Mexikaner erneuern Hollywood

14. Januar 2016


US-Politiker wollen Migranten mit Zäunen fernhalten. In der Traumfabrik aber sind Regisseure aus Mexiko wie Alejandro González Iñárritu willkommen – und Gold wert. Von Seraina Rohrer

Szene aus GRAVITY mit Sandra Bullock und George Clooney

Der Oscar für den besten Regisseur ging in den letzten zwei Jahren bei­de Male an einen Mexikaner: 2014 an Alfonso Cuarón für sein Welt­raumdrama «Gravity», 2015 an Ale­jandro González Iñárritu für «Bird­man». Und dieses Jahr könnte Iñár­ritu mit seinem neuen Film «The Re­venant», in dem Leonardo DiCaprio als Trapper bei eisiger Kälte ums Überleben kämpft, gleich noch ein­mal reüssieren. Die Branchenzeit­schrift «Hollywood Reporter» han­delt den Thriller mit der extremen Produktionsgeschichte als Favoriten für den Oscar als besten Film. Ginge es nach den Kri­tikern, schafft es auch der Fantasy­film «Crimson Peak» von Guillermo del Toro unter die Nominierten.

Szene aus THE REVENANT mit Leonardo DiCaprio

Was ist der Grund für den Erfolg der drei mexikanischen compañeros? Cuarón, Iñárritu und del Toro verbindet ihr Mut, Neues auszupro­bieren. Iñárritu wagt die dramati­sche Zuspitzung und treibt sie bis zum Kitsch, zum Beispiel in «Babel» (2006). «Ich war immer offen für die Einflüsse der Populärkultur, etwa von Telenovelas», sagt der Regis­seur am Telefon. «Auch die mexika­nischen B-­Movies haben mich in­spiriert.» Alfonso Cuarón lotet in seinen Werken die Grenzen der Technik aus. Mit seinen Spezial­effekten setzte er in «Gravity» neue Massstäbe für Aufnahmen des Welt­alls und erweiterte unsere Vorstel­lung des Universums. Guillermo del Toro wiederum findet originelle Bil­der für Unerklärliches. Seine Filme wie «Pan’s Labyrinth» und «Crim­son Peak» bestechen mit surrealen Elementen.

Kurz: Hollywood schätzt seine drei mexikanischen Söldner, weil sie es verstehen, Zuschauer in unbekannte Sphären zu entführen. Sie garantieren Substanz, doch im Gegensatz zu Filmschaffenden mit europäischen Wurzeln haben sie keine Hemmungen, dabei dick auf­zutragen.

Ale­jandro González Iñárritu und Brad Pitt am Set von BABEL

Alle drei zogen bereits mit ihren Debüts die Aufmerksamkeit von Hollywood auf sich. Iñárritu rüttel­te mit «Amores perros» (2000), ei­nem raffinierten Episodenfilm in Mexiko-­Stadt, zuerst die Kritiker in Cannes und danach die Academy in Los Angeles auf. Diese nominierte das Drama für den besten fremd­sprachigen Film und öffnete Iñár­ritu die Türen zur Traumfabrik. 2003 drehte er «21 Grams» mit Nao­mi Watts und Sean Penn, drei Jahre später «Babel» mit Brad Pitt und Cate Blanchett. Spätestens seit den letzten Oscar­-Verleihungen ist Iñárritu selber ein Star seines Fachs, um den die Studios buhlen. 

Ähnlich wie bei Iñárritu verlief der Werdegang von Alfonso Cuarón. Mit «Sólo con tu pareja» (1991) ge­lang ihm auf Anhieb eine freche Ko­mödie. 2001 schaffte er mit «Y tu mamá también», einer tragikomi­schen Dreiecksgeschichte, den in­ternationalen Durchbruch. Er ge­wann am Filmfestival von Venedig den Goldenen Löwen, worauf ihm Warner Bros. ein erstes Grossprojekt anvertraute: «Harry Potter and the Prisoner of Azkaban» (2004). Zwei Jahre später folgte der Apokalypse-Film «Children of Men». 

