Schweizer in Hollywood

08. Februar 2017


Sie sind mit dem Traum von einer Karriere im Filmgeschäft nach Kalifornien ausgewandert. Wie sie es geschafft haben, was sie an Amerika schätzen und warum sie die Schweiz trotzdem vermissen. Von Marlène von Arx (Text) und Serge Hoeltschi (Fotos), Los Angeles

 
«Sorry, ich stecke im Stau, sollte aber in zehn Minuten da sein», entschuldigt sich die Schauspielerin Sabrina Kern, 28, per SMS. Die schweizerische Pünktlichkeit in Los Angeles aufrechtzuerhalten, ist wegen der vielen Staus schwierig. Man muss vor jeder Autofahrt die Google-Maps-Berechnungen mit eigenen Erfahrungswerten abgleichen. Die Comedy-Show «Saturday Night Live» hat dem Verkehr in Los Angeles die Seifenoper-Parodie «The Californians» gewidmet. Sie dreht sich um ernstgemeinte Diskussionen über die beste Autobahnroute durch die Stadt.

«Dabei kommt man doch überall in 20 Minuten hin», sagt Sounddesigner Peter Staubli und lacht. Der 53-Jährige zitiert mit ironischem Augenzwinkern die hier zahlreichen Zweckoptimisten ebenso wie die alteingesessenen Angelenos, die sich an Zeiten erinnern, als die Filmmetropole noch weniger verstopft war. Schallendes Gelächter in unserer Runde von Schweizer Filmschaffenden, die sich in der Vorstadt Burbank im Haus der Schweizer Animations-Modelliererin Nadja Bonacina («Angry Birds») zusammengefunden hat. Es herrscht gelöste Stimmung.

Arbeit mit Ben Affleck

Sich bei der Luzernerin zu treffen, hat zwei Vorteile: Wir umgehen die in L. A. obligatorische und teure Spezialbewilligung, die man für professionelles Fotografieren in der Öffentlichkeit bei den Stadtbehörden einholen muss. Ausserdem hat Bonacina einen Pool. Es bleibt zwar keine Zeit für den Sprung ins kühle Nass, aber bei 35 Grad ist es doch gut, zu wissen, dass er im Notfall bereitstünde. So gleicht der Pool für die Schweizer ihrem Hollywood- Traum: Er ist greifbar nah und scheint doch oft unerreichbar fern.

Zu diesem Hollywood-Traum müsse man erst einmal stehen können, sagt Yangzom Brauen, 36: «Hollywood hat mich schon als Schauspielschülerin fasziniert, aber in Europa kommt das nicht gut an. Dort spielt man Theater», sagt die Bernerin, die sich in ihren zehn Jahren in Südkalifornien zur Regisseurin und Drehbuchautorin weiterentwickelt hat. «Als ich in Berlin für den Hollywoodfilm ‹Aeon Flux› engagiert wurde, gefiel mir die Mentalität der Amerikaner auf dem Set sofort. Sie sind viel offener als Berliner.» Die ersten zwei Jahre pendelte Brauen zwischen den USA und Europa, inzwischen kann sich die mit einem Amerikaner verheiratete Schweizerin keinen anderen Wohnort mehr vorstellen: «Hier trifft man Leute aus der ganzen Welt. Das ist inspirierend, das fehlte mir in der Schweiz. Und Berlin war mir zu nordisch. Falls ich eine Rolle in einer europäischen Produktion erhalte, kann ich ja rüberfliegen, wie ich es für die Krimiserie ‹Der letzte Bulle› tat. Und bei Castings sind inzwischen auch Videos akzeptiert.»

Der Stuntman Oliver Keller, 41, der gerade in Ben Afflecks Regiearbeit «Live by Night» mitwirkte und sich als Double von «Mad Men»-Star Jon Hamm in «Keeping Up with the Joneses» hinters Steuer gesetzt hat, schaut aufs Handy. Er muss noch kurz etwas mit einem Regisseur klären. Multitasking gehört zum Job. Er ist dankbar, in der Schweiz aufgewachsen zu sein, fand es aber unfair, dass er nicht einfach in eine etablierte Industrie reinrutschen konnte. Er schweisste sich seine Überrollkäfige selber zusammen, die er brauchte, um zu lernen, wie man Autoüberschläge eben nicht macht. Heute schätzt er diese Erfahrungen: «In der Schweiz gibt es einfach zu wenig Träumer», sagt der Dielsdorfer, der seit 1999 in Los Angeles lebt. Wie alle hier durfte er nicht stehenbleiben und hat sich zum Stunt-Koordinator und Second- Unit-Regisseur weiterentwickelt. «Einmal war ich für einen kleinen Verfolgungsjagd-Job in einem ‹Tatort› zurück in der Schweiz. Ich fragte den Regisseur, warum er keine grösseren Actionszenen ins Drehbuch eingebaut habe. Er antwortete, man wolle nicht James Bond spielen. – Aber wieso nicht mehr Kreativität und Spass einbringen? Bei Bond funktioniert es ja offenbar.»

