«Das Kino ist tot» – Peter Greenaway

14. April 2016


Peter Greenaway wird am Festival Visions du Réel, das morgen in Nyon beginnt, für seine Karriere ausgezeichnet. Der Brite sagt, die Filmkunst sei an ihrer Abhängigkeit vom Drehbuch verendet. Nun lässt er sie wieder aufleben - mit Werken, die er in der Schweiz dreht. Von Christian Jungen

Peter Greenaway (Bild: Getty Images)

Lebt der noch? Die Frage der Redaktionskollegen war nicht unbegründet. Es ist ruhig geworden um Peter Greenaway. In den 1980ern und 1990ern hat der 1942 in Wales geborene Cineast mit Filmen wie «The Cook, The Thief, His Wife & Her Lover» oder «Prospero's Books» die Massen ins Kino gelockt. Und aufs Beglückendste überfordert. Greenaway zündete ein Feuerwerk an visuellen Ideen, verweigerte aber eine kohärente Geschichte mit Identifikationsfiguren. Seither hat er kontinuierlich weitergedreht. Aber das Publikum hat sich von ihm - wie auch von anderen Avantgardisten wie Jean-Luc Godard und Jim Jarmusch - abgewendet. Es zieht einfach konsumierbares Wellness-Arthouse-Kino wie «Intouchables» anspruchsvoller Filmkunst vor.

Doch nun feiert Greenaway ein Comeback. Am Filmfestival in Nyon, das am 15. April beginnt, erhält er den Ehrenpreis «Maître du Réel» für seine Karriere. Greenaway macht sich bezüglich seines Rangs keine Illusionen. «Ich bin jetzt gleich weit wie Godard», sagt er mit typisch britischer Ironie beim Gespräch in seiner Wahlheimat Amsterdam. «Die Leute sagen: Er hat anfangs ein paar gute Filme gemacht, doch dann wurde er elitär und abgehoben.» Greenaway nimmt das Desinteresse des breiten Publikums gelassen, weil er ohnehin nicht mehr an die siebte Kunst glaubt. «Das Kino ist tot», ruft er mit diebischer Freude. Auf Widerspruch reagiert er mit der Gegenfrage: «Wer hat letztes Jahr den Goldenen Bären gewonnen?» Und weil einem «Taxi» von Jafar Panahi nicht in den Sinn kommt, frohlockt er: «Sehen Sie, sogar Festivalpreise sind unbedeutend.» 

Greenaway kennt auch das vermeintliche Todesdatum der Filmkunst: «Sie starb am 31. September 1983, als die Fernbedienung für den Fernseher eingeführt wurde. Da wurde aus dem passiven Medium ein interaktives. Heute kann sich jeder, der ein Handy mit Kamera besitzt, Filmemacher schimpfen.» Greenaway ist überzeugt, dass die Cineasten selber zu ihrem Niedergang beigetragen haben, weil sie die gestalterischen Möglichkeiten nicht ausschöpfen. «Das Kino ist ein Sklave der Literatur geworden, fast alle Filme basieren auf einem Buch und sind letztlich bloss illustrierte Romane.» Es sei lächerlich, dass man vom Filmbetrieb genötigt werde, für jedes Projekt ein Szenarium zu verfassen. «Dieses wird dann von Funktionären begutachtet, die zwar lesen können, aber cineastische Analphabeten sind.» Greenaway selber hat sich mit dem System arrangiert. «Aber sobald ich das Geld in der Tasche habe, werfe ich das Drehbuch weg.»

Szene aus THE COOK, THE THIEF, HIS WIFE & HER LOVER

Peter Greenaway hat seine künstlerische Laufbahn als Maler begonnen und versucht jeden Film wie ein Gemälde zu gestalten. Die Malerei ist für ihn, der neben dem Rijksmuseum wohnt, die höchste aller Künste, weil der Mensch selber bestimmen kann, wie lange er ein Bild betrachten will, wogegen beim Kino die Zeitfenster zum Sehen durch den Regisseur begrenzt worden seien. «Am Anfang meiner Filme stehen Ideen, die ich in mein Skizzenbuch zeichne. Dieses dient mir dann bei den Dreharbeiten als Leitfaden - so wie dem Orchesterdirigenten die Partitur.»

