Sie rockt die Traumfabrik: Shailene Woodley

03. November 2016


Shailene Woodley avancierte mit der«Divergent»-Serie zum Teenie-Idol, das sich unbekümmert im Internet präsentierte. Jetzt schafft die 24-Jährige in Oliver Stones Thriller «Snowden» den Durchbruch als Charakterdarstellerin und misstraut plötzlich Social Media. Von Mariam Schaghaghi, Berlin

Szene aus SNOWDEN

Eigentlich ist Shailene Woodley eine Mogelpackung. Sie hat die schönsten Rehaugen seit Audrey Hepburn, ein herziges Gesicht mit einem Rest Babyspeck, glänzende Haare. Kindchenschema total. Doch in Wahrheit ist die 24-jährige Schauspielerin eine reife Persönlichkeit mit scharfem Verstand und einer Vorliebe für Extremsport. Keine Interviewfrage bringt sie aus der Ruhe, sie antwortet, auf einem Sofa im Berliner Hotel de Rome sitzend, pointiert, eloquent, routiniert, als könnte nichts ihr Selbstvertrauen anfechten. Was einem bei anderen Stars unsympathisch vorkommen würde, ist bei Shailene Woodley einfach nur beeindruckend und sehr charmant. 

Fangen wir bei der Begrüssung an: Woodley umarmt gerne jeden, dem sie begegnet. Klingt nach Esoterik- Quatsch oder einer Internet-Ente, ist aber Fakt. «Umarmungen sind die einfachste Art, das Eis zu brechen», sagt sie, unbefangen und souverän. «Dann ist die Atmosphäre zwischen uns doch gleich wärmer und freundlicher!» Ha – eine Weltverbesserin mit Hippie-Hintergrund, denkt man. 

Dann ihre Hobbys: In ihrer Freizeit stellt die Kalifornierin für sich eigene Waschmittel, Arzneien und Zahnpasta her, hat ausser für Kräuterheilkunde auch ein Faible für Überlebenstrainings. Sie kann sich bei Überfällen verteidigen oder ein Auto per Kurzschluss starten. «Ein Schraubenzieher genügt. Das ist echt einfach.» Sie fügt hinzu: «Ich bin halt eine Kämpferin und will in sämtlichen Notlagen klarkommen können.»

Das wäre bereits beeindruckend. Aber die Tochter eines Lehrerehepaars hat auch noch eine der steilsten Newcomer-Karrieren in Hollywood hingelegt. Sie wurde mit fünf entdeckt, stand oft für Werbespots und Fernsehfilme vor der Kamera, aber ohne deswegen ihre Kindheit zu verpassen und die Klassenkameraden zu vernachlässigen. In ihrer zweiten Kinorolle spielte Woodley dann neben Filmgott George Clooney und stahl ihm die Schau. Als seine störrische Tochter in «The Descendants» eroberte der Teenie sofort Publikum und Kritiker. Danach bot man ihr die Hauptrolle in der actiongeladenen Science-Fiction- Trilogie «Divergent» an. Die Filme erinnern inhaltlich an «The Hunger Games», in Liebesdingen an «Twilight». Eine sichere Nummer, um schnell auf den Teenie-Olymp katapultiert zu werden.

Szene aus SNOWDEN

Besonnen, wie sie ist, liess sich Woodley nicht von der Aussicht auf Ruhm, Reichtum und Rock’n’Roll blenden, sondern dachte erst einmal an die negativen Konsequenzen des Berühmtseins und suchte Rat bei Jennifer Lawrence.

«Ich fand es umwerfend cool, dass sie mir geantwortet hat», erinnert sich «Shai», wie Freunde sie nennen. «Jen hat mir gesagt, so eine Rolle könne auch viele gute Erfahrungen mit sich bringen. Das Leben ist ja sowieso eine Abfolge von Erfahrungen. Angst ist kein guter Ratgeber, um Entscheidungen zu fällen. Wenn du geerdet bist, dann kann dir der Tornado da draussen nichts anhaben.»

Für die «Divergent»-Serie sprang Shailene von fahrenden Zügen und stürzte sich in Schluchten. Perfekt für einen Adrenalinjunkie wie sie. Doch noch mehr reizte sie die intellektuelle Ebene, das Thema der Manipulation von Menschenmassen. «Ein Teil der Gesellschaft will einen anderen übernehmen. Das ist eine Form von Genozid», erklärt sie ihr Interesse an dem Stoff. «Weil die einen die anderen ausspionieren und Drohnen für permanente Überwachung sorgen, gibt es bald keine Privatsphäre mehr.» Das klingt ganz so, als habe ausgerechnet ein Teenie-Film sie mental auf die sehr erwachsene Rolle eingestimmt, in der sie auch am Zurich Film Festival glänzte: Oliver Stones «Snowden», ein Thriller über eines der kontroversesten Themen unserer Zeit. Sie spielt Lindsay Mills, die langjährige Freundin des Mannes, der den gigantischen Datenmissbrauch der US-Regierungsbehörden publik gemacht hat. Der Whistleblower wurde zu einer der am meisten polarisierenden Persönlichkeiten des 21. Jahrhunderts.

Shailene Woodley war elektrisiert, als sie von dem Projekt erfuhr: «Snowdens Zivilcourage hat mich sehr bewegt», sagt sie ernst. «Ich habe alles über diesen Fall gelesen. Ich glaube, Oliver Stone ist der Einzige, der dieser Geschichte gerecht werden kann, denn er ist ein furchtloser Filmemacher.»

 
Wie schon 2013, als sie die Hauptrolle in der von ihr geliebten Romanverfilmung «The Fault in Our Stars» haben wollte, schrieb sie auch jetzt dem Regisseur einen Brief. Der dreifache Oscar-Gewinner Stone, der als anspruchsvoll und schwierig gilt, war von ihr sehr angetan. Vielleicht liegt in ihrem Spiel sogar der Schlüssel zu «Snowden». Stone wollte Snowdens Entwicklung vom patriotischen Geheimdienstler zum geächteten «Nestbeschmutzer » auf den Grund gehen. Shailene Woodley fügte dem Gesamtbild die entscheidende Note hinzu. Sie behauptet sich schon mit wenigen Szenen als emotionaler Nukleus von «Snowden». Ihre Lindsay ist nicht das attraktive Dummchen an der Seite des Helden, zu schön für den blassen Computer-Nerd. Nein, sie ist dafür verantwortlich, dass Snowden seine Menschlichkeit nicht verloren hat. Stone sagte: «Ed ist ein Mann der leisen Töne, Lindsay das Alphatier.»

Den Blick für das Wesentliche und eine positive Lebenseinstellung – das hat Shailene Woodley mit ihrer Filmfigur gemein. Bei der Vorbereitung auf die Rolle wurde Lindsays Twitter-Account zur wichtigsten Quelle für Woodley. Sie las jeden Tweet, egal wie lange er zurücklag. Ihr sei nicht wichtig, ob Snowden ein Held sei oder nicht, sagt Woodley mit sanfter Stimme und Bambi- Augenaufschlag. Vielmehr das: «Nach diesem Film wird man sich bewusst sein, dass man auf seinem eigenen Laptop von Fremden beobachtet werden könnte.» Das sei Grund genug für sie, für den Schutz ihrer Privatsphäre zu kämpfen.


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