Mr. Hollywood: Michel Merkt

23. Februar 2017


Hinter der Oscar-Kampagne von «Ma vie de Courgette» steckt der Genfer Erfolgsproduzent Michel Merkt. Er erzählt, wie er den Animationsfilm bis nach Hollywood gebracht hat. Interview: Marlène von Arx

 
Frame: Herr Merkt, wann haben Sie mit der Oscar-Kampagne für «Ma vie de Courgette» angefangen?

Michel Merkt: Die Oscar-Saison fängt am Tag an, an dem man sich für ein Projekt entscheidet. Von da an muss man über den Film reden. «Courgette» lief in Cannes, dann gewann er am Annecy International Animated Film Festival den Hauptpreis. Dank diesem und vielen weiteren Preisen wurde «Courgette» regelmässig in der Presse erwähnt. 

Auch in den USA?

Dort haben wir über 20 Filmvorführungen organisiert. Das ist verhältnismässig viel. Wir hatten Screenings bei Dreamworks und Pixar, um den Studios zu verstehen zu geben, dass wir eine Nomination wollen. Bei diesen Studios gibt es viele Oscar-Wähler. Natürlich stimmen die für die eigenen Filme. Aber auch für jene, vor denen sie keine Angst haben.

Sie haben auch «Elle» und «Toni Erdmann» mitproduziert, die Nominationen erhalten haben. Wie kommen Sie an internationale Talente und Top-Projekte heran?

Mein Netzwerk, das ich mir in den letzten zwanzig Jahren aufgebaut habe und pflege, besteht aus Freunden und Freunden von Freunden. Ich komme aus der Finanzwelt und habe Freunde aus jener Zeit. Eine Firma, bei der ich gearbeitet habe, ist mit dem Sultan von Brunei verbunden. Das hat mir auch Türen geöffnet. 

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Investoren?

Wir schauen zuerst, ob wir alle vom Gleichen reden, und definieren Ziele. Dann suchen wir ein Projekt, das dazu passt. Es basiert alles auf gegenseitigem Vertrauen und der Leidenschaft fürs Kino. Ich habe auch schon Angebote abgelehnt, weil ich mit Partnern nicht einig wurde.

Nominiert für den Besten fremdsprachigen Film: «Toni Erdmann» von Maren Ade
  
Woher kommt jeweils das Geld?

In der Regel stammen zehn Prozent von mir. So signalisiere ich den Investoren, dass ich das Risiko mittrage. Vor zwei Jahren haben wir den «Cannes Investor’s Club» ins Leben gerufen: Wir bringen jedes Jahr etwa 15 reiche Leute für drei Tage ans Filmfestival. Sie erleben die Stimmung mit, dann erklären wir ihnen, wie sie investieren können. Die Interessenten kommen aus unterschiedlichen Gründen: Weil sie die Welt verändern oder sich auf dem roten Teppich zeigen wollen oder um ihrem Sohn ein Praktikum bei uns zu vermitteln. Am Ende wollen sie etwas von der Investition haben.

Sie bilden mit dem französischen Produzenten Saïd Ben Saïd das starke Team des internationalen Independent-Films. Wie kam es zur Zusammenarbeit?

Wir lernten uns 2012 im Zusammenhang mit «Map to the Stars» von David Cronenberg kennen. Aufgrund der derzeitigen Wirtschaftslage fanden wir es klug, neben der Produktionsseite auch eine Verleih- und Verkaufsfirma zu gründen. Saïd kümmert sich um den Verkauf, ich kümmere mich um die Strategie.

Worauf achten Sie bei der Wahl eines Projekts?

Auf eine gute Geschichte. Ich will etwas lesen, das «nicht vorhersehbar, aber unausweichlich» ist, wie es der Autor Jean-Claude Carrière beschreibt. Ich suche den Woohoo-Effekt. Ich muss mich auf den ersten Blick in ein Projekt verlieben. Wenn ich ein Problem sehe, das sich vermutlich nicht so schnell lösen lässt, lasse ich die Finger davon. Ich analysiere zuerst die Probleme und erst danach das Potenzial.

Wie könnte man die Filmförderung in der Schweiz verbessern?

Erstens wären Steuerrabatte für Privatpersonen interessant. Das würde sicher einige Leute davon überzeugen, ins Filmgeschäft zu investieren. Zweitens sollten Produzenten von Anfang an mehr Verantwortung tragen und ein Projekt erst dann einreichen, wenn es bereit ist. Wenn es dann von der Kommission abgelehnt wird, sollte man es kein zweites Mal einreichen dürfen. Drittens brauchte es eine Quote für Qualität. Und schliesslich muss man die nächste Generation besser fördern.

Nominiert für den Besten animierten Spielfilm: «Ma Vie de Courgette»
  
Wurde «Courgette» mit öffentlichen Geldern gefördert?

Ja. Ohne sie würde es den Film nicht geben. Weil das Geld letztlich vom Publikum kommt, haben wir diesem gegenüber eine Verantwortung. Man kann nicht nur Kassenschlager produzieren, es muss auch Kunst um der Kunst willen geben. Aber dann bitte mit dem Ziel, im Museum of Modern Art zu landen! Es kann nicht sein, dass ein Film nur von 100 Leuten gesehen wird, von denen die Hälfte Verwandte der Crew sind.

Gibt es ein Schweizer Netzwerk für Schweizer Oscar-Anwärter?