Produzentin Maja Zimmermann, 51, aufgewachsen in Seuzach und seit 23 Jahren in L. A., gibt ihm recht: «In der Schweiz fragt man: ‹Warum?›, hier fragt man: ‹Warum nicht?›» Alles ist möglich, auch wenn der Weg hart und lang ist und oft über Umwege führt. Zimmermann verwirklichte ihren Hollywood- Traum über den Umweg Lateinamerika. «In Los Angeles wartet niemand auf dich, und es gibt keine staatlichen Subventionen. Alles Geld, das man bekommt, muss man zurückzahlen, inklusive Zinsen. Inzwischen habe ich Koproduktionen mit Kolumbien, Mexiko und Chile realisiert. Das Gefühl, es geschafft zu haben, hatte ich, als ich zum ersten Mal einen Film in der Sektion ‹La Quinzaine des Réalisateurs› in Cannes zeigen konnte: Alejandro Landes’ Drama ‹Porfirio›.» Inzwischen lief Zimmermanns chilenisches Drama «Aquí no ha pasado nada» am Sundance-Festival, auf der Berlinale und in Schweizer Kinos. Ihre nächste kolumbianische Produktion wird in Los Angeles gedreht.

Risiko statt Sicherheitsdenken

Auf einen Schweizer hat Hollywood dann doch gewartet: «Man hat mich von der Animations- Schule in Paris weg rekrutiert und alles für mich organisiert, vom Arbeitsvisum bis hin zur Mitgliedschaft im Berufsverband», sagt Simon Otto, 43, der als Chef für die Figurenanimation bei Dreamworks verantwortlich zeichnet. «Ich habe keine Immigranten-Erfahrung, sondern bezog vom ersten Tag an ein Salär. Und 19 Jahre später bin ich immer noch bei der gleichen Firma angestellt. Das ist hier selten.» – «So weisst du, dass du gut bist», lobt Oliver Keller. «Oder dass ich im richtigen Moment am richtigen Ort war und es nicht verbockt habe», sagt der St. Galler Otto und schmunzelt. «Damals war Dreamworks ein neues Studio, der Animationsfilm explodierte. Wäre ‹Shrek› kein Hit geworden, sähe es heute wohl anders aus.»

Jean de Meurons Hollywood-Traum hat gerade erst begonnen. Der 30-jährige Basler hat nach seinem Studium in New York und L. A. sowie Praktika bei den Paramount- und Universal-Studios in Los Angeles als Executive Producer drei Kurzfilme begleitet, darunter «La femme et le TGV» von Timo von Gunten, der am Filmfestival Locarno lief, und «Blood Brothers» von Max Chernov. Der Newcomer zitiert gerne aus der Geschichte Hollywoods: «Auch die Gründerväter der Filmindustrie wie Carl Laemmle oder Adolph Zukor waren Immigranten und Aussenseiter. Schon für sie waren ein gutes Netzwerk und persönliche Beziehungen wichtig.» Jean De Meuron konnte am Anfang auf die Hilfe eines Geschäftspartners seines Vaters zählen, den Rest erledigten die Uni-Verbindungen in Los Angeles. Bei Paramount war de Meuron der einzige Ausländer im Praktikumsprogramm. «Schweizer bringen Arbeitsmoral und Präzision mit. Das kommt hier gut an.» Nur das Sicherheitsdenken müsse man vergessen, hier sei Risikobereitschaft gefragt.

