Die Kino-Giganten kommen

19. Mai 2016


Grossketten wie Pathé und Kitag bauen Multiplexe in Shoppingcentern und in Vorstädten; in den Zentren gehen deshalb immer mehr Kinos mit nur einer Leinwand ein.

Text: Christian Jungen und Denise Bucher. Infografiken: Daniel Marti (Quellen: Procinema, Bundesamt für Statistik).

 
Es wurde 90 Jahre alt: das Kino Capitol, an der Kramgasse mitten in der Berner Altstadt gelegen. Demnächst wird es geschlossen. Das Haus hat den Besitzer gewechselt, und der neue Eigentümer will dort Büros, Wohnungen und Geschäfte einrichten, die mehr Geld einbringen als ein Kino. Das Capitol ist ein typisches Auslaufmodell. Ein Lichtspieltheater aus der goldenen Ära, mit einer Grossleinwand, zwei Sälen und einem schönen Balkon. Als es 1929 eingeweiht wurde, gab es darin eine Orgel und einen Orchestergraben, damit Musiker die Stummfilme begleiten konnten. Einmal tanzte die grosse Josephine Baker auf der Bühne. 1945 wurde das Capitol zum reinen Kinobetrieb.

2017 wird es dunkel im Lichtspielhaus. Wie vorher schon in vielen anderen Kinos in Innenstädten. «Ein- und Zweisaalkinos werden bald der Vergangenheit angehören», sagt Philippe Täschler, Geschäftsführer der Kinogruppe Kitag. Nur in Grossstädten wie Zürich mit riesigem Einzugsgebiet werden noch einige überleben. «Diese werden aber ein spezielles Programm für Kinogänger, die gerne Filme in Originalfassung sowie alternative Filme sehen, bieten müssen, zum Beispiel mit Luxusstühlen und Barservice. Das schätzt vor allem ein älteres Publikum, das in der Stadt wohnt.» Für die meisten Filmtheater aus den 1920er und 1930er Jahren, die mit Namen aus der Belle Epoque wie Capitol, Palace oder Odéon metropolitanen Charme in unsere Altstädte brachten, heisst es in den nächsten Jahren: Licht aus.

 
Gift für die Vielfalt

Heute rentieren solche Kinos nicht mehr. Die Mieten in den Innenstädten sind zu hoch, ebenso die Betriebskosten: Es braucht jemanden an der Kasse, einen Operateur und einen Platzanweiser, der die Karten kontrolliert. Aber in einem Kino mit nur einer Leinwand kann man nur drei, maximal vier Vorstellungen pro Tag anbieten. Am Nachmittag kommen vielleicht 12 Leute, am Abend 40, wenn es sehr gut läuft 150. Selbst wenn der Saal ein paarmal pro Jahr ausverkauft ist, wenn ein neuer «James Bond» anläuft oder wenn es an Ostern regnet, so reicht das nicht. Also geben die Kinobetreiber ihre Traditionshäuser auf.

    
Neue Multiplexe, also Gebäude mit mindestens acht Sälen, versetzen ihnen den Gnadenstoss; Kinos wie das Westside mit 11 Sälen, das Pathé 2008 in der Agglomeration von Bern eröffnete und dank Tiefpreisangeboten innert eines Jahres zum bestbesuchten Kino der Stadt machte. Damit löste Pathé die Kitag als Marktführerin in Bern ab. In der Stadt gingen die Eintritte um bis zu 30 Prozent zurück, im nahe gelegenen Kino in Laupen um 50 Prozent. Die Kitag, die viele Innenstadtkinos betreibt, will nun nachziehen. Sie plant in Muri, östlich der Stadt, ein eignes Multiplex. Eröffnung: 2018. «Es wird 10 Säle enthalten, eine Bowlingbahn, eine Sport-Bar mit Live-Übertragungen von Fussballspielen», erklärt Kitag-Geschäftsführer Täschler, «denn heute muss man vorab dem jungen Publikum etwas bieten.» Weitere Kinoschliessungen in Bern sind deshalb so sicher wie das Amen in der Kirche.