Xavier Koller hat mir eine sehr nette Nachricht zukommen lassen. Es ist wichtig, dass er den Film gesehen hat und das weitererzählt. In Cannes haben wir eine Cocktailparty für den Schweizer Film organisiert. Wichtig an solchen Anlässen ist, nicht nur Schweizer einzuladen, sondern die Manager von Festivals und die grossen Produzenten.

Was hat die Oscar-Kampagne für «Ma vie de Courgette» gekostet?

Für die Kategorie Bester fremdsprachiger Film muss man mindestens mit 200 000 Dollar rechnen. Studios können 10 Millionen Dollar aufwerfen – das ist mehr als das Budget unseres Films. Ihre Möglichkeiten sind grenzenlos. Zum Stummfilmdrama «The Artist» gab es 2010 über 4000 Screenings in verschiedenen Städten.

«The Artist» hat gewonnen. Sind Screenings also das Geheimnis?

Nein. Wichtiger als ein solcher Anlass, an dem man Hände schüttelt und danach wieder abzischt, sind Gespräche mit denjenigen, deren Stimmen man braucht. Es ist wie bei einem Casting: Die Entscheidungsträger müssen sich an dich erinnern. Wir verlangen von unseren PR-Beratern, den persönlichen Kontakt mit den Wählern zu suchen.

Das PR-Budget für «Courgette» beträgt etwa eine halbe Million Franken. Wofür wird das Geld ausser für Screenings sonst noch aufgewendet?

Wir haben jedem Academy-Mitglied eine DVD zukommen lassen, zusätzlich zur Box mit allen Filmen, die sie von der Academy bekommen. Sie haben unsere DVD zur Zeit der Golden Globes erhalten. So lasen die Empfänger den Namen «Courgette» gleich in doppeltem Zusammenhang. Dazu kamen Inserate in der Fachpresse.

Was können Sie jetzt, kurz vor den Oscars, noch für «Courgette» tun?

Wir fokussieren auf persönliche Kontakte, auf Journalisten, die über den Film schreiben. Vielleicht gewinnen wir in diesen Wochen noch Preise, was die Aufmerksamkeit der Academy-Mitglieder auf uns lenken würde, wenn sie den Stimmzettel ausfüllen.

Verfolgen Sie auch eine Social-Media-Strategie?

Die Studios haben da natürlich ein ganzes Team dafür. Wir geben einigen bekannten Leuten einen Screener, in der Hoffnung, dass sie den Film mögen und auf ihren Kanälen davon erzählen. Xavier Dolan, der Regisseur des Dramas «Juste la fin du monde», das ich koproduzierte, hat «Courgette» auf Twitter erwähnt. Aber er ist ein Freund. Wir heuern nicht die Kardashians an, damit sie ihren Millionen Followern etwas Nettes über unseren Film sagen.

Regisseur Xavier Dolan erwähnte «Courgette» auf Instagram und Twitter
  
Was bringt eine Oscar-Nomination oder ein Oscar einem Film?

Er bringt Markenwahrnehmung. Die ist für ausländische Filme, besonders animierte, besonders schwierig zu bekommen. Unser US-Verleiher entschied deshalb, für die Premiere am Sundance-Filmfestival eine englischsprachige Version zu lancieren. Was die Zuschauerzahlen betrifft, so wäre China aber der grössere Markt.

Geht «Courgette» nach China?

Verhandlungen laufen. Aber es ist schwierig, weil China Importquoten hat. Eine Zeitlang haben wir uns überlegt, eine Koproduktion mit Korea zu machen, denn solche unterliegen diesen Einführungsquoten nicht. Aber wir entschieden uns dann dagegen.

Sie sind mit «Courgette», «Elle» und «Toni Erdmann» im Oscar- Rennen. Wie sehen Sie die Chancen auf einen Sieg?

Für «Courgette» wird es schwierig, weil wir den Golden Globe nicht gewonnen haben und gegen die grossen Studios kämpfen. «Toni Erdmann» sehen viele als Favoriten. Das war in Cannes auch so, aber für die Goldene Palme hat es trotzdem nicht gereicht. Bei den Schauspielerinnen ist Emma Stone die Favoritin, aber Isabelle Huppert hat schon viele Preise gewonnen, auch den Golden Globe. Sie hat also eine Chance.

Nominiert als Beste Hauptdarstellerin: Isabelle Huppert in «Elle»
  
Arthur Cohn hat bereits sechs Oscars mit nach Hause genommen. Wollen Sie diesen Rekord eines Tages brechen?

Zunächst will ich jetzt an den diesjährigen Oscars gut abschneiden. Dann hoffe ich, dass die Academy mich danach einlädt, bei ihr Mitglied zu werden. Das wäre eine Ehre und eine Anerkennung und eine Möglichkeit, etwas zurückzugeben – insbesondere wenn ich mich dem Komitee für den Besten fremdsprachigen Film anschliessen könnte. Aber eines nach dem anderen.

Sie müssen ein gesundes Selbstvertrauen haben. Was macht Sie so erfolgreich?

Ich gebe mir Mühe, so aufzutreten, als ob ich ein gutes Selbstvertrauen hätte. Aber meine Gefühle fahren manchmal auch Achterbahn. Wenn ich mich objektiv beschreiben sollte, so würde ich sagen: Ich bin grosszügig, ehrlich, respektvoll, diskret und versuche mein Bestes, um professionell und unterhaltend zu sein.


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