Nicht ganz von dieser Welt: Gillian Anderson

02. Februar 2016


Als kluge Dana Scully in der Mystery-Serie «The X-Files» wurde Gillian Anderson in den Neunzigern berühmt. Dann glänzte sie in kleinen Rollen. Jetzt gibt sie ihr Comeback als Serien-Star – unter anderem mit neuen «X-Files»-Folgen. Von Simone Meier

Gillian Anderson, Oktober 2014

Die Frau isst ihr eigenes Bein. In ei­nem Zustand tiefster Verzückung, ein postorgasmisches Schimmern in den Augen. Das können nur Dro­gen sein und eine arge seelische Umnachtung. Denn ihr Verzehr von Eigenbeinschinken ist nicht etwa ein autoerotischer Akt, das wäre ja noch einigermassen nachvollzieh­bar. Nein, Bedelia du Maurier, die Psychoanalytikerin eines Psycho­killers, der von Beruf selbst Analy­tiker ist, verzehrt sich dabei nach ihm. Nach dem Kannibalen Hanni­bal Lecter. Nach dem Mann, der soeben mit einem anderen Mann in einer schwulen Umarmung von einer Klippe gesprungen ist. So en­dete im August die dritte Staffel der Serie «Hannibal» mit Mads Mikkel­sen als Hannibal Lecter und Gillian Anderson als «the bride of Hanni­bal», wie die Werbung des Senders NBC sie nannte.

Es ist weird shit, das serielle Uni­versum der Gillian Anderson. Und es begann bereits mit einer Legen­de. Mit «The X-­Files», jener Science­ Fiction­-Horror-­Serie, die ab 1993 das Wort «paranormal» weltweit normal machte.

Das FBI-Dreamteam der 90er Jahre: Agent Mulder (David Duchovny) und Agent Scully (Gillian Anderson).

Kürzlich wählten in der Bran­chenzeitschrift «The Hollywood Re­porter» über 2800 Menschen aus der amerikanischen Filmbranche das Alien­-Jäger-­ und Verschwö­rungstheoretiker­-Epos «The X­ Files» zu ihrer drittliebsten TV­-Serie aller bisherigen Zeiten. Direkt nach «Friends» und «Breaking Bad». Drei­zehn Jahre nach der bis jetzt letzten «X-Files»­-Folge fällt also eine Indus­trie noch immer auf die Knie. Denn ohne «X­Files» gäbe es ganz vieles nicht. Keine «Buffy the Vampire Slayer», die wiederum eine Legion von übernatürlichen Serien für sehr junge Menschen einläutete. Keine Ermittler am Rand des Menschen­ möglichen wie in «Fringe» oder «Castle». Keine «American Horror Story». Keinen Vince Gilligan, der bei 30 von 202 «X-Files»­Episoden Regie führte und dort auch mit seinem «Breaking Bad»­-Superstar Bryan Cranston zusammenkam. Und vor allem keine Dana Scully und keinen Fox Mulder, das FBI­ Agenten-­Paar, über das Popsongs geschrieben wurden. Er ein Psycho­loge aus Oxford und Tatort-­Analyti­ker, sie eine Medizinerin aus Stan­ford mit einem Physik-­Bachelor über Einstein.

Und dabei hatte Gillian Ander­sons eigenes Leben recht durch­schnittlich begonnen. Nichts hatte darauf hingewiesen, dass aus ihr einmal ein Star mit kultureller Defi­nitionsmacht werden würde. Dass sie einmal die Klügste der Klugen und die Lady of all Ladies verkör­pern würde. Die supersmarte Er­mittlerin im Körper einer präraffae­litischen Eiskönigin.