«Das Kinosterben ist dramatisch!», sagt Alexander Tschäppät, Stadtpräsident von Bern. «Kinos haben eine grosse Bedeutung für die Innenstadt. Sie bringen Leben in eine Zone, die sowieso schon wenig bewohnt wird. Wenn sie verschwinden, isst auch niemand mehr eine Pizza in der Beiz nebenan oder trinkt nachher noch ein Bier.» Als die Kitag vor zwei Jahren das 1952 gebaute Rex in Bern aufgab, haben Stadt und Kanton das Kino gerettet. «Das war ein Experiment», sagt Tschäppät. Mit finanziellen Beiträgen könne man vielleicht ein einzelnes Kino retten. Aber es brauchte auch Rahmenbedingungen, um die Innenstadt attraktiv zu halten. Nur: «Wir können wirtschaftlich nichts machen, in der Stadt herrscht Gewerbefreiheit. Sie gehört uns nicht.»

  
Warum sind Multiplexkinos so attraktiv? «Wenn ich 18 Säle betreibe, brauche ich nicht viel mehr Mitarbeiter als mit 10 Sälen», erklärt Edi Stöckli, Besitzer der Kinogruppe Arena. «Dank den vielen Sälen kann ich die einzelnen Filme länger spielen, und mein Anteil an den Einnahmen steigt. Das ist so, weil der Eintrittspreis in der Regel zwischen Kinobetreiber und Verleiher geteilt wird, und je länger ein Film läuft, desto vorteilhafter wird der Verteilschlüssel für den Kinobetreiber.» Stöckli glaubt, dass es wichtig sei, viele Vorstellungen anbieten zu können: «Ein Multiplex gibt dem Publikum die Sicherheit, nie zu spät zu einer Vorstellung zu kommen, höchstens zu früh. Falls ein Blockbuster ausverkauft ist, hat der Besucher unter dem gleichen Dach mehrere Alternativen. Ein Multiplexkino funktioniert wie ein Hauptbahnhof, wo im Halbstundentakt ein Zug an alle wichtigen Destinationen losfährt.»

Der Erfolg der Arena-Gruppe gibt Stöckli recht. Als er 2007 im Einkaufszentrum Sihlcity in Zürich das Multiplex Arena eröffnete, dachten in der Branche alle: zu gross, zu abgelegen, das wird nie rentieren. Die Firma Pathé, die das Vormietrecht besass, hatte das Projekt zuvor fallen lassen. Und ärgert sich heute grün und blau: Das Arena ist mittlerweile das am stärksten frequentierte Kino der Limmatstadt – und mit 18 Sälen und insgesamt 2560 Plätzen das grösste der Schweiz. Es verfügt über einen Saal, in dem man Filme in 4-DX schauen kann, in Sitzen, die während Autoverfolgungsjagden rütteln und wo einem Wasser ins Gesicht gestiebt wird, wenn es im Film zu regnen beginnt. «Kino ist ein Freizeitvergnügen. Wir wollen den Kunden aussergewöhnliche Erlebnisse und grösstmöglichen Luxus bieten», erklärt Edi Stöckli. Ein Stück weit führt Stöckli das Kino mit dem ganzen Rambazamba zu seinen Wurzeln zurück, die auf dem Jahrmarkt und der Schaustellerei liegen. Das kommt an. Obwohl der Eintritt in 4-DX-Kinos neun Franken teurer ist als in normalen Sälen, sind sie oft ausverkauft. Auch im 2014 eröffneten Kino La Praille in Genf gibt es einen solchen 4-DX-Saal – der bestbesuchte dieser Art in Europa. Als Folge davon musste der Branchenleader Pathé im Januar sein Kino Rialto in der Innenstadt schliessen, obwohl es direkt neben dem Hauptbahnhof liegt und damit ganz einfach zu erreichen wäre.

