Die Kämpferin: Kerry Washington

15. Juni 2016


Kerry Washington spielt starke Frauen wie in «Django Unchained» und in der Serie «Scandal». Jetzt macht sie sich im Fernsehfilm «Confirmation» gegen sexuelle Belästigung stark. Die Schauspielerin mag es politisch – und unterstützt derzeit Hillary Clinton. Von Marlène von Arx, Los Angeles 

Kerry Washington

Er beschrieb ihr seinen Penis und nutzte jede Gelegenheit, um sexuelle Anspielungen zu placieren wie Sodomie oder Schamhaare an einer Coca-Cola-Dose. Er: der von Präsident George Bush senior auserkorene Kandidat fürs Richteramt am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten. Sie: seine ehemalige Assistentin.

Wer alt genug ist, erinnert sich an die Aussagen von Anita Hill 1991 im Fall Clarence Thomas. Heute Professorin an der Brandeis-Universität, schilderte Hill damals vor laufenden Kameras, wie Thomas sie mit Sex-Geschwätz belästigt hatte. Ihre Aussage schlug ein wie eine Bombe. Zum ersten Mal wurde sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz öffentlich diskutiert. Die Verhandlung war aus einem weiteren Grund bezeichnend: Eine schwarze Frau beschuldigt einen schwarzen Mann, weisse Männer richten. Clarence Thomas wurde trotz den Anschuldigungen für das Oberste Gericht bestätigt und ist bis heute im Amt. Ein Jahr nach dieser Anhörung wurden im Kongress Gesetze zu sexueller Belästigung am Arbeitsplatz verabschiedet und eine überdurchschnittlich hohe Zahl von Frauen ins Parlament gewählt.

Jetzt, 25 Jahre später, rollt Kerry Washington als Produzentin und Hauptdarstellerin mit dem HBO-Fernsehfilm «Confirmation» diese Ereignisse neu auf: «Geschlecht, Rasse, Macht – diese Themen sind leider immer aktuell in den USA», erklärt die 39-Jährige beim Interview in Los Angeles. Dass der Fall Anita Hill bei der Ausstrahlung dann derart brisant sein würde, konnte sie nicht ahnen: Zurzeit blockieren die Republikaner die Ernennung eines neuen Bundesrichters durch Präsident Obama. Komiker Bill Cosby wird der sexuellen Belästigung und Vergewaltigung beschuldigt. Und nach der eben erfolgten Ausstrahlung der Serie «American Crime Story: The People v. O. J. Simpson» zum Mordprozess gegen den Footballspieler wundert man sich in den USA, wie weit man seit Anfang der neunziger Jahre in Rassen- und Geschlechterfragen tatsächlich gekommen ist.

Szene aus CONFIRMATION

«Das Wichtigste für mich bei ‹Confirmation› war, zu zeigen, dass sich hier eine schwarze Frau getraut, ihre Meinung zu sagen. Wir leben schliesslich in einer Demokratie», sagt Kerry Washington. «Es gibt keine eindeutigen Sieger und Verlierer. Clarence Thomas sitzt zwar heute noch im Amt. Doch Anita Hill hat eine öffentliche Diskussion ausgelöst, die vorher undenkbar gewesen wäre, egal in welchem Kontext. Wir selbst sprachen vor den Dreharbeiten darüber, was akzeptabel ist im Umgang miteinander und was nicht. Sei es in Bezug auf Geschlecht, Religion, Rasse.»

Auch im Vorfeld zu «Scandal» (2012) fanden solche Gespräche statt. Nicht zuletzt dieser Serie hat Kerry Washington die Rolle der Anita Hill zu verdanken. Sie stammt aus der Hit-Fabrik von Shonda Rhimes («Grey’s Anatomy») und katapultierte sie in die Top-Liga der schwarzen Schauspielerinnen. Sie spielte darin die Krisenmanagerin Olivia Pope, welche die Skandale mächtiger Akteure im Politzirkus von Washington DC souverän vertuscht, während ihr das eigene Privatleben, inklusive einer Affäre mit dem verheirateten US-Präsidenten, entgleitet.

Ironie des Schicksals: Die Figur Olivia Pope wurde der Krisenberaterin Judy Smith nachempfunden, die damals, als Anita Hill ihre Aussagen machte, stellvertretende Pressesprecherin von George Bush war und alles daransetzte, Hill zu diskreditieren. Smith kommt nun als Nebenfigur in «Confirmation» wieder vor. «Es war schräg, zu sehen, wie die meisten Schauspielerinnen beim Casting Olivia Pope, also eine Version von mir, vortrugen, und nicht Judy Smith. So bekommt man die Rolle natürlich nicht», sagt Washington lachend. Heute ist sie mit den damaligen Gegenspielerinnen gut befreundet, obwohl Washington, die unter dem Verlust ihrer Privatsphäre leidet, zuerst nichts mit «Confirmation» zu tun haben wollte.

