Warum LA LA LAND den Oscar verdient

12. Januar 2017


«La La Land» ist eine Sensation, weil «Whiplash»-Regisseur Damien Chazelle aus der Tradition der MGM-Musicals schöpft und doch eine moderne Liebesgeschichte erzählt, schreibt Christian Jungen

Szene aus LA LA LAND

Es passiert auch fleissigen Kinogängern nur alle paar Jahre, dass sie in einem Film sitzen, der den Saal elektrisiert. Der die Leute zum Lachen und zum Weinen bringt, mehrfach Szenenapplaus erhält und am Ende alle von den Sesseln reisst. Zuletzt war das bei «The Artist» und «Inside Out» der Fall, jetzt ist es mit «La La Land» wieder geschehen, bei der Galapremiere am Zurich Film Festival. Das Musical begeisterte alle, die Kritiker genauso wie das Publikum. So war es auch schon am Filmfestival Toronto, wo «La La Land» den Publikumspreis gewann, und ebenso an der Weltpremiere am Filmfestival von Venedig, wo das Musical zehn Minuten stehende Ovationen erhielt und Emma Stone als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde. «La La Land» wird auf dem Kri tikerbarometer Rotten tomatoes.com von 96 Prozent der Kritiker als positiv bewertet.

Bei diesem Film stimmt einfach alles: Regie, Kamera, Schauspieler, Musik. Das gibt es zwar auch bei Clint Eastwood, Ang Lee oder Richard Linklater. Aber Regisseur und Drehbuchautor Damien Chazelle (*1985) schafft es auch noch, das Publikum mit etwas völlig Neuem zu bezaubern: einem Retro-Musical, das zwar an die Märchenhaftigkeit der MGM-Klassiker der goldenen Ära wie «An American in Paris» (1951) und «Singin’ in the Rain» (1952) gemahnt, aber zeitgenössisch inszeniert ist.

Chazelle erzählt den schönsten Evergreen der Traumfabrik: Boy meets girl. Da ist Pianist Sebastian (Ryan Gosling), der davon träumt, einen Jazzklub zu eröffnen. Und da ist Mia (Emma Stone), die davon träumt, Schauspielerin zu werden. Beide hat die Hoffnung auf den grossen Durchbruch nach Los Angeles geführt, doch ihre Karrieren sind ins Stocken geraten. Sinnigerweise begegnen sie sich zum ersten Mal in einem der berüchtigten morgendlichen Verkehrsstaus auf dem Freeway 110. Er hupt, weil sie in einem Drehbuch liest, statt aufzuschliessen, sie zeigt ihm den Stinkefinger. Während die Kamera über die Autos hinwegschwebt, ertönt jeweils der Song, den ein Lenker gerade am Radio hört. Schliesslich steigen alle aus, beginnen auf den Autodächern zu tanzen und «Another Day of Sun» zu singen. Es ist eine hinreissend choreografierte Ouvertüre, die unweigerlich an «Fame» erinnert und ohne Schnitt auskommt. Mit ihr scheint Chazelle sagen zu wollen: Achtung, dies ist ein Musical, wem das nicht passt, verlässt jetzt bitte den Saal!

MGM-Klassiker als Vorbild: SINGIN' IN THE RAIN (1952)

Nachdem Damien Chazelle seine Protagonisten auf so überraschende Weise eingeführt hat, lernen wir, wie schwer sie es haben: Mia verdingt sich als Barista in der Kantine von Warner Bros. und bereitet für die Stars Caffè Latte zu. Sebastian klimpert in einem Restaurant Hintergrundmusik und wird schliesslich vom Besitzer («Whiplash»-Star J. K. Simmons) gefeuert, weil er sich weigert, Weihnachtslieder zu spielen. Auf wundersame Weise begegnen sich Sebastian und Mia erneut, verlieben sich und ermutigen einander, keine künstlerischen Kompromisse einzugehen.

Der Film markiert die Erfüllung eines Traums, den Damien Chazelle schon hatte, als er in Harvard Film studierte. Damals schrieb der passionierte Schlagzeuger zusammen mit seinem Kommilitonen und Bandkollegen Justin Hurwitz das Drehbuch für ein Musical über einen Jazzmusiker in Boston. Sie realisierten den Film 2009 unter dem Titel «Guy and Madeline on a Park Bench». Nach dem Studium zogen beide nach Kalifornien. Chazelle schrieb ein neues Szenarium mit einer ähnlichen Handlung, wobei die Geschichte nun in Los Angeles spielte; Hurwitz komponierte die Jazzmusik dazu. «Ich finde Los Angeles sehr poetisch, weil die Stadt von Leuten bevölkert ist, die alles riskieren, um ihre Träume zu erfüllen», erklärt Chazelle.