«Wer eine Chance bekommt, muss sie packen, egal ob sie einen überfordert», findet die Berner Designerin und Schneiderin Daniela Kurrle, 51. Sie entwirft Filmkostüme und Abendroben für Melissa McCarthy mit und passte die Kleider fürs erste Fotoshooting von Caitlyn Jenner an. Sie hat früh bluffen gelernt: «Beim Vorstellungsgespräch für meinen ersten Film hiess es, ich müsse Kostüme aus dem 17. Jahrhundert anfertigen. Ich sagte: ‹Kein Problem!› Dabei hatte ich das noch nie gemacht und musste mich zuerst in der Bibliothek schlaumachen, wie solche Kleider aussehen. Aber geht nicht gibt’s nicht.»

Instagram ist entscheidend 

Manchmal kann diese «Yes We Can»-Mentalität zum Problem werden. Das hat Raffael Dickreuter, 35, in seinen elf Hollywood-Jahren immer wieder erfahren. Er arbeitete an der Konzipierung grosser Effekt-Sequenzen in Filmen wie «Man of Steel» und «Furious Seven» mit. «Es ist gut, dass hier alles möglich ist und man alles lernen kann.

Problematisch wird es aber, wenn unsere Existenz von falschen Versprechungen abhängig ist.» Das erlebte er ausgerechnet, als sein grösster Wunsch in Erfüllung zu gehen schien: für Steven Spielberg zu arbeiten. «Die Effekt-Firma, bei der ich unter Vertrag stand, war für ‹Robopocalypse› in L. A. und London gebucht worden. Als ich zum ersten Mal durch das Tor von Spielbergs Firma Amblin auf das Gelände der Universal-Studios schritt, hätte das Leben für mich nicht besser sein können.» Doch nach kurzer Zeit war alles aus. Der «Hollywood Reporter» verkündete, das Projekt werde auf Eis gelegt. «Ich hielt das für ein Gerücht. Wir von der Crew wussten nichts davon. Aber am nächsten Tag wurden wir gefeuert. Spielberg informierte niemanden, er veröffentlichte bloss ein Presse-Communiqué.»

Doch es kam noch dicker: Die Firma, für die der Berner sieben Jahre gearbeitet hatte, geriet wegen des Ausfalls ins Schlingern und musste die Angestellten entlassen. Dickreuter machte als Freelancer weiter und konnte an zahlreichen Blockbustern mitarbeiten. Vor kurzem kehrte Raffael Dickreuter dem Film den Rücken und wechselte als Virtual-Reality- Spezialist zum Social-Media-Instant-Messaging- Dienst Snapchat.

Wie wichtig Social Media in Hollywood inzwischen sind, spüren insbesondere die Schauspieler. Bei den Castings wollen Produzenten heute wissen, wie viele Follower ein Bewerber oder eine Bewerberin hat. «Es gibt Aufrufe, die ausdrücklich mindestens 10 000 oder sogar 100 000 Instagram-Follower fordern. Sonst brauche man sich gar nicht erst zu melden», erzählt Sabrina Kern, die mit zweieinhalb Jahren Los-Angeles-Erfahrung der Neuankömmling ist in der Runde. Sie hat 1500 Follower auf Instagram und würde sich Sorgen machen, wenn es weniger wären. «Dabei garantieren viele Follower noch lange keine Popularität. Man kann sich Klicks kaufen. Ich kenne Leute, die erhalten Rollen für Filme, weil sie grosse Youtube-Blogger sind. Aber was sagt mir das über ihr schauspielerisches Talent?» – «Das war doch bei den schauspielernden Models schon so», gibt Yangzom Brauen zu bedenken. «Die wurden auch nicht wegen ihrer Fähigkeiten engagiert.»

Blond ist passé

Seit letztes Jahr im Vorfeld der Oscar-Verleihung eine Debatte um Diversität in Hollywood angestossen wurde, hofieren Casting- Agenten vermehrt Minoritäten. «Das blonde Mädchen mit den blauen Augen von nebenan ist in Film und Fernsehen zurzeit nicht sonderlich gefragt. Deshalb stehe ich jetzt wieder mehr auf der Theaterbühne, da spielt die Ethnie weniger eine Rolle», sagt Sabrina Kern.

