Brüderzwist - RAMS

01. Januar 2016


In RAMS (HRÚTAR) nähern sich zwei Brüder erst dann wieder an, als ihre Schafe zu sterben drohen. Der isländische Film vermengt gekonnt Skurriles mit Tragischem. Von Stefan Volk

(RAMS gewann den Internationalen Spielfilmwettbewerb am ZFF 2015)

Männer und Schafe. Das ist fast alles, was der 38-jährige isländische Regisseur Grimur Hakonarson für seinen zweiten Spielfilm braucht. Dazu eine weite, schroff-schöne Landschaft, ein Bauernhaus und davor einen Mann mit zotteliger Mähne und wucherndem Bart. Gemächlich stapft er zu den Schafen hinüber, liebevoll tätschelt er den Bock, säuselt ihm Zärtlichkeiten ins Ohr. Willkommen im Island-Klischee! Hakonarson weidet sich noch ein wenig länger daran, ehe sich Melancholie über seine Erzählung legt.

Im Hof nebenan wohnt noch so ein langbärtiger Kauz. Gummi und Kiddi, das erfährt man später, sind Brüder. Sie teilen sich ein Stück Land in einem abgelegenen Tal im Norden Islands. Aber schon seit vierzig Jahren reden sie nicht mehr miteinander. Dafür treten sie im regionalen Schafzüchterwettbewerb gegeneinander an: Männer und auch ein paar Frauen in Wollpullovern, ihre Böcke bei den Hörnern gepackt, aufgereiht wie Schulkinder. Auf den Schildern, die sie sich um den Hals gehängt haben, stehen nicht ihre eigenen Namen, sondern jene ihrer Schafe.
Es gibt reichlich zu lachen in der Tragikomödie HRÚTAR (deutsch: Schafböcke, englisch: rams), die am Zurich Film Festival das Goldene Auge für den besten internationalen Spielfilm gewann. So kritzelt Gummi, wenn er seinem Bruder etwas mitteilen möchte, es auf einen Zettel, den der Hofhund dann zu Kiddi bringt. Als Kiddi einmal sturzbetrunken im Schnee liegt, lädt Gummi ihn zähneknirschend auf den Schaufelbagger und legt ihn vor dem Spital unsanft wieder ab. 

Doch der Film hat eben auch seine tragischen Seiten. Als Gummi seinen eifersüchtigen Blick über Kiddis Siegerschaf streifen lässt, entdeckt er dort Anzeichen einer hochinfektiösen Krankheit. Es stellt sich heraus, dass die Herde mit Scrapie, einer Art Schaf-BSE, befallen ist. Die Behörden reagieren rigoros. Alle Tiere im Tal müssen geschlachtet werden. Es herrscht eine kämpferische, aufwieglerische Stimmung, als die Betroffenen davon erfahren. Nicht nur die Schafe, auch ihre Besitzer können störrisch sein.

Kurz scheint es, als wolle HRÚTAR in die Fussstapfen der schwedischen Produktion KOPS (2003) und all dieser liebenswerten Provinzkomödien über eingeschworene Dorfgemeinschaften treten. Doch es kommt anders. Als die Wut verdampft ist, macht sich Resignation breit. Die meisten Bewohner fügen sich der behördlichen Anordnung. 

Von Anfang an wabert neben schrägem Humor und Lakonie stets ein Hauch von Weltschmerz durch die Bilder. Es ist ein raues, windiges Eiland, dieses Island. Ständig trägt der Himmel Grau, auch drinnen bleibt es düster.
Auffallend häufig fotografiert der norwegische Kameramann Sturla Brandth Grovlen (Silberner Bär 2015 für VICTORIA) durch Fenster. Der Schmutz auf den Scheiben, das beschlagene Glas, die schlierenden Lichtreflexionen akzentuieren eine Distanz, wie sie das Mit- und Gegeneinander der Brüder prägt. Sie waren einander fremd geworden, nähern sich zögerlich wieder an. Sigurdur Sigurjonsson und Theodor Juliusson spielen das mit zerbrechlicher Wucht. Phänomenal! Nur scheinbar im Widerspruch dazu stehen die starren Tableaus und frontalen Porträts. Die Brüder, die sich als die narrativen Pole des Films entpuppen, wirken darin ausgestellt, verloren. Einsam eben. Vor allem dieses Empfinden ist es, von dem Hakonarsons Tragikomödie erzählt, abgrundtief einfühlsam, irrsinnig lustig, nicht ohne Hoffnung.

RAMS im Kinoprogramm


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