Zu diesen Leuten gehört auch er selber. Bei den Studios sagte man ihm ins Gesicht, ein Musical, das nicht auf einer berühmten Vorlage basiere und keine Ohrwürmer enthalte, sei reines Kassengift. Schliesslich fand er einen Produzenten, der das Projekt bei Focus Features unterbrachte – mit einem Mini-Budget von einer Million Dollar. Doch dann bat er Chazelle, aus dem Jazzmusiker einen Rockmusiker zu machen, die Szene mit dem Verkehrsstau zu streichen und das bittersüsse Ende durch ein Happy End zu ersetzen. Da gab Chazelle auf und nahm ein neues Projekt in Angriff: «Whiplash», über einen jungen Schlagzeuger (Miles Teller), der am Konservatorium unter den Fittichen seines autoritären Lehrers (J. K. Simmons) zum Genie reift. Das Hühnerhaut-Drama schlug am Filmfestival Sundance ein wie eine Bombe. Chazelle gewann den Publikumspreis und den Grossen Preis der Jury, es sollten noch drei Oscars folgen. Danach rollten ihm die Studiobosse den roten Teppich aus für ein nächstes Projekt. Chazelle unterschrieb bei Lionsgate und erhielt die Zusicherung, «La La Land» mit grossem Budget und Stars verwirklichen zu dürfen. Zunächst waren Emma Watson und Miles Teller für die Hauptrollen vorgesehen. Doch die Britin, die als Harry Potters beste Freundin bekannt wurde, hatte gerade für Disneys Prestige-Musical «Beauty and the Beast» unterschrieben, und Teller war der Erfolg mit «Whiplash» zu Kopf gestiegen. Er soll eine Gage von 4 Millionen Dollar abgelehnt haben.

Szene aus LA LA LAND

Das Casting-Problem wurde gelöst, als Chazelle in New York Emma Stone traf, die am Broadway im Musical «Cabaret» auftrat, und in Los Angeles Ryan Gosling, der mit «The Big Short» beschäftigt war. Beide waren von seiner Vision begeistert, ein Musical zu drehen, das zwar in der Realität verankert sein würde, aber eine träumerische Note haben sollte. Dafür waren die Stars bereit, die Extrameile zu gehen: Beide nahmen drei Monate lang Tanz- und Gesangsunterricht. Gosling lernte überdies noch während vier Monaten Klavier spielen, er spielt im Film tatsächlich selber – und zwar respektabel.

Damien Chazelle, der schon als Kind von den Tanz- und Gesangseinlagen eines Fred Astaire schwärmte, wollte unbedingt ein Musical realisieren, weil er glaubt, dass es dem heutigen Kino an Hoffnung und Romantik mangle. «Mein Ziel war es, eine einfache Geschichte raffiniert zu erzählen, so wie dies MGM in der goldenen Ära tat.» Um die Crew einzustimmen, zeigte er ihr am Feierabend jeweils Klassiker wie «Singin’ in the Rain» und «The Band Wagon», aber auch die trotz Farbenpracht sozialkritischen Musicals des Franzosen Jacques Demy wie «Les parapluies de Cherbourg». Um die warme Ästhetik und die romantische Stimmung der Technicolor-Filme zu erreichen, drehte er auf Zelluloid, das Farben wärmer erscheinen lässt als digitale Bilder, sowie im Cinemascope-Format – und zwar meistens zwischen 18 und 19 Uhr, weil dann in Los Angeles das Abendlicht magisch funkelt. Noch nie hat man die südkalifornische Metropole im Kino schöner gesehen! Für die Tanzsequenz mit Gosling und Stone im Griffith Observatory – die beiden fahren dorthin, nachdem sie den Ort bei einem Kinobesuch von «Rebel Without a Cause» gesehen haben – blieb pro Tag nur ein Zeitfenster von 30 Minuten zum Drehen. Chazelles hohe Ansprüche trieben das Budget in die Höhe, der Film kostete 30 Millionen Dollar.