Die Erreichbarkeit ist ein wichtiges Thema: Besucher in Multiplexen schätzen die nahe gelegenen Parkplätze. Besonders Eltern mit Kindern sind froh, wenn sie ihr Auto direkt in der Tiefgarage beim Kino abstellen und mit dem Lift in die Lobby fahren können. Deshalb entstehen die meisten Multiplexe in der Peripherie, neben Einkaufszentren, deren Parkplätze die Kinogänger am Abend zu Spottpreisen nutzen können. Beim Pathé Westside kostet eine Stunde parkieren 20 Rappen. In der Innenstadt gibt man oft mehr für den Parkplatz als für ein Kinobillett aus. Wie schwierig es ist, Neubauten zu realisieren, musste Pathé erfahren. Es hatte bei Aarau ein Multiplex mit 1100 Sitzen geplant. Aber der Verkehrs-Club der Schweiz erhob Einsprache gegen die geplanten Parkplätze. Schliesslich hätte Pathé nur 35 bauen dürfen – und liess das Projekt fallen. Nun plant die Grosskette ein Multiplex in Spreitenbach, wo es dank Shoppi Tivoli, Ikea, Migros und Obi bereits Parkplätze gibt und wo sich auch viele potenzielle Kinogänger aufhalten.

   
Mit Billard und Bowling

Das geplante Multiplex löst bei der Sterk-Dynastie, die in vierter Generation die Kinos in Baden und Wettingen führt, Besorgnis aus. «Die Kinodichte im Limmattal ist schon gross genug», sagt Verwaltungsratspräsident Peter Sterk. «Nirgendwo sonst in Europa gibt es auf einer Strecke von 20 Kilometern mehr Säle als zwischen Zürich und Baden.» Er befürchtet, dass es Dietikons einziges Kino, das Capitol, sehr schwer haben wird. «Und sicher werden auch wir in Baden Gäste verlieren, obwohl wir auf unsere Stammkunden zählen können, weil wir Filme in Originalsprache anbieten und nicht synchronisiert.» Warum will Pathé gerade in Spreitenbach bauen? Ein Kenner der Szene, der anonym bleiben will, behauptet, dass die expandierende Ikea ihren Laden in Dietlikon ausbauen will und deshalb Pathé, die dort Mieterin ist, die Kündigung ins Haus steht. Das sei falsch, sagt Pathé-CEO Thierry Hatier und kündigt an, das Pathé Dietlikon werde nächstes Jahr sogar renoviert (zum Interview).

Ein brutaler Verdrängungskampf tobt auch in Biel. Die Kitag hat dort letztes Jahr das Miniplex Cinedome mit fünf Sälen eröffnet. Auf einen Schlag gab es 657 Kinoplätze mehr in der Region. Mittlerweile ist das Kino zu «Cinebowling» erweitert worden, in dem man auch Bowling und Billard spielen oder die Sport-Bar besuchen kann. «Wir haben mit Biel eine neue Stadt erschlossen, in der in den letzten Jahren wenig investiert wurde», erklärt Kitag-Chef Philippe Täschler.

Langstrasse contra Bahnhofstrasse

Einen Vorgeschmack darauf, wie ein Grosskino den Markt in einer mittelgrossen Stadt verändert, bot Luzern: Als die Kitag 2000 in Emmenbrücke bei Luzern den Filmpalast Maxx mit acht Sälen eröffnete, brachen die Eintritte in der Stadt um 40 Prozent ein. Die Kitag schloss bald darauf die Broadway-Kinos in Kriens sowie das Limelight in der Stadt. Wegen mangelnder Rentabilität. Wo das Kino Piccolo war, ist heute eine Filiale von Starbucks.

Wenn Kinos in den Innenstädten verschwinden, hat das weitreichende Folgen, nicht nur Restaurants und Bars gehen ein. Das zeigte sich in Frankreich und in Belgien. Bei Brüssel hat die Firma Kinepolis 1988 ein Multiplex mit 24 Sälen eröffnet und offenbar Konkurrenten in der Innenstadt angeblich finanzielle Anreize für eine Schliessung geboten. Kaum waren die City-Kinos zu, wurde das Zentrum zur Geisterstadt, Obdachlose machten sich breit, die Kriminalität stieg an.

