«Amazon hat meine Vision voll und ganz unterstützt» - Marc Forster

01. Januar 2016


Der Schweizer Regisseur über seine Erfahrungen bei der Amazon-Serie «Hand of God» im Interview mit frame.

Frame: Herr Forster, Sie drehen gerade die Serie «Hand of God» für die Amazon-Studios. Worum geht es darin?

Marc Forster: Meine Hauptfigur ist ein mächtiger, moralisch korrumpierter Richter. Sein Sohn ist nach einem Suizidversuch klinisch tot und hängt an den Maschinen. Der Auslöser für seine Verzweiflungstat war, dass er mit ansehen musste, wie seine Frau vergewaltigt wurde. Der Richter macht sich auf die Suche nach dem Vergewaltiger. Er glaubt, auf telepathischem Weg Hinweise von seinem Sohn zu empfangen.

Wieso dreht jemand, der mit «World War Z» zuletzt einen Kinohit landete, eine Serie für einen Streaming-Dienst?

Ich spielte schon seit längerem mit dem Gedanken, eine Fernsehserie zu entwickeln. Dann traf ich Ben Watkins, der mir sein Drehbuch zu «Hand of God» zeigte. Ich war begeistert von der Geschichte dieses Richters, der auf eigene Faust den Verantwortlichen für das Unglück seines Sohnes zur Rechenschaft ziehen will.

Wie unterscheidet sich die Arbeit an einer Serie von der am Kinofilm?

Am Fernsehen muss man seine Geschichte anders erzählen als bei einem Kinofilm. Dort erwartet das Publikum eine saubere Auflösung. Beim Fernsehen hingegen muss man am Ende jeder Episode vieles offenlassen, neue Fragen stellen und so die Spannung steigern. Zudem gilt es, von Episode zu Episode immer mehr Schichten eines Charakters zu enthüllen.

Warum drehen Sie für die Amazon-Studios?

Der Unterschied zwischen Amazon und einem kommerziellen Sender ist, dass das Publikum die Pilot-Episode auf jeden Fall sieht, weil Amazon sie auf die Website stellt und die Zuschauer ihre Meinung abgeben lässt. Das basisdemokratisch geäusserte Feedback beeinflusst die Entscheidung, ob eine Serie produziert wird, massgeblich. Bei den Networks hingegen macht man einen Pilotfilm, der nur gezeigt wird, wenn sich ein paar wenige Entscheidungsträger für eine Serie aussprechen. Das heisst, man riskiert dort, für den Mülleimer zu arbeiten.

Wie viel kostet die erste Staffel von «Hand of God»?

Ungefähr so viel wie jede andere Primetime-Show. Mehr darf ich dazu nicht sagen. [«Breaking Bad» kostete 3 Millionen Dollar pro Episode, «Game of Thrones» 6 Millionen; Anm. der Red.]

Dürfen Sie das Drehbuch anpassen?

Amazon hat kurz nach dem Kauf des Scripts grünes Licht für den Pilotfilm gegeben. Sobald wir die Zusage für die ganze Staffel hatten, arbeiteten Ben Watkins und ich eng zusammen, sowohl beim Schreiben als auch beim Produzieren.

Haben Sie das Recht auf den letzten Schnitt?

Der final cut hat im Fernsehen nicht dieselbe Bedeutung wie beim Film. Bei einer Fernsehserie legt der Pilotfilm das Fundament. Jede Episode steuert dann ein weiteres Teilchen zum Gesamtkunstwerk bei. Darum liegt der final cut nicht bei einer einzigen Person.

Gewährt Ihnen Amazon mehr Freiheiten als ein Studio?

Ich hatte bereits vor meinem Engagement bei Amazon grosse künstlerische Freiheit genossen. Aber es ist schon so, Amazon hat meine Vision voll und ganz unterstützt.

Wie viel Einfluss hat Amazon auf die Wahl der Schauspieler?

Ben Watkins und ich haben eine Wunschliste eingereicht, Amazon hat sie genehmigt und geholfen, die Leute zu verpflichten. Die Hauptrolle spielt Ron Perlman, der schon in «Sons of Anarchy» grossartig war als Rocker-Boss.

Wollen Sie nach «Hand of God» noch weitere Serien drehen?

Ich geniesse die Möglichkeit, verschiedene Dinge zu machen: Independent-Filme, Studiofilme, Fernsehen. Das ist die ideale Mischung für mich. Letztlich geht es immer darum, eine gute Story zu erzählen.

Eine Serie zu drehen, bedeutet, auf den Ruhm eines Kassenschlagers zu verzichten. Werden Sie das nicht vermissen?

Ich sehe das nicht als Verlust an. Mir geht es darum, meine künstlerischen Visionen umzusetzen. Wieso sollte ich da etwas vermissen? Ein grosses Budget garantiert noch lange kein Meisterwerk.

Amazon und Netflix geben riesige Summen aus, um die Konkurrenz auszubooten. Werden Streaming-Dienste Hollywood ersetzen?

Sie sind weitere Akteure auf dem Markt. Es gibt so viele tolle Projekte, dass es nicht genug Finanzierungsquellen und Produzenten geben kann. Filmemacher haben heutzutage viel mehr Möglichkeiten als noch vor zehn Jahren.

Wird das Kino überleben?

Sicher! Es wird sich verändern, es wird wohl nicht mehr jede mittelgrosse Produktion ins Kino kommen. Aber da wir Menschen Geschichtenerzähler sind, wird es immer Kino geben.

Das Interview wurde schriftlich geführt von Christian Jungen und Regula Freuler.


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