Es lebe die Fotografie! - LIFE

01. Januar 2016


Der Fotograf Anton Corbijn inszeniert die Freundschaft zwischen James Dean und Dennis Stock, der die Ikone mit seinen Bildern schuf. Von Dieter Osswald

Dennis Stock (Robert Pattinson) ist ein junger, ehrgeiziger Fotograf in Hollywood. Die Routine-Aufträge für Party-Fotos und Standbilder bei Dreharbeiten langweilen ihn. Er träumt von Kunst und einer Karriere beim Magazin «Life». Dann trifft er auf einer Party den noch unbekannten Schauspieler James Dean (Dane DeHaan). Stock erkennt das charismatische Potenzial des eigenwilligen Bauernjungen aus der Provinz – und wittert die Chance für eine exklusive Fotostory, die seiner Karriere einen Kick geben könnte. Doch der Schauspieler erweist sich als Diva und schwänzt Termine. Aber Stock bleibt stur bei seinem Plan. Vor dem Times Square gelingt ihm tatsächlich eine traumhafte Foto mit einem widerwilligen James Dean, der mit hochgeschlagenem Kragen und Kippe im Mundwinkel durch den Regen schreitet – ein ikonisches Bild von Coolness, das zu einer der meistreproduzierten Fotografien werden wird.

Während man bei der Agentur Magnum die Qualität dieser Bilder nicht erkennt, hat Studioboss Jack Warner (hinreissend: Ben Kingsley) eine bessere Nase. Er will aus Dean einen Star machen. Dieser macht jedoch lieber Ferien auf dem elterlichen Bauernhof in Indiana, statt an der Premiere seines Filmes «East of Eden» in New York teilzunehmen. Dabei nimmt er Stock mit – der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Zwischen Kühen und Traktoren gelingen Stock intime Porträts des Rebellen.


Dem im realen Leben von Paparazzi gepeinigten Robert Pattinson bereitet es sichtlich Vergnügen, mit dieser Rolle die Seiten zu wechseln. Wie schon mit seinen Auftritten in «Cosmopolis» und «Maps to the Stars» von David Cronenberg zeigt das Ex-Teenie-Idol, dass es mehr kann als den hübschen Blutsauger in «Twilight» spielen. Der Image-Wechsel gelingt dem 29-jährigen Briten souverän. Pattinson bewältigt die Charakterrolle des ebenso ambitionierten wie sensiblen Fotografen mit ausdrucksstarker Mimik und glaubhafter Empathie. Dane DeHaan hat als James Dean eine denkbar undankbare Aufgabe: Besitzt er dasselbe Charisma, dieselbe Ausstrahlung? Wie gibt man solch eine bewunderte Ikone, ohne zur nachäffenden Kopie zu verkommen? DeHaan setzt lieber auf kleine Gesten als auf grosses Getue. Körpersprachlich präzise spiegelt er das Gefühlschaos in einer unaufdringlichen Mischung aus trotziger Arroganz und sensibler Schüchternheit.

Mit seinem stimmigen Biopic «Control» über den Joy-Division-Sänger Ian Curtis hat der holländische Star-Fotograf Anton Corbijn 2007 ein vielgelobtes Kinodebüt vorgelegt. Diesmal fällt seine Story konventioneller aus. Die vielfach kolportierte homosexuelle Orientierung von James Dean mit keiner Silbe anzudeuten, zeugt nicht gerade von Risikofreude. Auch die Malen-nach-Zahlen-Dramaturgie bleibt bieder.

Beim Look kann Corbijn indes erwartungsgemäss punkten. Mit der Erfahrung von über 80 Musikvideos, darunter die Klassiker von Depeche Mode, beherrscht der Regisseur brillant die effiziente Grammatik der Bildsprache, sei es mit der detailgetreuen Fünfziger-Jahre-Ausstattung oder beim akribischen Nachstellen der berühmten Fotografie-Sessions. Die Schwarz-Weiss-Aufnahmen haben ihren grossen Auftritt aber erst im Abspann – eine schöne Hommage an die Kraft von Bildern, die gleich zwei Männer zu Stars machten. Das visuelle Vergnügen sowie die beiden bestens harmonierenden Akteure machen das melancholische Biopic zur sehenswerten Unterhaltung

«Life» läuft ab heute im Kino. Weitere Kritiken zu aktuellen Filmen finden Sie im aktuellen FRAME, der grössten deutschsprachigen Filmzeitschrift. Sie ist am Kiosk und bei iTunes erhältlich.


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