Schöne neue Streaming-Welt

07. Februar 2017


Im Fernsehmarkt kämpfen Online-Anbieter um Zuschauer – auch in der Schweiz. Davon profitieren wir, weil die Auswahl an Filmen und Serien immer besser wird. Von Regula Freuler

 
Als Film- und Serienfan kommt man sich heute vor wie ein Kind in einem Spielwarengeschäft: überglücklich – und heillos überfordert. Nie zuvor hatte man eine so grosse Auswahl. In der Praxis verzweifeln jedoch viele Menschen bereits an der technischen Hürde: Welches elektronische Zubehör brauche ich? Eines dieser Kästchen oder einen TV-Stick, oder reicht ein Kabel? Wie funktioniert das überhaupt alles, und was ist aus dem guten alten plug and play geworden? Eine weitere Hürde stellt die Wahl des Anbieters dar: Wer hat meine Favoriten im Katalog? Ist es günstiger, ein Gesamtpaket mit Internet, Fernsehen und Telefonie zu abonnieren oder die Filme bei verschiedenen Anbietern zu beziehen? Soll ich sie einzeln bezahlen, oder will ich zu einem Fix-Preis so viele Filme sehen können, bis ich ins Koma falle?

Wer sich durch die Angebote des Schweizer Streaming-Marktes arbeitet, merkt bald einmal: Er ist heillos unübersichtlich. Und so träumt man von einem Bildschirm, zu dem eine einzige Fernbedienung gehört, mit der man jeden gewünschten Film und jede Serie mit einem Klick findet. «Das ist noch Science-Fiction», sagt Eric Grignon, der CEO von HollyStar, und lacht. «Aber wer weiss, vielleicht ist es bald Realität.» Die in Neuenburg domizilierte Firma, die als DVD-Verleih anfing, war 2007 die erste, die in der Schweiz einen Video-on-Demand-Dienst anbot.

Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe weiterer Anbieter, unter denen ein Kampf um Zuschauer ausgefochten wird. Da ist die Swisscom mit dem Katalog von Teleclub, die sich mit UPC (früher: Cablecom) ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefert. Dazu kommen die Internationalen wie der iTunes-Store von Apple und Google Play, die zwar nicht um Abonnenten buhlen, aber mit attraktiven Einzelangeboten Swisscom und UPC die Kunden streitig machen. Und schliesslich noch Netflix mit seinen rund 200 000 Schweizer Abonnenten sowie einige kleinere Anbieter mit Schwerpunkt auf Arthouse-Filmen (siehe Kasten unten), die keine Filme einzeln verkaufen, sondern grosse Kataloge zu einer günstigen Flatrate anbieten.

 
Netflix fixt die Leute an

HollyStar steht irgendwo dazwischen. Für ihn, sagt Eric Grignon, sei die Swisscom wegen ihrer über 1,4 Millionen Abonnenten die härteste Konkurrenz – neben der Piraterie. «Swisscom ist ein beliebter Brand, und wenn die Leute sich einmal für ein Kombi-Abonnement aus Internet, Fernsehen, Festnetz und Mobiltelefon entschieden haben, werden sie bequem und möchten sich nicht mit der Suche nach noch besseren Angeboten herumschlagen.» Mit solchen Paketen aus vier Diensten verdienen Telekomkonzerne gutes Geld. Im Bereich des Fernsehens machen ihnen aber immer mehr Streaming-Anbieter das Feld streitig. «Wir wollen dem Zuschauer die Augen öffnen und sagen ihm: ‹Nimm das günstigste Internet- Abonnement bei irgendeinem Provider, und schau dann, wo du dein Fernsehen her haben willst›», sagt Eric Grignon.

In anderen Ländern ist dieses Umdenken voll im Gang. In den USA hat bereits ein Fünftel des Fernsehpublikums mehrere Streaming-Dienste mit Flatrate-Angebot abonniert. Die Hälfte davon sind Haushalte mit höherem Einkommen und Kindern unter 18 Jahren. Das sind gute Nachrichten für Streaming-Anbieter, die genau auf jenes Zuschauer profil zielen: ein grosses Portemonnaie und kleine Kinder, welche die Entscheidungen der Eltern beeinflussen. Dieses Jahr ist der Flatrate-Markt für Kinderfilme geradezu explodiert. Amazon und Netflix dominieren ihn. Aber auch Sky Europe will in mehreren Ländern einen Dienst für Kinder starten, Disney Life hat einen solchen bereits in Grossbritannien und in China lanciert, Australien und Teile von Europa, Arabien und Afrika sollen folgen.