Szene aus CRIMSON PEAK mit Mia Wasikowska

Auch Guillermo del Toros Erstling «Cronos» (1993) sieht man das Flair des Regisseurs für magische Momente an. Dieses wurde ihm in die Wiege gelegt: Übernatürliche Ereignisse – Gespräche mit Toten oder das Vertreiben von bösen Geistern – sind in der mexikanischen Kultur Teil des Alltags. In seinem neuen Film «Crimson Peak» verbindet del Toro seine Kultur mit der angelsächsischen Tradition von Gothic: Die junge Amerikanerin Edith zieht mit ihrem Ehemann nach Nordengland zu dessen Schwester Lucille in ein heruntergekommenes Schloss. Natürlich spukt es dort. Der Perfektionist Guillermo del Toro hat das Geisterhaus von Grund auf bauen lassen. «Bei den Angelsachsen prallt normalerweise das Rationale mit dem Übernatürlichen zusammen», sagte Guillermo del Toro, der angeblich schon zwei Geisterbegegnungen hatte, in der Filmzeitschrift «Sight & Sound». «In meinem Film aber akzeptieren wir schon nach zehn Sekunden, dass die Geister real sind.» Das sei ebenso mexikanisch wie die Gewalt und die Leidenschaft im Film. «Und schliesslich gibt es eine grosse Nähe zum Melodrama, das typisch für die mexikanische Kultur ist.» 

Die internationale Präsenz mexikanischer Filmschaffender gründet in ihrer Vernetzung. Seit den 1990er Jahren in Mexiko pflegen del Toro, Cuarón und Iñárritu einen engen Austausch. Diesen führen sie seit der Jahrtausendwende in den USA fort, wo sie die Fachpresse liebevoll als tres amigos bezeichnet. 

Alfonso Cuarón, Guillermo del Toro, Ale­jandro González Iñárritu (v.l.n.r.)

2006 gründeten sie die Produktionsfirma Cha Cha Cha Films. Seither spannen sie regelmässig bei ihren Projekten zusammen. Ihr erklärtes Ziel ist es, auch junge Talente nachzuziehen. 2008 produzierten sie gemeinsam die Komödie «Rudo y Cursi» mit Gael García Bernal und Diego Luna in den Hauptrollen. Die beiden gehören spätestens seit dem innigen Zungenkuss in Cuaróns «Y tu mamá también» zum engen Freundeskreis der mexikanischen Clique. Iñárritu hatte Bernal im Jahr 2000 in «Amores perros» für die Leinwand entdeckt. 

Auch der Aktionsradius von Bernal und Luna reicht weit übers Schauspielern hinaus. Bernal ist der Gründer des Filmfestivals Ambulante, das durch Mexiko, Kolumbien und Kalifornien tourt und hochkarätige Dokumentarfilme präsentiert – ein Genre, das in Mexiko selten den Weg ins Kino findet. Beide führen auch Regie, produzieren und sind als Verleiher tätig. Mit ihrer gemeinsamen Firma Canana Films wählen sie gezielt Projekte junger Regisseure aus und nutzen ihr internationales Netzwerk, um ihnen zum Durchbruch zu verhelfen. 

Viel Fördergeld 

Beispielhaft ist der Werdegang von Cary Joji Fukunaga. 1977 geboren, verbrachte er seine Jugend in Mexiko. In seinem von Bernal und Luna produzierten Debüt «Sin nombre» – einer mexikanisch-amerikanischen Koproduktion – erzählt er von einem 18-jährigen Mitglied der Strassengang Mara, das dem Milieu der Gewalt entfliehen will. Er steigt auf das Dach eines Zuges, das ihn von Honduras über Mexiko ins gelobte Land, die USA, bringen soll. Unterwegs freundet er sich mit einem Mädchen aus den Slums an, das er vor einer Vergewaltigung rettet. Der Film gewann 2009 in Sundance den Preis für die beste Regie und die beste Kamera. Darauf verpflichtete HBO Fukunaga als Regisseur für die erste Staffel von «True Detective», und dann schuf er als Regisseur «Beasts of No Nation», den nun Netflix vertreibt. 

Szene aus SIN NOMBRE

Hollywood, die amerikanischen Independent-Produzenten und mexikanische Produktionshäuser befruchten sich heute gegenseitig. Letztgenannte haben zurzeit besonders viele spannende Projekte am Start. Dazu gehört Jorge Michel Graus Genre-Film «Yamaha 300» – die Geschichte zweier Drogenkuriere, die an der Küste von Miami auf eine Lieferung warten. Dieser Plot ist typisch für einen jungen mexikanischen Regisseur. Häufig erzählen sie Geschichten, die gänzlich in den USA angesiedelt sind. Dass sie nach Erfolgen nach Hollywood abwandern, ist nicht zwingend. Mexikanische Regisseure können es sich heute leisten, Angebote aus den Staaten auszuschlagen und unabhängig zu produzieren. Mexiko verfügt über zwei hoch dotierte Fördertöpfe – der eine für Autoren-, der andere für Publikumsfilme. Diese machen das Land für internationale Koproduktionen attraktiv. Überhaupt versteht es Mexiko, die Wichtigkeit des Mediums Films zu zelebrieren. Im Jahr 2010 forderte die Regierung einheimische Filmschaffende dazu auf, anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums der mexikanischen Revolution über die gegen­wärtige Befindlichkeit des Landes filmisch nachzudenken. Dafür stell­ten sie grosszügig Mittel zur Ver­fügung. 

