Alle reissen sich um ihn: Oscar Isaac

18. Mai 2016


Oscar Isaac hat sich lange mit Nebenrollen zufriedengeben müssen. Bis die Brüder Joel und Ethan Coen ihn mit «Inside Llewin Davis» zum Star machten. Seither ist Hollywood verrückt nach ihm. Nach «Star Wars: The Force Awakens» ist er jetzt in «X-Men: Apocalypse» zu sehen. Von Marlène von Arx, Los Angeles

 
Obwohl er schon seit Jahren vor der Kamera stand, schaffte er den Durchbruch als Schauspieler nur dank seinen musikalischen Fähigkeiten. Oscar Isaac, Sänger und Gitarrist in der Ska-Band Blinking Underdogs, bewarb sich um die Rolle als Folk-Musiker in Joel und Ethan Coens Film «Inside Llewyn Davis». Er musste vor dem zuständigen Produzenten T-Bone Burnett vorspielen, und dieser meldete den Regisseuren umgehend: «Wir haben unseren Hitler gefunden!» Das war eine Anspielung auf den Filmklassiker «The Producers», in dem zwei betrügerische Broadway-Produzenten mit Absicht einen Flop produzieren wollen, nämlich das Musical «Frühling für Hitler» – wider Erwarten wird es ein Erfolg. «Ich wurde also als programmierter Flop engagiert», erzählt Oscar Isaac beim Interview im Beverly Hilton Hotel in Los Angeles und bekommt einen Lachanfall.

«Inside Llewyn Davis» gewann 2013 den Grossen Preis der Jury in Cannes und gab der Karriere des heute 37-Jährigen gehörigen Schub. Heute ist Oscar Isaac dank Rollen in «Star Wars», «X-Men» und «Ex Machina» ebenso ein Aushängeschild für Blockbuster wie für unabhängige Autorenfilme. Und auch die Fernsehsender reissen sich um ihn. In der HBO-Serie «Show Me a Hero» brillierte er zuletzt als blutjunger Bürgermeister. «Der Regisseur hatte mir gesagt, er wisse nicht, wer diese Rolle spielen könnte, deshalb brauche er mich», erinnert sich Isaac. Er war auch in diesem Fall der richtige Mann und wurde Anfang Jahr mit einem Golden Globe belohnt.

Domhnall Gleeson und Oscar Isaac in EX-MACHINA

Oscar Isaac mag das Ungewisse als Herausforderung und vergleicht die Vorbereitung auf eine Rolle mit dem Sichverlieben: «Ohne es zu wollen, kann man nicht mehr aufhören, über diese eine Person nachzudenken.» So verliebte er sich auch in den Bösewicht Apocalypse im neunten Abenteuer der Marvel-Mutanten-Serie «X-Men: Apocalypse». Dieser wurde vor Tausenden von Jahren geboren und wuchs im alten Ägypten auf, wo er als Gott verehrt wurde. Isaac mochte den unsterblichen Ur-Mutanten schon als auf Comic versessenes Kind. Im neuen «X-Men»-Film sieht er nicht nur Popcorn-Unterhaltung, sondern auch Parallelen zum griechischen Drama, zu dem japanischen Kabuki-Theater und zu Darstellungen des alttestamentarischen Jüngsten Gerichts.

Die Dreharbeiten waren streng: «Ich trug eine Vollmaske, mein Kostüm wog 20 Kilogramm. Ich musste an ein Kühlsystem angeschlossen sein, um nicht zu kollabieren.» Es sei schwierig gewesen, sich durch diese Hülle hindurch so auszudrücken, dass das Publikum seine Figur noch verstehe. Trotzdem haben ihm die Dreharbeiten Spass gemacht – «dank Michael Fassbender, James McAvoy und Jennifer Lawrence, die mich in ihre Filmfamilie aufgenommen haben».

Oscar Isaac als Bösewicht Apocalypse im neuen X-MEN

Mittlerweile zählt Isaac in Holly­ wood zu den begehrtesten Stars. Mit dem Kommerzdenken der Studios bekundet er jedoch Mühe, etwa mit dem Merchandising. «Ich bekomme keinen Cent der Einnahmen, und manche Produkte sind fragwürdig. Von ‹Star Wars› gibt es zum Beispiel einen Strandstuhl mit der Figur Poe Dameron auf dem Sitz. Man setzt sich also auf mein Gesicht! Da fehlt jeder Respekt.» Dabei hat der Schauspieler sich diesen über die Jahre erarbeitet. Geboren wurde Os­car Isaac Hernández Estrada 1979 in Guatemala, dem Heimatland seiner Mutter, sein Vater ist ein kubani­ scher Lungenarzt. Er war wenige Monate alt, als die Familie in die USA zog. Oscar wuchs in Miami auf. Als die Eltern sich trennten, verar­ beitete er das Erlebte in der Musik.

Seine ersten Erfahrungen als Schauspieler sammelte Isaac im Theater. Um bei Castings mehr Er­ folg zu haben, benannte er sich um. «Oscar Hernández ist in Miami so verbreitet wie John Smith. Im Tele­fonbuch gibt es 15 Seiten mit Oscar Hernández», erklärt er. «Isaac» setzt ihn nicht nur von anderen ab, der aus dem Hebräischen stammende Name bindet ihn auch weniger an seine Herkunft. Obwohl in Holly­ wood nach #OscarsSoWhite eine Debatte über mehr ethnische Diver­ sität im Gang ist, mag sich Isaac nicht in diese einschalten, aus Angst, auf seine Wurzeln reduziert zu werden. «Ich will kein Geheimnis um meine Herkunft machen, aber man soll auch nicht denken, ich könne nur Latinos spielen.»

Szene aus STAR WARS: THE FORCE AWAKENS

Tatsächlich spielte er bis anhin Angehörige aller möglichen Eth­nien, ohne dass sich jemand an sei­ner Identität gestört hätte. Ridley Scott besetzte ihn als Iraker in «Body of Lies» und als englischen Prinzen in «Robin Hood», Madonna engagierte ihn als russischen Wach­mann in ihrem romantischen Dra­ma «W. E.», und Catherine Hard­wicke gab ihm im biblischen Drama «The Nativity Story» die Rolle von Joseph, dem irdischen «Vater» Jesu.

Was macht Oscar Isaacs Schau­spiel aus? Zunächst seine grosse Wandlungsfähigkeit. Er ist ein Cha­rakterdarsteller, bei dem man im­mer die Figur und nie den Star sieht. Dies liegt auch daran, dass er nur wenige Interviews gibt und keine Homestorys macht. «Er hat ein grosses Herz und vermag mit seiner Mimik Emotionen auszudrücken, so dass man als Zuschauerin fühlt, was er fühlt», sagt Regisseurin Hardwicke. «Zudem ist er bereit, Ri­siken einzugehen, indem er Filme macht, die unkonventionell sind.»

Isaac ist bei vielen Schauspiele­rinnen beliebt, die alle (wieder) mit ihm drehen wollen. Alicia Vikander war begeistert von ihm, so auch Jes­sica Chastain, die ihn seit den Stu­dienzeiten in New York kennt und an seiner Seite in «A Most Violent Year» von J. C. Chandor spielte. «Os­car ist grossartig. Er hatte uns im Unterricht auch ohne Requisiten oder Kostüme umgehauen», erin­nert sie sich. Darum habe sie ihn Chandor empfohlen und gesagt, er solle nicht den grössten Namen nehmen, sondern auf den besten setzen. «Und das war Oscar.»


< zurück

EDIT