Zur Welt kam Gillian Anderson 1968 in Chicago. Die Mutter war Computer-­Analytikerin, der Vater machte Postproduktion von Filmen. Als Gillian ein Baby war, zogen die Eltern nach Puerto Rico, wenig später nach England. Mit acht rauchte sie ihre erste Zigarette, noch heute sagt sie ganz unameri­kanisch: «Rauchen ist eine gute Sa­che.» Als sie elf war, zog die Familie von London ins republikanische Möbelhersteller-Städtchen Grand Rapids, Michigan, und Gillian wurde einer von insgesamt sechs Grand­Rapids­Punks. In der Schule war sie schlecht, ihr Freund war ein zehn Jahre älterer Punkrocker, sie schaute böse, steckte sich kleine Eisen in den Körper, wurde ab und zu verhaftet, färbte sich die Haare, die damals noch nicht rot-, sondern höchstens mausblond waren, immer wieder neu.

Sie war eine Rebellin, aber keine besonders komplizierte. Denn der Film, der in ihr den Wunsch weckte, Schauspielerin zu werden, war zwar die Geschichte einer Europäerin, aber kein europäisches Autorenkino. Es war das grosse Damen-Melodram des Jahres 1985 über die dänische Dichterin Karen Blixen: «Out of Africa» mit Meryl Streep und Robert Redford und der Sehnsuchtszeile «I had a farm in Africa». Da wusste Gillian Anderson: Ich will zum Film, und ich will nach Afrika. Nicht um in weissen Kleidern schwarze Farmarbeiter herumzubefehlen, sondern um Hilfsprojekte für afrikanische Kinder und Künstler zu unterstützen.

Gillian Anderson als Dana Scully

Auf Grand Rapids folgte also eine Schauspielausbildung in Chicago. Danach ging Anderson nach New York, kellnerte, spielte Theater, trat in Kurzfilmen auf und einer einzigen Folge der Fox-Serie «Class of ’96» und streunte ein Jahr lang arbeitslos durch Hollywood. Aber Fox vergass sie nicht. Der Sender bereitete damals «The X-Files» vor. Die Hommage von Chris Carter an alle guten und schlechten Science-Fiction-Filme und vor allem an eine Serie, die alle, die um 1990 einigermassen bei televisionärem Trost waren, geprägt hatte: David Lynchs «Twin Peaks». Chris Carters Hauptdarsteller wurde David Duchovny, weil er in «Twin Peaks» den transvestitischen Ermittler gespielt hatte.

Dass Gillian Anderson zu Duchovnys Partnerin wurde, verdankte sie – Hannibal Lecter. Denn Carter suchte nach dem Spiegelbild von Jodie Fosters FBI-Studentin Clarice Starling in «Silence of the Lambs»: nach einer Jungen, aber Kühlen, Kontrollierten, Kalkulierenden, einer, die dem Wirbelsturm der paranormalen Paranoia in «The X-Files» mit Skepsis und Vernunft standhielt. Und immer im Hosenanzug. Unter diesem allerdings, das zeigte schon die Pilotfolge, trug Dana Scully edle Seidenunterwäsche auf der weissen Haut. 1996 wurde Gillian Anderson vom Männermagazin «FHM» zur «Sexiest Woman in the World» gewählt.

Mads Mikkelsen und Gillian Anderson in HANNIBAL

Sie hat die Sache mit der Domina im Anzug über die Jahre ausgebaut, sie wurde auf raffinierte Art mit zunehmendem Alter freizügiger und auf äusserst europäische Art immer schöner und verlebter. Das Finale von «Hannibal» ist eine Studie in schwarzer Spitze. Und in der britischen Serie «The Fall» verfolgt Anderson als Detective Superintendent Stella derart extravagant, cool und lasziv einen perversen Serienmörder, dass sie Männer wie Frauen bloss ein einziges Mal anzublicken braucht, und schon stehen sie winselnd vor ihrer Hotelzimmertür.

Bescheidene Gage

Gillian Anderson wurde zu einem TV-Star in einer Zeit vor den Paparazzi-Portalen und vor dem unermüdlichen Promi-Geplapper sozialer Netzwerke. In einer Zeit auch, als wir noch nicht wussten, dass bald jede Fernsehserie mit den Fortsetzungsromanen von Charles Dickens verglichen werden würde. Oder anders: Wäre «The X-Files» nicht schon 1993, sondern zehn Jahre später angelaufen, so hätte Gillian Anderson nicht bloss 100 000 Dollar pro Folge verdient, sondern das Zehnfache. Und Perlen aus ihrem Fernsehleben wie damals, als sie David Letterman sekundenlang auf den Mund küsste oder mit Graham Norton eine Berliner Lesbenbar anrief oder bei Jay Leno einen Kaugummi auf dem Tisch parkierte und ihn am Ende der Sendung wieder in den Mund nahm, würden heute millionenfach verbreitet werden. 

