Gewagtes Genrekino: ELLE

02. Februar 2017


«Elle» ist eine Art von Film, wie sie Hollywood Anfang der 1990er mit «Basic Instinct» oder «Falling Down» produzierte, aber heute vernachlässigt: gewagtes Genrekino, das in die Abgründe der bürgerlichen Gesellschaft blickt und dem Publikum Angstkitzel beschert. Von Christian Jungen

 
Der Thriller basiert auf dem Roman «Oh . . .» von Philippe Djian und dreht sich um die Inhaberin einer Videogame-Firma, die ihr Geld also mit Sex und Gewalt verdient. Eines Abends wird sie in ihrer Villa von einem Maskierten überfallen und vergewaltigt. Als der Täter zurückkehrt, findet sie Gefallen am brutalen Sex und verwickelt ihren Vergewaltiger in ein erotisches Katz-und-Maus-Spiel. Die Produzenten engagierten dafür Paul Verhoeven («Basic Instinct »), den Meister des Subversiven. Sie planten, den Psychothriller in Chicago oder Boston zu drehen. Doch dann fanden sie keine amerikanische Schauspielerin, die das Risiko eingehen wollte, die unmoralische Hauptfigur zu spielen. Die Rolle schrie ohnehin nach Isabelle Huppert. Als die französische femme fatale schlechthin ihre Zusage gab, wurde daraus eine in Paris spielende Produktion.

«Elle» entwirft ein überzeichnetes Sittenbild der verlogenen Bourgeoisie, in der jeder ein schmutziges Geheimnis hat. Huppert verkörpert Michèle als Opfer-Täter-Figur, welche Grenzüberschreitungen geradezu sucht. So massiert sie an einem Weihnachtsessen ihrem Nachbarn (Laurent Lafitte) in Anwesenheit von dessen schwangerer Gattin (Virginie Efira) unter dem Tisch hindurch mit dem Fuss die Genitalien. Verhoeven arbeitet klug mit Suspense – als Zuschauer weiss man stets etwas mehr als die Figuren. Er versteht es überdies meisterhaft, den Zuschauer mit Effekten wie einem zuknallenden Fensterladen zu erschrecken. Elegant inszeniert und ausgestattet, hervorragend besetzt: bestes Unterhaltungskino! 


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