Dank ihrer Herkunft hat sie aber trotzdem eine Rolle im Horrorfilm «Eve of Winter» ergattert. Man stelle sich das klassische Casting-Klischee vor: Ein korpulenter, furchterregender Produzent mit New-Jersey-Akzent will das kleine Schweizer Mädchen testen. Zuerst will er verschiedene Akzente von ihr hören, dann wissen, ob sie singen kann. Als sie sich vorbereiten möchte, meint er, sie habe seine Aufmerksamkeit jetzt und nicht in ein paar Minuten. Sie singt also etwas vor. Ob sie denn nichts Schmissigeres singen könne? «Da kam mir halt nur ‹Giggerig› von Polo Hofer in den Sinn. Das fanden die Produzenten so lustig, dass sie extra eine Rolle für eine Schweizerin ins Drehbuch reingeschrieben haben.» Auch die Gesprächsrunde lacht über die Episode. Simon Otto sagt: «Du bist wohl die einzige Schauspielerin in der Geschichte Hollywoods, die aufgrund eines Polo-Hofer-Songs eine Rolle bekommen hat!»

Die Swissness wird untereinander heute wieder stärker zelebriert als noch vor ein paar Jahren. Die helvetischen Konsularbüros in Los Angeles sind zwar geschlossen, aber der Konsul führt in der Residenz nach wie vor einen Creative-Swiss-Treff durch, wo sich Künstler austauschen und ihre Arbeit präsentieren können. Raffael Dickreuter seinerseits hat den monatlichen «Swiss Hollywood Meet- Up» im In-Lokal Ysabel ins Leben gerufen. «Wenn ich in Bern bin, verabredet man sich zu einem Kafi oder zu einem Apéro oder zum Schwimmen in der Aare. Hier sind alle immer sehr busy. Es ist akzeptiert, dass man keine Zeit für Freunde hat. Daher kam mir die Idee für einen regelmässigen Treff, zu dem man ohne An- oder Abmeldung kommen kann. Es geht ums Networking ebenso wie auch einfach ums Zusammensein», sagt Dickreuter.

Simon Otto schätzt diesen Austausch mit Landsleuten, die in derselben Kultur aufgewachsen sind wie er. Yangzom Brauen besucht ähnliche Treffen auch bei deutschen Expats. Sie findet die Unverbindlichkeit ideal: «In der Schweiz vereinbart man ein Essen zwei Wochen im Voraus, und wehe, man sagt dann ab. In meinem Beruf muss man flexibel sein, von heute auf morgen zur Verfügung stehen. Vielleicht muss man unverhofft Text für ein Casting lernen. Da ist es schwierig, langfristige Pläne zu schmieden. Die Unverbindlichkeit ist hier in der Kultur verankert. Freunde meines Mannes aus Beverly Hills sagen am Telefon, dass sie übermorgen ganz sicher vorbeikommen wollen, aber er weiss genau, dass sie das nicht tun, weil sie prinzipiell nicht weiter westlich fahren als bis zum Doheny Drive. Aber Nein sagt man trotzdem nicht.» Die Geografie der Stadt bestimmt oft den Freundeskreis. Lange Fahrten, die man für einen Job ohne Murren auf sich nimmt, erspart man sich dann im Privatleben.

Berner mit zwei Oscars

Aber manchmal geht es nicht anders, denn das Pflaster ist teuer geworden. In der Gegend um Marina del Rey und Venice Beach haben sich Technologiefirmen aus dem Norden Kaliforniens eingenistet. Man nennt die Gegend jetzt «Silicon Beach». Die Mieten schiessen in die Höhe. Sabrina Kern spielt deshalb lieber in einem bezahlten Werbespot, der sogar noch Tantièmen bringt, als einen Indie-Film zu drehen, obwohl sie dort mehr Erfahrung sammeln könnte. Nebenbei kellnern darf sie nicht: «Nach der Ausbildung darf man mit seinem Arbeitsvisum nur im gelernten Beruf tätig sein, andere Jobs sind verboten.»

Peter Staubli hat zum Treffen die beiden Oscars mitgebracht, die er als Teil des Sound- Design-Teams von «Skyfall» und «The Bourne Ultimatum» gewonnen hat. Er kann sich noch gut erinnern, wie hart es vor 18 Jahren war, sich in Hollywood durchzusetzen. Nach einer Karriere als Tonmeister beim Schweizer Fernsehen zog er mit seiner Familie in die USA, um näher bei seiner kranken amerikanischen Schwiegermutter zu sein. «Das Ersparte war schnell weg», sagt er. «Es gab einen Punkt, da hatten wir als Familie am Wochenende noch zwanzig, vielleicht vierzig Dollar übrig. Es durfte also nichts schieflaufen.» Da wurde ihm bewusst, wie wichtig der Rückhalt der Familie ist, den viele Immigranten hier nicht haben. Inzwischen läuft es ihm gut, aber nachlassen darf er trotzdem nicht: Seine Tochter ist auf dem College, das kostet viel Geld.

