Warum Frauen böse Männer lieben – BEAUTY AND THE BEAST

16. März 2017


Die Neuauflage von «Beauty and the Beast» dürfte der erfolgreichste Film des Jahres werden. Das verrät einiges über das Verhältnis der Geschlechter. Von Eva Illouz

Die Neu-Verfilmung BEAUTY AND THE BEAST mit Emma Watson startet am 16. März 2017 in den Kinos (D-CH)

Zwei Ereignisse aus jüngster Zeit haben mehr gemeinsam, als man auf Anhieb meinen könnte. Das erste betrifft den Trailer zur neuen Disney-Produktion «Beauty and the Beast», die im März in die Kinos kommt. In den ersten 24 Stunden wurde er über 127 Millionen Mal abgerufen. Damit schlug er bisherige Rekordhalter wie «Fifty Shades Darker» mit 114 Millionen Klicks und «Star Wars: Episode VII – The Force Awakens» mit 112 Millionen. Mit allergrösster Wahrscheinlichkeit wird «Beauty and the Beast» ein überwältigender Kassenerfolg.

Das zweite Ereignis betrifft die Inauguration des neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten, der damit geprahlt hatte, Frauen an die «Pussy» greifen zu können, wann es ihm gefällt. Der Frauen «Schweine» und «Schlampen» nannte und jede Art von Weiblichkeit verachtet, die nicht den strengsten Schönheitsstandards entspricht. Dieser Mann erhielt 53 Prozent der Stimmen weisser Wählerinnen. Die «New York Times» schrieb dazu: «Viele dieser Frauen sagten, seine erniedrigenden Kommentare seien für sie weniger bedeutend als ihr Vertrauen in ihn, dass er als politisch Unabhängiger und als erfahrener Geschäftsmann Veränderungen herbeiführen, gutbezahlte Jobs schaffen und die Landesgrenzen schützen werde.»

Es drängt sich also die Frage auf: Warum lieben Frauen «Biester»? Es ist unvorstellbar, dass 53 Prozent der Afroamerikaner oder 53 Prozent der Juden jemanden wählen würden, der mit ihnen so beleidigend sprechen und sie so schlecht behandeln würde – aber Frauen unterstützten einen Sextäter, der ihre Würde derart geringschätzt. Um diese verstörende Tatsache besser zu verstehen, kann man «Beauty and the Beast» heranziehen.

Populärkultur-Soziologen analysieren gerne Blockbuster und Bestseller, weil – was zwar ein wenig tautologisch ist – sich in ihnen sowohl fest verankerte Wertvorstellungen wie auch soziale Strukturen widerspiegeln. Ausserdem demonstrieren sie eine Ebene verwirrender und Ängste auslösender sozialer Erfahrungen. Das Vergnügen, das ein Bestseller oder ein Blockbuster bereitet, rührt von der Tatsache, dass solche Werke oft eine symbolische Lösung für unbewusste Ängste oder zwischenmenschliche Dilemmas anbieten. Auch «Beauty and the Beast» ist ein solches Narrativ.

Dessen Original ist das Volksmärchen «La belle et la bête». Es wurde 1740 von einer Frau verfasst: Gabrielle-Suzanne Barbot de Villeneuve. Obwohl die Geschichte im 18. Jahrhundert geschrieben wurde und Themen und Motive aufgriff, die bereits in der Spätantike virulent waren, schwingen darin einige irritierende Aspekte zeitgenössischer heterosexueller Beziehungen mit.

Motive aus Amor und Psyche klingen in «Beauty and the Beast» an. Gemälde von François Gérard (1798).

Die Geschichte enthält Elemente eines tradierten Mythos der europäischen Kultur, nämlich Amor und Psyche. Dieser erzählt von der atemberaubend schönen Psyche, die von einem Mann – dem Gott Eros – gefangen gehalten wird. Es ist ihr verboten, sein Gesicht zu sehen. Dennoch verliebt sie sich in ihn und verbringt den ganzen Tag auf ihn wartend in seinem leeren Schloss.

Eine weitere Inspirationsquelle für «La belle et la bête» war ein seinerzeit bekanntes italienisches Märchen aus dem 16. Jahrhundert von Giovanni Francesco Straparola, das in seiner Märchensammlung «Le piacevoli notti» («Ergötzliche Nächte») enthalten ist. Es handelt von drei armen Schwestern, die – eine nach der andern – den Königssohn heiraten sollen, der in Gestalt eines Schweins geboren wurde und bestialisch stinkt. Die ersten beiden Schwestern, die ihre Abscheu gegenüber dem SchweineEhemann ausdrückten, ermordete er noch in der Hochzeitsnacht. Aber die dritte Schwester, die gütig und liebevoll war, wurde mit der Verwandlung des Schweins in einen gutaussehenden Prinzen belohnt, der umgehend den Thron des Vaters besteigen durfte und ihr den maximalen sozialen Aufstieg ermöglichte.

In «La belle et la bête» werden viele identische Motive verwendet. Die Tatsache, dass die Erzählung so oft literarisch und filmisch adaptiert wurde, ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass der Mythos zentrale Aspekte unserer Kultur der Liebe ausdrückt.