Das Selbstverständnis Mexikos als Filmnation ist keineswegs neu. Die Politik erkannte das Potenzial des Mediums bereits 1897. Der da­malige Präsident Porfirio Díaz lud die Erfinder des Kinos – die Brüder Lumière – ein, das Land zu doku­mentieren. Sie kamen mit mehreren Crews und filmten den mexikani­schen Alltag. Ihre Aufnahmen von Indigenen beim Frühstück, Alltags­zenen in Mexiko­Stadt, militäri­schen Paraden und Hahnenkämp­fen sind amüsant und informativ zu­ gleich. Heute gehören sie zur Film­geschichte. Der grosse russische Re­gisseur Sergei Eisenstein schickte sich 1930 in Mexiko an, «¡Que viva México!» zu drehen. Doch nachdem er über 30 Stunden Material zusam­mengetragen hatte, wurde ihm der Geldhahn zugedreht, und er musste in die UdSSR zurückkehren.

In den 1940er Jahren produzierte Mexikos Filmindustrie dann unzäh­lige Melodramen und Musicals. Die­se zeigen die Schönheit des Landes. Millionen von Zuschauerinnen und Zuschauern schwelgten im Natio­nalstolz und sangen zu den mexi­kanischen Balladen. Bald war der Kinobesuch die beliebteste Freizeit­beschäftigung der mexikanischen Bevölkerung. Das Land verfügte über eigene Studios und Stars. Die Diva María Félix oder der Komiker Cantinflas garantierten wochenlang volle Säle.

Links: Dolores Del Rio

Der Staat unterhielt sogar eine eigene Filmbank, die Banco Nacional Cinematográfico – bis heute eine weltweit einzigartige In­stitution. Diese gewährte grosszügig Kredite und kurbelte damit die Pro­duktion an. Bald zählte die Film­branche Mexikos zu den wichtigs­ten Industrien des Landes – nach der Stahl­, Auto­ und Bierproduk­tion. Als 1946 der Film «María Can­delaria» von Emilio Fernández am Festival von Cannes den Grand Prix und den Kamerapreis gewann, sah sich die mexikanische Regierung bestätigt: Der Film lockte Scharen in die Kinos, stärkte die nach der Revolution angeschlagene natio­nale Identität und polierte gleich auch noch den internationalen Ruf auf. Im selben Jahr zog der spa­nische Avantgarde­-Regisseur Luis Buñuel nach Mexiko, wo er bis zu seinem Tod 1983 fast zwei Dutzend Filme drehte. 

Unterschlagen wird in Fachbü­chern oft, dass die USA schon da­mals massgeblich am Erfolg des me­xikanischen Filmwunders beteiligt waren. Hollywood machte die Hauptdarstellerin von «María Can­delaria», die Mexikanerin Dolores del Río, in der Stummfilmzeit zum Star. Während des Zweiten Welt­kriegs – nach dem Truppeneinzug vieler Filmtechniker – sah sich Hol­lywood gezwungen, das Produktionsvolumen wegen Personalman­gel zu reduzieren. Die Herstellung der spanischsprachigen Filme wur­de fortan bewusst Mexiko überlas­sen und die Belieferung Argenti­niens mit Filmrohmaterial eingestellt, da das Land Sympathien für Deutschland bekundete. Mexiko hingegen galt als Freund und Partner. Hollywood stellte das teure technische Material kostenlos zur Verfügung, punktuell erhielten Produzenten gar finanzielle Unterstützung. Im Gegenzug stellte Mexiko bei Bedarf Fachkräfte für Hollywood-Produktionen zur Verfügung. Mexikos Techniker zählten bereits damals zu den besten ihres Metiers. Der Kameramann Gabriel Figueroa drehte ab den 1940er Jahren rund zehn Filme mit amerikanischen Produzenten und Regisseuren, darunter auch mit John Ford. 