   
Wie wichtig ein Kino für die Stadtentwicklung sein kann, zeigte sich umgekehrt in Zürich. Hier hat die Neugass Kino AG 1998 mit der Eröffnung des Riffraff zur Aufwertung des von der Drogenszene geplagten Industriequartiers beigetragen. «Ein gemischtes Ausgehangebot ist die beste Prävention gegen die Abwertung von urbanen Quartieren», sagt Geschäftsführer Frank Braun. Dass er Recht hat, beweist in Zürich die Bahnhofstrasse. Bis in die achtziger Jahre gab es dort Kinos und abendliches Leben. Inzwischen haben globale Boutique-Ketten die Gebäude übernommen. Nach Ladenschluss herrscht in der berühmtesten Strasse der Schweiz tote Hose.    

Trotzdem mögen sogar traditionelle Kinobetreiber Multiplexe nicht verteufeln. Edna Epelbaum, Geschäftsführerin der Cinevital AG, die Kinos in Bern und der Westschweiz betreibt, sagt: «Wenn man heute ein neues Kino baut, muss es ein Multi- oder ein Miniplex sein. Alles andere ist finanziell nicht tragbar.» Für ihre Branche sei es wichtig, dass Jugendliche wieder ins Kino kämen und dass über die Erfahrung der Grossleinwand gesprochen werde. «Egal, ob Innenstadt, Kleinstadt, Landkino, Arthouse oder Popcornkino – Hauptsache, das Kino bleibt im Gespräch.» Tatsächlich locken die Multiplexe vor allem junges Publikum an. Als im Jahr 2000 in Schaffhausen das Kinepolis eröffnet wurde, verdreifachten sich die Zuschauerzahlen in der Stadt. Das liegt an der Mainstream-Programmation der Multiplexe: Sie zeigen vor allem Blockbuster, oft in mehreren Sälen, und können voll vom Hype um Filme wie «Spectre» oder «Star Wars» profitieren. Die meisten dieser Filme werden auf Deutsch synchronisiert gezeigt. 56 Prozent aller Kinobesucher in der Schweiz entschieden sich laut Procinema letztes Jahr für eine synchronisierte Filmfassung. «Die Mehrheit der Jugendlichen will keine Untertitel lesen, sondern das Bild geniessen», erklärt Philippe Täschler, «bei Filmen für ein Publikum unter 23 Jahren bekommen wir vom Verleiher fast gar keine Originalversionen mehr angeboten.»

 
Die Besucher von Multiplexkinos stören sich nicht daran, dass Clint Eastwood mit derselben Stimme spricht wie Robert de Niro oder Gary Oldman – eingesprochen von Christian Brückner, Deutschlands berühmtestem Synchronsprecher. Man geht ins Kino, um sich unterhalten zu lassen, und nicht, um Filme nach ihrer künstlerischen Qualität zu beurteilen. Wer in ein Multiplexkino geht, kann sich wie bei McDonald’s und Starbucks darauf verlassen, das zu bekommen, woran man gewöhnt ist. Oder gewöhnt worden ist: Beat Käslin, Geschäftsführer der Zürcher Arthouse-Kinos, bedauert, dass das junge Publikum im Multiplex keine Auswahl mehr hat und meist Synchron-Versionen vorgesetzt bekommt: «Wenn man das Untertitellesen nicht gelernt hat, kann das ein Hindernis sein, wenn man einen anderen Geschmack entwickelt und sich Arthouse-Filme im O-Ton anschauen will.»

