Martin Scorsese: Der Unermüdliche

11. Mai 2016


Auch mit 73 Jahren gehört Martin Scorsese noch zu den aktivsten Regisseuren im amerikanischen Filmgeschäft. So wird er etwa beim Filmfestival von Cannes versuchen, hinter den Kulissen ein Gigantentreffen in die Wege zu leiten. Von Alan Mattli

Martin Scorsese

Seinen neuesten Film – das Missionar-Drama «Silence», das im November in die Kinos kommen soll – wird Scorsese in Cannes zwischen dem 11. und 22. Mai zwar nicht vorstellen. Doch während auf den Festival-Leinwänden die Beiträge von Scorsese-Jüngern wie Xavier Dolan («Juste la fin du monde») oder Jeff Nichols («Loving») zur Aufführung gelangen, werden abseits des Festivalbetriebs harte Verhandlungen geführt. An dem wohl bedeutendsten Filmevent neben der Oscarverleihung treffen Jahr für Jahr Filmemacher und Produzenten auf Studiovertreter und Verleiher, um die internationalen Vertriebsrechte aktueller Projekte zu verkaufen. Und heuer sind alle Augen auf «The Irishman» gerichtet – den Film, dessen Rechte, wie «Deadline» berichtet, Scorsese und Paramount Pictures noch vor Festivalstart an die einflussreiche Fabrica de Cine abtreten wollen, damit die Firma während der elftägigen Gala alles Weitere regeln kann. Tritt dieses Szenario ein, wird Scorsese offiziell mit der Produktion beginnen können.

In Planung befindet sich «The Irishman» schon eine ganze Weile. Bereits 2011 wurde gemunkelt, dass Scorsese für den Film, der vom irisch-amerikanischen Mafioso Frank Sheeran – dem mutmasslichen Mörder des 1975 spurlos verschwundenen Gewerkschaftsführers Jimmy Hoffa – handeln soll, nicht nur thematisch auf den Anfang seiner langen Karriere verweisen würde. Robert De Niro, der dank seiner Darbietungen in den Scorsese-Werken «Mean Streets», «Taxi Driver», «Raging Bull», «The King of Comedy», «GoodFellas», «Cape Fear» und «Casino» unsterblich wurde, stehe für das Sheeran-Biopic bereit; ebenso Al Pacino, der somit im Alter von 76 Jahren kurz vor seinem Scorsese-Debüt stünde. Vielleicht am interessantesten aber sind die Berichte, dass Joe Pesci in «The Irishman» sein Comeback geben soll: Pesci – oscarnominiert für seine Rolle in «Raging Bull», oscargekrönt für «GoodFellas» – befindet sich nach eigenen Angaben seit 1999 im Quasi-Ruhestand.

Joe Pesci in GOODFELLAS

Bei so vielen Variablen wäre es nur logisch anzunehmen, dass Scorsese nebenher nicht viel Zeit für weitere Projekte bliebe. Tatsächlich lässt seine Filmografie im 21. Jahrhundert auf den ersten Blick nicht auf einen unermüdlichen Künstler schliessen: Seit dem Jahr 2000 hat er nur sieben Spielfilme ins Kino gebracht; Clint Eastwood kam im gleichen Zeitabschnitt auf doppelt so viele. Doch diese Zahl widerspiegelt weder seine zahlreichen Dokumentationen («No Direction Home», «Shine a Light», «Public Speaking», «George Harrison: Living in the Material World»), noch seine Beiträge zu Filmgeschichtsschreibung und -archivierung, noch seine Vorbereitungsarbeit für geplante künftige Filmprojekte.

Wer sich einen Überblick darüber verschaffen will, was Scorsese über «Silence» und «The Irishman» hinaus plant, verirrt sich schnell einmal in der schieren Menge an Meldungen. Eine der konkretesten Ideenskizzen, die in der einschlägigen Presse schon seit geraumer Zeit die Runde macht, ist eine weitere Zusammenarbeit mit Leonardo DiCaprio, der für Scorsese schon in «Gangs of New York», «The Aviator», «The Departed», «Shutter Island» und «The Wolf of Wall Street» Hauptrollen spielte. Vorgesehen ist eine Adaption von Erik Larsons Non-Fiction-Buch «The Devil in the White City» über die turbulente Geschichte Chicagos in den 1890er Jahren. DiCaprio, der aller Wahrscheinlichkeit nach den Serienmörder H. H. Holmes verkörpern wird, sicherte sich die Filmrechte 2010, bevor Paramount im vergangenen August die Verleihrechte ergatterte und Scorsese sowie Drehbuchautor Billy Ray («Captain Phillips») an Bord holte.

Andrew Garfield und Shinya Tsukamoto in Martin Scorseses SILENCE

Überhaupt scheint Scorseses Vorliebe für faktenbasierte Stoffe ungebrochen. Vor einem Jahr verriet Jamie Foxx in einer Radiosendung, dass er und der Regisseur sich im Gespräch darüber befänden, ein gross angelegtes Biopic über die umstrittene Boxsport-Legende Mike Tyson zu drehen. «The Guardian» meldete unlängst, dass Scorsese zu den Favoriten gehöre, bei «The General», einem geplanten Film über den George Washington, das Regie-Zepter zu übernehmen. Und auch zeitgenössische US-Präsidenten finden bei «Marty» Anklang: Eine seiner nächsten Dokumentationen soll sich um Bill Clinton drehen. (Ob Scorsese da noch zuwartet, um dessen absehbares Leben als allererster «First Husband» mit einzubeziehen?)

Alle diese Projekte sind einem ähnlich komplexen Vorbereitungsprozess unterworfen wie demjenigen von "The Irishman". Es darf mit Fug und Recht bezweifelt werden, dass sie schliesslich alle realisiert werden können – ob von Scorsese oder jemand anderem. Doch dieses Geflecht aus Gerüchten, News-Meldungen und Interviewfetzen zeugt von einem besessenen Filmkünstler, der noch keinerlei Interesse an Karriere-Retrospektiven hat. Wie Frank Capra einst sagte: «The antidote to film is more film.»


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