Noch heute hat das mexikanische Setpersonal in Hollywood einen hervorragenden Ruf. Rodrigo Prieto und Emmanuel Lubezki zählen zu den gefragtesten Kameramännern. Seit «Amores perros» wird Prieto mit Anfragen überhäuft, inzwischen hat er Filme mit mehreren amerikanischen Star-Regisseuren gedreht, darunter Ang Lee, Oliver Stone und Martin Scorsese. Mit sieben Oscar-Nominationen gehört Emmanuel Lubezki schon fast zum Establishment Hollywoods. Tim Burton, Terrence Malick und Michael Mann haben seine Dienste bereits beansprucht. Sein Herz gehört aber immer noch seinen mexikanischen Freunden. Seit den 1990er Jahren dreht Lubezki mit Cuarón, später dann auch mit Iñárritu. Diese Zusammenarbeit bescherte ihm zweimal hintereinander einen Oscar – 2014 für seine schwebende Kamera in «Gravity» und 2015 für die Pseudo-Plansequenz in «Birdman». 

Szene aus BIRDMAN mit Michael Keaton

Der internationale Erfolg mexikanischer Regisseure, Schauspieler und Kameramänner zeigt, dass das Land eine zweite cineastische Blüte durchlebt. Obwohl viele der bekanntesten Exponenten nicht mehr in Mexiko tätig sind, bekunden sie öffentlich Stolz auf ihre Wurzeln. Gut möglich, dass dieser auch in der Filmgeschichte, insbesondere der Zeit der 1940er Jahre, gründet. Obwohl – oder vielleicht gerade weil? – die Filmschaffenden ihre Heimat verliessen, als Mexiko in den 1990er Jahren in eine schwere ökonomische Krise glitt, unter der die Filmwirtschaft zusammenbrach. 

Wo bleiben die Frauen?

Das gegenwärtige mexikanische Filmwunder und seine Stars sind vorwiegend männlich. 2007 führten gerade einmal bei 10 Prozent aller mexikanischen Filme Frauen Regie. 2014 waren es immerhin bereits 20 Prozent. Die jungen Regisseurinnen sind ambitioniert und an internationalen Filmfestivals durchaus erfolgreich. Natalia Beristáins poetischer Erstling «No quiero dormir sola» erzählt einfühlsam die Geschichte einer jungen Frau, die gezwungen ist, sich um ihre alkoholkranke Grossmutter zu kümmern. Auch Yulene Olaizolas Spielfilm «Fogo» ist bildstark erzählt und präzise beobachtet, wobei stets unklar bleibt, welche Aufnahmen dokumentarisch und welche inszeniert sind. Die jüngste Nachwuchshoffnung, die 1982 geborene Elisa Miller, machte mit ihrem Debüt «Vete más lejos Alicia» (2010) am Filmfestival in Rotterdam von sich reden. Alle drei Regisseurinnen genossen eine Ausbildung an der mexikanischen Talentschmiede CCC (Centro de Capacitación Cinematográfica), die eine der besten Filmschulen weltweit ist.

Szene aus FRIDA mit Salma Hayek

Der Sprung nach Hollywood gelang der Schauspielerin Salma Hayek. Für ihre Rolle als Malerin Frida Kahlo in Julie Taymors Biopic «Frida» nominierte sie die Academy 2002 als beste Hauptdarstellerin. Zum nationalen Star war sie in Mexiko bereits 1989 mit der Telenovela «Teresa» geworden, zum Männertraum 1996 nach ihrem Auftritt in Robert Rodriguez’ Vampirfilm «From Dusk Till Dawn». Später kehrte sie in den USA zum TV-Format zurück, jedoch als Produzentin. Wie ihre Schauspieler-Kollegen Gael García Bernal und Diego Luna hat auch Hayek ihr Tätigkeitsfeld über die Jahre ausgeweitet. Ihr verdanken wir zum Beispiel die amerikanische Version der erfolgreichen Serie «Ugly Betty». Die Geschichte der intelligenten Latina Betty, die im Journalismus Karriere machen will, ist vergleichbar mit Hayeks eigenem Werdegang. Die junge Frau setzt sich mit Können und Selbstbewusstsein durch.

Hayek bleibt bis heute eine Ausnahme. Doch die Aussichten auf eine Karriere in Hollywood stehen auch für mexikanische Filmfrauen derzeit besser denn je. Die tres amigos haben das Terrain vorbereitet: Hollywood sucht seine zukünftigen mexikanischen Stars vermehrt an internationalen Festivals. Und genau dort sind auch die amigas häufig anzutreffen.


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