In der Schweiz hat es erstaunlich lange gedauert, bis sich die Multiplexe durchsetzten. 1997 entfielen 44 Prozent der Eintritte auf Kinos mit nur einer Leinwand, letztes Jahr waren es weniger als 20 Prozent. Dafür stieg der Anteil der Multiplexe im gleichen Zeitraum von 5 auf 36 Prozent. In England entfielen 2014 82 Prozent der Eintritte auf Multiplexe, in Frankreich 60 Prozent. Unser Kinopark holt jetzt den Strukturwandel nach, den die meisten europäischen Länder in den 1990ern vollzogen: die Modernisierung der Kinos, die auch eine Uniformisierung ist. Verglichen mit Innenstadtkinos, die sich von der Architektur bis zum Süssigkeitenangebot voneinander unterscheiden, gleichen sich viele neue Kinotempel. Wie gross das Nachholpotenzial ist, zeigt der Vergleich mit anderen Ländern.

    
Arthouse-Kinos in der Krise

Die Modernisierung geschieht nach dem Vorbild der USA. Das erste Multiplexkino der Welt wurde 1963 in Kansas City eröffnet, die Kette American Multi-Cinema (AMC) hatte es in einem Einkaufszentrum gebaut. In den 1970ern wurde das Multiplex in den USA zum Standard. Die Entwicklung ging mit dem Boom der Shoppingcenter einher, deren Anzahl in den USA von 1500 im Jahr 1965 auf 22 500 im Jahr 1980 stieg.

Die dort angesiedelten Multiplexe brachten den Filmpalästen aus den 1910er und 1920er Jahren in den Innenstädten den Tod. In Europa hielt der Trend in den achtziger Jahren Einzug, weil die Hollywoodstudios damit anfingen, ihre Blockbuster in mehreren Kinos gleichzeitig zu lancieren. Das, um bereits am Eröffnungswochenende möglichst viele Besucher in die Kinos zu locken. So wollten sie verhindern, dass ihnen schlechte Mundpropaganda das Geschäft vermiesen könnte, und man wollte Piraten, die Raubkopien vertrieben, den Wind aus den Segeln nehmen.

Dass die Schweiz gegen diese Entwicklung so lange immun blieb, hängt mit unserer kleinstädtischen Struktur zusammen. In einer Stadt wie Winterthur besuchen viele Einwohner nicht nur gerne den Markt in der Altstadt, sie verbringen am Wochenende auch ihre Freizeit dort. Die Schweiz galt mit ihrer überdurchschnittlich gut gebildeten Bevölkerung lange als «upscale market», wie man im Branchen-Jargon sagt: Es gibt viele Bildungsbürger, die Autorenfilme und anspruchsvolles Hollywoodkino schauen. Noch vor zehn Jahren galt die Schweiz in Europa als cinephiler Sonderfall: Alle Filme liefen in Originalsprache mit Untertiteln, worum man uns in Nachbarländern beneidete. Zwei Drittel der Eintritte gingen aufs Konto von Mainstream-Filmen, ein Drittel auf dasjenige von Arthouse-Filmen. Das gab es sonst nur noch in Frankreich, vor allem dank Paris. Heute können die Arthouse-Kinos nur noch etwa 10 Prozent der Eintritte für sich verbuchen. Tendenz weiter sinkend.

Arthouse-Kinos erfreuen sich zwar noch einer gewissen Beliebtheit. In unserem Kinotest krönten die Jurys in vier von sechs Städten ein Kulturkino zum Sieger. Allerdings: In St. Gallen und in Winterthur schwangen die technisch modernen Grosskinos der Kitag obenaus. Die Krise des Arthouse hat viele Gründe. «Wenn die Leute Angst haben um ihre Jobs und sich Sorgen machen wegen steigender Mieten, sind sie nicht bereit, in der Freizeit auch noch Problemfilme zu schauen», sagt Peter Sterk, der seit 1965 im Geschäft ist. «Sie wollen sich dann im Kino lieber mit Zerstreuungsfilmen vom Alltag ablenken lassen.» Sein Kollege Edi Stöckli nennt einen zweiten Grund: «Es gibt im Autorenkino nicht mehr diese herausragenden Regisseure wie Fellini, Fassbinder oder Truffaut, die Kultstatus genossen.» Und wenn es Filme von verbliebenen zugkräftigen Autoren wie Alejandro González Iñárritu gibt, spielen Arthouse-Kinos diese nicht mehr exklusiv. Früher wäre ein Film des Mexikaners in Zürich vielleicht im Arthouse Le Paris gelaufen, heuer war dessen Opus «The Revenant» auch bei Pathé, Arena und Kitag zu sehen.