Greenaway wehrt sich seit je gegen den Primat des Inhalts über die Form. «Die Geschichte ist nicht wichtig.» Er ist stark von der strukturellen Linguistik beeinflusst und sagt, dass bei ihm der Wunsch entscheidend sei, einen Beitrag zur Grammatik der Filmsprache zu leisten. «Bei 'The Cook, the Thief, His Wife & Her Lover' ging es mir in erster Linie um die Farbtheorie. Der Film basiert auf sieben Farben. Wenn Helen Mirren in der Küche steht, ist ihr Kleid grün - wegen des Dschungels, aus dem die Nahrung kommt. Wenn sie durch die Tür ins Restaurant geht, wird es rot, weil dort das blutige Fleisch verzehrt wird.» Die schwarze Komödie, welche Konsumkritik mit einem kannibalischen Mahl auf die Spitze treibt, hat er 1988 gedreht. Herausgekommen ist sie zur Zeit des Mauerfalls. Sie wurde im Licht der historischen Ereignisse politisch gelesen: als prophetische Vorwegnahme, wie Russland nach dem Kommunismus dem Konsumrausch verfallen werde. 35 Millionen Menschen haben den Film im Kino gesehen.

Greenaway bekam Angebote aus der Traumfabrik, lehnte sie aber ab. «Das Hollywoodkino ist viel zu christlich: Etwas Schlimmes ist passiert, das gesühnt werden muss, und deshalb kommt es zum glücklichen Ende. Das langweilt mich.» Greenaway, ein Freund akademischer Exegese mit einem Hang zum Dozieren, gefällt sich in der Rolle des Provokateurs. Und warum dreht er weiterhin Filme, wenn doch das Kino tot ist? «Weil ich ein Idiot bin», antwortet er lapidar. Vielleicht aber auch, weil ihn das Morbide fasziniert. Fast alle seine Filme kreisen um die Themen Kunst, Sex, Religion und Tod. «Es gibt nur zwei universelle Themen in der westlichen Kunst: Sex und Tod. Zwei Menschen haben gefickt, sonst gäbe es uns nicht, und eines Tages sterben wir. Das verbindet alle sieben Milliarden Erdbewohner.»

Der Körper ist als Träger des Eros in seinen Filmen der Gegenpart der Rationalität. Und wenn sich die Figuren gehenlassen, lässt sich auch Greenaway gehen: «Ich bin zwar ein Protestant von einer kalten Insel im Nordatlantik, aber ich liebe den Exzess. Mein Kino ist barock, voller Farben, Sex und Blut und wird darum in Italien, der Heimat von Caravaggio und Fellini, am besten verstanden.» Gerade weil das Land vom Katholizismus geprägt sei, habe man dort Verständnis für Ausschweifungen. «Die Kirche braucht letztlich den Sünder, weil sie ohne ihn keine Daseinsberechtigung mehr hätte.»

In Nyon wird Greenaway seine Theorie in einer Meisterklasse darlegen. Es ist merkwürdig, dass ein auf Dokumentarfilme spezialisiertes Festival, das den Realismus im Titel führt, ausgerechnet Greenaway ehrt. Im Unterschied zu seinen auf Sozialrealismus spezialisierten britischen Altersgenossen Ken Loach, Mike Leigh und Stephen Frears ist er gerade dafür bekannt, Phantastik zu zelebrieren und die Ästhetisierung auf die Spitze zu treiben. «Ich habe allerdings als Dokumentarfilmer begonnen», ruft Greenaway in Erinnerung. Seine Sporen hat er sich als Cutter beim Central Office for Intelligence abverdient. Die Regierungsstelle hat im Krieg Propagandafilme produziert und in Friedenszeiten Dokumentationen für Fernsehsender des britischen Empire. 