In der Schweiz ist das Film-Streaming-Geschäft noch nicht sehr gross, hat aber eine grosse Zukunft. Das heisst: Es ist die Zukunft. Schweizerinnen und Schweizer verbringen täglich über zwei Stunden mit Fernsehen, Tendenz steigend. Stark verändert hat sich die Art, wie ferngesehen wird. Das betrifft zum einen den Empfangsweg: Kabelempfang ist zwischen 2009 und 2015 um 20 Prozent gesunken, während der Empfang über internetbasierte Netze von 9 auf 35 Prozent gestiegen ist. Doch ob nun per Kabel oder Internet: Die wenigsten Schweizer befolgten bis jetzt Eric Grignons Rat, nur einen Internetanschluss zu abonnieren, sondern haben ein Kombi-Abo.

Gemäss einer Umfrage des Marktforschers Nielsen bezahlen in der Schweiz erst 11 Prozent für einen Video-on-Demand-Dienst. Aber zählt man Gratisangebote wie Youtube dazu, so verwendet fast die Hälfte der Befragten Streaming und Downloading, um TV, Filme oder Videoclips zu konsumieren. Ausser dem Empfangsweg ändern sich auch unsere Sehgewohnheiten grundlegend. So schauen immer weniger Menschen die Sendungen linear – zum Zeitpunkt der Ausstrahlung –, sondern zeitversetzt im Internet. Das betrifft bereits ein Viertel der TV-Konsumenten. Mental sind wir also längst ein Volk von Streamern, man muss nur einmal an die Fülle von Musik-Plattformen wie Spotify denken.

Diese Entwicklung vollzieht sich nicht nur in den USA, wo über ein Viertel der millennials noch nie einen Kabelanschluss hatte. «Ich fürchte mich darum auch nicht vor Netflix», sagt HollyStar-CEO Eric Grignon, «im Gegenteil: Netflix lehrt die Menschen, Streaming zu lieben. Davon profitieren wir sehr. Seit die amerikanische Firma 2014 in der Schweiz startete, stieg unser Umsatz jährlich um 20 Prozent.» Letztes Jahr schrieb HollyStar erstmals schwarze Zahlen.

Bei Swisscom zeigt man sich angesichts der Veränderungen nicht nervös. «Wir sind gut aufgestellt », erklärt Isabelle Hen-Wollmarker, Leiterin TV & Entertainment von Swisscom. Deren Streaming-Angebot stammt vollumfänglich von Teleclub, auf die Auswahl nimmt man keinen Einfluss. «Wir fokussieren weiterhin auf unsere Stärken: Sendervielfalt, lokale Inhalte, zeitversetztes Schauen, guter Kundenservice.»

Schweizer Projekt schafft Übersicht

Die Anbieter passen ihr Portfolio im Kampf um Zuschauer laufend an. Das macht es auch so kompliziert für die Nutzer: Kaum hat man sich für ein Angebot entschieden, taucht woanders ein noch günstigeres oder ein noch interessanterer Katalog auf. Sinnvoll sind darum die zwar leicht teureren, aber im Gegensatz zu Jahresverträgen jederzeit kündbaren Monatsabos.

Ebenfalls lohnt sich ein Vergleich der Kataloge. Die grossen Anbieter wie iTunes und Google Play ebenso wie Swisscom und UPC zielen auf Massengeschmack, entsprechend gering sind die Unterschiede im Angebot. UPC und Swisscom offerieren sowohl Einzelmiete und Einzelkauf als auch seit neuerem eine Flatrate.

Je neuer die Filme sind, desto teurer sind sie natürlich: Rund 7 Franken 50 zum Mieten oder bis zu 25 Franken zum Kaufen. HollyStar, das auch den Katalog für Ex Libris, Sunrise, Teleboy und Quickline liefert, positioniert sich als schnellster Anbieter von Neuheiten und hat Filme im Katalog, die sonst noch nirgends in der Schweiz erhältlich sind. So hatten die Neuenburger zeitnah zum Kinostart etwa schon «Finding Dory», den Oscar-Gewinner «The Revenant» und «A Bigger Splash» verfügbar. Auch bei den Serien setzt man nur auf das Allerneuste, das heisst auf aktuelle Staffeln. Dazu gehört etwa die Golden-Globe-prämierte Hacker-Serie «Mr. Robot».

Szene aus MR. ROBOT

UPC will sich als einziger Schweizer Anbieter mit Eigenproduktionen von der Konkurrenz abheben. Bis jetzt sind für den UPC-Flatrate-Dienst MyPrime drei Sitcoms entstanden. Den Auftakt machte «Fässler-Kunz» Anfang 2015, es folgten «Im Heimatland» im Herbst 2015 und jetzt zuletzt «Die Lehrer». «Wir sind zum Schluss gekommen, dass ein lokaler Touch nötig ist», sagt Pascal Amrein, der bei UPC für Inhalte verantwortlich ist. UPC hat darum auch Produktionen von SRF im Katalog. Man verfolge nicht «den grossen Masterplan, jährlich eine Serie zu produzieren», sagt Amrein. «Wir schauen punktuell, ob uns ein Drehbuch überzeugt.» Es gibt darum auch kein fixes Budget. Genaue Zahlen will Amrein nicht nennen, nur so viel: «Eine Folge vom ‹Bestatter› kostet rund 750 000 Franken. Unser Budget ist damit nicht vergleichbar.» Es dürfte sich im tiefen sechsstelligen Bereich bewegen.