    
Handkehrum versuchen Arthouse-Kinos wie das Zürcher Houdini sich auch mit Blockbustern wie «Star Wars: The Force Awakens» über Wasser zu halten. Zum Niedergang der Arthouse-Kinos trägt auch der fehlende Komfort bei. Während die 68er Generation kontemplatives Kino noch auf harten Stühlen aussass und stolz war auf ein bisschen Rückenweh, verlangen Bildungsbürger heute nach abgestuften Sitzreihen und Beinfreiheit. Und schliesslich befinden sich Arthouse-Kinos oft in denkmalgeschützten Gebäuden, die man nicht verändern darf. Als die Arthouse Commercio Movie AG in Zürich das Piccadilly zu einem Miniplex umbauen wollte, wurde das nicht erlaubt. Ebenso wenig konnte die Neugass Kino AG das Riffraff im Kreis 5 von vier auf sechs Säle erweitern. Die städtische Baukommission verunmöglichte dies mit ihren Auflagen.

Filmfestivals werden wichtiger

Auffallend ist, dass der Multiplex-Boom in den USA und in Europa mit einem explosionsartigen Wachstum von Filmfestspielen einhergeht. Lange gab es in der Schweiz nur die Festivals in Locarno, Solothurn und Nyon. Heute hat fast jede Stadt ihr eigenes Filmfest. Je weniger Einoder Zweisaalkinos es gibt, desto mehr wurden Filmfestivals zur Heimat des «anderen Kinos», also für Dokumentarfilme, Essayfilme und Autorenfilme. Dank dem Event-Charakter verzeichnen sie immer mehr Eintritte. 2015 machten Festivals in der Schweiz drei Prozent aller Eintritte aus – sie haben die Open-Air-Kinos längst überholt. «Als wir 2006 das Zurich Film Festival ins Leben riefen, um das Autorenkino zu stärken, hörten wir: Euch braucht es gar nicht, dem ArthouseKino geht es gut», sagt Festivaldirektor Karl Spoerri. «Aber heute sind in Zürich viele anspruchsvolle Filme, zum Beispiel aus dem amerikanischen Independentkino, nur noch bei uns zu sehen.» Festivals sind deshalb so beliebt, weil sie den Besuchern mit ihrem Event-Charakter gegenüber einer regulären Kinovorstellung einen Mehrwert bieten, vor allem wenn die Cineasten ihre Werke persönlich vorstellen. Viele Cinephile, die früher zweimal pro Woche ins Kino gingen, nehmen heute zehn Tage Ferien, um das Filmfestival Locarno zu besuchen. Danach ist ihr Bedarf an Autorenkino für Monate gedeckt.
 

   
Wie geht es jetzt weiter? Werden wir in der Schweiz bald nur noch synchronisierte Blockbuster sehen können, in uniformen Multiplexkinos, für die man hinaus in die Agglomeration fahren muss? Werden die verheissungsvollen Neonbuchstaben «Cinema», die jetzt noch zum Stadtbild gehören, bald abmontiert? Danach gefragt, wie man den Multiplexen die Stirn zu bieten gedenke, wirken viele Besitzer von kleinen Kinos ratlos. Nachdem sie es jahrelang versäumt haben, ihre Kinos attraktiver zu gestalten oder sich mit Preisabschlägen um neue Kunden zu bemühen, probiert es der Branchendachverband Procinema jetzt am 4. September mit einem «Tag des Kinos». Für 5 Franken kann man alles sehen, vom Klassiker bis zu neusten Produktionen, vom Essay-Film bis zum Blockbuster. Das ist eine schöne Idee. Aber ein Tropfen auf den heissen Stein.


> Interview: «Eine Million mehr Kino-Eintritte» – Thierry Hatier

> Kino-Test in 6 Städten


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