Man darf sich ohnehin nicht auf den Lorbeeren eines Oscars ausruhen, das steht für Peter Staubli fest: «Preise sind toll, und eine Zeitlang sind die Auftragsbücher danach voll, aber das legt sich wieder. Ebenso wenig darf man sich auf einen Stil festlegen – denn plötzlich ist er nicht mehr gefragt. In meinem Job muss man sich immer wieder neu anpassen.» Simon Otto stimmt zu: «Die Karriere gleicht hier einer Wanderung. Hinter jedem erklommenen Gipfel erhebt sich ein neuer Hügel.» Darum ist der persönliche Umgang, die gegenseitige Wertschätzung wichtiger als goldene Statuetten.

Peter Staubli: «Wenn man wegen Deadlines Überstunden macht, im Hotel schläft, weil man nach 19 Stunden Arbeit nicht mehr nach Hause kommt; wenn die Nerven blank liegen, dann zählt es ebenso viel wie die Arbeit an sich, wenn man nachts um vier nochmals alles geben und dabei auch noch lachen kann.»

Simon Otto: «Das stimmt. Bei Dreamworks gibt es grosse Talente, die aber nicht weiterkommen, weil die Kollegen nicht mit ihnen arbeiten wollen. Entweder fehlt ihnen der Funke in den Augen, wenn sie über etwas reden, oder sie halten sich für die Besten und finden alle anderen doof.»

Maja Zimmermann hat die Erfahrung gemacht, dass langjährige Beziehungen durchaus an unerwarteten Orten wie einem Flughafen ihren Anfang nehmen können: «Ich kam einmal mit einer Frau ins Gespräch und sorgte dafür, dass wir beide umbuchen konnten, als unser Flug annulliert wurde. In der Schweiz würde man sich zuerst fragen, was einem diese Mühe bringt.»

Viel Fronarbeit 

Lange Arbeitstage sind die Regel in Hollywood, freie Wochenenden gibt es für Freelancer selten, und nicht jeder Job ist bezahlt. «Ausser man ist Simon Otto», wirft Daniela Kurrle in die Runde. Alle lachen. Als sie vor 20 Jahren nach Los Angeles kam, hat sie ihre ersten Kostüme in einer Ecke auf dem Set und unter grossem Zeitdruck genäht. Der Lohn: eine Zeile mehr im Lebenslauf. «Auch beim zweiten Mal arbeitet man oft noch gratis, und beim dritten Mal zahlt dir der Auftraggeber dann hoffentlich das Benzin fürs Auto. Nur wer Opfer bringt, kann sich etablieren.»

Simon Otto schüttelt den Kopf: «Die Studios nehmen die Leute aus. Jeder unterbietet jeden. Es ist ein Wettkampf der gegenseitigen Zerstörung.» – «Wer da mitmacht, ist selber schuld», findet Staubli. «So sägt man am Ast, auf dem man sitzt, und kann irgendwann nicht mehr von seiner Arbeit leben.» – Maja Zimmermann: «Aber man muss doch irgendwo anfangen. Ich fördere Leute. Wenn ich das Budget nicht habe, gebe ich jemandem eine Chance, Erfahrungen in einem neuen Job zu sammeln.»

Jean de Meuron sieht das Leben in Hollywood wie eine AschenputtelGeschichte: «Man fängt unten an, überwindet Hindernisse, bis man oben ist. Das passt zu dieser Industrie. Man sagt nicht umsonst: Der Erfolg über Nacht hat sich zehn Jahre angebahnt.» Los Angeles, so findet Peter Staubli, sei letztlich eine tolle Stadt, «wenn man die Rechnungen zahlen und hin und wieder übers Wochenende verreisen kann. Wenn man sich das nicht leisten kann, ist es eine schwierige Stadt. Ich sah das bei meinen Schwiegereltern, als sie nicht mehr Auto fahren konnten. Älter werden ist in der Schweiz einfacher, weil alles nahe beieinanderliegt. Dafür kann man hier an den Strand.»

