THE BIRTH OF A NATION – der Oscar-Abräumer 2017?

21. April 2016


Unter stehenden Ovationen feierte «The Birth of a Nation» beim diesjährigen Sundance-Filmfestival Premiere und gewann am Ende sowohl den Publikums- als auch den Jurypreis. Schon jetzt gilt das Sklavendrama als heisser Favorit für die Oscars 2017. Von Alan Mattli

Regisseur, Autor, Produzent und Hauptdarsteller Nate Parker in THE BIRTH OF A NATION

Wann genau die Geschichte vom Regiedebüt des 36-jährigen Schauspielers Nate Parker («The Great Debaters», «Arbitrage») anfängt, lässt sich nur schwer festmachen. Denn nicht nur hat «The Birth of a Nation», der am 7. Oktober – mitten in der entscheidenden Phase der Filmpreis-Saison – in die US-Kinos kommen soll, seit Produktionsbeginn zahlreiche Hürden überwunden; der Film verfügt auch über einen reichen, hochgradig komplexen (film)historischen Hintergrund.

Da wäre einmal der Titel, der nicht von ungefähr kommt. Unter dem Namen «The Birth of a Nation» verfilmte D. W. Griffith im Jahr 1915 Thomas F. Dixons Roman «The Clansman», ein rassistisches Stück Propaganda über den Ku Klux Klan. Griffiths dreistündiges Bürgerkriegsepos, zu seiner Zeit der längste Film aller Zeiten, übernahm die negative Darstellung Schwarzer, feierte die Gründung des KKK und verhalf der schwächelnden Hassgruppierung zu neuem Aufschwung. Trotzdem gilt der Streifen als Meilenstein der Filmgeschichte – dank Griffiths meisterhafter Inszenierung.

Der rassistische Klassiker THE BIRTH OF A NATION aus dem Jahr 1915

Und nun will Nate Parker diesen historisch schwer belasteten Titel zurückerobern und ihm, mit antischwarzer Polizeigewalt, wieder aufflammenden Rassismus und Black Lives Matter im Hinterkopf, neue Bedeutung geben: «Ich glaube, dass dieser Film einen neuen Dialog in unserem Land auslösen kann», sagte er im Gespräch mit der «Huffington Post». «Im Moment passieren so viele Dinge – 100 Jahre nach dem originalen ‹Birth of a Nation› sind wir an diesem Punkt angelangt. Ich hoffe, das macht meinen Film besonders: dass er jetzt relevant ist.»

Wie schon Steve McQueens Oscargewinner «12 Years a Slave», mit dem Parkers Film bereits verglichen wird, basiert auch «The Birth of a Nation» auf einer wahren Geschichte aus dem amerikanischen Süden vor dem Bürgerkrieg. In deren Zentrum steht der zum Prediger erzogene Sklave Nat Turner (im Film gespielt von Parker), der im August 1831 in Virginia eine zweitägige Sklavenrebellion anführte, in deren Verlauf rund 60 Weisse zu Tode kamen. Nach der Niederschlagung des Aufstandes wurden Turner und 55 seiner Kameraden hingerichtet; in den Wochen und Monaten nach den Kämpfen fielen zwischen 100 und 200 Schwarze weissen Lynchmobs zum Opfer.

Durch einen Universitätskurs wurde Parker auf Turners Revolte aufmerksam und begann 2009, ein Drehbuch darüber zu entwickeln. Damit stiess er in Hollywood allerdings auf wenig Gegenliebe: Schwarze Hauptdarsteller kämen auf dem internationalen Markt nicht gut an, Parkers Konzept sei zu ambitioniert, die Geschichte zu blutig, und Turner sei noch immer eine zu kontroverse Figur, um einen geeigneten Helden abzugeben – so fasste es Rebecca Park im «Hollywood Reporter» zusammen.

Armie Hammer und Nate Parker in THE BIRTH OF A NATION

Doch Parker blieb hartnäckig und fing an, mit eigenem Geld Crewmitglieder anzuheuern, bevor er schliesslich die Basketballspieler Michael Finley und Tony Parker als gewichtige Investoren gewinnen konnte. Ende 2014 war die Vorproduktion in vollem Gange, im April 2015 stand der Cast fest – darunter Armie Hammer («The Social Network»), Jackie Earle Haley («Little Children») und Aja Naomi King («How to Get Away with Murder») –, im Mai wurde gedreht. Was folgte, ist eine einzige Erfolgsgeschichte: «The Birth of a Nation» wurde im Januar 2016 in Sundance gezeigt, begeisterte Kritik und Industrie, gewann die Preise von Publikum und Jury und wurde in einem hart umkämpften Bieterwettstreit vom Verleiher Fox Searchlight für angeblich 17,5 Millionen Dollar erworben.

Kein Wunder, bezweifeln inzwischen die wenigsten, dass Parkers Siegeszug im kommenden Winter weitergehen wird. Gerade im Hinblick auf die Oscars, in deren Hauptkategorien zwei Jahre hintereinander nur weisse Schauspieler und Regisseure nominiert waren, was zur hitzigen #OscarsSoWhite-Debatte geführt hat, werden «The Birth of a Nation» gute Chancen prognostiziert. So erinnert der «Guardian»-Journalist Nigel M. Smith etwa an vergangene Sundance-Sieger wie Benh Zeitlins «Beasts of the Southern Wild» oder Damien Chazelles «Whiplash», für die sich die Academy begeistern konnte, während Marcus James Dixon vom Awards-Blog «GoldDerby» anmerkt, dass die viel kritisierte Academy in Parkers Film die Gelegenheit für eine Ehrenrettung erkennen könnte. 

Einen ersten Eindruck vom designierten Oscar-Favoriten kann sich jetzt auch das internationale Publikum machen, nachdem in der vergangenen Woche der erste Trailer zu «The Birth of a Nation» veröffentlicht wurde und mit seinen eindringlichen Bildern und der Verwendung von Nina Simones Coverversion des Billie-Holiday-Protestsongs «Strange Fruit» die Vorfreude zusätzlich anheizt. Die Schweiz muss sich allerdings in Geduld üben: Als Startdatum ist der 19. Januar 2017 vorgesehen.


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