Damien Chazelle zitiert zwar Klassiker, verliert sich aber nicht in Nostalgie. Er schöpft vielmehr aus der Tradition, um mit ihren Versatzstücken einen durch und durch zeitgenössischen Film zu gestalten. Die in Studios gedrehten MGM-Musicals boten Alltags flucht, indem sie romantische Liebe an exotischen Schauplätzen feierten. Chazelle hingegen hat einen Grossteil seines Filmes an Originalschauplätzen jener Stadt gedreht, deren Abkürzung doppelt im Titel vorkommt: L. A. Er zeigt zwar ihre glamourösen Seiten, etwa den immer wieder aufs Neue atemberaubenden Blick von den Hollywood Hills aufs nächtliche Lichtermeer. Er verweist aber auch auf die Schattenseiten des Lebens in der Traumfabrik, die er selber erfahren musste, als er 2007 dorthin zog. Zum Beispiel die Einsamkeit der Menschen und die Schwierigkeit, sich überhaupt verlieben zu können – während New Yorker und Europäer um 19 Uhr beim Apéro flirten, stecken die Angelenos im Stau und verpassen einmal mehr den Yoga-Unterricht, wo sich auf der Matte nebenan vielleicht die grosse Liebe verrenken würde. Auch der Zynismus in der Filmindustrie, wo Menschen wie Waren beurteilt werden, kommt zur Sprache.

Hier stimmt die Chemie: Ryan Gosling und Emma Stone in LA LA LAND

«La La Land» zeigt: Wer in dieser Stadt hoch hinauswill, muss Opfer bringen, oft im Privatleben, weil man von einer Sekunde auf die andere alles aufgeben muss, um eine Gelegenheit beim Schopf zu packen. Die Hektik des L.A. Lifestyles verdeutlicht Chazelle über den Schnitt und die Tonspur. Sein Film hat zwar einen musikalischen Rhythmus, aber er enthält auch harte Schnitte und Sound-Kontraste, etwa wenn ein klingelndes iPhone einen Kuss zwischen den Liebenden verhindert. Die Songs werden nicht zum Mitsingen ausgespielt, sondern nur angeschnitten.

Gerade weil das Leben in der Traumfabrik so hart ist, verhandelt Chazelle dieses als Musical, wo die Figuren ihren Emotionen in Liedern Ausdruck verleihen und so der Realität ein Schnippchen schlagen können. Kurz vor dem bittersüssen Ende, wenn Gosling und Stone im Mondlicht tanzen, lässt Chazelle sie in einer anrührenden Szene von sublimer Schönheit abheben und in den Sternenhimmel schweben. Aber eben, die Realität ist kein Hollywoodfilm, und so endet «La La Land» auch nicht vor dem Altar. Nein, er endet so traurigschön wie die herz zerreissendsten Liebesfilme der Kinogeschichte von «Casablanca» über «The Bridges of Madison County» bis «Before Sunrise»: Die Turtel täubchen leben mit der Erinnerung an schöne Stunden und der Gewissheit weiter, füreinander bestimmt gewesen zu sein.

Dass der Film am Schluss fast jeden zu Tränen rührt, liegt auch daran, dass die Chemie zwischen Emma Stone und Ryan Gosling stimmt. Die charismatischen Jungstars vermögen ihre Anziehung mit Blicken auszudrücken; wenn sie tanzen und singen, sprühen die Funken.

«La La Land» katapultiert ein junges Talent in den Rang von Hollywoods ersten Autorenfilmern: Der in New Jersey aufgewachsene Damien Cha zelle hat drei autobiografisch inspirierte Filme gemacht, die formal unterschiedlicher nicht sein könnten, aber alle ums gleiche Thema kreisen: Wie bringt man seinen künstlerischen Traum und das Privatleben unter einen Hut? «La La Land» ist eine cineastische Sensation, aber kein Meisterwerk. Dafür ist das 133 Minuten dauernde Musical etwa um zehn Minuten zu lang und in den Nebenrollen zu schwach besetzt. Aber Cha zelle zündet ein wahres Feuerwerk an Ideen in einer Zeit, in der Hollywood nicht mehr träumt, sondern nur noch rechnet und Fortsetzungen durchnummeriert. Es ist weit und breit kein Film in Sicht, der annähernd so originell ist wie dieses Musical. Deshalb hat das Werk am 26. Februar den Oscar als bester Film verdient.

Kinostart D-CH: 12. Januar 2017


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