Aber wann hat man es eigentlich geschafft in Hollywood? Für Simon Otto bedeutet Erfolg, selber über das nächste Projekt zu bestimmen. Diesen Luxus hat Raffael Dickreuter nicht: «Die Visual Effects Industrie hat kein Gedächtnis. Ein Film ist wie ein Startup: Gute Leute werden angeheuert; wenn er fertig ist, fängt alles wieder vorne an. Beim ersten ‹Iron Man›-Film hiess es, wir seien die Besten im Business. Klar würden wir für die Fortsetzung engagiert. Doch dann gab es einen Personalwechsel in der Teppichetage der Firma, und alles war anders. Abhängigkeiten kontrollieren die Karriere. Die erfolgreichsten Filme aller Zeiten leben von Special Effects, aber eine Gewinnbeteiligung wie die Schauspieler bekommen wir trotzdem nicht.» Im Gegenteil. In den technischen Berufen kann es sein, dass man sogar drauflegt: «Man handelt einen Preis für 1500 Einstellungen aus. Wenn davon 300 abgelehnt oder geändert werden, macht man sie noch einmal – zum gleichen Preis», sagt Peter Staubli. Dazu kommt, dass Los Angeles oft Dreharbeiten an Städte wie Vancouver verliert, wo die Regierung den Studios grosszügige Steuerrabatte gewährt. Eine Anpassung der Steuergesetze in Kalifornien hat im ersten Quartal 2016 immerhin zu 11,4 Prozent mehr Drehtagen in Los Angeles gegenüber der gleichen Periode im Vorjahr geführt.

Was wird die Zukunft den Hollywood-Schweizern bringen? Wie verändert sich die Filmindustrie? Maja Zimmermann ist überzeugt, dass die Kluft zwischen Studio und Arthouse-Filmen noch grösser wird: «Autorenfilme wird es in Zukunft wohl nur noch an Festivals zu sehen geben», prophezeit sie. «Am Sundance Festival in Utah stehen die Leute Schlange, um Indie-Filme zu sehen. Aber wenn die gleichen Titel dann hier im Kino laufen, sitzen nur drei Nasen im Saal. Das können sich weder die Produzenten noch die Kinos leisten. Aber solange man solche Filme mit Freunden an Festivals sehen kann, bin ich glücklich. Regisseure wollen den Kinostart sowieso nur für ihr Ego.»

Damit ist Yangzom Brauen nicht einverstanden. Sie schreibt zurzeit am Drehbuch für ihre Familienbiografie «Eisenvogel». «Ich habe schon den Anspruch, dass mein Film ins Kino kommt. Wenn man ihn sich nur noch auf einem Telefon anschaut, muss ich mir ja nicht überlegen, mit welcher Kameraqualität ich drehe.» Simon Otto: «Ich glaube, viel eher als das Kino verschwindet das Telefon und wird durch entsprechende Kontaktlinsen ersetzt.»

Trotz aller Unsicherheit bleiben die Hollywood-Schweizer zuversichtlich, sonst würden sie auch nicht bleiben. Und als ob sie mit dem Image des Schweizer Nörglers nichts zu tun haben wollten, heben sie nach jeder kritischen Bemerkung die Vorteile hervor, die sie trotz allem in den USA sehen. Nicht nur, weil die positive Einstellung hier eine Voraussetzung für eine erfolgreiche Karriere ist, sondern auch darum, weil sie in der Schweiz mit ihren Berufswünschen stets die Aussenseiter waren. Hier, in ihrer neuen Heimat, haben sie Gleichgesinnte gefunden. Die ganze Stadt tickt wie sie. Trotz Optimismus kann einen natürlich auch in Los Angeles der Blues packen. Peter Staubli sagt, er müsse immer lachen, wenn er Interviews mit Schweizern lese, die in Kalifornien die Berge vermissen: «Die haben wir doch gleich hinter Pasadena, inklusive vieler Wanderwege!»

Langsam geht die Sonne unter hinter dem Burbank Airport. Es ist das schönste Licht des Tages – Zeit für das Fotoshooting. Beim Pool verrät Simon Otto Sabrina Kern, wo man in Los Angeles eine gute Bratwurst bekommen kann: nicht weit von hier im German Deli, gleich bei der Autobahneinfahrt.


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