Die Unverfilmbaren: Wenn Adaptionen scheitern

10. Mai 2016


Weniger als 24 Stunden, nachdem publik wurde, dass James Franco den Roman «Blood Meridian» von Cormac McCarthy («No Country for Old Men») verfilmen sollte, war das Projekt wieder vom Tisch. Solche Geschichten haben gerade in Hollywood fast schon Tradition. Von Alan Mattli

Regisseur Terry Gilliam am Set von THE MAN WHO KILLED DON QUIXOTE

Dabei hatte der 5. Mai für Franco («127 Hours», «Oz the Great and Powerful») so gut begonnen. Nachdem er in den letzten drei Jahren bereits McCarthys «Child of God» sowie die William-Faulkner-Klassiker «As I Lay Dying» und «The Sound and the Fury» für die Leinwand adaptierte, tauchte – nur konsequent – die Neuigkeit auf, der Englisch-Doktorand würde sich nun auch McCarthys Meisterwerks «Blood Meridian» annehmen. Auch eine Crew habe der 38-Jährige bereits rekrutiert: Mit Hilfe der Produzenten Scott Rudin, Cassian Elwes und Vince Jolivette sollte McCarthys Erzählung über die brutalen Methoden texanischer Indianerjäger im 19. Jahrhundert mit Russell Crowe, Ryan Reynolds, Vincent D’Onofrio und Tye Sheridan verfilmt werden.

Die Freude währte nur kurz. Noch am selben Tag musste die Meldung, dass Franco nun dort reüssiert habe, wo in der Vergangenheit Regie-Schwergewichte wie Ridley Scott und Michael Haneke abgeblitzt waren, zurückgezogen werden. Offenbar waren die Verantwortlichen allzu vorschnell in ihrer Überzeugung, den grossen Coup gelandet zu haben: Wie mehrere Quellen berichten, hätten Franco, Rudin, Elwes und Jolivette es versäumt, sich die Rechte an «Blood Meridian» zu sichern. «Das Ganze illustriert, wie heikel es ist, im Zeitalter der unmittelbaren Online-Medien Filmgeschäfte zu machen. Es scheint, als hätten die Breaking News die empfindlichen Verhandlungen zwischen Filmemachern und Rechte-Inhabern aus der Bahn geworfen», fasst Ali Jaafar die Situation auf «Deadline» zusammen. 

James Franco am Set von CHILD OF GOD

Erschwerend hinzu kommt, dass «Blood Meridian», eines der wichtigsten Werke der modernen US-Literatur, zu jenen «unverfilmbaren» Büchern gehört, an denen sich Regisseure und Drehbuchautoren mitunter jahrzehntelang die Zähne ausbeissen. Damit ist Franco in bester Gesellschaft. So arbeitet etwa Ridley Scott schon seit einiger Zeit an einer Adaption von Aldous Huxleys Dystopie «Brave New World», die mit ihren Gedanken zu synthetischen Menschen und psychologischer Konditionierung eine wichtige Inspirationsquelle für George Orwells «1984» war. «Ich weiss nicht, was ich damit machen soll», klagte Scott, der Gerüchten zufolge Leonardo DiCaprio als Hauptdarsteller gewinnen konnte, Ende 2012. «Vielleicht sollte es einfach ein Buch bleiben.»

Hollywoods Geschichte ist voll von solch unglückseligen Projekten. Das berüchtigtste von allen: Terry Gilliams «verfluchte» Idee, Miguel de Cervantes‘ «Don Quixote» zu verfilmen. Als noch problematischer als das exzentrische Quellenmaterial stellte sich der Dreh von «The Man Who Killed Don Quixote» heraus: Beim ersten Versuch im Jahr 2000 ruinierten Wasserschäden den Zeitplan und Hauptdarsteller Jean Rochefort erkrankte, bevor die Dreharbeiten wegen fehlender Versicherung abgebrochen werden mussten. So ging es weiter: 2008 sprang Johnny Depp ab, 2010 wurde Gilliam die Finanzierung entzogen, 2015 fiel ein neuerlicher Versuch ins Wasser, weil beim neu verpflichteten John Hurt Krebs diagnostiziert wurde. Den insgesamt achten Anlauf, den ersten europäischen Roman auf die Leinwand zu bringen, wird Gilliam, ausgestattet mit neuen Investoren, laut «Hollywood Reporter» im kommenden September unternehmen.

Konzeptbild aus Alejandro Jodorowskys Plänen für DUNE

Es wird interessant sein zu sehen, wie erfolgreich der fertige Film sein wird – wenn es denn diesmal klappt. Denn wie David Lynchs «Dune» gezeigt hat, gehen solch chaotische Produktionsprozesse nicht spurlos am Endprodukt vorbei. Als «Dune», die Adaption von Frank Herberts gleichnamigem Kult-Science-Fiction-Roman, 1984 in die Kinos kam, hatte die Produktion 13 (!) harte Jahre hinter sich. 1973 plante der chilenische Kunstfilmer Alejandro Jodorowsky ein Epos, das den Namen auch verdienen würde: Eine Kollaboration mit der Band Pink Floyd strebte er an; er wünschte sich H. R. Giger als künstlerischen Mitarbeiter; als Schauspieler verpflichtet werden sollten Salvador Dalí, Orson Welles, Mick Jagger und die Stummfilm-Diva Gloria Swanson. Das nötige Budget konnte er sich nicht sichern, und bald einmal ging das Zepter an Ridley Scott über, der nach nur sieben Monaten jedoch ebenfalls das Feld räumte. Der Film, den Lynch schlussendlich produzierte, figuriert dauerhaft auf jeder Liste der schlechtesten Science-Fiction-Streifen aller Zeiten.

Ob James Francos «Blood Meridian» ein Schicksal à la «The Man Who Killed Don Quixote» oder «Dune» bevorsteht, lässt sich noch nicht abschätzen. Doch selbst wenn es so enden sollte, lohnt es sich zu bedenken, dass Hollywoods anhaltender Erfolg auch der Gabe geschuldet ist, Scheitern in dessen Gegenteil zu wenden. So konnten aus den verheerenden Erlebnissen von Gilliam und Jodorowsky international gefeierte Dokumentarfilme – «Lost in La Mancha» und «Jodorowsky’s Dune» – gewonnen werden. Film ist, wenn man trotzdem dreht.


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