in diesem Land nur noch ein Pacino, ein De Niro oder ein Brando finden lassen.

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