Franzose durch und durch: Omar Sy

09. März 2016


Mit der Tragikomödie «Intouchables» ist Omar Sy in Frankreich zum Star geworden. Nun macht er auch in Hollywood Karriere. In seinem neuen Film «Chocolat» kämpft Sy als Clown mit Humor gegen Rassismus – so wie er das auch privat tut. Von Flavia Giorgetta

   
Im Film «Chocolat» verkörpert Omar Sy Rafael Padilla, den ersten schwarzen Clown Frankreichs. Ende des 19. Jahrhunderts wurde Padilla zuerst als Kannibale in Zirkusmane­ gen vorgeführt, und das Publikum erstarrte in Angstlust. Rassismus kennt Sy natürlich auch aus eigener Erfahrung. Der Sohn eines Sene­galesen und einer Mauretanierin wuchs mit sieben Geschwistern in einer Vierzimmerwohnung auf. Der Vater arbeitete in der Fabrik, die Mutter putzte.

Doch nicht etwa Kriminalität und baufällige Wolkenkratzer präg­ten die Pariser Banlieue Trappes. «Es ist sehr grün dort», sagt Omar Sy beim Gespräch in einem Genfer Hotel. «Ich bin in der Natur aufge­wachsen und habe nur gute Erinne­rungen an meine Kindheit.» Dass es eine Grenze zwischen den Vor­städten und Paris gibt, bestreitet der 38-Jährige nicht. «Sie wird durch die Ringautobahn markiert und existiert auch im Kopf.»

Da kam also ein junger, grosser Schwarzer und überschritt diese Grenze. Er begegnete rassistischen Pöblern mit einem Lächeln, und wenn sie versuchten, ihn zu ernied­rigen, spornte ihn das an. «Es gibt immer einen Trottel», sagt Sy, «aber Erniedrigungen haben mich nie er­schüttert. Denn ich habe im Humor die stärkste Waffe dagegen ent­deckt.» Zunächst wusste er nicht, was aus ihm werden sollte. «Koch, Astronaut, Feuerwehrmann, Wis­senschafter – ich hatte auf vieles Lust», erinnert er sich. Statt auf die Matura zu lernen, feierte er am Filmfestival in Cannes Partys – und blieb ohne Schulabschluss. Doch als Schauspieler kann er heute die Berufe wechseln wie andere die Frisur.

Mit INTOUCHABLES (2011) erlebte Omar Sy seinen internationalen Durchbruch

Begonnen hat Sys Aufstieg beim Radio, wo er Fred Testot kennen­ lernte. Als Duo Omar et Fred bauten sie sich mit Sketches auf Canal+ eine Fangemeinde auf. Der Schwar­ze und der Weisse spielten mit Kli­schees, um sie zu brechen. «Man muss Vorurteile zuerst bedienen, um sie danach zu demontieren», sagt Sy. «Aus Widersprüchen und Gegensätzen entstehen starke Ge­schichten.» Diese Formel funktio­niert auch in der Tragikomödie «Intouchables», dank der Sy zum populärsten Schauspieler Frank­reichs und international zum Star wurde. Er spielt darin einen Ex­-Knasti aus der Banlieue, der einen schwerbehinderten Aristokraten pflegt und ihn mit seiner frechen Art aufheitert. In Frankreich lockte der Film fast 20 Millionen Besucher in die Kinos.

Auch «Chocolat» lebt von Kon­trasten: Omar Sys Figur lernt beim Clown Footit, gespielt von Charlie Chaplins Enkel James Thiérrée, der selbst Zirkusartist ist. In der Manege mimen sie den dummen August und den Weissclown. Der Film hin­terfragt Vorurteile: Nach seinem Auftritt als Kannibale liest Rafael Padilla alias Chocolat eine Tragödie von Shakespeare.

Szene aus CHOCOLAT (2016)

Körperlich hat die Rolle dem grossgewachsenen Omar Sy einiges abverlangt. Er musste lernen, auf einem Ball zu balancieren und Mus­keln aufzubauen. «Ich nähere mich meinen Figuren über ihre Physis», sagt er und zieht an seiner Elektro­zigarette. Die schwierigste Szene war für ihn aber keine im Sägemehl. Am Ende des Films will Chocolat nicht mehr den August geben, son­dern ernst genommen werden. Er spielt Othello, die grösste, tragischs­te Rolle für einen Schwarzen. «Weil ich nie eine Schauspielschule be­sucht habe, hinterfragte ich mich: Habe ich das Recht, Shakespeare zu spielen, bin ich dazu fähig?», sagt der Autodidakt. Der Film zeigt, dass er es kann: Die Szene gelingt ihm bestens.

Kennt Sy neben dieser inneren auch äussere Grenzen? «Es wäre ab­surd, mich über fehlende Angebote zu beschweren – schauen Sie, wo ich heute stehe», sagt er. «Doch ich weiss sehr wohl, dass Minderheiten im Kino untervertreten sind. Nicht nur Schwarze, auch Frauen, Araber, Asiaten.»

Sy selbst hat es nach Hollywood geschafft. Zuerst wollte er mit seiner Frau Hélène und den vier zwischen 2001 und 2009 geborenen Kindern nur eine Auszeit in Los Angeles nehmen. Nun lebt die Familie seit drei Jahren in Kalifornien, und Sy hat sich auch in Amerika einen Namen gemacht. Er erfüllte sich mit der Rolle des Superhelden Bishop in der Marvel-Comic-Verfilmung «X- Men: Days of Future Past» einen Bubentraum und wird demnächst in der Dan-Brown-Adaption «Inferno» an der Seite von Tom Hanks zu sehen sein.

Omar Sy und Charlotte Gainsbourg in SAMBA (2014)

Seinem Englisch hört man die Herkunft noch gut an – kein Wunder, sprach er doch vor seinem Umzug in die USA nur rudimentäres Schulenglisch. Sechs Monate lang nahm Sy täglich Englischstunden, traf Regisseure und Produzenten und ging an Castings. Einem US-Remake von «Intouchables» versagte er die Mitarbeit. «Ich will mich nicht wiederholen, sondern lernen und beruflich wachsen», sagt er.

Regelmässig reist Sy nach Frankreich zurück, das ihm immer Heimat bleiben wird. «Man kann sein Land verlassen, aber das Land verlässt einen nie.» Die dortigen Veränderungen beobachtet er kritisch. «Die politische Mitte, die ein friedliches Zusammenleben möchte, ist viel zu still», sagt er. «Die Rechtsextremen und die islamistischen Terroristen sind eine grosse Gefahr; sie nähren sich gegenseitig.» Und er fügt hinzu: «Ich möchte nicht zu viel zu diesem Thema sagen, weil es zu Kontroversen führt.»

Omar Sy als Meisterkoch in BURNT (2015)

Omar Sy achtet darauf, dass er als Star nicht für politische Zwecke vereinnahmt wird. 2011 nahm er nicht an einem Mittagessen im Elysée teil, zu dem der damalige Präsident Nicolas Sarkozy die Clique von «Intouchables» eingeladen hatte. Dass Omar Sy aber ein kluger Kopf ist und eine klare Haltung hat, wird im Gespräch immer wieder klar. Zur Weltlage meint er: «Man kann nicht die Grenzen für gewisse Dinge öffnen und gleichzeitig versuchen, sie für andere geschlossen zu halten. Entweder, oder.» Ihm, der uns mit Charme, körperlichem Einsatz und nuanciertem Spiel überzeugt, stehen die Türen weltweit offen.

> CHOCOLAT im Kinoprogramm


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