Wichtig ist, dass man sich nicht primär an Katalogumfängen orientiert. Was nützen einem 10 000 Filme, von denen 90 Prozent uninteressant sind und man 9 Prozent schon kennt? Viele Filmfans sind darum von Netflix enttäuscht. Der kalifornische «Binge watching»-Revolutionär bietet zwar eine grosse Auswahl an Kinderfilmen und gefeierten Eigenproduktionen wie «House of Cards» oder «Orange Is the New Black» und kauft immer mehr Spielfilme ein. Aber wirklich neu ist nur ein sehr kleiner Teil des Katalogs. Viele Kunden bleiben Netflix trotzdem treu, weil das Abonnement relativ günstig ist – zumindest war es das bis zur ersten Preisanhebung.

Szene aus ORANGE IS THE NEW BLACK

Netflix schweigt sich hartnäckig darüber aus, welche seiner Produktionen wie rege geschaut werden. Letztlich spielt die Nutzerfrequenz für einen Streaming-Anbieter so wenig eine Rolle wie für das Fitnessstudio, bei dem man ein Jahresabo löst und dann doch nur dreimal hingeht. Das Einzige, worauf es ankommt, ist eine wachsende Zahl von Abonnenten. Wer eine Vorliebe für Klassiker oder Arthouse-Filme hat, ist bei kleineren Anbietern besser bedient.

Um zurückzukommen auf die Science-Fiction-Vision: Vielen von uns sind Abonnement- Verpflichtungen ein Greuel. Wir wollen dort Filme und Serien streamen, wo sie eben gerade verfügbar sind. Das Modell nennt sich One-Stop- Shop. Amazon bietet das mit Prime Instant Video. Wie beliebt es ist, kann man in Deutschland sehen. Dort hat der Online-Händler einen Marktanteil von 30 Prozent, der Abo-Anbieter Netflix hingegen nur 17.

Um die gewünschten Filme und Serien rasch zu finden, gibt es Streaming-Suchmaschinen wie justwatch.com oder werstreamt.es, allerdings keine für die Schweiz. Doch das ändert sich bald: Im nächsten Februar startet Andreas Furler den Suchdienst Cinefile. «Anfänglich plante ich ein Streaming-Portal für Studiokinos», erzählt der ehemalige Leiter des Zürcher Filmpodiums. «Doch je länger ich recherchierte, desto klarer erkannte ich, woran es wirklich mangelt: Überblick. Der Markt verändert sich so schnell, dass niemand weiss, wo welche Filme in welchen Fassungen zu welchen Preisen zu finden sind.»

Wie genau Cinefile den digitalen Dschungel durchforstet, will Furler noch nicht verraten. Sein wichtigster Geldgeber und sein Geschäftsmodell lassen erahnen, dass sich der ehemalige Filmjournalist mit einer reinen Suchmaschine kaum begnügen wird. Gefördert wird Cinefile von Engagement Migros, dem Förderfonds des Detailhandelsriesen für kulturelle und soziale Pionierprojekte. Erträge erzielen will man vor allem mit zahlenden Abonnenten. Furlers Preisvorstellung, 3 Franken 50 pro Monat, entspricht der gängigen Miete für das Einzel strea ming von älteren Filmen.

Nur: Die Zahlungsbereitschaft im Netz hält sich bekanntlich in Grenzen. «Netflix und Spotify haben vorgemacht, dass es geht», entgegnet Furler, «man muss den Leuten nur genug bieten. Genau an diesem Mehrwert arbeiten wir. Ob er den Nutzern dann auch mehr wert ist, wird sich weisen.» Dem Streaming-Vermittler geht es da mit seiner Website nicht anders als den Anbietern selbst.

Bis Science-Fiction-Träume wahr werden, wird es dauern. Noch kann man von der Schweiz aus von Amazon keine Filme streamen, aber der kurz bevorstehende Start in Frankreich, Italien und Spanien dürfte ein Hinweis darauf sein, dass es auch bald in der Schweiz so weit ist. Und dann geht der Kampf um uns Film- und Serienfans erst richtig los.

Für Arthouse Fans

Neben Streaming-Riesen wie Netflix gibt es immer mehr Anbieter von handverlesenen Trouvaillen aus dem Arthouse- und Independent-Bereich. Auch in der Schweiz sind solche Dienste verfügbar:

Artfilm: Rund 400 Schweizer Filme

Trigon: Online-Kino des Verleihers mit 100 Werken aus Lateinamerika, Asien, Afrika, Osteuropa; alle 2 Wochen ein neuer Film.

LeKino: 1000 Independent-Filme.

Realeyz: Kuratierte Auswahl von 1700 Independent- Filmen; mit Swiss Films Channel.

Mubi: Jeden Tag besprechen Experten einen neuen Film.


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