Szene aus EISENSTEIN IN GUANTANAMO

Peter Greenaway hat dann schnell gemerkt, dass Dokumentarfilme genauso lügen wie Spielfilme. «1980 realisierte ich zwei Filme, einer hiess 'Act of God'. Er handelt von Leuten, die vom Blitz getroffen wurden, was stimmte, aber niemand glaubte es mir. Der andere hiess 'The Falls' und ist völlig fiktional. Er erzählt von Leuten, die fliegen lernten. Alle nahmen das für bare Münze, der Film gewann viele Preise.» Seither fühlt sich Greenaway frei, Fakten und Fiktion zu mischen. So auch in seinem neuen Film. «Eisenstein in Guanajuato». Darin erzählt er, wie Sergei Eisenstein 1931 nach seinem Aufenthalt in Hollywood in Mexiko versuchte, den Revolutionsfilm «Que viva Mexico!» zu drehen. «Eisenstein ist eines meiner Vorbilder, seit ich als Kunststudent in London Anfang der 1960er 'Panzerkreuzer Potemkin' gesehen habe. Ich kannte damals nur britische und amerikanische Filme. Zu sehen, wie Eisenstein mit seiner Montage politische Bedeutung erzeugte, war ein Schock. Deshalb lebt mein Film auch stark vom Schnitt.»

Tatsächlich zieht Greenaway wieder alle Register der Bildgestaltung. Er setzt auf Split-Screens, Archivbilder und Überblendungen. «Eisenstein in Guanajuato» ist auch inhaltlich ein typischer Greenaway-Film, weil er sich um Kunst und Sex dreht und eine erotische Szene in einer Dusche enthält - ein Markenzeichen seines Kinos. Greenaway zeigt, wie der lokale Fremdenführer Palomino Eisenstein verführt. «Viele Russen sind sauer, weil ich zeige, dass Eisenstein homosexuell war», erzählt Greenaway, «ich bekomme in letzter Zeit viele hasserfüllte Zuschriften.»

Der Film ist der letzte Teil einer geplanten Eisenstein-Trilogie. Der Mittelteil wird in Hollywood spielen und der erste im Schloss des waadtländischen La Sarraz, wo Eisenstein 1929 am 1. Internationalen Kongress des unabhängigen Kinos teilnahm. «Eisenstein fuhr anstelle seines Freundes Dsiga Wertow hin, der wegen Dreharbeiten verhindert war. Er verführte alle mit seinen Reden.» 

Greenaway kehrt gerne in die Schweiz zurück. Bereits im letzten Dezember hat er «Walking to Paris» bei Zürich und im Safiental gedreht. Darin erzählt er, wie Constantin Brancusi sich 1905 als verarmter Hirte von Rumänien aus nach Paris aufmachte, um an der Seine Bildhauer zu werden. «Brancusi besuchte in den Schweizer Alpen ein Bordell und traf dort auf eine androgyne Kreatur, die aussieht wie ein Knabe.» Verkörpert wird diese Figur von der Tessinerin Carla Juri. «Ich habe sie gewählt, weil sie eine wehmütige Unschuld ausstrahlt. Obwohl sie schon dreissig ist, kann sie eine 16-Jährige verkörpern, und man glaubt ihr die Jugend.»

Greenaway ist mit der Schweizer Kunstszene vernetzt, ein Italiener aus Lugano hat ihm gerade Geld gegeben für ein Drehbuch. Das Enfant terrible des Autorenkinos fühlt sich hierzulande aufgehoben: «Ihr Schweizer seid schräge Leute, deshalb ist euer Land der ideale Zufluchtsort für Aussenseiter und Leute mit Brüchen in der Biografie. Ob Voltaire oder Lenin: Wer in seiner Heimat aneckt, landet irgendwann in der Schweiz.»

Greenaway in Nyon

Das Filmfestival Visions du Réel beginnt am 15. April mit dem israelischen Film «Presenting Princess Shaw» und dauert bis zum 23. April. Am 18.4. erhält Peter Greenaway den Preis «Maître du Réel» und stellt seinen Film «Eisenstein in Guanajuato» vor. Am 19.4. hält er eine öffentliche Masterclass. Die Cinémathèque in Lausanne zeigt ab 11.4. eine Retrospektive mit Greenaways Filmen.


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