Kerry Washington wuchs in der Bronx auf und ging in Manhattan auf eine exklusive Privatschule. Zur Zeit der Anhörung von Clarence Thomas war sie 14 Jahre alt. In politischen Fragen, so erinnert sich die Demokratin, war man zu Hause immer einer Meinung. Aber in diesem Fall stritten sich die Eltern: «Mein Vater nahm den Standpunkt des aus Prinzip verdächtigten Afro-Amerikaners ein und meine Mutter jenen der belästigten Frau am Arbeitsplatz.» Da sei ihr erstmals ihre komplizierte Identität als schwarze Frau bewusst geworden.

Kerry Washington in SCANDAL

«Das wiederholte sich 2008, als ich als Frau Hillary Clinton, als Schwarze aber Barack Obama wählen sollte.» Sie schlug sich auf die Seite von Obama und ist auch nach acht Jahren Amtszeit noch ein Fan von ihm. «Ich kann mich nicht erinnern, dass ein Präsident sowohl innen- wie aussenpolitisch so viele Herausforderungen zu meistern gehabt hätte. So gesehen, macht er einen phänomenalen Job.» Kerry Washington bewundert auch den Vizepräsidenten Joe Biden, der 1991 die Anhörung von Thomas leitete und in «Confirmation» von Greg Kinnear gespielt wird.

Im Wahlkampf 2016 setzt sich die «politische Optimistin», wie sich Kerry Washington selber beschreibt, für Hillary Clinton ein. Im Januar twitterte sie an ihre vier Millionen Follower ein Bild von sich und Hillary Clinton und beschrif­tete es mit «#ImWithHer». Die so­ zialen Netzwerke sind wesentlich am Erfolg von «Scandal» beteiligt. Sobald eine neue Episode ausge­ strahlt wurde, kommunizierten die Darsteller auf Twitter mit den Fans. Das Beispiel machte Schule. Inzwi­schen verpflichten viele Serienma­ cher ihre Stars zu Live-­Chats.

«Ich weiss nicht, ob ‹Scandal› ohne soziale Netzwerke überlebt hätte», sagt Washington. Kürzlich wurde die Serie um eine sechste Staffel verlängert. «Viele Leute schalteten erst zu, als ihre Twitter­ Timeline überquoll mit ‹Scandal›­ Diskussionen.» Zu ihnen gehörte Oprah Winfrey. Die Talkshow­-Köni­gin posiert mit der Schauspielerin für Instagram­-Fotos und lädt sie in ihre Sendungen ein. «Twitter demo­ kratisiert», sagt Washington. «Da diskutieren Oprah, Mariah Carey und Jessica aus Irgendwo gleichzei­ tig über dasselbe Thema. Es verklei­nert die Welt auf eine schöne Art.» Ihre eigene Welt hat sich dank «Scandal» stark verändert. «Ich war stolz darauf, eine wandelbare Cha­ rakterdarstellerin zu sein. Die Leute merkten nicht, dass ich schon in Ki­nofilmen wie ‹Save the Last Dance›, ‹Ray› und ‹The Last King of Scot­land› dabei war.» Damals konnte sie unerkannt durch die Strassen schlendern, heute ist das vorbei. «Wenn man jede Woche quasi in die Wohnzimmer der Zuschauer tritt, bildet sich eine intimere Beziehung zu einer Heldin als zu einer Figur, die man im Kino nur einmal sieht.»

Kerry Washington in DJANGO UNCHAINED

Zuletzt sah man sie als Sklavin Broomhilda von Shaft in Quentin Tarantinos Western «Django Unchained». Ähnlich wie jetzt in «Confirmation» spielte sie eine Frau, die sich durchsetzen muss. Kerry Washington nennt sich nicht Feministin, sondern «womanist», ein Begriff für den Feminismus der schwarzen Frauen. Die Auspeitsch­szene war echt. Auf Washingtons Wunsch, der Glaubwürdigkeit we­gen. Kein Wunder, sagt Quentin Ta­rantino über Washington: «Sie ist meine beste Soldatin, meine grossartigste Politikerin.»

Politikerin zu werden, kommt für die Schauspielerin jedoch nicht in Frage. Wofür sie sich aber engagiert, sind die Veränderungen, die in der Filmindustrie bitter nötig sind: mehr Chancen für schwarze Schauspieler auf Hauptrollen, mehr Förderung für Minderheiten und Frauen. Washington ist erleichtert, dass mit Viola Davis erstmals eine Schwarze den Emmy gewonnen hat für ihre Hauptrolle in «How to Get Away With Murder» – wie «Scandal» eine Serie von Shonda Rhimes. Aber jetzt sei es an der Zeit, dass sich der Diskurs weg von Ausnahmepreisen und hin zu grossartigen schauspie­ lerischen Arbeiten bewege, findet Kerry Washington. «Egal, welcher Kultur jemand angehört.»

Kerry Washington

Die 1977 in der Bronx geborene Tochter eines Immobilienmaklers und einer Berufsberaterin ist die Cousine des ehemaligen Aussenministers Colin Powell. Sie studierte in Washington DC, schloss in Anthropologie und Soziologie ab und nahm an den Michael Howards Studios in New York Schauspielunterricht. Ab Mitte der 1990er Jahre spielte Kerry Washington viele kleine Rollen. Nach gelobten Auftritten in «Ray» (2004) und «Django Unchained» (2012) wurde sie mit der Serie «Scandal» (seit 2012) zum Star.


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