Die zehnte Staffel von «The X-Files» wird Gillian Andersons Leben ändern. Dann werden die vergleichsweise ruhigen Jahre, die sie sich als Mutter mit drei Kindern von zwei Vätern in London gönnte, mit einem Urknall vorbei sein. Die Jahre, als sie mit Arthouse-Filmen an Festivals präsent war. Zum Beispiel 2012 an der Berlinale. In einem Schweizer Film. In «L’enfant d’en haut» von Ursula Meier. Da spielte sie eine reiche amerikanische Touristin, die von einem Buben in einem Schweizer Skigebiet verehrt und beklaut wird.

Wieder vereint: Agent Mulder und Agent Scully begeben sich in THE X-FILES (2016) wieder auf unheimliche Spuren.

Aber wie ist eine Autorenfilmerin wie Ursula Meier auf die Idee gekommen, die Bezwingerin von Aliens zu casten? Eine Frau, die fast von einem Krebszellen fressenden Monster vernichtet worden wäre? Die irgendwo in der Pampa eine Menschenversuchsstation nach dem Muster von Auschwitz entdeckt hatte? Die Mumien, Werwölfe, extraterrestrischen Kommunikationsschleim und ultragefährliche implantierte Chips überlebt hatte?

Wie eine Märchengestalt

Die Antwort? Weil Ursula Meier «The X-Files» nicht kannte. Weil Gillian Anderson für sie ganz anders codiert war. Als scharfzüngiger, aber fragiler Flirt, der in der Gosse landet, wie Andersons grossartige Lily Bart in «The House of Mirth». Als ätherische Miss Havisham im Charles-Dickens-Mehrteiler «Great Expectations», jenes Brautgespenst, das seit Jahrzehnten in seinem Hochzeitskleid verrottet und sich das Fleisch von den Händen kratzt.

Meier suchte, so sagt sie, genau diese andere Anderson. «Eine schöne Frau in einem gewissen Alter, die von weither kommt. Eine Art Märchengestalt für den Buben. Er sollte in ihr eine idealisierte Mutter sehen können, eine Fee.» Mehr Erscheinung als Realität also. Und sie wollte, «dass sich die Zuschauer sagen: ‹Oh, die kenn ich! Die hab ich doch schon gesehen! Die ist doch ein Star! Aber ich weiss nicht mehr, woher.› Hätte ich die Rolle mit einer Schauspielerin besetzt, die man aus dem Kino kennt, dann wäre dieses Rätsel um ihr Gesicht zerstört gewesen. Eine Julia Roberts etwa ist immer eine Julia Roberts. So fand ich meine paranormale Mutter», sagt Ursula Meier und lacht. Und sagt, dass sie Anderson schon fast abgöttisch liebe. Diese im echten Leben sehr lustige Person mit einer leicht spirituellen Schlagseite, die schon einmal an der Nerd-Messe Comic-Con mehrere Tage hintereinander getragene T-Shirts an die Fans verteilen kann, am liebsten die Auto-Serie «Top Gear» schaut und über Fussball sagt: «Ich mag dieses Ding, das alle vier Jahre stattfindet.»

Seit Januar ist Gillian Anderson so gross wie noch nie. Paranormale Mutter, Fee und Fetischfrau einer Seriengemeinde, deren Nachtgebet lautet: «The truth is out there and I want to believe.»

Filmografie (Auswahl)

The X-Files Serie, 1993–2002 und 2015/16
The House of Mirth Spielfilm, 2000
Great Expectations Serie, 2011
L’enfant d’en haut Spielfilm, 2012
Crisis Serie, 2014
Hannibal Serie, 2013–2015
The Fall 2013–2016


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