Worum geht es in «La belle et la bête»? Der Vater dreier Töchter macht sich auf eine weite Reise. Er will jeder seiner Töchter ein Geschenk mitbringen. Als er für seine jüngste eine Rose pflücken will, taucht eine Bestie auf und droht ihm, ihn umzubringen – es sei denn, seine Tochter würde zu ihm ins Schloss ziehen. Belle, die schönste der Schwestern, willigt ein, ihren Vater vor dem sicheren Tod zu bewahren, und beschliesst, sich auf das verwunschene Schloss zu begeben. Dort wird sie auf magische Weise mit dem besten Essen, Dienern, den schönsten Kleidern und Möbeln versorgt. Ihre Tage verbringt sie allein, die Bestie, der abstossende Herrscher des Schlosses, ist ihre einzige Gesellschaft.

Ihre anfängliche Angst verwandelt sich allmählich in Zuneigung. Als sie einmal kurz ihren Vater besucht, sieht sie in einem verzauberten Spiegel, dass die Bestie dem Tod nah ist. Umgehend kehrt sie zurück, um den Schlossherrn zu retten. Sie küsst den Hässlichen liebevoll, und ihre Tränen verwandeln ihn in einen schönen Prinzen und befreien ihn damit von einem alten Fluch.

Der Disney-Zeichentrickfilm von 1991 gewann zwei Oscars

Diese Geschichte fasziniert, weil sie zwei verbreitete Elemente enthält: die grundlegende weibliche Angst vor Männern sowie die weibliche Phantasie darüber, wie die männliche Überlegenheit überwunden werden kann.

Um das zu verstehen, müssen wir Heterosexualität definieren. Egal, ob Sexualität dabei ausgelebt wird oder nicht, so oder so gibt es in heterosexuellen Beziehungen ein Machtgefälle zwischen Mann und Frau. Mehrheitlich fällt es zu seinen Gunsten aus. Nicht nur haben Männer weltweit den grössten Teil der finanziellen und politischen Macht inne. Auch ist die archetypische Vorstellung von Männlichkeit definiert über die Fähigkeit des Mannes, Macht zu verbreiten und auszuüben.

Die Dominanz zeigt sich auch in tradierten Rollenbildern wie den folgenden: Es sind die Männer, die Sex und Liebeswerben initiieren und den Heiratsantrag machen sollen. Und: Männer sind emotional distanziert, während Frauen emotionale Zuwendung liefern. Kurzum, wir können Heterosexualität nicht verstehen, ohne uns der verschiedenen Arten von Machtasymmetrie und kämpfen bewusst zu sein.

«Pride & Prejudice» (2005) mit Keira Knightley und Matthew Macfadyen als hochmütiger Mr. Darcy

«La belle et la bête» weist – obwohl hundert Jahre früher geschrieben – bereits Muster der romantischen «Frauenliteratur» auf, in der Männer als furchteinflössend, kalt und grausam erscheinen. Werke von Autorinnen wie Jane Austen, Emily und Charlotte Brontë sind klassische Beispiele dafür. Von ihnen stammen beispielsweise «Pride and Prejudice», «Sense and Sensibility», «Wuthering Heights» und allen voran «Jane Eyre». Auch diese Geschichten sind seit je beliebte Vorlagen für Verfilmungen.

Das «Biest» ist nur eines von einer Vielzahl an Beispielen unnahbarer Männer, die sich als sanft und liebevoll herausstellen. Christian Grey aus der Trilogie «Fifty Shades of Grey» ist ein berühmter Neuzugang in dieser Liste. Sowohl das Biest wie auch Grey wollen eine Jungfrau gefangen halten.

Die «Fifty Shades»-Trilogie verbindet tradierte Rollenbilder mit Sadomaso-Sex.

Beide können ihr Verlangen nach ihr nur ausdrücken, indem sie sie unterwerfen. In beiden Geschichten – wie auch im Grossteil der Populärliteratur für Frauen – triumphiert die Liebe über die männliche Hässlichkeit. Diese ist der metaphorische Ausdruck seines Verlangens danach, eine Frau zu kontrollieren. Durch ihre Liebe kann sich ein hässliches Gesicht in ein hübsches verwandeln: Das ist der Kern einer alten weiblichen Phantasie. Aus diesem Grund ist auch nicht der erotische oder pornografische Inhalt das Erfolgsgeheimnis der «Fifty Shades»Trilogie. Vielmehr schwingt darin ein Beziehungsbild aus der Spätmoderne mit.

Auf den ersten Blick scheinen in «La belle et la bête» die Geschlechterrollen verkehrt worden zu sein, und die Frau geht als – vermeintlich – Stärkere hervor. Das beginnt damit, dass zwar der Vater und das Biest den klassischen Handel unter Männern beschliessen, bei dem eine Frau die Ware darstellt. Aber Belles Opfer unterminiert die Männlichkeit ihres Vater, und dies gleich doppelt: Erstens opfern sich normalerweise Eltern für ihre Kinder und nicht umgekehrt. Zweitens kämpfen normalerweise Männer gegen Monster und andere Unholde und nicht junge Frauen. Belle kehrt nicht nur ihre Rolle als Tochter um, sondern auch jene als hilflose Frau.

LA BELLE ET LA BÊTE (1946) von Jean Cocteau

Am Ende der Geschichte sind es ihre Tränen und ihr Kuss, die das Monster retten und ihm sein Leben als schöner Prinz zurückgeben. In diesem Sinn übernimmt Belle die traditionelle Rolle. Diese wäre eigentlich dem Prinzen zugedacht, der eine Prinzessin küsst und sie damit ins Leben zurückführt, wie es etwa in «Dornröschen » erzählt wird. Aber diese Verkehrung der Rollen, welche die Frau befähigt, sich und ihre Liebe als die wirklichen Retter des männlichen Zustands zu sehen, macht die Schlüsselbotschaft des Patriarchats erst annehmbar: die soziale Struktur, in welcher Männer die Bedingungen des wirtschaftlichen und emotionalen Handels mit Frauen kontrollieren.

«La belle et la bête», wie der Grossteil der weiblichen romantischen Literatur, lehrt Frauen die ihnen zustehende Rolle: Frauen müssen Selbstopfer bringen. Nur ihre Liebe kann die Grausamkeit oder Kälte eines Mannes wegschmelzen. Sie müssen schön sein, aber die Hässlichkeit des Mannes akzeptieren.

Bei Amor und Psyche, beim Schweine-Prinzen, bei «La belle et la bête» – überall gilt nur jene Frau als tugendhaft, der all das gelingt. Darum haben die Schwestern aus der Geschichte mit dem Schweine-Prinzen – so die Moral der Geschichten – den Tod verdient. Weibliche Tugend wird definiert durch die Fähigkeit, die Grausamkeit und Hässlichkeit des Mannes auszuhalten und ihre Gefangenschaft in den Fängen eines Monsters zu akzeptieren.

Doch was macht Gefangenschaft so tolerierbar, ja akzeptabel? «Biester» – wie Christian Grey oder Donald Trump – stellen Frauen wie Belle das zur Verfügung, was reiche Männer eben schönen Frauen zur Verfügung stellen, seit die Privatsphäre institutionalisiert worden ist: Schmuck, Kleider, Möbel, Essen, Diener. Der Plot solcher Geschichten stellt die Grundformel des heterosexuellen Handels dar: wirtschaftliche Sicherheit, Schutz und Luxus im Austausch gegen bedingungslose Fürsorge durch eine schöne Frau.

Bei einer solchen Erzählstruktur ist Liebe für Frauen eine zutiefst verwirrende Erfahrung. Hier wird versprochen, dass Liebe, wenn sie nur genug aufopfernd ist, Machtkämpfe, Ungleichheiten und Ängste in der Beziehung zu überwinden hilft. Durch diese Art von Liebe, so die Botschaft, erfahren Frauen endlich Würde, Autonomie und Gleichheit, die ihnen in vielen sozialen Arenen verwehrt bleiben.

Aber viel eher trifft zu, dass diese Art von Liebe die Machtkämpfe zwischen Männern und Frauen bloss wiedergibt und verlängert. Darum sind Liebe und Heterosexualität für Frauen so irritierend. Frauen sind hin und her gerissen: Sie stecken tief in einer Kultur, die Fürsorge und Gefangenschaft, Liebe und Macht, Selbstopfer und Grausamkeit durcheinanderbringt.

Diese Kultur vermischt das Biest mit dem prince charming, den Sadisten mit dem Liebhaber, den Mann, der Frauen angreift, mit dem Mann, der sie materiell absichert.

Schliesslich ist die Geschichte von «Beauty and the Beast» – wie so vieles der patriarchalen Kultur, das zu Trumps Aufstieg geführt hat – eine Geschichte, die uns hilft, uns mit dem Biest vertraut zu machen. Seine Hässlichkeit zu akzeptieren und uns vorzustellen, sie verdecke seine mutmasslich schöne Seele.

Dass so viele Frauen in den USA und weltweit gegen eine moderne Version des Biests demonstriert haben, gibt Hoffnung, dass zumindest einige von uns der Hässlichkeit des Biests mit offenen Augen trotzen wollen.

Übersetzung: Regula Freuler
    
  

  
Eva Illouz

1961 in Fès (Marokko) geboren und in Frankreich aufgewachsen, lehrt Illouz Soziologie an der Hebräischen Universität Jerusalem und ist Studiendirektorin an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales in Paris. Bekannt wurde sie durch Arbeiten über die Auswirkungen ökonomischer und technologischer Bedingungen auf die Gefühlswelt, u. a. mit den Büchern «Warum Liebe weh tut» (2011) und «Die neue Liebesordnung. Frauen, Männer und ‹Shades of Grey›» (2013). In Zeitungsartikeln und Interviews nimmt sie Stellung zur Politik. Im August erscheint ihr Band «Wa(h)re Gefühle. Authentizität im Konsumkapitalismus» bei Suhrkamp.

 


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